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Joachim Pietzsch (Hrsg.): Bioökonomie für Einsteiger

Cover Joachim Pietzsch (Hrsg.): Bioökonomie für Einsteiger. Springer Spektrum (Wiesbaden) 2017. 215 Seiten. ISBN 978-3-662-53762-6. 39,99 EUR.
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Herausgeber

Joachim Pietzsch als Herausgeber ist Wissenschaftsjournalist in Frankfurt und präsentiert zusammen mit einer 20-köpfigen Gruppe von Fachwissenschaftlern in seinem Buch „Bioökonomie für Einsteiger“ eine Einführung in verschiedene Konzepte der Bioökonomie vor dem Hintergrund einer dreifachen Herausforderung, nämlich naturwissenschaftlicher, ökonomischer und ökologischer Art.

Die Bioökonomie basiert auf der energetischen und stofflichen Nutzung von Biomasse einerseits und dem Einsatz biologischer Systeme andererseits. Dabei muss Bioökonomie ihre Produkte und Innovationen am Markt mit seinen fallenden Erdölkosten durchsetzen, was nur möglich erscheint, wenn Kosten bezogen konkurrenzfähige Produkte angeboten werden (S. VII f.). Zweifelsohne hat erst der Zugriff auf fossile Energievorräte den Fortschritt ermöglicht, dem die Menschheit heute ihren ungeheuren Wohlstand verdankt, zumindest in weiten Teilen der Welt. Zugleich manifestiert sich darin die Ambivalenz des Anthropozän (S. 3).

Aufbau und Inhalt

Die Ausgangsbedingungen einer wissensbasierten Bioökonomie leiten sich aus den Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen ab. Diese beruhen auf der in Rio beschlossenen Agenda 21 und den daraus im Jahr 2000 abgeleiteten Millennium Goals, welche im Herbst 2015 verabschiedet wurden. Viele dieser 17 Nachhaltigkeitsziele sind unmittelbar mit der Herausforderung einer nachhaltigen Bioökonomie verbunden (S. 7). Vor dem Hintergrund des in Paris 2016 beschlossenen Klima-Protokolls haben schon mehr als 40 Staaten der Erde Pläne für eine stärkere Berücksichtigung bioökonomischer Prinzipien oder gar nationale Bioökonomiestrategien entwickelt.

Alle bekennen sich zu einer nachhaltigen Nutzung biologischer Systeme. Überdies verstehen sie die Bioökonomie als eine große Chance, zentrale Probleme ihrer wirtschaftlichen Entwicklung auf innovativem Wege anzugehen. Dies führt zu einer Regionalisierung der Bioökonomie. Nirgendwo entwickelt sich die Bioökonomie also von null auf, sondern überall von einem Ausgangspunkt aus, der von der Rohstoffbasis, der volkswirtschaftlichen Spezialisierung und dem Entwicklungstand und -pfad des jeweiligen Landes abhängt. Man kann dabei vier Kategorien unterscheiden:

  1. In einem Land herrscht strukturelle Nahrungsmittelknappheit. Bioökonomie wird hier primär als Weg zur effektiveren Produktion von Nahrungs- und Futtermitteln gesehen, der in erster Linie der Ernährungssicherung zu dienen hat. Dies ist zum Beispiel in Tansania der Fall;
  2. Ein Land verfügt in einem großen und fast unerschöpflichen Ausmaß über natürliche Ressourcen, die es bisher nicht effizient genug verwertet hat. Es möchte Bioökonomie dazu benutzen, die Rohstoffe des primären Sektors gewinnbringend mit nachgeschalteten Sektoren zu verknüpfen, um so das Bruttosozialprodukt zu erhöhen. Dies ist in Finnland der Fall;
  3. Ein Land beheimatet vielfältige und große Industrien, die auf genügende Rohstoffe angewiesen sind. Angesichts der absehbaren Verknappung fossiler Rohstoffe ist es sein Interesse, sich durch die Bioökonomie neue Rohstoffquellen für seine Industrien zu erschließen. Auf diesem Weg kann es gleichzeitig das inländische vorhandene Wissen und Know-how optimal nutzen. Das ist zum Beispiel in Deutschland der Fall;
  4. Ein Land hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so gut entwickelt, dass es kurz vor oder bereits auf der Schwelle zum Industrieland steht. Es verfügt sowohl über viele natürliche Ressourcen als auch über ein erhebliches Hightechpotenzial. Die effektive technologische Nutzung biologischer Systeme in der Bioökonomie wird deshalb primär als Mittel zum Sprung über die Schwelle gesehen. Das ist zum Beispiel in Malaysia der Fall (S. 8 f.).

Bei der Herkunft der Biomasse unterscheidet man primäre und sekundäre Biomasseströme.

  • Primäre Biomasse wird von autotrophen Organismen gebildet. Sie sind in der Lage, ihre Masse durch die Nutzung von Sonnenenergie-Prozessen der Fotosynthese aufzubauen. Das sind Pflanzen, Algen und bestimmte Bakterien.
  • Sekundäre Biomassen entstehen auf Grundlage des Verbrauchs von primärer Biomasse, zum Beispiel in der Tierproduktion oder als organische Reste und Abfallströme. Die Fotosynthese ist nahezu der einzige Prozess, wie Organismen Energie gewinnen können (S. 12).

Neben dem Ertrag ist die Qualität der Biomasse eine zentrale Zielgröße der Pflanzenproduktion. Der Begriff Qualität umfasst dabei ein breites Spektrum unterschiedlicher Parameter, die vom Verwertungspfad der jeweiligen Biomasse abhängen (S. 13). Neben den durch den natürlichen Standort vorgegebenen Faktoren kommt der anthropogenen Beeinflussung des Pflanzenwachstums durch pflanzenbauliche Maßnahmen eine wichtige Rolle zu. Darunter fallen die Wahl der geeigneten Kulturpflanzen für den jeweiligen Standort, die Bodenbearbeitung, die Aussaatverfahren, die Düngung, der Pflanzenschutz und die Erntemaßnahmen (S. 14).

Unter dem Begriff Tierproduktion wird das Zusammenwirken von Züchtung, Ernährung und Haltung landwirtschaftlicher Nutztiere auf der Grundlage von anatomischen und physiologischen Gegebenheiten und unter Beachtung ökonomischer Rahmenbedingungen verstanden. Global betrachtet sind die jährlichen Produktionsmengen im Zeitraum von 1961 bis 2013 stark gestiegen (S. 16). Nachwachsende Rohstoffe aus landwirtschaftlicher Primärproduktion können für die Produktion von Nahrungsmitteln und für die stoffliche und energetische Nutzung eingesetzt werden. Während bei der stofflichen Nutzung Materialien wie Textilfasern, Dämmstoffe und Zellulose, sowie Plattform- oder Spezialchemikalien hergestellt werden, dient die energetische Nutzung der Erzeugung von Bioenergie und Biokraftstoff (S. 21). Damit kommt ein nicht unerheblicher Anteil der zur Verfügung stehenden Biomasse aus der Agrarwirtschaft.

Biomasse wird auch von der Forstwirtschaft bereitgestellt. Nicht unwesentlich dabei ist die Neuentwicklung von Produkten aus Holz. Für die Verpackungsindustrie, als Bioplastik, für den Hygiene- und Gesundheitssektor sowie die Druckindustrie gibt es eine Vielzahl neuerer Optionen unter Verwendung von Holz und von daraus abgeleiteten Produkten. Besondere Hoffnungen werden auf biotechnologisch gewonnene Nanozellulose gesetzt. Sie ist nicht nur extrem saugfähig, sondern auch äußerst reißfest (S. 34). Mittlerweile wird der Klimawandel als ein dynamischer Vorgang eingestuft, der die Wuchsbedingungen für den Wald auf lange Sicht verändern wird. Weil die Holzproduktion in den Wäldern ebenfalls in langen Zeiträumen verläuft, stellt sich für den Waldbauer schon heute die Frage, welche Baumarten in Zukunft noch als standortgerecht anzusehen sind (S. 35). Auch wenn die Erderwärmung bei vielen Baumarten eine Erhöhung der Erträge bewirken kann, so steigt doch dadurch gleichzeitig das Anbaurisiko: Trockenperioden oder Schädlingsbefall können die Mehrerträge zunichtemachen. Ob in Zukunft ein erhöhtes oder ein eher verringertes Baumwachstum zu erwarten ist, dürfte vor allem von dem Faktor der Niederschlagsentwicklung in heute bereits regenärmeren Regionen abhängen (S. 37).

Die Gewinnung von Holz als Biomasse findet in Mitteleuropa in Wirtschaftswäldern statt. Sie unterscheiden sich vom Naturwald in der Zusammensetzung der Baumarten und durch einen Energieverbrauch, der umso höher ist, je naturferner der Wald bewirtschaftet wird. Jede Bewirtschaftungsmaßnahme im Wald erfordert Energie. Besonders hohe Energieaufwendungen sind für Erntemaßnahmen erforderlich. Sie sind aber auch zur Bodenbearbeitung, Düngung, Züchtung und beim Einsatz chemischer Mittel nötig. Auch der Aufbau und die Instandhaltung einer Infrastruktur (Wege, Maschinen usw.) bedürfen eines Energieeinsatzes, den jeder Forstbetrieb erbringen muss. Plantagen sind in diesem Sinne die naturfernsten Waldbausysteme. Ihre Anbaufläche liegt weltweit gesehen bei 7 % der Gesamtwaldfläche. Mit weltweit wachsendem Holzbedarf nimmt ihre Bedeutung für die Versorgung mit Holz immer mehr zu (S. 39). Insofern sind die Möglichkeiten zur Erhöhung der Holzproduktion im Rahmen einer Bioökonomie von besonderer Bedeutung.

Der dritte Bereich der Gewinnung von Biomasse ist die Fischereiwirtschaft und die Aquakultur. Biomasse aquatischen Ursprungs ist für den Menschen eine wichtige Quelle für leichtverdauliche und hochqualitative tierische und pflanzliche Proteine, essenzielle Aminosäuren, ungesättigte Fettsäuren, Vitamine und Mineralien. Genutzt werden diese Ressourcen sowohl als Lebens mittel, Lebensmittelzusätze, Futtermittel, als auch als Kosmetikzusatz Stoffe (S. 48). Aufgrund steigender Bevölkerungszahlen mit anwachsendem Lebensstandard, höherer Produktion und verbesserten Transportmöglichkeiten ist der jährliche Pro-Kopf-Konsum von tierischen aquatischen Organismen in den vergangenen Jahren weltweit von 17 Kilo (2000) auf 19,2 Kilo (2012) gestiegen. Auch hier ergeben sich erhebliche Aufgaben für eine Bioökonomie, da die Fischereiwirtschaft aufgrund der Überfischung der Meere immer weniger in der Lage ist, wachsenden Bedarf zu decken. Die Aquakultur ist definiert als eine kontrollierte Aufzucht von aquatischen Organismen (Fischen, Muscheln, Krebsen und Algen), wobei deren Haltung zur Produktionssteigerung durch bestimmte Maßnahmen (zum Beispiel Besatz, Fütterung, Schutz) beeinflusst wird (S. 50). Ziel ist es hierbei, integrierte Aquakulturen zu entwickeln (S. 53). Der vierte Bereich umfasst Biomasse aus der Abfallwirtschaft. Zu diesem Bereich gehört auch die forstwirtschaftliche Rest-Biomasse. Neben der Vermeidung von Nahrungsmittelverlusten ist die Verwertung auch dieses Bereiches im Rahmen einer Kreislaufwirtschaft und des Stoffstrommanagements in höchstem Maße erforderlich.

Aufgabenbereiche und Ziele der Bioökonomie

Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt im Rahmen der Bioökonomie ist Nahrungsmittelsicherheit und gesunde Ernährung. Dabei sind nicht nur die Folgen von Hunger und fehlender Nahrung zu berücksichtigen, sondern auch die von Fehlernährung und Übergewichtigkeit. Ein Spezialproblem ist die Unterversorgung mit Mikronährstoffen und Vitaminen. Im Zusammenhang dem Fleischkonsum geht es auch um Formen der Optimierung von Futtermitteln und die Effizienz der Ressourcennutzung. Nahrungsmittelunsicherheit ist daher ein Syndrom mit vielen Facetten. Um Nahrungsmittelsicherheit zu gewährleisten, muss demnach weit mehr getan werden als nur die Produktion zu erhöhen. Schon das alleine stellt Landwirtschaft, Züchter, Agrarindustrie und Forscher vor erhebliche Aufgaben. Gleichzeitig muss aber das gesamte System der Welternährung angepasst werden, um Erträge zu verbessern, natürliche Ressourcen zu schonen, Verluste zu minimieren und am Ende gesunde und ausreichend Lebensmittel zur Verfügung zu stellen (S. 74). Allerdings wird an diesem Punkte klar, dass Technologie alleine nicht ausreichend ist zur Bewältigung der Probleme von Nachhaltigkeit in der Bioökonomie. Hier sind auch Änderungen in den Lebens- und Ernährungsgewohnheiten vieler Menschen weltweit erforderlich.

Die Nutzung von Biomasse zur Herstellung von Treibstoff und Chemikalien als neuen Rohstoffen für eine grüne Chemie sind ebenfalls ein wichtiger Bereich einer Bioökonomie. Die heutige Rohstoffbasis der chemischen Industrie beruht fast ausschließlich auf Rohöl. In petrochemischen Raffinerien wird das Rohöl in verschiedene Fraktionen aufgespalten, wovon der größte Teil zu Kraftstoffen (Kerosin, Benzin, Diesel) oder Heizöl (schweres und leichtes) weiterverarbeitet wird. Etwa 10 % der raffinierten Rohölmenge ist Naphtha, das als Leichtbenzin bezeichnet wird. Aus Naphtha gewinnt die Industrie in anschließenden Verfahren ihre Synthesebausteine bzw. Plattformchemikalien. Seit einigen Jahren ist die Erdölförderung auch aus Gesteinen auf wirtschaftlich rentable Weise möglich, indem Horizontalbohrungen und hydraulisches Fracking miteinander kombiniert werden. Der Frackingboom begann 2014 in den USA. Die chemische Industrie kann also damit rechnen, dass ihr wichtigster Rohstoff Naphtha noch auf Jahrzehnte hinaus verfügbar bleibt. Sie weiß aber nicht, zu welchem Preis. Angesichts dieser Unsicherheit sucht die Industrie nach Möglichkeiten, ihre Kohlenstoffbasis durch die Nutzung anderer Rohstoffe zu verbessern, um Naphtha zumindest teilweise ersetzen zu können. Zu diesen Alternativen zählen zwar auch die fossilen Rohstoffe Kohle und Erdgas. Es ist aber auf Dauer nicht nachhaltig, weiter fossile Rohstoffquellen zu nutzen.

Aus Biomasse gewonnene nachwachsende Rohstoffe werden von der chemischen Industrie bereits von jeher als Basis für ihre Produkte genutzt (S. 78). Die wichtigsten Bestandteile terrestrischer Biomasse sind Cellulose, Hemicellulosen, Lignin, Lipide, Proteine, Zucker und Stärke, wobei über 90 % dieser Biomasse von Cellulose, Hemicellulosen und Lignin gebildet werden, also aus lebendigem oder abgestorbenem pflanzlichen Material (S. 79). Plattform Chemikalien aus fossilen und nachwachsenden Rohstoffen sind C1-, C2- und C3-Molekülbausteine, Milchsäure, C4-Molekülbausteine und aromatische Bausteine. Eine Bioraffinerie kann Parallelkraftstoffe, Energie und Chemiestoffe aus Biomasse erzeugen, eventuell sogar verbunden mit Koppelprodukten wie Nahrungs- und Futtermitteln. Insofern ist eine Klassifizierung von Bioraffinerien möglich. Dabei können Biomassen fossiler, abgestorbener oder lebendiger Art nebeneinander verwendet werden, aber auch Rest- und Abfallstoffe sowie Algen (S. 89). In der Zwischenzeit gibt es auch Synthesegas-Bioraffinerien (S. 101). Die Basis für eine Bioökonomie ist in diesem Falle besonders breit geworden, das eigentliche Transformationsziel muss aber heißen, fossile durch nachwachsende Biomasse zu ersetzen.

Die neue Bioverfahrenstechnik als Grundlage künftiger Bioökonomie

Die Bedeutung der Biotechnologie für die Bioökonomie ist also enorm. Dabei ist die Biotechnologie traditionell als Reproduktionsverfahren anzusetzenden Sie beruht traditionell auf Mikroorganismen, die im Rahmen von Biotechnologieverfahren schon lange Zeit in der bäuerlichen Tradition der Menschheitsgeschichte eingesetzt worden sind. Allerdings kann der systembiologische Ansatz, der sich auf der Basis der Molekularbiologie in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, auch in der Züchtungsforschung als Grundlage einer neuen Bioverfahrenstechnik eingesetzt werden. Insofern kann der Entwicklungsgang von der Pflanzenzüchtung zur grünen Gentechnik und zu neuen Perspektiven der synthetischen Biologie als Grundlage für neue bioökonomische Verfahren weitergesponnen werden (S. 116 f.). So ist ein Design und eine Konstruktion von Biosynthesewegen möglich (S. 119). Hier kann zunächst an gentechnisch veränderte Mikroorganismen gedacht werden, die ja schon seit Jahrzehnten erfolgreich in der Bioökonomie tätig sind, so zum Beispiel bei der Herstellung von Humaninsulin (S. 122). Dabei können neue genetische Werkzeuge wie die Genome Editierung eingesetzt werden (S. 125-127).

Die Bioökonomie kann auch unter dem Blickwinkel der Innovationsökonomie betrachtet werden, wodurch ihre Bedeutung für die ökonomische Weiterentwicklung einer Postindustriegesellschaft deutlich werden kann. Dabei wird die Diskontinuität des Fortschritts (S. 130) immer deutlicher. Dazu zieht dieses Lehrbuchansätze der neoschumpeterischen Schule heran (S. 132). Gemäß dieser Position wird die Entwicklung von technologisch-ökonomischen Pfaden berücksichtigt und die Bedeutung von Innovationssystemen, Wissen und Forschung ins Zentrum der Überlegungen gestellt. Die Entwicklungsmuster der Bioökonomie und die Art der Entstehung neuer Unternehmen werden dabei vor allem vom nationalen institutionellen Rahmen beeinflusst (S. 133). In der wissensbasierten Bioökonomie spielt auch das Wissen der Verbraucher eine entscheidende Rolle für die Entfaltung und die Etablierung nachhaltiger Konsummuster. Damit rückt das Zusammenspiel von Technologieentwicklung, Nachfrage und Akzeptanz von innovativen Lösungen sowie soziologischen Variablen in den Mittelpunkt. Für die Etablierung neuer Konsummuster ist die Rolle von sozialen Netzwerken von großer Bedeutung. Sie leisten einen wesentlichen Beitrag zur Diffusion von Verhaltensmustern und Wertvorstellungen der Konsumenten (S. 134). Damit kann auch die Ökonomie des Wandels in adäquater Weise beschrieben werden.

Investitionen und Wirtschaftswachstum werden in der wissensbasierten Bioökonomie eine entscheidende Voraussetzung für Beschäftigung, internationale Wettbewerbsfähigkeit und Einkommensentstehung darstellen. Die Bioökonomie kann zur Erhöhung der Investitionen einen wichtigen Beitrag leisten. Die Entstehung neuer großer Investitionsmöglichkeiten stellt ein typisches Muster für die frühen Phasen eines neuen technologischen Paradigmas dar. Da in der Nachkriegsphase das deutsche Wirtschaftswunder durch eine enorme Phase des ökonomischen Wandels die soziale Marktwirtschaft gebar, besteht zumindest die Hoffnung, dass aus der bioökonomischen Transformation der Industriegesellschaft eine ökosoziale Marktwirtschaft entstehen könnte, die die Fehler des bestehenden Turbokapitalismus korrigieren kann. Der Zeitpfad des Transformationsprozesses stellt eine weitere kritische und bislang wenig erforschte Komponente dar. Auf der einen Seite entstehen Transformationschancen bei der Reduktion von kohlenstoffbasierten Produktionsweisen, auf der anderen Seite werden in der Transformation Prozesse auftreten, die beispielsweise durch einen Mangel an Fachkräften hervorgerufen werden (S. 135).

Bioökonomie und die Transformation des gesamten sozioökonomischen Systems

Technologische Neuentwicklung alleine führen nicht zu einer Transformation des sozioökonomischen Systems, sondern schaffen zunächst nur das notwendige Potenzial für weitreichende Umbrüche, die die Volkswirtschaft als Ganzes betreffen. Erst eine breite gesellschaftliche Entscheidung für eine spezifische Nutzung dieser Technologie führt zu konvergierenden Trajektorien und Synergien, die letztlich den Paradigmenwechsel einleiten können – also die gesellschaftliche Entscheidung, eine Entwicklungsrichtung einzuschlagen, die mit entsprechenden Investitionen, Innovationen und der Bewältigung der fundamentalen Unsicherheit durch die Politik verbunden ist. Das grüne Wachstumsparadigma auf Basis von biobasierten Technologien kann eine solche Richtung sein, die das Potenzial verschiedener technologischer Entwicklungen zusammenführt und zur Blüte bringt (S. 136). Zu ihrem Durchbruch gehört zum Beispiel, dass neue Produkte innerhalb von sich formenden bioökonomischen Innovationssystemen entwickelt werden. Innovationen erfordern in dieser Sichtweise das Zusammenspiel der Akteure entlang von Wertschöpfungsketten, was zur Entwicklung neuer Industrien führt. Die staatliche Rolle geht dabei über die reine Korrektur von Marktversagen hinaus. Vielmehr wird durch staatliches Handeln der Boden bereitet, auf dem neue Märkte überhaupt erst entstehen und gedeihen können, indem Investitionssicherheit geschaffen und Risiken und Unsicherheit reduziert werden (S. 137). Gerade mit diesem Kapitel hat der Herausgeber und sein Team von Autoren bewiesen, dass sie nicht nur naturwissenschaftlich und technologisch, sondern auch ökonomisch an der Forschungsfront ganz vorne stehen. In den Augen des Rezensenten erscheint der vorgelegte Entwurf als konsistent, soweit man das heute irgendwie beurteilen kann. Hier werden realisierbare Wege in eine nachhaltige zukünftige Technologiezivilisation analysiert.

Bioökonomie kann zum Motor des gesellschaftlichen Wandels werden. Mit diesem Begriff verbindet sich die Vision, eine am natürlichen Stoffkreislauf orientierte, nachhaltige Wirtschaft zu entwickeln und auf dieser Basis sowohl die globale Ernährung als auch die Versorgung mit Energieträgern und nachwachsenden Rohstoffen für vielfältige Industriezweige und Anwendungen sicherzustellen. Es muss ein originäres Ziel der Bioökonomie sein, das Potenzial nachwachsender Rohstoffe in kaskadenartiger Nutzung bestmöglich zu verwenden. Somit ist anzustreben, Bioökonomie als Verbundsystem zu verwirklichen, vergleichbar zum etablierten Verbundsystem der Chemieindustrie. Auf dem Weg in eine Bioökonomie finden neuartige Verflechtungen von Wertschöpfungsketten häufig an der Grenze zwischen zwei vormals getrennten Industriesektoren statt. Solche Verflechtungen und oder Verschmelzungen werden auch als Konvergenz bezeichnet. Sie können auf Technologie-, Produkt- und Wertschöpfungskettenebene stattfinden (S. 141).

In der Bioökonomie lässt sich ein solcher komplementärer Prozess in der Erzeugung alternativer Eiweißquellen finden. Er befindet sich allerdings noch im Entwicklungsstadium. Im Sinne des grundlegenden Gedankens der Kreislaufwirtschaft können neue bioökonomische Wertschöpfungsketten auch durch die neuartige Vernetzung bereits bestehender Wertschöpfungsketten entstehen (S. 143). Für den Erfolg allerdings dieses technologisch-ökonomischen Anstoßes der Bioökonomie werden gesellschaftliche Anforderungen und politische Rahmenbedingungen erfüllt sein müssen (S. 145). Bioökonomie lässt sich also nicht nur in großtechnischen Anlagerungen im Rahmen von Big Business realisieren, man könnte sie auch in Gewächshäusern, Algen-Fotobioreaktoren oder Clostridienkulturen ausüben und damit direkt wieder lokal begrenzten Kreislaufprozessen in hoher Konzentration Pflanzen oder Mikroorganismen zu führen, die daraus hocheffizient Biomasse produzieren. Diese Ansätze lassen sich also auch mit dem Urban Farming und dem vertikalen Nahrungsmittelanbau in Hochhäusern inmitten von Megastädten realisieren. Solche Kreislaufsysteme dürfen allerdings nicht auf die Maximierung einzelner Stoffumwandlungen und Produkte hin optimiert werden. Vielmehr müssen sie von vornherein als ganzheitliches System angelegt und optimiert und ihre Einzelschritte passend aufeinander abgestimmt werden (S. 155). Dazu müssen aber in der Bioökonomie angelegten Zielkonflikte (zum Beispiel zwischen Nahrungsmittelbereitstellung und Versorgung mit der Basis für nachwachsende Rohstoffe) gelöst werden und die Bedingungen einer nachhaltigeren und zukunftsfähigeren Ökonomie herausgearbeitet und berücksichtigt werden (S. 177-198).

Innovationskulturen haben dabei auch Auswirkungen und Anregungen auf bedrohte traditionelle Technologien, die in den Sog in eine nachhaltigere Zukunft hineingezogen werden können. Insofern lässt sich das Leitbild einer digitalisierten Bioökonomie und der Entwicklung kultureller und lebensweltlicher orientierter Konsumenten-Lebensstile von unten im Zusammenhang mit einer Theorie der politischen Entscheidung im Blick auf technologische Entwicklung verbinden. Bioökonomie lässt sich leichter als physikalisch oder chemiebasierte Industrien als Kreislaufwirtschaft organisieren. Allerdings müssen diese beiden traditionellen Bereiche in den neuen Ansatz integriert werden. Hierbei kann die Digitalisierung nanotechnologischer Ansätze hilfreich sein. So scheint eine Transformation zu einer biobasierten Wirtschaft überhaupt möglich zu werden. Die Konvergenz technologisch-ökonomischer und kulturell-gesellschaftlicher Prozesse (beide als Innovationen gedacht) muss sich im neuen Wertschöpfungsketten ökonomisch durchsetzen, bedarf aber auch einer gesellschaftlichen Realisierungsperspektive, welche sich nicht auf die Akzeptanzfrage und die Bestimmung der Akzeptabilität der neuen Prozesse beschränken sollte, sondern sich der Bedeutung der Konsumentenseite und ihrer aktiven Rolle in der Entwicklung neuer Technologien bewusstwerden. Bioökonomie lässt sich leichter als physik- oder chemiebasierte Industrien als Kreislaufwirtschaft organisieren. Sie kann zum Vorreiter werden für eine technologische Transformation aller ökonomischen Bereiche und ihrer Formen einer weitgehend biobasierten Produktion, wobei die Agrartechnologie im Bereich der Technologie und Ökonomie einen zentralen Ansatzpunkt bilden werden.

Der Umbau zu einer stärker an Nachhaltigkeit orientierten Technologie-Gesellschaft ist aber auch eine kulturelle Angelegenheit und damit eine Frage der Lebenswelt und ihres Wandels. Damit sind Wertwandelprozesse fundamentaler Art verbunden, die nicht durch konservative Formen der Ethik (zu denen auch die utilitaristische Ethik gehört) zu lösen klar wird dabei, dass eine vollkommene Kreislaufwirtschaft aufgrund des Entropiegesetzes nicht zu erreichen ist. Nachhaltigkeit ist also kein Endzustand, sondern ein Prozess der permanenten Annäherung an einen Zustand, der als ideal nicht realisierbar erscheint. Eine weitere Schlussfolgerung aus der intelligenten Einführung in das Thema ist, dass Ökoinnovationen von Zielkonflikten nicht verschont bleiben. Nachhaltigkeit bedeutet keine heile Welt oder das Paradies auf Erden. Allerdings ist schon viel erreicht zur Realisierung von Nachhaltigkeit, wenn ein dominanter Designbereich der digitalisierten Bioingenieurskunst durchgesetzt werden kann, wobei diese dezentral zum Beispiel im Urban Farming im Hochhaus möglich erscheint, nämlich als Kreislaufwirtschaft in jedem Stock. Auch hier müssen die Grundsätze für ökologischen Anbau und Kreisläufe gelten. So ist die Konsequenz der neuen Form der Bioökonomie für mich die Realisierung von Biofarming in unterschiedlichsten Formen zu sehen, auch aber auch in sehr diversifiziierten Konsumstilen.

Diskussion: Zukunftsorientierung der Bioökonomie

Vielleicht ergibt sich ein ähnlicher Zustand wie am Ende der Jäger und Sammlerkultur, als sie sich auf den Transformationsprozess in eine sesshafte Lebensweise mit Züchtungs-Technologien als neuen Grundformen technologischer Paradigmen einließ. Globalisierung und Industrialisierung inklusive der Internetökonomie und dem darauf basierenden Turbokapitalismus haben kulturell Einheitsstrukturen etabliert und damit kulturell simplifiziert. Die neue technologische Transformation könnte neben Vereinheitlichungstendenzen auch wieder deutlich auf Regionalisierung der Konsumentenstiele, aber auch der technologischen Produktion hinauslaufen. Eine Phase der kulturellen Experimente und Erprobung wird die technologisch ökonomische Transformation begleiten müssen, um eine Antwort darauf herauszufinden, ob sich der Transformationsprozess insgesamt Nachhaltigkeit zumindest nähert, bleibt im Augenblick noch offen und abzuwarten. Nachdenklichkeit und Nachbesserungen werden erforderlich bleiben. Wir sollten uns keiner Täuschung hingeben: Bioökonomie ist Transport abhängig und bedarf der Logistik, also eines wachsenden Energieeinsatzes. Eine Kunden-und Konsumenten Akzeptanz ist auch für Bioprodukte erforderlich. Bioökonomie benötigte Land Ressourcen, viel Wasser, Energie Biodiversität berücksichtigen und bedarf der Ressourceneffizienz. Kreislaufwirtschaft und Kaskadennutzung besser als die Ressourcen-Nutzungsformen des Industrialismus inklusive des späten Industrialismus. Sie hat aber Auswirkung auf den Boden, das Wasser und das Klima und befreit nicht von Zielkonflikten. Ein unbegrenztes Wachstum wie von der These einer intelligenten Verschwendung suggeriert ist auch auf der Basis von Bioökonomie nicht möglich. Grünes Wachstum ist erforderlich, aber in der belebten Natur wird gewachsenes auch immer wieder zurückgebaut und in neue natürliche Kreisläufe integriert. Grün ist nicht das exponenzielle Wachstum einer globalen Konsumgesellschaft. Ökomodernismus, Post- und Transhumanismus hängen den alten Modernitätsvorstellungen vom technischen Fortschritt nach und sind die letzten Auswüchse des Schemas des Industrialismus. Ihre angebliche Fortschrittsrichtung ist mir zu wenig fortschrittlich. Wir müssen die technologische Moderne überwinden, aber nicht durch Rückkehr in vormoderne Formen von Technologie (was eigentlich gar nicht möglich ist). Vor allem aber ist die technologische Hypermoderne nicht auf Bioökonomie zu beschränken, sondern letztendlich durch eine kulturell-technologische Überbietung der technischen Moderne in einem langen Prozess der Selbstrevision der technologischen Moderne zu erreichen.

Fazit

Beim vorliegenden Werk handelt sich um eine wissenschaftliche Einführung in das Thema. Das sprachliche, terminologische und begriffliche Niveau ist diesem Ziel angemessen. Die Lektüre ist nicht einfach, lohnt sich allerdings, denn das ganze Werk ist sehr systematisch aufgebaut, sodass im Leser ein fundiertes Wissen über den betreffenden Gegenstand hervorgerufen wird. So hat das Team von Autoren eine überzeugende Einführung in die Bioökonomie abgeliefert und zugleich eine gesellschaftlich relevante Vision von Entwicklungsmöglichkeiten aufgezeigt, die mit der neuen Richtung der Bioökonomie gegeben sind, wenn man sie am Ziel der Nachhaltigkeit orientiert. Die Mühe einer Durcharbeitung des einführenden Bandes zur Bioökonomie lohnt sich also in hohem Maße.


Rezensent
Prof. Dr. Dr. Bernhard Irrgang
Der Rezensent lehrt Technikphilosophie und angewandte Ethik an der TU Dresden
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Zitiervorschlag
Bernhard Irrgang. Rezension vom 19.10.2017 zu: Joachim Pietzsch (Hrsg.): Bioökonomie für Einsteiger. Springer Spektrum (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-662-53762-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23229.php, Datum des Zugriffs 22.11.2017.


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