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Heike Drogies: Aut ist in (Autismus)

Cover Heike Drogies: Aut ist in (Autismus). Lebenskünstler Verlag (Osnabrück) 2017. 99 Seiten. ISBN 978-3-946410-00-3. D: 29,80 EUR, A: 29,80 EUR, CH: 32,00 sFr.
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Thema

Autismus als Thema ist in den Medien angekommen, dennoch wissen die meisten Menschen nur wenig darüber. Dieses Buch zeigt das ganze Spektrum des Autismus auf. Es will helfen, Autismus besser zu verstehen.

Autorin

Heike Drogies, Jahrgang 57 ist in Ratzeburg geboren. Ursprünglich wollte sie Journalistin werden, doch dann landete sie als gelernte Verlags-/Industriekauffrau in der Werbung. Sie ist Mutter von drei Kindern. Ein Sohn lebt unter den Bedingungen von Autismus. Seit 2014 ist sie Autorin von Büchern, die Mut machen und Lebensfreude vermitteln.

Entstehungshintergrund

Im Lebenskünstlerverlag sind mittlerweile drei Bücher erschienen: 2013 ein Buch über Menschen mit Down-Syndrom mit dem Titel „Lebenskünstler 2 – von wegen down!“, 2014 das Buch „Lebenskünstler 3 – Im besten Alter“, ein Plädoyer für das Lachen im Leben in der zweiten Lebenshälfte, und 2017 das hier vorgelegte Buch. Auf der website www.lebenskuenstler-verlag.de findet man weitere Informationen zu den Büchern.

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat einen Umfang von 99 Seiten und ist im Hardcover 30 x 30 Format erschienen. Es enthält durchgehend vierfarbige Fotos sowie erklärende Texte. Kurz und prägnant werden wissenschaftliche Informationen zum Thema, Hintergrundwissen zu Projekten und vor allem biografische Daten zu einzelnen Personen vermittelt. Die Autorin hat drei Jahre recherchiert. Wenn man das Buch aufschlägt öffnet sich eine Doppelseite, auf der die Inhalte zum jeweiligen Thema dargestellt sind. Großformatige Überschriften erstrecken sich teilweise über beide Seiten und führen wie ein Slogan in die Inhalte ein. Farbige Textboxen heben sich vom Text ab und strukturieren. Auf vielen Seiten findet man Quellenangaben, ergänzende Literaturtipps und zudem werden auf manchen Seiten QR Codes verwendet. QR steht für Quick Response, übersetzt schnelle Antwort, dafür hat sich als Markenbegriff „QR Code“ etabliert. Er besteht aus einer quadratischen Matrix aus schwarzen und weißen Felder, in denen Informationen kodiert sind. Sie haben mittlerweile vielfältige Anwendung gefunden z.B. auf Werbeplakaten und Visitenkarten, in Supermärkten und Aufzügen. Um sie zu entschlüsseln braucht man ein Smartphone oder einen speziellen Scanner.

Im Zusammenhang von Autismus verwendet man heute den Begriff Autismus-Spektrum, der deutlich macht, dass es ein Spektrum ist, in dem die Erscheinungsbilder frühkindlicher Autismus, Asperger Autismus oder atypische Formen nicht trennscharf voneinander abgegrenzt werden können. Auch die Feststellung, wann eine Mensch autistisch oder nicht autistisch (neurotypisch) ist bzw. nicht mehr ist, ist schwierig.

Im Buch werden 15 Kurzbiografien vorgestellt, die von Menschen und ihren Lebensformen berichten. Diese Portraits dokumentieren die Vielfalt des Autismus Spektrum und möglicher Lebenswege.

Diskussion

In den Medien wie Büchern, Filmen und Serien ist das Thema Autismus mittlerweile angekommen, dennoch wissen die meisten Menschen nur wenig darüber. Das Buch verfolgt das Anliegen, das zu ändern. Die Autorin hat für ihre Buchreihe ein großes Format gewählt, 30 x 30 fällt auf und die Bücher haben damit einen hohen Aufforderungscharakter hineinzuschauen und zu blättern! (Bilder-)Bücher wie dieses sind vielseitig einsetzbar z.B. für zuhause, in Arztpraxen, in Schulen oder in Kinder- und Jugendeinrichtungen.

Die Titelseite des vorgelegten Buches stammt von der Künstlerin Gee Vero, die auch im Buch vorgestellt wird. Gee Vero ist Initiatorin des Kunstprojektes „The Art of Inclusion“, welches seit 2010 über das Medium Kunst auf die Notwendigkeit von Autismus-Akzeptanz aufmerksam macht. Dabei handelt es sich um eine Werkschau mit 40 Arbeiten, die gemeinsam mit bekannten Persönlichkeiten entstanden ist. Gee Vero lädt diese ein, mit ihr gemeinsam ihre Kunstwerke zu vollenden. Hierfür versendete sie jeweils ein halbes Portrait mit der Bitte, ihre Zeichnung zu ergänzen. Mehr als hundert Prominente haben bisher an diesem ungewöhnlichen Kunstprojekt mitgewirkt, darunter z.B. die Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Musiker Udo Lindenberg, die Schauspieler Sir Ben Kingsley und Manfred Krug, die Schriftsteller Cornelia Funke und Roger Willemsen oder die Entertainer und Komiker Dieter Hallervorden und Jürgen von der Lippe (www.behindertenbeauftragte.de). Gee Vero ist auch Autorin und 2014 brachte sie das Buch „Autismus – (M)eine Andere Wahrnehmung“ heraus. Eine Rezension liegt unter www.socialnet.de/rezensionen/21094.php vor.

Die Kurzbiografien im Buch zeigen das ganze Spektrum des Autismus auf. Sie sind persönlich geschrieben und sie berühren sehr. Die Person wird durch individuell formulierte Titel plakativ vorgestellt wie z.B. Tobias der vielseitige Spezialist, Joy, die Unbändige oder Monika, die Ausbalancierte. Man lernt die jeweiligen Protagonisten kennen und erfährt einiges über sie z.B. was die Person ausmacht, was Fähigkeiten und Interessen sind, man liest über Wünsche und Visionen, aber auch von Schwierigkeiten, die auftreten können. Diese persönlichen Geschichten unterstützen dabei, Autismus besser zu verstehen und nachvollziehen, wie es ist, unter diesen Bedingungen zu leben. Man erfährt auch viel über mögliche Hürden, die durch die Umwelt und das Umfeld entstehen und die es zu überbrücken gilt.

Das Portrait von Fabian Hoff mit dem Titel „Normal ist eigentlich niemand“ bildet das ab, was ich in meinen Vorträgen und Fortbildungen vermittle. „Normal ist die Definition eines Durchschnitts und eines Anspruchs, dem niemand entspricht oder entsprechen könnte“ (S. 44). Eine Kernaussage, der nichts hinzuzufügen ist!

Vorgestellt wird auch der Gründer der Firma auticon Dirk Müller-Remus, Vater eines autistischen Sohnes. Müller-Remus definiert Autismus als eine besondere Lebensform oder Peter Vermeulen, der in Belgien arbeitet und zum Thema forscht. Für ihn ist Autismus eine Kontextblindheit. Sein Ansatz hebt sich von vielen anderen Fachmeinungen ab. Er vertritt einen ressourcenorientierten Ansatz, bei dem nicht das Defizit bzw. eine Behinderung im Vordergrund steht, sondern eine andere Art der Wahrnehmung und des Denkens. Vermeulen hat den Zusammenhang von Autismus und Stress bekannt gemacht, ein Umstand, der eine große Rolle in der Begegnung und in der Zusammenarbeit spielt. Darüber zu wissen ist elementar. Der Abbau bzw. die Minimierung von Stress muss sowohl für das Alltagshandeln und auch für das professionelle Handeln handlungsleitend werden. Zu dem Buch aus dem Jahr 2016 „Autismus als Kontextblindheit“ liegt ebenfalls eine Rezension vor: www.socialnet.de/rezensionen/20286.php.

Von außen gemachter Stress birgt gute Ansatzpunkte für Veränderungen z.B. indem eine individuell passende Umgebung geschaffen wird, wie es der TEACCH Ansatz, mit dem ich arbeite und auf den meine Fortbildungen abzielen, verfolgt. Eine individuell passende Umgebung eröffnet Möglichkeiten und ist die Basis, von Lernen und Entwicklung. Leider wird im Buch auf diesen Ansatz nicht explizit hingewiesen.

Das hier vorgelegte Buch stellt klar: Eltern sind keine Therapeuten! An praktischen Beispielen zeigt die Autorin, dass Eltern Wegbereitende einer ressourcenorientierten Sichtweise sein können, indem sie Türen öffnen wie es am Beispiel der auticon GmbH oder der Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein GmbH dokumentiert wird. Auch der Bundesverband Autismus, der seit 1972 existiert, ist aus einer Elterninitiative hervorgegangen.

Fazit

Peter Vermeulen nennt folgende Zahl: 10 von 1000 Menschen leben unter den Bedingungen von Autismus. Auch in den Medien ist das Thema mittlerweile angekommen (was auch an den zahlreichen Neuerscheinungen zu erkennen ist), dennoch wissen die meisten Menschen nur wenig darüber. Dieses Buch zeigt das ganze Spektrum des Autismus auf. Es will helfen, Autismus besser zu verstehen.

Kurz und bündig werden verschiedene Themen wie Förderung, Schule, Ausbildung und Beruf, das Thema Sexualität, das Vorkommen von Autismus bei Mädchen und Frauen oder der Einsatz eines Therapiehundes behandelt.

Als die Lieferung kam war ich über die Größe des Buches beeindruckt, aber auch ein wenig skeptisch. Beim Lesen haben mich die vielfältigen Portraits in den Bann gezogen, die Mischung aus Sachbuch und Biografien ist gelungen. Anfänglich fand ich den Titel „Aut ist in“ witzig, mit der Zeit veränderte sich dies. Dieser Titel könnte das Vorurteil befördern, Autismus sei eine Modediagnose. Eine derartige Schlussfolgerung wäre fatal. Autismus gehört zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Eine ressourcenorientierte Betrachtungsweise darf nicht über die Schwierigkeiten, die sich unter diesen Bedingungen einstellen können, hinwegtäuschen. Viele Betroffene brauchen eine wohlwollende und fachlich fundierte Unterstützung – lebenslang.

In manchen Textpassagen fand ich Werbung: Mehrfach wurde die Arbeit mancher Träger hervorgehoben und als „optimal“ bezeichnet. Ich denke, wer bereit ist, 30 Euro auszugeben, möchte derartige Werbung nicht mitfinanzieren, diese Passagen wären durchaus verzichtbar gewesen!


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 13.09.2017 zu: Heike Drogies: Aut ist in (Autismus). Lebenskünstler Verlag (Osnabrück) 2017. ISBN 978-3-946410-00-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23234.php, Datum des Zugriffs 14.12.2017.


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