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Doris Ryffel-Rawak: ADHS bei Frauen – den Gefühlen ausgeliefert

Cover Doris Ryffel-Rawak: ADHS bei Frauen – den Gefühlen ausgeliefert. Hogrefe (Bern) 2017. 4., aktualisierte Auflage. 173 Seiten. ISBN 978-3-456-85824-1. 19,95 EUR, CH: 26,90 sFr.
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Thema

Das Buch widmet sich der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Frauen. Es liegt seit 2017 in vierter, aktualisierter Auflage vor.

Autorin

Dr. Doris Ryffel-Rawak ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Sie ist mit dem Pädiater Meinrad Ryffel verheiratet, der in „ADHS bei Frauen – den Gefühlen ausgeliefert“ das Kapitel „ADHS bei Mädchen“ verfasste. Die Illustrationen des Buchs sind allesamt Bilder der Autorin, die auch als Künstlerin und seit 2013 als Roman-Schriftstellerin tätig ist. Neben ihrer Praxistätigkeit tritt sie seit Jahrzehnten im In- und Ausland als Referentin zum Thema ADHS auf. Zudem war sie an der Gründung der Schweizer ADHS-Selbsthilfe für Erwachsene sowie der Schweizerischen Fachgesellschaft ADHS (SFG-ADHS) beteiligt.

Entstehungshintergrund

Die erste Auflage von „ADHS bei Frauen – den Gefühlen ausgeliefert“ erschien im Jahr 2004. Zu dieser Zeit war die ADHS als Erwachsenendiagnose in den USA bereits fest etabliert. Bücher wie „Driven to Distraction“ der Psychiater Edward Hallowell und John Ratey aus dem Jahr 1994 oder „Taking Charge of Adult ADHD“ des Psychologen Russell Barkley aus dem Jahr 1995 erreichten im Englischen hohe Auflagen. Im deutschsprachigen Raum nahm die häufig kontrovers geführte Diskussion um die ADHS-Diagnose mit über einem Jahrzehnt Verzögerung zwar auch in Bezug auf Erwachsene zunehmend Schwung auf, doch gab es zu dieser Zeit weder umfangreiche Publikationen zur ADHS im Erwachsenenalter, die sich gezielt an Fachleute richteten, noch Bücher für Laien, die keine Übersetzungen aus dem Englischen waren.

Mit „ADHS bei Frauen – den Gefühlen ausgeliefert“ betrat Doris Ryffel-Rawak gewissermaßen doppeltes Neuland. Sie schuf gemeinsam mit ihrem Mann, der in seinem Kapitel aus Sicht des Pädiaters die ADHS bei Mädchen beleuchtete, nicht nur ein frühes Werk, das sich an Erwachsene mit ADHS und deren Angehörige richtete, sondern zugleich eines, das sich dem Thema zudem mit besonderem Augenmerk auf betroffene Frauen näherte. Erst ein Jahr später erschien mit dem Buch „ADHS im Erwachsenenalter: die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung bei Erwachsenen“ der Psychiater und Neurologen Johanna und Klaus-Henning Krause das deutschsprachige Standardwerk für Fachleute zum Thema der ADHS im Erwachsenenalter, das heute seinerseits bereits in vierter Auflage verfügbar ist.

Aufbau

Der Aufbau des Buches gliedert sich in einen ersten Block, der aus einem Geleitwort des Neurologieprofessors Michael Finkel der Ohio State University School of Medicine, einem Vorwort und Dank der Autorin sowie ihrem Vorwort zur dritten Auflage besteht. Diesem folgt ein weiterer Block zur „ADHS – Allgemeiner Teil“, zur „ADHS bei Mädchen“ (verfasst von Meinrad Ryffel) und speziell zur „ADHS bei Frauen“. Ein dritter Block beschreibt anhand von 14 Fallbeispielen die „Lebensphasen und Lebensläufe ADHS-betroffener Frauen“, unterteilt in „Frauen ab dem 20. Lebensjahr“, „Frauen ab dem 30. Lebensjahr“ und „Frauen ab dem 50. Lebensjahr“. Das Buch endet mit einem Kapitel über „die Therapie der ADHS bei Frauen“, in welchen Medikation, Psychotherapie und Coaching abgehandelt werden, wiederum ergänzt durch zwei ausführliche Fallbeispiele, einer zusammenfassenden Analyse der Autorin im Kontext ihrer klinischen Erfahrung mit über 200 Patientinnen sowie Schlussbemerkungen, einem Literaturverzeichnis und dem Hinweis auf Selbsthilfegruppen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Inhalt und Diskussion

„ADHS bei Frauen – den Gefühlen ausgeliefert“ nähert sich dem Thema erkennbar aus der Perspektive einer Fachärztin in eigener Praxis. Während die allgemeinen Informationen zur ADHS sowie im Besonderen zur ADHS bei Frauen den Forschungsstand ohne umfangreichen Verweis auf Fachliteratur kurz referieren, stehen die 16 ausführlichen Fallbeispiele – allesamt Biografien, welche die Autorin aus ihrer klinischen Tätigkeit kennt und durch ihre fachärztliche Betreuung zum Teil über viele Jahre quasi mitgestaltet hat – klar im Mittelpunkt des Buches. Sie zeichnen sich durch eine empathische Beschreibung der Lebensläufe aus und lassen, wie bereits die beiden Vorwortkapitel, die persönliche Bedeutung sowohl der Auseinandersetzung Frau Ryffel-Rawaks mit ihren Patientinnen als auch mit dem Thema der ADHS im Erwachsenenalter erkennen. Für ADHS-betroffene Frauen und ihre Angehörigen können diese Fallvignetten daher ein guter Einstieg in die Reflexion der eigenen Biografie sein, indem Besonderheiten verglichen und individuelle Erfahrungen in einen übergeordneten Erklärungskontext, hier den der ADHS, gestellt werden.

Fachleute jedoch – seien sie Psychiater, Psychologen oder den sogenannten sozialen Berufen zuzuordnen – werden sich, sind sie auf der Suche nach einer allgemeinen Beschreibung der ADHS-Symptomatik unter besonderer Berücksichtigung ihres Auftretens bei Frauen, mit dem Buch schwerer tun. Das beginnt mit einer problematischen Systematik, welche im zweiten Block zur ADHS im Allgemeinen die Symptomatik und Diagnosekriterien kaum von sozialen und historischen Aspekten des Störungsbildes abgrenzt. Hinzu kommt, dass das von Dr. Meinrad Ryffel verfasste Kapitel „ADHS bei Mädchen“ im Grunde wie ein eigenständiger Aufsatz erscheint, wiederum durch die klinische Tätigkeit des Autors subjektiv geprägt, allerdings ohne großen Bezug zu den im dritten Block folgenden Fallbeispielen. Diese sind zum Teil aus der Perspektive der behandelnden Ärztin geschrieben, zum Teil aus Sicht von Angehörigen, mehrheitlich offensichtlich von den Betroffenen selbst. Die Autorin kommentiert im Anschluss diese biografischen Textabschnitte unter dem erklärenden Vorzeichen der ADHS. So treffend diese Kommentare in direktem Bezug zu den Fallbeispielen erscheinen, so reduziert wirken sie zugleich vor dem Hintergrund von Lebensläufen, deren Eigentümlichkeiten, entstanden durch Jahrzehnte der Interaktion von Anlage und Umwelt, sicherlich nicht alleine, bisweilen fraglich nicht einmal überwiegend durch die mit der ADHS verbundenen Dispositionen verstanden werden können.

Hinzu kommt, dass die beschriebene Aufteilung des Buches in Blöcke durch den Rezensenten erfolgte. Im Buch selbst ist jedes Kapitel letztlich ein weitgehend unstrukturierter Fließtext, in dem Zitate (gewissermaßen 28 weitere Fallbeispiele, von welchen der Leser nicht weiß, ob sie zum Teil den 16 umfangreicheren Fallvignetten zuzuordnen sind) mit medizinischen, sozialen und historischen Ausführungen sowie teilweise auch Gedichten und Verweisen auf literarische Texte zu einem zwar gut zu lesenden, jedoch im Hinblick auf die ADHS nur schwer zu systematisierenden Informationskonvolut vermengt werden. Vergleichbar reihen sich auch die Kapitel ohne explizite Verbindungen aneinander und erzählen auf diese Weise nicht nur eine Geschichte der ADHS bei Frauen, sondern auch die Geschichte der Auseinandersetzung der Autorin mit dem Thema. Führte der Leser eine Strichliste, wie oft bestimmte Begriffe wie „emotionale Labilität“, „Hypersensibilität“, „hormonelle Schwankungen“ oder auch komorbide Diagnosen erwähnt werden, könnte er statistisch eine prototypische Beschreibung der ADHS-Symptomatik bei Frauen erstellen. Leider liefert selbst das abschließende Kapitel „200 Frauen auf ADHS abgeklärt: eine Analyse“ keine solche systematische Zusammenfassung der Autorin, was die ADHS bei Frauen nun genau ausmacht. Das aber wäre aus Sicht des Rezensenten das Desiderat eines Buches zur „ADHS bei Frauen“, könnte ein valides Störungskonstrukt doch helfen, die ADHS-Diagnose nachgerade unter dem Gesichtspunkt einer besonderen ADHS-Symptomatik bei Frauen künftig noch zuverlässiger zu stellen.

Fazit

Doris Ryffel-Rawak hat mit „ADHS bei Frauen – den Gefühlen ausgeliefert“ ein gutes Buch für interessierte Laien geschrieben, für die das Thema ADHS unter besonderer Berücksichtigung von Frauen bedeutsam ist. Sie können sich dem Thema anhand von anschaulichen Fallbeispielen gut nähern und diese, sollten sie auf die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie abzielen, quasi als Folie für einen anderen, neuen Blick auf das eigene Leben nutzen. Auch Fachleute können von der Lektüre profitieren, insofern das Störungsbild der ADHS in seiner besonderen Ausprägung bei Frauen eine menschliche, in spezifische Lebensumstände eingeordnete Kontur gewinnt.

Wer jedoch erwartet, mit „ADHS bei Frauen – den Gefühlen ausgeliefert“ ein klinisches Handbuch zur ADHS zur Verfügung zu haben, das eine wissenschaftlich begründete Beschreibung der ADHS-Symptomatik oder gar einen Leitfaden zu Diagnose und Therapie bietet, wird nach der Lektüre absehbar enttäuscht sein. Die größte Stärke des Buches, die verstehende Anteilnahme der Autorin an den Geschichten ihrer Patientinnen, ist zugleich seine größte Schwäche. Letztlich manifestiert sich die „ADHS bei Frauen“ eindrucksvoll nur in den einzelnen Fallvignetten. Liest man sie, glaubt man, oft bereits ohne die Kommentare der Autorin, eine konkrete Vorstellung von der ADHS und ihrem Einfluss auf das Leben der Betroffenen zu haben. Fragt man sich hingegen, was die beschriebenen Lebensläufe miteinander verbindet, so entsteht daraus allenfalls bedingt das Bild einer spezifischen Disposition, die mit dem Störungsbild der ADHS umfassend beschrieben wäre. Am Ende ist der Leser seinen eigenen Gefühlen offenbar nicht weniger ausgeliefert als ADHS-betroffene Frauen den ihren, so der Titel des Buches. Die subjektive Bedeutsamkeit des Themas für die Leserin bzw. den Leser wird letztlich darüber entscheiden, ob die Lektüre für sie bzw. ihn ein Gewinn ist.


Rezensent
Dr. Johannes Streif
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Zitiervorschlag
Johannes Streif. Rezension vom 17.06.2019 zu: Doris Ryffel-Rawak: ADHS bei Frauen – den Gefühlen ausgeliefert. Hogrefe (Bern) 2017. 4., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-456-85824-1.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23225.php, Datum des Zugriffs 24.07.2019.


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