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Katharina Drexler: Ererbte Wunden heilen (transgenerationale Traumatisierung)

Cover Katharina Drexler: Ererbte Wunden heilen. Therapie der transgenerationalen Traumatisierung. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2017. 152 Seiten. ISBN 978-3-608-89203-1. D: 23,00 EUR, A: 23,70 EUR.
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Autorin und Thema

Katharina Drexler (Fachärztin für Psychiatrie,Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie ausgebildet in tiefenpsychologischer und psychoanalytisch-systemischer Psychotherapie sowie EMDR-Therapie) arbeitet als ärztliche Psychotherapeutin in eigener Praxis in Köln.(www.katharina-drexler.de). Thema des Buchs ist der Blick über die Schulter einer Psychotherapeutin bei ihrer Arbeit.

Entstehungshintergrund

Die transgenerationale Weitergabe von Traumata: ein „progressiv-regressiver Modus der Erhaltung der Funktionsfähigkeit, der als 'Armierung des Ich' bezeichnet worden ist“, also die „Bildung einer Schale tendenziell automatisierter Ich-(Konfliktbewätigungs- und Überlebens-)Funktionen durch eine Regression der Libidoposition, der Objektbesetzungen und der Ich-Funktionen auf ein primär körperbezogenes Niveau der Selbsterhaltung bei weitgehender Abspaltung und Verleugnung der Affekte, vor allem der Angst“ (Michael Wolf: Krieg,Trauma,Politik. Frankfurt am Main: Brandes &Apel, 2017, S. 67).

Erfolge in ihrer therapeutischen Arbeit und Selbsterfahrung einer transgenerationalen Weitergabe aus der Lebensgeschichte des Vaters in Form von wiederkehrenden Albträumen bei der Autorin und das Verschwinden der Alpträume nach therapeutischer Bearbeitung sensibilisierten die Autorin für die Wahrnehmung bei ihren Patient*innen. Wie diese Traumata in psychischen Auffälligkeiten der Kinder jener Menschen erkannt und aufgelöst werden können, darüber berichtet das Buch.

Aufbau

Infolgedessen widmet die Autorin den theoretischen Hintergründen ihrer Tätigkeit

  • für die Entstehung von Traumata: neurobiologische Grundlagen der Stress-Reaktion, epigenetische Vorgänge;
  • für die Therapeutische Praxis: EMDR-Therapie – nur die notwendigsten Zeilen, der überwiegende Teil des Buches ist Therapieverläufen vorbehalten.

Der Text ist in 13 Kapitel unterteilt, Kapitel 1-5 (S. 11-43) die Beweggründe für dieses Buch, die wissenschaftlichen Hintergründe für das therapeutische Tun.

Im Hauptteil, Kapitel 6-13 (S. 44 – 152) führt sie in Therapieberichten vor, wie sie mit ihren Patientinnen und Patienten die Traumata von deren Eltern zur Sprache kommen läßt und zur Auflösung beiträgt.

Zu Kapitel 1 – 5

Für die Therapeutengeneration, der sowohl die Autorin als auch der Rezensent angehören, dürfte es in der Mehrzahl darum gegangen sein, wie sie mit den Erzählungen und Erfahrungen der Kriegsbetroffenen Eltern umgegangen sind und nicht ob. Auch die Autorin litt, ebenso wie die von ihr später behandelten Patient*innen, unter Symptomen, für die sie keine Ursachen in ihrer persönlichen Lebensgeschichte fand, erst in der Besinnung auf ihre Familiengeschichte (Vater und Großvater) konnte der Weg zur Heilung eingeschlagen werden. Nach dieser bei psychotherapeutischen Autoren nicht unüblichen persönlichen Einführung in und Begründung für das Thema beschreibt die Autorin kursorisch die wichtigsten Grundlagen für die Entstehung von Traumata: Interaktion, neurobiologische Erkenntnisse und Epigenetik als Medien der transgenerationalen Traumatisierung. Als wichtigstes Unterscheidungsmerkmal zwischen einem „eigenen“ und einem „ererbten“ Trauma stellt sie das Gefühl von Fremdheit bei gleichzeitiger deutlicher emotionaler Betroffenheit/Belastung heraus. Die Gefühle spürt man selber, aber sie gehören nicht wirklich zu einem, sie sind nicht „von mir“.

Die Autorin hat sich die Methode der EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) zu eigen gemacht, es fließen aber deutlich genetische, biographische und emotional-orientierte Fachkunde mit ein und neben der EMDR-Methode wendet sie u.a. auch die Methoden der Externalisierung und des Rollenspiels an. Hinzu kommen je nach Wahl des Patienten auch die Bildschirmtechnik (Visualisierung) und das Genogramm. Dies zeichnet erfahrene Therapeut*innen aus: der Zugriff auf verschiedene Methoden, den Patienten dadurch dort abholen zu können, wo er steht und ihm die Methode anzubieten, die „zu ihm passt“ – eher körperorientiert für den einen, eher verbalisierend für den anderen oder je nach Thema auch umgekehrt.

So mag sich der unbefangene Leser zunächst wundern, wenn die Autorin ganz selbstverständlich „das Introjekt“ des/der Patient*in in den Therapiestunden als Person begrüßt und als Gesprächspartner ernst nimmt. Introjekte sind zunächst theoretisch gedachte Anteile elterlicher oder anderer Überzeugungen, Lebenshaltungen, Grundüberzeugungen. Anteile unserer Person, die für uns wesentliche Bezugspersonen repräsentieren. Introjekte können stabilisieren, quälen, Sicherheit geben, u.a.m. Es sind vom kindlichen Erleben geprägte innere Abbilder von Anteilen wichtiger Bezugspersonen. (In bestimmten Therapieschulen ist es nicht unüblich, sich zu bearbeitende Komplexe als Personen vorzustellen und mit diesen so verbal in Kontakt zu treten: „Liebes Stottern, wann machst Du mir heute wieder einen Strich durch die Rechnung? Hallo Zwang, wo bremst Du mich heute aus?“) Dieses Vorgehen der Personalisierung beruht auf dem Gedanken, das traumatische Ereignisse erst dann zu solchen werden, wenn die Möglichkeit der Integration des Erlebten durch geeignete Beziehungs- und Kommunikationangebote fehlt – und Personalisierung dann Kommunikation ermögliche. „Die effektive Qualität des Traumas hängt nämlich auch davon ab, ob und wie nach dem ersten Ereignis dem Subjekt eine solche Reintegration unter dem Reiz- und Angstschutz eines äußeren guten Objekts, eines Hilfs-ich, eines hilfsweisen 'Schutzschildes'(Khan) und im Zusammenspiel mit dessen Verarbeitungsangeboten ermöglicht wird oder ob eine Integration immer wieder gestört oder gar zerstört wird.“ (Michael Wolf,a.a.O.,S. 70)

Zu Kapitel 6 – 13

Hier werden nun die verschiedensten „vererbten“ Traumata dargestellt und in ausführlichen Therapieberichten sowohl die Anwendung der EMDR als auch die Reaktionen der Patient*innen darauf. Die Darstellungen folgen alle dem gleichen Schema, weshalb hier nur eine Ererbtes-Trauma-Therapie referiert wird. Die anderen Therapieverläufe kann der geneigte Leser nach wohlfeilem Erwerb des Buches selber studieren.

Kapitel 9 „Ein ererbtes Lebensgefühl“ (S. 89 ff.)

Eine 44jährige Mutter zweier Kinder wird nach 10jähriger Beziehung von ihrem Ehemann verlassen und entwickelt trotz psychosozial guter Einbindung ein resignatives Lebensgefühl, das ihr bisher fremd war und sich weiter ausbreitet, zu intensiv für normale Trauerreaktionen, die ja auch schon mal länger dauern können. Die therapeutische Hypothese lautet, sie könne es von der Mutter ererbt haben. Über diese ist bekannt, dass sie 6jährig den Vater durch Herzinfarkt verlor, die geänderte finanzielle Situation führte dazu, dass das geliebte Kindermädchen entlassen werden musste. Die Mutter der Patientin hatte also 6jährig Vater und Ersatzmutter gleichzeitig verloren.

In der EMDR-Sitzung „mit der Mutter der Patientin“ findet zunächst die Einführung der „Mutter“ in das EMDR-Setting statt Die Patientin begibt sich in der Phantasie und Rollenspiel in die Rolle der eigenen Mutter bzw. der Mutter, wie sie sie erlebt hat. Dem Konzept gemäß spricht die Patientin, wenn sie die Mutter darstellt, in der Ich-Form. Anfang und Ende dieses Rollenspiels bedürfen deutlicher Hervorhebung durch die Psychotherapeutin. Die Frage nach dem belastetsten Moment damals beantwortet die Mutter:

  • Patientin/Mutter: „Als ich mich von Anna verabschieden mußte, obwohl ich doch schon so traurig war, dass mein Vater tot war. Ich wollte die Anna nicht loslassen. Meine Mutter riss mich schließlich weg von ihr.“
  • ((Therapeutin: was verknüpft sich mit diesem Bild? ))
  • Patientin (als Mutter) „Ich bin verlassen und mutterseelenallein.“

Die Erinnerung einer Situation mit diesen Worten zu speichern muss ja ewig lähmen. Die Therapeutin fragt darum, ob es ein positiveres Denken über sich geben könnte, gemeinsam finden sie die Formulierung: „Ich kann (trotzdem, W.J.) Menschen finden“

Die Patientin wird aufgefordert, sich die Situation (des Weggerissen-Werdens) mit allen damit verbundenen Gefühlen vorzustellen und die Gefühle zu benennen. Es kommen Gefühle von Angst, Ausweglosigkeit, bodenlose Trauer und Verzweiflung, Wut und Hilflosigkeit. Auch die Frage, „warum muss mir das passieren? Das ist doch ungerecht, ich habe doch nichts getan.“ (S. 95). Die Patientin wird erneut aufgefordert. sich in die Situation zu begeben und die Therapeutin beginnt jetzt mit der Anwendung einer EMDR-Methode (Rechts-/Links-Stimulation).

An den körperlichen Reaktionen sieht die Therapeutin, dass innerlich der Film bzw. die Gefühlsreaktion abläuft und beendet nach Erfahrung diesen Set, fragt nach den Gefühlen. Dieses Vorgehen wird wiederholt, die Gefühle spiegeln sich in Atemstockung, zunehmende Blässe der Gesichtshaut u.a.m. Die Erkenntnis, dass sie, die Patientin, sich selber helfen müsse, tut weh. Sie bekommt überhaupt keine Unterstützung von den anderen Familienmitgliedern. Dann kommt der Umschwung:„einerseits will ich keine Gefühle spüren,.andererseits aber auch die Idee, ich könnte ja mal vorsichtig etwas zulassen.“ Ein weiterer set schließt sich an, die Patientin gewinnt wieder leicht an Farbe.

Sie kann jetzt die Situation in ihren traurigen Elementen mit den Gefühlen und auch den Wünschen an andere, was hätte helfen könne, formulieren: „Ich hätte mir gewünscht, dass ich getröstet werde, dass mich jemand in den Arm genommen hätte und wir gemeinsam hätten weinen und die Trauer teilen können.“ (S. 98) Der Satz: „Ich kann Menschen finden.“ wird verworfen zugunsten „Ich bin getröstet.“ Auch eine Bitte um Verständnis an die Tochter, verbunden mit der Bitte, deren kommunikative Fähigkeiten Wert zu schätzen, kann formuliert werden. Für die Patientin sei diese Sitzung der entscheidende Wendepunkt in der Therapie gewesen.

Worauf die Therapeutin wert legt, ist die zutreffende Formulierung des negativen Gefühls, mit der die Mutter diese Situation als überdauernde Erfahrung verkapselte, als auch die Hinwendung zu einer neuen Formulierung, die dialektisch die alte Erfahrung in sich trägt aber gleichzeitig neue Perspektiven dem Patienten zuläßt. Bliebe es bei der negativ getönten Formulierung, würde man nur „die Blumen an der Kette zerreißen“ (K. Marx), nicht aber die Kette zerstören.

In den anderen Kapiteln schildert die Autorin weitere Fälle von Auflösung der traumatischen Erfahrung für die Kinder-Generation. Aus „Ich bin schuld“ wird „ich bin nicht schuld“, aus „ich habe kein Recht zu leben, andere hätten überleben sollen“ wird „Ich darf froh sein über dieses Leben, das ich nicht verloren habe. Ich bin froh, dass ich sogar Leben weitergegeben habe.“

An Hand der vielen Fallbeispiele wird die Methode zumindest in ihren Auswirkungen nachvollziehbar. Was die Therapeutin in den einzelnen sets macht, wird in den verschiedenen Seminaren der Fachgesellschaft vermittelt.

Diskussion

EMDR trat erst spät in die Traumatherapie-Methodik ein, zunächst nur als Außenseitermethode, später dann als indizierte Therapie mit Anspruch auf Finanzierung durch die GKV. Andere Methoden wie die Bildschirmtechnik, die Videotechnik oder die Umwandlung des Traumas in ein Narrativ waren bei der Behandlung von Folteropfern mehr oder weniger erfolgreich, scheiterten aber oft an der Ausnahmesituation der Patienten: kein Bleiberecht in der BRD, kein stabilisierendes psychosoziales Umfeld. Sprachschwierigkeiten (gedolmetschte Therapien) kamen dazu.

Die Autorin ist in der komfortablen Situation einer großstädtischen Psychotherapiepraxis und ihre Patienten sind situiert. Das macht das Leiden nicht erträglicher, schafft aber gute Randbedingungen. Die Schilderungen des Therapieverlaufes sind für Laien etwas schwer nachvollziehbar, hier hätte die Rolle der Phantasie bei der Entstehung der Traumata und bei der Behandlung stärker hervorgehoben gehört. Die Patienten sprechen ja nicht als ihre reale Mutter, sondern als Elternteil, wie er von den Patienten erlebt wurde, also auch die posttraumatischen Belastungsstörungen so, wie sie beim Kinde angekommen sind. Auch wird, das ist zu betonen, nicht der reale Elternteil therapiert, sondern das Bild des geschädigten Elternteils wird – soweit möglich – geradegerückt. Hier hätte sich der Rezensent die eine oder andere fremdanamnestische Erhebung gewünscht, ob und wenn ja, welche realen Auswirkungen auf den realen Elternteil die Psychotherapie der Kinder gehabt hat. Ganz ohne Wirkung bleibt die Therapie eines Familienmitgliedes auf die anderen ja nicht, auch wenn zugegebenermaßen nicht ganz einfach zu eruieren, aber mit dem Netzwerk der Autorin wäre das eine zu lösende Aufgabe. Der Neurotiker leidet an seinen Phantasien, hat Freud herausgestellt. Dass da jemand diese Phantasien ernst nimmt, trägt auch manche Schwächen des Buches wie z.B. die etwas hölzernen Dialoge in den Therapiesitzungen (Ich nicke: „Ach wie schön!“; Ich: „Ach wie schön. Ich freue mich.“) oder das Fehlen eines Bericht über eine gescheiterten Therapie.

Fazit

EMDR, anfänglich als „Blinzeltherapie“ verspottet, hat heute seinen Platz in der Traumatherapie und der psychotherapeutischen Versorgung durch die GKV. Was passiert da eigentlich? Eingebettet in eine längerdauernde psychotherapeutische Beziehung entfaltet es seine Wirksamkeit nicht nur bei den „eigenen“ sondern auch bei einem „ererbten“ (transgenerationalen) Trauma, die selbst dann noch wirken, wenn dasjenige schon tot ist. Katharina Drexler nimmt uns mit ins Therapiezimmer und läßt uns bei sieben eindrücklich und ausführlich geschilderten Therapien den Weg zur Lösung des Traumas mitgehen.


Rezensent
Dipl.-Psychol. Wolfgang Jergas
Jahrgang 1951, Psychologischer Psychotherapeut, bis 2006 auf einer offenen gerontopsychiatrischen Station, 2007-2015 Gedächtnissprechstunde in der Gerontopsychiatrischen Institutsambulanz der CHRISTOPHSBAD GmbH Fachkliniken
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Zitiervorschlag
Wolfgang Jergas. Rezension vom 11.10.2017 zu: Katharina Drexler: Ererbte Wunden heilen. Therapie der transgenerationalen Traumatisierung. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-608-89203-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23223.php, Datum des Zugriffs 20.10.2017.


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