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Inghard Langer, Stefan Langer: Jugendliche begleiten und beraten

Cover Inghard Langer, Stefan Langer: Jugendliche begleiten und beraten. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2011. 2., durchges. Auflage. 155 Seiten. ISBN 978-3-497-02269-4. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,50 sFr.

Reihe: Personzentrierte Beratung & Therapie - Band 1.
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Thema

Nicht mehr Kind und noch nicht erwachsen -- viele Erfahrungen und Konflikte können in der oft als schwierig erlebten Phase der Pubertät ernsthafte Krisen auslösen, wenn Jugendliche die sich ihnen stellenden entwicklungsbedingten Lebensaufgaben nicht angemessen bewältigen können. An dieser Beratung kommt Beratung und Begleitung, sowohl professionelle wie solche im familialen Kontext, ins Spiel. Aber, schreiben die Autoren des vorliegenden Bandes, Inghart und Stefan Langer, „Kinder und Jugendliche haben ein feines Gespür dafür, welche Haltung jemand ihnen gegenüber einnimmt. Ein abschätziger Blick oder eine herablassende Haltung genügt da schon und die Weichen sind auf Distanz, auf eine Gegenabwertung oder auf ‚frozzelige? Bemerkungen gepolt. All dies noch bevor das erste Wort gefallen ist. Mit dem ersten gesprochenen Wort kommt die Stimmqualität hinzu. Sie verrät in besonderem Maße, welche Haltung, welche innere Wahrheit bei einer Person gegeben ist. Solche ganzheitlichen Wahrnehmungen begleiten das „offizielle“ Kommunikationsgeschehen mit Wortinhalten. Diese spielen dann für Jugendliche bei der weiteren Gesprächsdynamik in vielen Fällen eine untergeordnete Rolle“ (S. 103).

Beratung muss also nicht nur gut gemeint, sondern auch gut gekonnt sein. Damit ist das Thema von „Jugendliche begleiten und beraten“ angesprochen, das in durchgesehener Fassung als zweite Auflage wieder erschienen ist.

Autoren

Prof. Dr. Inghard Langer, lehrte bis 2008 Psychologie an der Universität Hamburg mit den Schwerpunkten Persönlichkeitsförderung, Sprach- und Kommunikationspsychologie und ist Mitautor des Buches „Sich verständlich ausdrücken“ (zusammen mit Friedemann Schulz von Thun und Reinhard Tausch). Sein Sohn Stefan Langer ist Dipl.-Sozialpädagoge und arbeitet/e in der Praxis für Interpersonale Beratung (www.interpersonaleberatung.de/), Lüneburg, und in der Kinder- und Jugendhilfe (Betreuung, Beratung, Jungenförderung und Anleitung von Jugendlichengruppen). Über sich selbst sagen die Autoren: „Vater und Sohn, alt und jung, Psychologe und Sozialpädagoge, intimer Kenner der personzentrierten Psychologie und intimer Kenner der Aufgaben in der Jugendbetreuung, Hochschullehrer und Jugendarbeits-Praktiker, Alt-68er – wie man so schön sagt – und Kind von 68er-Eltern“ (S. 142).

Aufbau und Inhalt

Die vorliegende Veröffentlichung erscheint nun als erster Band der von der Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie, Köln, herausgegebenen neuen Reihe „Personzentrierte Beratung & Therapie“. Damit ist eine wichtige Orientierung verbunden: 1970 gegründet, sind die Mitglieder der Gesellschaft in allen Bereichen der psychotherapeutischen und psychosozialen Versorgung sowie in der Beratung tätig. Die Gesellschaft „fördert und unterstützt die seelische Gesundheit der Bevölkerung in unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsbereichen: Sie verbreitet den ‚Personzentrierten Ansatz? in Forschung und Lehre und entwickelt ihn konsequent weiter“ und „engagiert sich dafür, dass der Personzentrierte Ansatz in der Gesundheitsversorgung und in den psychosozialen Arbeitsfeldern verbreitet wird“ (www.gwg-ev.org). Damit ist der Anschluss an Carl Rogers definiert. Auch Inghard und Stefan Langer formulieren den Anspruch, in diesem Sinne in ihrem Buch den Weg des Personzentrierten Ansatzes zu beschreiben, wie Jugendliche in Krisensituationen verständnisvoll und einfühlsam beraten und begleitet werden können und ihnen so dabei geholfen wird, die entwicklungsbedingten Aufgaben der Pubertät angemessen zu bewältigen.

Der Band selbst ist in drei Abschnitte geteilt

Zunächst wird unter dem Titel „Pubertät – Lebensphase wichtiger Wandlungen“ das Szenario näher bestimmt, vor dessen Hintergrund Jugendliche zu begleiten und zu beraten sind (S. 9 – 69). Im Kern werden (nach der Herausarbeitung der allgemeinen Charakteristik dieser Phase) dabei vor allem „tragische Entwicklungen“ (S. 33) herausgearbeitet, mit denen Jugendliche, die Beratung und Begleitung benötigen, konfrontiert sein können, zum Beispiel Depression, schizophrene Störungen, Mißbrauchserfahrungen, suizidale Gefährdungen). An zwei Beispielen werden die zentralen Themen dieses Abschnitts intensiv vertieft.

Im zweiten Abschnitt („Jugendliche begleiten – Was unterstützt und fördern kann“, S. 70 – 124) nehmen die beiden Autoren Bezug auf die für sie relevanten Konzepte in Begleitung und Beratung: vor allem die Personzentrierte Psychologie (Carl Rogers), Entwicklung durch Wandlung (Virginia Satir), Flow-Erleben (Mihaly Cszikszentimihalyi) und Themenzentrierte Interaktion (Ruth Cohn). Damit steht der „Aufbau eines reichhaltigen lebensbejahenden emotionalen Erlebens“ im Mittelpunkt, für das sich Inghart und Stefan Langer durchgehend in ihrem Band einsetzen, denn: „Mit alledem verbinden sich seelischer Halt, persönliche Kraftquellen, auf die die Person in Schwierigkeiten zurückgreifen kann“ (S. 70). Die Überlegungen Rogers? bilden die Grundlage für gelingende Beratungen und sie begleitenden hilfreiches Handeln. Diese personzentrierte Basis für gelingende Beratung und Begleitung Jugendlicher wir an zwei weiteren Beispielen intensiv und erhellend verdeutlicht.

Der dritte Abschnitt („Ein theoretischer Ansatz für die Handlungsebene – Der sozialpädagogische Standort“)geht im Anschluss an Michael Winkler dem „sozialpädagogischen Problem“ nach: Erziehung vollziehe sich im „Zusammenspiel zwischen Aneignung und Vermittlung des gesellschaftlich-geschichtlichen Erbes“; Jugendliche „befinden sich dabei vorwiegend im Prozess der Aneignung, während der älteren Generation (Eltern, Erwachsene) die Vermittlungstätigkeit zukommt. Nun herrschen in der Gesellschaft Bedingungen, die das Zusammenspiel von Aneignung und Vermittlung stören oder gar unterbrechen können. Diese Bedingungen des sozialpädagogischen Problems lassen sich in drei Dimensionen zusammenfassen. Allen drei Dimensionen des sozialpädagogischen Problems ist gemeinsam, dass keine Vermittlung mehr stattfindet und der Aneignungsprozess gestört bzw. unterbrochen wird oder sogar in falschen Bahnen verlaufen kann“ (S. 134f). An dieser Stelle komme Begleitung und Beratung „ins Spiel“. Damit unternehmen Langer und Langer den Versuch, die vorangestellten Leitkonzepte im Lichte der besonderen Handlungserfordernisse der Lebensphase Pubertät mit einer angemessen erscheinenden (sozialpädagogischen) Handlungstheorie zu verknüpfen und damit anschlussfähig für die Handlungskontexte der Sozialen Arbeit zu machen. Auf eine Exemplifizierung (wie in den beiden ersten Abschnitten noch vorgenommen) wird an dieser Stelle verzichtet.

Zielgruppen

„Eine tragfähige, verbindliche persönliche Beziehung bildet für uns die Grundlage aller Belange im Umgang mit Kindern und Jugendlichen sowie mit Erwachsenen, die Heranwachsenden Orientierung geben möchten“, schreiben Inghart und Stefan Langer. Die sei, mit Carl Rogers, die „Kraft des Guten“ (S. 142). Damit ist implizit eine gute Beschreibung gegeben, an wen sich der vorliegende Band richtet: vordergründig sicher an Fachkräfte des Sozialen, die in spezifischen Formen (zum Beispiel in der Heimerziehung) oder in unspezifischen Settings (zum Beispiel der offenen Jugendarbeit) mit Jugendlichen „konfrontiert“ sind, die Begleitung und Beratung benötigen; aber auch andere (und damit auch nicht-professionelle) Partnerinnen und Partner von Jugendlichen dürften sich durch den Band durchaus angesprochen fühlen. Damit ist „Jugendliche begleiten und beraten“ beleibe nicht als „Erziehungsratgeber“ misszuverstehen, wohl aber als Anleitung zu aufmerksame Begleitung Jugendlicher zu lesen. Denn: „Bei der Einladung zur persönlichen Beziehung kommen wir Erwachsenen nicht daran vorbei, uns selbst einzugeben, als Person, als Mensch, der einmal selbst jung war und sehr wohl weiß, wie verletzlich Kinder- und Jugendlichenseelen sind und wie einsam es sich anfühlt, in einer verhärteten Schutzhaut herumzulaufen“ (S. 142).

Diskussion und Fazit

Der vorliegende Band stellt sich als eine gelungene Verknüpfung von grundlegenden Erkenntnissen einer humanistisch ausgeprägter Psychologie und einem angemessenen Handlungszugang dar, die aufgrund ihrer praktischen Dimension mit einer Reihe von konkreten Handlungsanregungen helfen kann, die Beziehung zu Jugendlichen in beratenden und unterstützenden Situationen gelingend zu gestalten. Es werden Zugänge eingebracht, wie durch Anregungen und altersangemessene Aufgaben die Selbstwerterfahrung Jugendlicher gefördert, deren freie Entfaltung unterstützt, zum Einsatz auch für andere motiviert und der Umgang mit erforderlichen Grenzen erlernt werden kann. Dazu hätte es durchaus nicht unbedingt des dritten Abschnitts bedurft, der doch etwas konstruiert wirkt und nur erahnen lässt, worin der Zusammenhang zu den beiden ersten Abschnitten zu sehen ist.

Insgesamt gesehen ist der Band gut zu lesen, kenntnisreich präsentiert, überzeugt durch seine vier gut präsentierten Fallschilderungen (die stets den Zusammenhang zur „Theorie“ erkennen lassen) und dürfte sich deshalb besonders für Fachkräfte der Sozialen Arbeit empfehlen, die gerade in das „Beratungsgeschäft“ eintreten oder eingetreten sind. Hier kann der Band durchaus grundlegende Bedeutung habe. Und mehr noch: Für in der Beratung bereits Erfahrene sollte der vorliegende Band „eigentlich“ nicht Neues bringen, doch ergeben sich auch für sie sicher wichtige Hinweise, die einer „Schulung“ der Aufmerksamkeit und Sensibilität im Umgang dienen dürften.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 16.08.2012 zu: Inghard Langer, Stefan Langer: Jugendliche begleiten und beraten. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2011. 2., durchges. Auflage. ISBN 978-3-497-02269-4. Reihe: Personzentrierte Beratung & Therapie - Band 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2324.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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