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Philipp Blom: Was auf dem Spiel steht

Cover Philipp Blom: Was auf dem Spiel steht. Hanser Verlag (München) 2017. 222 Seiten. ISBN 978-3-446-25664-4. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema

Thema des Buchs ist die wachsende Bedrohung durch eine Zukunft, die von einer epochalen Transformation durch Klimawandel und Digitalisierung von globalen Auswirkungen bestimmt ist und eine Gefahr für ein demokratisches, zivilisiertes Zusammenleben werden kann, wenn ihren Herausforderungen nicht heute Rechnung getragen wird.

Autor

Philipp Blom, 1970 in Hamburg geboren, lebt nach dem Studium der Philosophie, Geschichte und Judaistik in Wien und Oxford als Schriftsteller und Historiker in Wien. Er war Stipendiat am Getty Research Institute in Los Angeles und erhielt den deutschen Sachbuchpreis.

Vom Autoren liegen zahlreiche Veröffentlichungen zu historischen und aktuellen Themen vor:

  • Der taumelnde Kontinent 1900-1914 (2009),
  • Die zerrissenen Jahre 1918-1938 (2014),
  • Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700 sowie der Entstehung der modernen Welt, verbunden mit einigen Überlegungen zum Klima der Gegenwart (2017).

Entstehungshintergrund

Entstehungshintergrund des Buchs ist die Sorge um die Zukunft unserer Kinder und Enkel, wenn gegenwärtig sich abzeichnende globale Probleme nicht erkannt und bearbeitet werden, weil die reichen Demokratien nur am Bestand interessiert sind und sich den Herausforderungen der Zukunft verweigern.

Aufbau

Das Buch ist in zwei große Abschnitte gegliedert:

  1. Aussicht ohne Einsicht: Klimawandel, Digitalisierung und Konsum und
  2. Die gespaltene Zukunft.

Inhalt

Blom beginnt mit einer kurzen Einführung, dass das Leben nicht nur rückwärts verstanden, sondern auch vorwärts gelebt werden muss (Kierkegaard). Er gibt eine Bestandsaufnahme der ‚Zukunftslosigkeit‘ und ‚Zukunftsverweigerung‘ unserer Gesellschaft, obgleich wissenschaftliche Untersuchungen eine fundierte Vorstellung der negativen Konsequenzen des gegenwärtigen kollektiven Handelns vermitteln. (10 Seiten)

Aussicht ohne Einsicht: Klimawandel, Digitalisierung und Konsum (68 Seiten): Der neue Horizont politischer, ökonomischer und kultureller Möglichkeiten enthalte sowohl eine existentielle Bedrohung als auch eine historische Chance. Die Zufuhr fossiler Energie habe einen Klimawandel zu Folge mit der Folge der Erderwärmung und chaotischen Veränderungen in bestimmten Regionen der Erde. Ähnlich wie in der kulturellen Evolution während der ‚Kleinen Eiszeit‘ (1570-1700) könne es auch heute durch Verleugnung der Konsequenzen zu verzögerten oder fehlenden ökonomischen Transformationen kommen mit der Folge von Kriegen, Pandemien, Seuchen und Hunger. Der technologische Fortschritt durch die digitale Revolution vernichte Arbeitsplätze und führe zu ökonomischen Gewinnern und Verlierern. Es entstehe ein ‚fragmentiertes Prekariat‘ und ein zunehmender Verlust an Kompetenzen und Fähigkeiten bei Menschen, die nur noch als Konsumenten gebraucht würden.

Gleichzeitig komme es zu einer Verschiebung der politischen Machtverhältnisse auf Oligarchen, die Bedürfnisse in ihrem Interesse manipulativ propagandistisch wecken und ausbeuten. Die Sinnfrage bleibe im Konsum unberücksichtigt, wenn der Mensch nur noch an seiner Kreditkarte gemessen werde. Die latente Angst vor dem Absturz und dem Ausgeschlossensein von bestimmten Ritualen bleibe virulent, selbst wenn diese irrational seien. Der quasi religiöse Fetisch Konsum verleugne andere, vor allem emotionale Bedürfnisse. Erderwärmung, Digitalisierung, Orientierung der Menschen als Konsumenten seien Produkte der Massenproduktion.

Die gespaltene Zukunft (120 Seiten): Fortschrittsoptimismus als Heilsgeschichte habe ein Geschichtsbild geformt, das auf Ausbeutung setze und fundamentale Werte, wie z.B. die Anerkennung durch Arbeit und Leistung zwar befördere, die für viele aber unerreichbar seien. Krisenhafte Entwicklungen könnten Klassenkonflikte verschärfen und zu einer existentiellen Krise der liberalen Demokratien führen, wenn sie, wie die Bankenkrise 2008, nicht mehr politisch aufgefangen würden. Der Traum von einem liberalen Markt oder der autoritäre Traum von einer Festung, z.B. Europa, könnten dem Druck auf Veränderung nicht mehr standhalten. Es wachse die Kritik am Modell eines westlich orientierten Imperialismus, selbst unter der Perspektive von ‚Aufklärung‘, und einer einseitigen Idealisierung des Rationalismus; beide werden von Blom unter Hinweis auf einschlägige Literatur ausführlich diskutiert. Inzwischen sei die Welt vom ‚Marktfundamentalismus‘ überwältigt, der sich zunehmend von der Realität entferne. Vidal habe vom ‚Sozialstaat für die Reichen und den freien Wettbewerb für die Armen‘ gesprochen.

Aus der Rationalität der Aufklärung sei die Rationalität des Marktes geworden, der wachsen muss, um nicht von seinen eigenen Schulden eingeholt zu werden und dabei nicht nur seine eigenen Lebensgrundlagen und sondern auch die Privatheit – durch ungebremste Datenspeicherung – zunehmend zerstöre. Falsch verstandene Aufklärung und unverdaute christliche Arbeitsethik bildeten eine gesellschaftlich explosive Mischung.

Im Gegensatz zum liberalen gehe der autoritäre Traum davon aus, dass nur eine erneute Moralisierung die Katastrophe verhindern könne: Jüdisch-christlicher Westen in einer Schicksalsschlacht gegen Atheismus und islamischen Faschismus. Regressiv komme es zudem zu einer ‚Retraditionalisierung‘ der weiblichen Rollenbilder. Um die ‚natürliche Ordnung‘ der Dinge wieder herzu stellen, würden Mauern aufgebaut gegen innere und äußere Feinde, vor allem aber gegen Fakten, Bildung und Aufklärung (Beispiel Stephen Bannon). Die ‚Macht über die Wahrheit‘ (was als Wahrheit Geltung beanspruchen könne) werde demonstrativ benutzt. Trotz der faschistischen Sprache (völkische nationale Elemente, Heroismus, kulturelle und ethnische Reinheit, Endkampfszenarien) seien für die die Feindbilder heute die liberalen Globalisierer, korrupte politische Eliten und vor allem die ‚Lügenpresse‘. Die Anhänger dieses Nationalpopulismus kämen meist aus der Mittelschicht oder dem Kleinbürgertum.

Es folgt ein Exkurs auf Rousseau und seine Kritik der Aufklärung und der Revolte gegen die beginnende Moderne. Ängste würden durch Spaltungen kanalisiert, indem Hass gegen die Moderne geschürt und das Dilemma zwischen ‚illiberaler Demokratie‘ und ‚undemokratischem Liberalismus‘ (Yascha Mounk) nicht beseitigt werde. Liberale Demokratien lebten von der Zustimmung der Bürger, die nicht selbstverständlich sei (Exkurs auf die römische Republik) und von dem Machtverzicht aller Beteiligten.

Die Zersplitterung des öffentlichen Raumes durch die Medien speise Phantasien anstelle von Fakten und unterstütze eine ‚faktenfreie Identität‘. Enthemmung führe zu einer Verrohung der Sprache. Informiertheit, Gemeinsinn und Respekt vor Spielregeln schwänden. Die ‚Fabrikation von Zustimmung‘ (Bernays) verhindere notwendige Veränderungen und ziele auf Statuserhalt, auch wenn der zu einem ‚Tod der Demokratie‘ führe. ‚Menschen im Kollektiv lernen nicht aus der Geschichte, aber sie reagieren auf Traumata‘, wie z.B. das Versagen der Weimarer Demokratie oder der Katastrophe nach 12 Jahren NS-Herrschaft. Heute notwendige Transformationen (weg von fossilen Energieträgern, unersetzbaren Rohstoffen, Müllbergen und obsessivem Konsum) würden politisch nicht angepackt.

Es folgen dann Vorschläge, wie alte Strukturen ersetzt werden können (‚Kein Weg zurück‘ S. 190/91) und Zukunftsvisionen (‚Die Zahnfee der Geschichte‘ S. 192-210) von möglichen Transformationen und ein Schlusskapitel mit einem Aufsatz von Nelson Mandela ‚Eine Art Hoffnung‘ S. 211-19.

Bibliographie (4 Seiten).

Diskussion

Das Buch ist mit sehr viel Engagement geschrieben, spricht in einer Parforcejagd eine grosse Bandbreite von psychologischen, politischen, ökonomischen und sozialen Problemen (Klimawandel, die globale Digitalisierung) an, die ungelöst zukünftig das demokratische und liberale Zusammenleben gefährden. Wegen der Fülle der angesprochenen Themen ist das Buch nicht leicht zu lesen.

Ich hätte mir mehr Zusammenfassungen und Bündelung der Probleme gewünscht und eine kritischere, differenziertere und vertieftere Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Kräften (Parteien, Politik, Medien und gesellschaftlichen Gruppierungen) im Blick auf die Zukunft unserer Kinder und Enkel, da Veränderungen als ein gesellschaftspolitisches Programm nur gemeinschaftlich in die Wege geleitet werden können. Sowohl die Analyse als auch die Lösung der angesprochenen Probleme können, scheint mir, heute nicht mehr von einem allein bearbeitet werden, wie auch das Buch von Geiselberger (Hg.) ‚Die große Regression – eine internationale Debatte über die Situation der Zeit‘, das ich parallel gelesen habe, zeigt.

Fazit

Ein Buch das viel Material enthält, zum Nachdenken anregt, auch wenn es nicht immer leicht lesbar ist, weil die Fülle des angebotenen Materials die Übersicht erschwert und sogar die Gefahr birgt, die Gewinner und Verlierer im Hinblick auf eine zu verändernde Zukunft aus dem Auge zu verlieren. Der gegenwärtige Zustand in Deutschland hat zweifellos zu sozialen Schieflagen geführt und Profiteure begünstigt, denen der Erhalt oder die die Verbesserung des Status quo wichtiger ist als die Zukunft des Gemeinwesens, soweit diese auf Umverteilung und Machtverzicht hinausläuft.

Das utopische Potential von Zukunftsvisionen/Leitbildern kann und muss nicht nur gemeinschaftlich diskutiert, sondern auch mit allen Gruppen der Gesellschaft umgesetzt werden.


Rezensentin
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 12.10.2017 zu: Philipp Blom: Was auf dem Spiel steht. Hanser Verlag (München) 2017. ISBN 978-3-446-25664-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23248.php, Datum des Zugriffs 18.10.2017.


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