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Winfried Brömmel, Helmut König u.a. (Hrsg.): Populismus und Extremismus in Europa

Cover Winfried Brömmel, Helmut König, Manfred Sicking (Hrsg.): Populismus und Extremismus in Europa. Gesellschaftswissenschaftliche und sozialpsychologische Perspektiven. transcript (Bielefeld) 2017. 184 Seiten. ISBN 978-3-8376-3838-7. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 25,30 sFr.

Europäische Horizonte, Band 10.
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Thema

Populistische Bewegungen in Europa speisen sich aus einem Unbehagen an Politik, Staat und Medien. Was sind die Quellen von Ressentiments, Fanatismus und Faszination von Gewalt? Wo verläuft in Europa die Grenze zwischen Einheit und Vielfalt?

Herausgeber und Autoren

  • Winfried Brömmel ist Geschäftsführer der Europäischen Horizonte und Leiter des EUROPE DIRECT Informationsbüros der Stadt Aachen.
  • Frank Decker ist Professor am Institut für Politische Wissenshaften und Soziologie der Universität Bonn. – Volker M. Heins ist Permanent Fellow und Leiter des Schwerpunkts »Interkultur« am kulturwissenschaftlichen Institut Essen.
  • Otto Kallscheuer ist Politikwissenschaftler, Philosoph und freier Autor und lehrte u.a. am Institute for Advanced Study in Princeton, an der Freien Universität Berlin, der Columbia University in New York und in Neapel. Rom, Wien, Basel und Luzern.
  • Helmut König ist Professor für Politische Wissenschaft an der Technischen Hochschule Aachen mit dem Schwerpunkt Politische Theorie und Ideengeschichte.
  • Claus Leggewie ist Inhaber der Ludwig Börne-Professur an der Universität Gießen und Ko-Diektor des Centre for Global Cooperation Research in Duisburg.
  • Emanuel Richter ist Professor für Politische Wissenschaft an der Technischen Hochschule Aachen mit dem Schwerpunkt Politische Systeme und Comparative Politics.
  • Manfred Sicking ist Beigeordneter für Wirtschaftsförderung, Soziales und Wohnen der Stadt Aachen und Honorarprofessor am Institut für Politische Wissenschaft der Technischen Hochschule Aachen.
  • Hans Vorländer ist Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte des Instituts für Politikwissenschaft und des Zentrums für Verfassungs- und Demokratieforschung an der Technischen Universität Dresden.
  • Andreas Zick ist Professor für Sozialisation und Konfliktforschung und Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld.

Die Herausgeber: Vorwort. (4 Seiten)

Die einzelnen Beiträge werden kurz von den Herausgebern vorgestellt. Sie basieren auf einer Reihe von öffentlichen Vorträgen, die zwischen dem 30. Mai und 9. Juni 2016 in Aachen gehalten worden sind, erweitert um einige nachträglich aufgenommene. Das Thema war, das unübersichtliche Terrain von Nationalismus, Populismus und Extremismus in Europa zu sondieren.

König: Statt einer Einleitung: Populismus und Extremismus in Europa. Sondierungen der Lage und Erklärungsversuche. (32 Seiten)

Der Euro habe die Europäische Union nicht vereint, die Finanz- und Schuldenkrise nicht gelöst und nationale Alleingänge befördert. Es fehle eine geschlossene Politik (Dublin-Abkommen, Ost-West-Konflikte, Flüchtlingspolitik). Konflikte zwischen einer offenen oder geschlossenen Gesellschaft gebe es nicht nur zwischen den Staaten, sondern auch im Inneren. Trotz der guten Wirtschaftsdaten sei die Stimmung in der Bundesrepublik gereizt. Die Demagogie scheine keine Grenzen zu kennen (USA, Ungarn, England, AfD in Deutschland u.a.). Unwahrheiten und Lügen verstärkten eher den Nimbus der ‚Helden‘. Emotionen seien stärker als Fakten. Realitätsverweigerung und Verschwörungstheorien würden von höchster Stelle sanktioniert und produzierten Spaltungen und ein paranoides Klima (Verschwörungsphantasien). Die Doppelnatur des autoritären Führers – einer von uns und damit ohnmächtig und einer weit über uns und damit mächtig (einer von uns und einer für uns)., Merkmale eines autoritären Charakters – sichere seinen Erfolg.

Die Ursachen seien im ehemals linken Arbeitermilieu zu beobachten: Ein Klassenkampf zwischen dem einfachen Volk und den globalen Kapitaleignern, einschließlich der Presse und korrupten Politikern, werde geschürt und aus der Enttäuschung und Wut politisches Kapital geschlagen – gegen Linke und Sozialdemokraten.

Ursachen seien die Entfesselung der Finanzindustrie, die Deregulierung der Arbeitsmärkte, die Zurückdrängung der Gewerkschaften, der Abbau des Sozialstaats und der Rückzug des Staates aus dem Bereich der Versorgung mit kollektiven Gütern (Wohnungsbau, Bildung u.a.)., insgesamt eine postdemokratische Entwicklung (Crouch 2008). Zwar würden in der Bekämpfung der weltweiten Armut Erfolge erzielt, aber die Ungleichheit der Einkommen wurde verschärft und die Verlierer diskriminiert. Ihnen würden weitere Kosten aufgebürdet durch die Nichtregulierung der Finanzmärkte, die Auswirkungen der digitalen Revolution und die Aufnahme von Flüchtlingen. Schuld seien nicht nur die Fürsprecher und Nutznießer des Neoliberalismus, sondern auch die Linken und Sozialdemokraten, die die Interessen und Gefühle der Randständigen nicht mehr ernst genommen hätten. Während die akademische Mittelschicht noch die Kultur des neoliberalen Kosmopolitismus pflegte, seien die Arbeiter längs desillusioniert; die AfD sei die Partei, die ihnen Gehör verschaffe. Die neue globale Klasse beziehe ihren Reichtum nicht mehr aus der Ausbeutung von Arbeitern, im Gegenteil: sie mache den niedrig qualifizierten Arbeiter überflüssig.

So speist sich nach König der Populismus eher aus einer gesellschaftlichen Verunsicherung, einem Unbehagen an der Moderne, ohnmächtig abgehängt zu werden. Die Stimmung sei gereizt, ein Gefühl der Zukunftslosigkeit breite sich aus, Antimoderne und Regression erschienen als Ausweg. Virtuelle und unverbindliche Kommunikation treten an die Stelle realer Gruppen, Anonymität begünstige Extreme und Fiktionen anstelle von Fakten. Aus der Klassengesellschaft werde eine Gesellschaft von Individuen ohne politische Organisation und Verantwortungsübernahme in einer ‚Entfremdungskrise‘ (Rosa 2016), nicht nur an den Rändern, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft.

Decker: Populismus und Extremismus in Europa – eine Gefahr für die Demokratie? (19 Seiten)

Populismus kann mit unterschiedlichen Ideologien und Programmen verknüpft werden; was unter ‚Volk‘ verstanden wird, variiert je nach ideologischer Ausrichtung. In USA und Europa überwiegt ein rechter Populismus mit einer Ausgrenzung von Nicht-Zugehörigen, gegen staatliche Bevormundung und gegen Globalisierung. Handelt es sich um einen urdemokratischen Impuls, Probleme zu benennen und an Lösungen zu arbeiten oder um eine Politikunfähigkeit, eine Aushöhlung von demokratischen durch plebiszitäre Prozesse? Die Normen von repräsentativer Volkssouveränität und Verfassungsstaatlichkeit sorgen für eine Kontrolle der Machtausübung, widersprechen aber einer nach innen wie nach außen antiliberalen und antipluralistischen Volkssouveränität. Durch den Komplexitätszuwachs werden Teile des Regierungsgeschäfts undurchsichtbar in spezialisierte Netzwerke verlagert, was zu einer Verstärkung von Bürokratie und Justiz führt: Die Politik wird introvertierter und gleichzeitig – durch die Medien – extrovertierter. Die Beeinflussung der Politiker durch Stimmungen macht das politische Handeln ‚responsiver und gleichzeitig unverantwortlicher‘.

Während der Parteienwettbewerb einen Schutz vor Populismus bildete (natürliche Anhängerschaft, Wertvorstellungen, Verwurzelung in gesellschaftlichen Milieus), haben die Volksparteien inzwischen die Bindung an die gesellschaftliche Basis verloren (Wechselwählerschaft). Durch Personalisierungsstrategien wird eine Depolitisierung der Wähler unterstützt (plebiszitäre Transformation). Die gesellschaftliche Schwächung der Parteien hat zu keinem Machtverlust geführt, aber eine Legitimationskrise geschaffen. Lassen sich alternative Beteiligungsformen einführen, z.B. dass die Mitglieder der Parteien anstelle eines Delegiertensystems die Führungskräfte wählen und auch inhaltlich mit entscheiden? Sind direktdemokratische Verfahren ein populistisches Gegengift? Plebiszite können auch einen mäßigenden und ausgleichenden Effekt durch die – durch Verfahrensregeln unterstützte – dialogische Qualität haben. Die Chance bestünde, Themen aufzugreifen, die Menschen affektiv und emotional beschäftigen und ihnen einen Ort im politischen Diskurs und Entscheidungsprozess einzuräumen und der Gefahr einer rechtsextremen Machtübernahme vorzubeugen.

Leggewie: Populisten verstehen? (15 Seiten)

Leggewie versucht allgemeine Struktureigenschaften populistischer Strömungen zu analysieren und ihre aktuelle autoritär-nationalistische Dynamik zu erfassen. Nach einem historischen Rückblick kommt er auf den aktuellen Konflikt zwischen offener und geschlossener Gesellschaft und die Opposition gegen kulturelle und ökonomische Globalisierung zu sprechen. Soziale Ungerechtigkeitsgefühle seien nicht mehr in eine organisierte Arbeiterbewegung eingebunden, sondern in eine phantasierte identitäre Volksgemeinschaft (Islamfeindschaft, Austritt aus der EU, Souveränität über nationale Grenzen u.a.), insbesondere in den osteuropäischen Ländern (Führerkult und Exklusion). Dahinter stecke die Angst vor der Unübersichtlichkeit der aktuellen Weltgesellschaft, die sich der nationalen Kontrolle entziehe. Anstatt offener Kommunikation entstehe ein virtueller Kommunikationsort von Gleichgesinnten, während entpolitisierter Medienkonsum die soziale Distanz vergrößere. Ressentiments (Zusammenballung verschiedenster Aversionen) mündeten in Verschwörungstheorien und einer ‚grundsätzlichen Opposition‘.

Populistische Protestbewegungen setzten auf demokratische Mehrheiten, auf risikofreudige Unternehmer auf dem politischen Markt und Ausschaltung der Konkurrenz. Eine selbstkritische Auseinandersetzung der etablierten Parteien sei angesagt, die Herstellung europäischer und globaler Bündnisse und eine Verbindung von Sozialpolitik und Nachhaltigkeit. Das bedeute, den Kindern keine schlechtere Welt zu hinterlassen, notwendige Veränderungen erträglich zu gestalten durch eine solidarische Finanzwirtschaft und Bekämpfung der Steuerflucht, eine zukunftsbezogene Außen- und Entwicklungspolitik, z.B. beim Klimaschutz.

Richter: Populismus und der „gesunde Menschenverstand“. Common Sense als Bezugspunkt des Volkswillens. (27 Seiten)

Populistische Forderungen nach Berücksichtigung des Volkswillens enthalten eine sozioökonomische (Ausgrenzung bestimmter Milieus) und sozialphilosophische (gesunder Menschenverstand/‚common sense‘ in der Politik gegen Korruption) Komponente. Unter Bezug auf Cicero geht Richter auf die Ambivalenz von ‚common sense‘ ein: einerseits für alle zu sprechen (kollektive Grundhaltung), andererseits ein dogmatischer Ausschluss aller Andersdenkenden. Gibt es einen gemeinsamen, nicht rationalen, intersubjektiven kommunikativen Bezugspunkt für gemeinschaftliches Handeln (Reid 2007)? Wäre dann – durch eine durchdachte Introspektion – Zwietracht ausgeschlossen? Gibt es eine instinktive Sensibilität für das Gemeinwohl (Shaftesbury), eine vernunftbesetzte Klugheit (Vico)? Ein vernünftiges Verhalten als eine menschliche Veranlagung, oder als Ideal einer Vernunftkonstruktion – unter Kontrolle der Affekte – nach einem Plausibilitätstest (Kant) auf verallgemeinerungsfähige Handlungsgrundsätze, getrennt (depolitisiert) von den eigenen Erfahrungen? Emotionalität und Rationalität spiegeln Alltagserfahrung (Gramsci 1986) und die Notwendigkeit einer Bildungsoffensive gegen blinde Leidenschaft. Widersprüche finden sich in der Vernunft und den Affekten (Moore 1969).

Gibt es auch ein Vorurteil gegen Vorurteile (Gadamer 1975)? Alle Erkenntnis beruhe auf vorläufigen Einschätzungen, die durch graduelle Plausibilitätsprüfungen gesichert werden müssten – zum Unterschied zwischen kleingeistiger Engstirnigkeit/unreflektierter Zustimmungsbereitschaft – und einer durchdachten Haltung unter Einbeziehung des kontextsensiblen Geltungsbereichs und seiner vorläufigen Gültigkeit.

Im 18. Jahrhundert wollten Populisten das einfache Volk und nicht die elitären Schichten und Führungskader vertreten. Die Berufung auf Common Sense wurde zum Motor einer Demokratisierung (in USA Direktwahl der Senatoren, Vorwahlen, Frauenstimmrecht). Später bekam sie eine modernisierungskritische und antikapitalistische Stoßrichtung und eine rückwärtsgewandte gegen Modernisierungsprozesse. Paine (1995) entwickelte ein Verständnis von Common Sense: Partizipativ, republikanisch, Emanzipation von politischer Bevormundung. Ende des 19. Jahrhunderts etablierte sich Common Sense in Parteien mit dem Anspruch einer basalen gemeinschaftsstiftenden Versorgung, u.a. auch in religiösen Bewegungen. Auch gab es Polarisierungen wie ein ländliches gegen ein urbanes industrielles Milieu: Der Bauer als Inbegriff des ehrlichen, rechtschaffenen Mannes. Später ging es gegen die verbildeten Akademiker. Feindbilder wurden gebraucht und konstruiert, desgleichen ein Übergang vom partikularen zum allgemeinen Volk (PEGIDA, AfD).

6Plausibilitätsprüfungen und Geltungsbereich werden nicht mehr ernst genommen, eine Einschränkung des ursprünglichen Common Sense. Ressentiments, simplifizierte Weltbilder und Modelle des Zusammenlebens sind die Folge. Die ‚Führer‘ instrumentieren affektive Reize für ihre politischen Interessen.

Mit der fehlenden Prüfung auf Verallgemeinerungsfähigkeit treten Polarisierungen, Verweigerung von Reflexion und Verlust an Kommunikation, Lernfähigkeit und Wechselseitigkeit menschlicher Interaktion anstelle eines anspruchsvollen Common Sense mit Urteilen von begrenzter Dauer und Reichweite.

Vorländer: PEGIDA – Provinzposse oder Vorbote eines neudeutschen Populismus? (12 Seiten)

Handelt es sich bei PEGIDA um eine Dresdner Provinzposse oder um einen Vorboten einer neu-rechten, populistischen Bewegung wie in anderen europäischen Ländern? Einem rasanten Aufstieg, folgte ein Abstieg und ein erneuter Anstieg nach der ‚Flüchtlingskrise‘ 2015. Am Beginn stand die vorwiegend (Klein-)Bürgern geäußerte fundamentale Kritik an Politik, Medien und praktizierter Demokratie in Deutschland. Öffentliche Plätze wurden zu Orten kollektiver Empörung. Verluste, Ängste und Traumatisierungen durch tiefgreifende kulturelle und soziale Veränderungen (Entfremdungserfahrung) wurden kollektiv artikuliert und verarbeitet (?). Öffentliche Empörung war bislang ein Privileg linker Gruppierungen. Die Rituale – Montagsdemonstrationen – wirkten gemeinschaftsfördernd: Ein Protest gegen eine ‚Elitendemokratie‘ aus Wirtschaft und Politik außerhalb der Kontrolle der Bürger. Dresden und Sachsen wurde zum Resonanzraum von Traditionalismus und Ethnozentrismus, gleichzeitig gab es eine Zunahme von ausländerfeindlichen Gewalttaten. Diffuse Ängste vor einer kulturellen Überfremdung auf dem Hintergrund eines ausgeprägten Traditionsbewusstseins und Eigenständigkeit (ethnokultureller Zentrismus und ‚sächsischer Chauvinismus‘) spielen neben den Veränderungen im Zuge der friedlichen Revolution 1989 eine nicht unwesentliche Rolle, zudem auch unterschiedliche Ost-West-Einstellungen zur Demokratie (‚vulgärdemokratisches‘ Verständnis nach Fraenkel 1991).

Als ‚Stammtisch der Straße‘ hat PEGIDA zu einer Verrohung der Diskussionskultur geführt, die bei der AFD fortgesetzt wird. Die Allianz von Straße und Parlament in Gestalt von rechtspopulistischen, rechtsextremen und national-konservativen Parteien erweist sich als anschlussfähig an einen europäischen Rechtspopulismus i.S. einer ‚politisch-kulturellen Gegenrevolution‘.

Zick: Zwischen Elitenkritik und Menschenfeindlichkeit. Rechtspopulistische Orientierungen in der Bevölkerung. (29 Seiten)

Rechtspopulismus ist ein Sammelbecken von Bewegungen, Gruppen, Parteien, Einstellungen und Meinungen. Die Grenzen zu mehr oder minder ‚normalen‘ Orientierungen sind fließend. Eine interdisziplinäre Annäherung durch die politische Psychologie (Autoritarismus, Dogmatismus, Dominanzorientierung) und Soziologie (Protestbewegung, neue sozialpolitische Milieus) zeigt unterschiedliche Perspektiven und Interessen. Die Forschung zu generalisierten Einstellungen zu gesellschaftlichen und politischen Sachverhalten bietet gute Eingrenzungen. Zickberichtet – mit vielen Tabellen – über die Ergebnisse einer empirischen Umfrage 2016 (Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung FES in Zusammenarbeit mit einem Forschungsteam des Instituts für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. Als rechtspopulistische Orientierung wurden fünf Dimensionen ermittelt:

  1. Nationaler Chauvinismus (Wir/Nation) und anti-EU-Haltung,
  2. Feindliche Vorurteile gegenüber Anderen und Fremden (identitätsstiftend),
  3. Law-and-Order-Autoritarismus (Straforientierung),
  4. Demokratiemisstrauen und Elitenkritik (Anti-Establishment),
  5. Kollektive Wut (legitimiert durch angebliche Unterdrückung).

Hohe Zustimmung fand sich bei Law-and-Order-Einstellungen und Demokratiemisstrauen. Rechtspopulistische Einstellungen zeigten sich bei 1/5 der Bevölkerung, Wut bei 15 %.

Die Zusammenhänge zwischen rechtspopulistischen und anderen politischen Überzeugungen wurden geprüft. Dazu gehörten bei Rechtspopulisten: Rassismus, Sexismus, Ablehnung von Homosexuellen, Wohnungslosen, Behinderten, Langzeitarbeitslosen, Etabliertenvorrechte, Gewalt (hohe Billigung und Bereitschaft).

Gibt es Gruppen oder Milieus – soziodemografisch und nach politischer Orientierung – die zu Rechtpopulismus neigen? Insgesamt nahm die Zustimmung in den Altersgruppen zwischen 35 und über 65 Jahre zu, was weitgehend der Selbsteinstufung entspricht und auch mit der Sympathie für die AfD, wenn auch nicht so eindeutig, korreliert. Relativ hohe Zustimmung kam auch von Befragten, die sich relativ depriviert fühlten (einkommensschwache Gruppen). Die Zustimmung geht mithin zurück auf eine Elitenkritik, Widerstand gegen die Regierenden, einem Gefühl der Machtlosigkeit und wirtschaftlicher Bedrohung. Solche Stimmungen werden von rechtspopulistischen Kampagnen aufgenommen. Neurechte Propaganda hat schon früh Eingang in Protestgruppen gefunden wie die Mitte-Studie der FES 2016 zeigte. Die neurechte Orientierung geht einher mit rechtspopulistischen Einstellungen aber weniger mit Gewaltbereitschaft – im Vergleich mit rechtspopulistischen und rechtsextremen Orientierungen. Der überwiegende Teil der AfD zeigt eine neurechte Orientierung.

Rechtspopulismus richtet sich vertikal gegen Eliten, horizontal gegen Gruppen, die die völkische Identität bedrohen. Dem entspricht eine Rhetorik, Kommunikation und Propaganda, die anknüpft an aktuelle gesellschaftspolitische Konflikt- und Problemfelder (Flucht, Asyl, Eliten, Europa). Ängste, Vorurteile und Unsicherheiten werden angesprochen und in Kampagnen eine relative Deprivation aktiviert und komplexitätsreduzierende Angebote zur Lösung von Problemen gemacht, denen ein völkisch geprägtes Gesellschaftsverständnis und ein ethnisch-kulturell-religiös begründeter Rassismus zugrunde liegt.

Aufrufe zu Widerstand und Gewalt finden sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in der amerikanischen Propaganda. Internationale Vernetzungen finden inzwischen statt mit eigenen Verlagen, Websites, Videos, Konferenzen und Parteien. Empirisch zeigt sich, dass der Rechtspopulismus verbreiteter ist als die Parteien widerspiegeln. Wo menschenfeindliche Stereotype und Vorurteile nicht geteilt werden und Bürger sich nicht als chancen- und einflusslos wahrnehmen hat er allerdings keine Chance.

Heins: Spiegel der Menschheit? Die Zukunft der Migrationsmaschine Deutschland. (18 Seiten)

2001 wurde erstmals in der Bundesrepublik anerkannt, dass eine Zuwanderung notwendig und wünschenswert sei. Dabei war Deutschland bereits seit 1945 das am stärksten ‚durchmischte‘ Land in Europa. Die Einführung der Greencard 2000 – Öffnung der Grenzen für Hochqualifizierte – hatte aber nicht den gewünschten Erfolg; 2008/9 gab es sogar eine negative Bilanz. Einen Einschnitt bedeuteten die Flüchtlinge und MIgranten 2015.

Was bedeutet die Flüchtlingskrise für Europa? Während die Gesellschaft sich der Herausforderung gewachsen zeigte, erwies sich das geltende Recht als untauglich. Monatelang gab es keine Kontrolle über die Zahl, Identität, den Aufenthaltsort und die Herkunft der Migranten. Gefahr bestand für die Rechtssicherheit, staatliche Integrität und das Leben der Flüchtlinge, sowie für die Handlungsfähigkeit und Einheit der EU. Inzwischen wurde die Registrierung vereinfacht, aber es gibt immer noch keine Gesamtregelung und Lastenverteilung in der EU. Positiv zeigte sich in Deutschland ein Bruch mit Rassismus und eine zunehmende Integration in eine ‚Weltgesellschaft‘.

Merkel wurde vor allem in den USA gefeiert, weniger in Europa: Ungarn, Slowakei, Tschechien und Polen sind nicht bereit, Flüchtlinge aufzunehmen. Zerrissenheit und Rassismus und eine xenophobe Grundstimmung gibt es auch in Deutschland, ein Kampf zwischen Anhängern einer illiberalen Demokratie und einem weltoffenen Liberalismus mit unterschiedlichen Narrativen, z.B. illiberal gegen die Eliten, die Presse, die Eindringlinge, den Islam und für das ‚wahre Volk‘ und die Verfestigung einer Vorurteilsstruktur (‚Genozid am Deutschen Volk‘). Gibt es ein mehrheitsfähiges liberales Narrativ? Eine Einheit der Verschiedenen ohne sukzessive Einschmelzung, aber kooperativ i.S. einer ‚erweiterten Wir-Identität‘ (Gauck). Deutsche Großstädte haben den höchsten Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund. Aber: Bleiben die Migranten unter sich? Sind ihre sozialen Netzwerke vielfältiger? Fühlen sich Deutsche in ihrer Identität bedroht? Trägt die Angst zu Parallelgesellschaften bei und erschwert einen internationalen Austausch? Angesprochen von der Neuen Rechten fühlen sich vor allem, wenn auch nicht nur, die verbitterten Verlierer. Während das Neurechte Narrativ realitätsblind und gewaltaffin ist, verlangt der Gegendiskurs Mut und Beweglichkeit. Tatsächliche Gefahren sind: der Import von grausamen Bräuchen (Genitalverstümmelung, Antisemitismus, patriarchale Gewalt und Terrorismus). Notwendige Veränderungen müssen zwar aus der fremden Kultur selbst kommen, aber unterstützt durch Erziehung, Maßnahmen gegen einen Überhang von Männern bei der Einwanderung und Sicherheitskontrollen bei der Einreise. Man kann an den Problemen auch moralisch wachsen und Lösungskompetenzen entwickeln.

Diskussion

Ein Viel-Autoren-Buch, das unterschiedliche Aspekte des gemeinsamen Problems – Populismus und Extremismus (nicht nur) in Europa – aufgreift und auch bei den Lesern auf unterschiedliches Interesse stoßen wird. König geht in seinem Beitrag politisch analysierend auf das Thema ein, Decker beschäftigt sich stärker mit den Parteien (und ihrem Versagen), Leggewie mit den Perspektiven für die kommenden Generationen und Richter analysiert ‚common sense‘ positiv und negativ. Wieweit populistische Bewegungen (PEGIDA) geeignet sind, Konflikte nicht nur zu benennen, sondern auch zu bearbeiten, kann man bezweifeln, denn es gibt auch Solidargemeinschaften die am Gegenteil interessiert sind.

Ergebnisse von empirischen Untersuchungen, die Zick vorstellt, sind interessant in der Differenzierung zwischen rechter Orientierung als legitimer politischer Einstellung und Rechtsextremismus mit Gewaltbereitschaft. Heins befasst sich am Ende mit praktikablen Massnahmen.

Insgesamt also ein facettenreiches Buch, das sich vorzüglich eignet für den Unterricht und für Diskussionen und einen differenzierenden Blick auf phantasierte und echte, d.h. ernst zu nehmende Gefahren für die Demokratie unterstützt.

Fazit

Wer an dem Thema interessiert ist und den Blick erweitern möchte, dem sei dieses Buch empfohlen. Ich kann mir gut vorstellen, dass es den Autoren in Aachen gelungen ist, eine lebendige und notwendige differenzierte Diskussion anzuregen.


Rezensentin
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 06.11.2017 zu: Winfried Brömmel, Helmut König, Manfred Sicking (Hrsg.): Populismus und Extremismus in Europa. Gesellschaftswissenschaftliche und sozialpsychologische Perspektiven. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3838-7. Europäische Horizonte, Band 10. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23246.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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