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Heino Stöver, Daniela Jamin u.a. (Hrsg.): Ältere Drogenabhängige. Versorgung und Bedarfe

Cover Heino Stöver, Daniela Jamin, Christina Padberg (Hrsg.): Ältere Drogenabhängige. Versorgung und Bedarfe. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2017. ISBN 978-3-943787-04-7. 20,00 EUR.
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Thema

Aufgrund der in den letzten Jahren verbesserten Behandlungsoptionen und Betreuungsangebote (z.B. Substitutionsprogramme, Medizinische Rehabilitation, Betreute Wohnprojekte) hat sich erfreulicherweise die Lebenserwartung von KonsumentInnen illegalisierter Substanzen stetig erhöht.

In Nachfolge eines bereits 2011 erschienenen Sammelbandes zum Thema „Auch Süchtige altern“ wollen die HerausgeberInnen des vorliegenden Buches erneut verschiedene Perspektiven, Einblicke und Aspekte hinsichtlich der Versorgungs- und Bedarfslage älterer DrogenkonsumentInnen aufgreifen, aktualisieren und vertiefen. Dabei werden neben neueren theoretischen Grundlagen auch aktuelle Studienergebnisse sowie good practice Beispiele aus Deutschland und Österreich vorgestellt.

HerausgeberInnen

  • Heino Stöver, Professor für sozialwissenschaftliche Suchtforschung am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Frankfurt University of Applied Sciences und geschäftsführender Direktor des Instituts für Suchtforschung Frankfurt am Main (ISFF).
  • Daniela Jamin, Sozialarbeiterin (M.A.) und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Insitut für Suchtforschung Frankfurt am Main (ISFF).
  • Christina Padberg, Sozialarbeiterin (M.A.) und Wissenschaftliche Hilfskraft am Insitut für Suchtforschung Frankfurt am Main (ISFF).

Aufbau

Der vorliegende Sammelband beinhaltet 13 Beiträge verschiedener AutorInnen, die sich mit dem Thema „Ältere DrogenkonsumentInnen. Versorgung und Bedarfe“ unter verschieden Aspekten und Schwerpunkten befassen. Die einzelnen Kapitel und Ihre AutorInnen lauten wie folgt:

  1. Voraussetzungen für das Überleben und Älterwerden-Können Opioidabhängiger (Heino Stöver)
  2. Der Konsum von psychoaktiven Substanzen im Lebenslauf im gesellschaftlichen Kontext (Irmgard Vogt)
  3. Ältere Drogenkonsument*innen in der stationären Versorgung (Katrin Helm)
  4. Sucht – ein Thema bei alternden Männern?! (Daniela Jamin, Christina Padberg)
  5. Lebensweisen und Gesundheitsförderung von älteren Drogenabhängigen im Rhein-Main-Gebiet (Susann Hößelbarth, Heino Stöver)
  6. Opiatabhängigkeit im Alter – Ergebnisse einer Hamburger Studie (Heike Zurhold)
  7. Unsere alternde Klientel – Herausforderungen für die niedrigschwellige Arbeit (Gabi Becker)
  8. Versorgungsstrukturen am Beispiel Frankfurt am Main (Daniela Jamin, Christina Padberg)
  9. Stärkenbasiertes Case Management in der Arbeit mit drogenkonsumierenden Männern und Frauen ab 45 Jahren (Ines Arendt, Klaudia Follmann-Muth, Martin Schmid, Irmgard Vogt)
  10. Netzwerk 40+ und Ambulante Versorgung: Erfahrungen im Zusammenhang mit Vernetzungs- und Basisarbeit an der Schnittstelle von Sucht- und Altenhilfe – Ein Praxisbericht (Monika Thym, Florian Schäffler, Melanie Eggersh, Klaus Fuhrmann)
  11. Beispiel der Wiedereingliederungshilfe-Angebote für chronifiziert erkrankte (und alternde) Drogenabhängige – Projekt LÜSA Unna (Anabela Dias de Oliveira)
  12. Auch Drogenabhängige werden älter – Integrative Strategien in Wien (Georg Preitler)
  13. Ältere substituierte Suchtkranke in Wien. Eine Bedarfserhebung tagesstrukturierender Angebote unter der Berücksichtigung bio-psycho-sozialer Aspekte (Petra Salava)

Inhalt

1. Zunächst stellt Heino Stöver in seinem einleitenden Beitrag „Voraussetzungen für das Überleben und Älterwerden-Können Opioidabhängiger“ fest, dass die höhere Lebenserwartung dieser Klientel vor allem a) auf Harm-Reduction Angebote wie Überlebenshilfen und b) auf medikamentengestützte Behandlungsoptionen wie Substitutionsprogramme zurückzuführen sei. Aktuell (2016) nehmen deutschlandweit 78.500 PatientInnen eine Substitutionsbehandlung in Anspruch, die höchste Zahl seit Einführung der Programme. Die Erfolge dieser Therapieform ließen sich zweifellos und unumstritten in folgenden Aspekten erkennen:

  • Reduktion des Mortalitätsrisikos,
  • Senkung der Mortalitätsraten,
  • Reduktion von delinquentem Verhalten und
  • Soziale Stabilisierung.

Ein Problem sei allerdings, dass insbesondere in Kleinstädten und auf dem Land in Deutschland die medizinische Versorgung der an Substitutionsprogrammen interessierten Klientel nicht flächendeckend gewährleistet werden kann. Dies sei vor allem auf einen stetig zurückgehenden Anteil substituierender ÄrztInnen zurückzuführen.

Positiv in unserem Zusammenhang sei, dass es seit der Novellierung der Betäubungsmittelverschreibungsverordnung (BtmVV) im März 2017 in Alten- und Pflegeheimen für Fachpersonal möglich ist eine Substitutionsbehandlung unter bestimmten Voraussetzungen weiterzuführen.

Auch die Möglichkeit an einer medikamentengestützten Behandlung in Haft teilnehmen zu können, zeitige viele positive Aspekte. So gibt es Hinweise darauf, dass eine Substitutionsbehandlung bei Inhaftierten delinquentes Verhalten sowie die Partizipation an intramuralen Subkulturen reduziere und die Wahrscheinlichkeit verringere, nach Haftentlassung gegen Bewährungsaufgaben zu verstoßen. Weiterhin ist das Mortalitätsrisiko substituierter Inhaftierte nach Haftentlassung erheblich vermindert (laut einer Studie um bis zu 75 %), sie nehmen häufiger an weiterführenden Drogenbehandlungen teil und verbleiben dort auch länger. Generell weisen Substituierte geringere Rückfallquoten oder eine spätere Rückfälligkeit auf als nicht Substituierte.

Des Weiteren spricht sich Stöver für legale Zugänge zu Opiaten wie Diamorphin für Substitutionspatientinnen und eine Take-Home Vergabe von Naloxon aus. Zwei Drittel der Drogentodesfälle könnten durch eine rechtzeitige Vergabe von Naloxon durch Begleitpersonen verhindert werden. Auch sollte eine professionelle Ausbildung in Drogennotfallprophylaxe für Fachpersonal selbstverständlicher Standard sein. Aber nicht nur Fachpersonal, sondern auch Familienangehörige, PartnerInnen, FreundInnen der DrogenkonsumentInnen sollten in der Applikation von Naloxon geschult sein, um im Ernstfall bei einer Überdosierung mit einer Schwarzmarktdroge reagieren und Leben retten zu können.

2. Im anschließenden zweiten Beitrag betrachtet Irmgard Vogt „Den Konsum von psychoaktiven Substanzen im Lebenslauf“. Generell zeige die Forschung, dass die absolute Mehrheit der Frauen und Männer in Deutschland den Konsum von Alkohol und anderen psychoaktiven Substanzen gut kontrollieren könne. Allerdings existiere eine Gruppe, die meist im jugendlichen Alter zwischen 15 und 25 Jahren, ein problematisches Gebrauchsverhalten aufweise, welches sich dann häufig zu einer „Substanzkonsumstörung“ entwickelt. In den Biographien der Betroffenen wird deutlich, dass sie häufig aus sozial benachteiligten Familien kommen, die mit Problemen wie niedrigem Bildungsstand, Arbeitslosigkeit und Armut konfrontiert seien. Häufig haben die Eltern selbst Alkohol- oder Drogenprobleme oder zeigen psychische Auffälligkeiten. Diese für die Jugendlichen riskanten Bedingungen beeinträchtigen ihre psychosoziale und kognitive Entwicklung häufig gravierend. Allerdings, so Vogt, muss es nicht zwangsläufig zu einem abhängigen Gebrauchsverhalten gegenüber psychoaktiven Substanzen kommen. Vielmehr zeige die Lebenslaufforschung auch, dass einige Männer und Frauen erst im Erwachsenenalter oder als Ältere in den Konsum einsteigen.

Die weiteren im Beitrag angeführten Daten belegen jedoch, dass generell mit zunehmendem Alter der Konsum von alkoholischen Getränken, Tabakwaren und psychoaktiven Substanzen wie Cannabis in der allgemeinen Bevölkerung (stark) abnimmt und damit die gesellschaftliche Erwartung, dass ältere Menschen nicht oder nur moderat konsumieren sollen, erfüllt wird.

3. Mit dem Artikel „Ältere Drogenkonsument*innen in der stationären Versorgung“ fokussiert Katrin Helm die Situation, dass ältere DrogenkonsumentInnen vermehrt ihren Lebensabend in einigen Einrichtungen für Chronisch Mehrfach Abhängige verbringen und damit sowohl konzeptionelle Veränderungen als auch ein erhöhter Pflegebedarf einhergingen, welcher oftmals nur in begrenztem Maße erfüllt werden könne. So bleibe dann häufig nur eine Überleitung in ein traditionelles Alten- und Pflegeheim als letzte Möglichkeit.

Für jeden Menschen stelle der Einzug in ein Alten- oder Pflegeheim ein gravierendes Ereignis da, der mit dem Verlust von persönlicher Selbstständigkeit und Selbstbestimmung verbunden werde. Zusätzlich käme es bei dem Klientel der älteren DrogenkonsumentInnen aufgrund von Altersunterschieden (KonsumentInnen altern somatisch früher) und gesundheitlichen wie biographischen Besonderheiten in einem traditionellen Heim zu Exklusionsprozessen. Die Drogenhilfe sei daher bemüht, diese Versorgungslücke zu schließen. Unter Berücksichtigung der speziellen Herausforderungen, welche das Klientel mit sich bringe, werden erste Altersheime speziell für Drogenabhängige angeboten. Des Weiteren werden von Helm die sozial-psychologischen und gesundheitsversorgenden Bedarfe der BewohnerInnen sowie konzeptionelle und bürokratische Schwierigkeiten dieser Einrichtungen dargestellt und diskutiert.

4. Der Beitrag „Sucht – ein Thema bei alternden Männern?!“ von Daniela Jamin und Christina Padberg basiert auf einer gendersensiblen Betrachtung der Substanzabhängigkeit und konzentriert sich auf die genderspezifischen Herausforderungen in der Suchthilfearbeit mit männlichen Konsumenten. Aufgrund von männlichen Rollenvorstellungen und Stereotypen würden sich gerade männliche Konsumenten im Prozess des Alterns im besonderen Maße von dem Verlust von Status, Körperkraft und Unabhängigkeit beeinträchtigt fühlen. Soziale Isolation und Perspektivlosigkeit verstärken das Gemengelage aus gesundheitlich-medizinischen und psychologischen Beeinträchtigungen und stelle die Drogenhilfe vor besondere Aufgaben. Vorstellbar sei hier ein Ausbau ambulanter Angebote, um die oftmals alleinlebenden Männer besser erreichen zu können.

5. Mit „Lebensweisen und Gesundheitsförderung von älteren Drogenabhängigen im Rhein-Main Gebiet“ veröffentlichen Susann Hößelbart und Heino Stöver die Ergebnisse einer Studie, die im Dezember 2009 bis April 2010 im Rhein Main Gebiet durchgeführt wurde. Die Studie erhob Daten hinsichtlich des Konsumverhaltens älterer DrogengebraucherInnen sowie ihrer Lebenslage und gesundheitlichen Situation. Ziel war es die Bedarfslage der älteren DrogengebraucherInnen zu erfragen. Welche Hilfe wird aus Sicht der KonsumentInnen gewünscht, welche Unterstützung gebraucht und was sollte dabei beachtet werden.

Nach Stöver und Hößelbart ließ sich unter Anderem feststellen, welch wesentliche Bedeutung die Substitutionsbehandlung bei älteren DrogenkonsumentInnen hat und zwar zum einen als medizinische (langfristige und kontinuierliche) Behandlung, aber vor allem auch in Form der angeschlossenen psychosozialen Hilfen und der den substituierten KonsumentenInnen zuteilwerdenden Unterstützung durch die SozialarbeiterInnen.

Des Weiteren wurde deutlich, welch hohen Stellenwert tagesstrukturierende Angebote und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für die älteren DrogengebraucherInnen einnehmen und dass sie sich vermehrt drogenfreie Treffpunkte wünschen.

So wie auch in der Allgemeinbevölkerung nimmt die Sorge um die eigene Gesundheit auch bei den KonsumentInnen mit zunehmenden Alter deutlich zu und es werden weniger Risiken eingegangen als in jungen Jahren. Auch wurde wie schon im vorhergehenden Beitrag deutlich, dass – neben altershomogenen – auch geschlechtsspezifische Angebote nötig seien, um sich mit gendersensibelen Themen adäquat auseinandersetzen zu können.

Des Weiteren zeigen die Ergebnisse, dass verschiedene, analog der psychischen wie somatischen Anforderungen und Bedürfnisse, betreute Wohn- und Pflegeangebote für alternde DrogenkonsumentInnen von entscheidender Bedeutung seien und hier ein größeres Angebot geschaffen werden sollte, um den Bedarfen gerecht zu werden.

6. Heike Zurhold stellt in ihrem Beitrag die Ergebnisse einer Hamburger Studie zur „Opiatabhängigkeit im Alter“ vor, in der Drogenkonsumierende ab 45 Jahren zu ihren gesundheitlichen und sozialen Lebenslagen und ihrer Inanspruchnahme von Versorgungsangeboten befragt und diese mit den Antworten von jüngeren KonsumentInnen (45 und jünger) verglichen wurden. Zudem wurden auch leitfadengestützte Interviews mit MitarbeiterInnen aus der Sucht- und Altenhilfe hinsichtlich der Versorgungs- und Bedarfslage älterer DrogengebraucherInnen durchgeführt.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich spezifische Problemlagen für die meisten DrogenkonsumentInnen im Alter zuspitzen. Ältere GebraucherInnen sind vermehrt von psychischen Problemen, chronischen somatischen Erkrankungen und Einschränkungen in der Mobilität betroffen und weisen einen problematischeren Alkoholkonsum als jüngere KonsumentInnen auf. Zudem setzen sich die Älteren mit Sinnfindungsfragen und ihrer Lebensbilanz auseinander und leiden unter sozialer Isolation, Mangel an Beschäftigung, Armut und Perspektivlosigkeit. Dabei bedingen und verschärfen sich die einzelnen Sorgen und Missstände untereinander: Durch Beschäftigungsmangel verschärft sich die erlebte Isolation. Arbeitslosigkeit und ungeklärte Rentenansprüche erschweren die ohnehin schon prekäre finanzielle Situation der Befragten.

Aufgrund der Substitution, der Beratungs- und Versorgungsangebote (Essen, Freizeit) sind die älteren DrogenkonsumentInnen stark an die ambulante Drogenhilfe angebunden. Weisen sie allerdings einen erhöhten Pflegebedarf auf, sind die Drogenhilfeeinrichtungen oft überfordert, da ihnen entsprechende Kompetenzen in der altersgerechten Pflege fehlen. Daher wünschten sich auch die befragten Fachkräfte aus der Drogenhilfe spezifische Schulungen hinsichtlich geriatrischem Fachwissen, Pflegebedürftigkeit, Krankenpflege, Behinderung und zu neurologischen und psychischen Auffälligkeiten.

Hingegen fehlten den ambulanten Pflegediensten, den stationären Pflegeheimen und anderen Institutionen der Altenhilfe Erfahrungen mit den Lebenslagen der drogengebrauchenden Menschen. Insbesondere sei hier ein Mangel an Kompetenzen im Umgang mit Drogenkonsum, Gefängnisaufenthalten und Infektionserkrankungen wie HIV und HCV zu beklagen. Hier gelte es also in Zukunft, dass die Problemlagen der Drogengebrauchenden in der Ausbildung von Pflegekräften Berücksichtigung fänden.

Um die Versorgung älterer DrogengebraucherInnen zu gewährleisten, sei es unabdingbar, dass zukünftig die verschiedenen Hilfesysteme zusammen kooperierten und ihre Angebote aufeinander abstimmten.

7. Dass sich die Drogenhilfeeinrichtungen dringend mit den Herausforderungen des Alterns drogenkonsumierender Menschen beschäftigen müssen, betont auch Gaby Becker in ihrem illustrativen Beitrag „Unsere alternde Klientel – Herausforderungen für die niedrigschwellige Arbeit“. Nach einer Auflistung und Vorstellung der Einrichtungen der integrativen Drogenhilfe (IDH) in Frankfurt, die ein vielfältiges Angebot und differenziertes Versorgungssystem der niedrigschwelligen Drogenhilfe gewährleisten und erfolgreich im sozialen System der Stadt verankert seien, widmet sich die Autorin den spezifischen Anforderungen an die Drogenhilfe durch ihr immer älter werdendes Klientel.

Vor dem Hintergrund, dass ein Großteil der Hilfesuchenden aufgrund ihrer langjährigen chronischen Drogenabhängigkeit vorzeitig gealtert ist und sich somit bereits mit Mitte 40 körperlich im „SeniorInnenalter“ befindet, gelte es realistische und angemessene Versorgungsangebote vorzuhalten. So sei beispielsweise zu fragen, ob die aktuellen arbeitsmarktpolitischen Instrumente, die in der Regel eine Vollzeiterwerbstätigkeit im ersten Arbeitsmarkt anstreben, sinnvoll und angemessen für die älteren Drogenkonsumierenden seien. Es könne davon ausgegangen werden, dass die wenigsten dieses Ziel erreichen, aber die allermeisten sich trotzdem Beschäftigungsangebote wünschen, um ihren Alltag zu strukturieren und ihrer Isolation entgegen zu steuern. Hier sollten die lokalen und bundesweiten Kostenträger dazu angehalten werden, ausreichend tagesstrukturierende Beschäftigungsmöglichkeiten für langzeitarbeitslose DrogenkonsumentInnen anzubieten.

Auch bestehe ein hoher Bedarf nach persönlichen Beziehungen bei den älteren Drogenkonsumierenden. Dies belege der große Erfolg des Projektes „Buddy Care“ – Ehrenamtliche treffen sich einmal wöchentlich für 4 Stunden mit einem Drogenkonsumenten für eine gemeinsame Unternehmung – das seit 2010 überwiegend von den Älteren genutzt würde. Die Nachfrage auf Seiten der Ehrenamtlichen wie der DrogenkonsumentInnen sei so hoch, dass die vorhandenen Ressourcen nicht ausreichen würden.

Zudem wurde in der Kooperation mit ambulanten Pflegediensten deutlich, dass oftmals die für eine Zusammenarbeit notwendige akzeptierende Grundhaltung gegenüber den Drogenkonsumierenden fehle, was dann zu einer Beendigung der Dienstleistungen des Pflegedienstes von Seiten der Drogenhilfeeinrichtung geführt habe.

Immerhin aber konnten mittlerweile einige beikonsumfreie Substituierte in Frankfurter Altenhilfeeinrichtungen untergebracht werden. Von Seiten der Drogenhilfe wird hierbei der Kontakt zu den KlientInnen und den MitarbeiterInnen der Altenhilfe gehalten und Unterstützung angeboten.

Schwieriger sei es, eine angemessene medizinische Versorgung für die älteren DrogenkonsumentInnen zu organisieren, da sich keiner so recht zuständig fühle. Für die Gerontopsychologen und Gerontologen sei das Klientel zu jung, für die Suchtmediziner zu multimorbid krank. So hätten viele weder einen Hausarzt noch eine Zahnärztin und gingen nur selten regelmäßig zu einem Mediziner.

Zusammenfassend wird festgehalten, dass die derzeitigen Angebote in Frankfurt nicht ausreichen, um die sich veränderten Bedarfe abzudecken. Angebote müssten angepasst bzw. neu entwickelt und eine solide regionale Vernetzung von Suchthilfe, Medizin und Altenhilfe institutionalisiert werden.

8. Eine allgemeine Darstellung der „Versorgungstrukturen am Beispiel Frankfurt am Main“ folgt sodann mit dem gleichnamigen Beitrag von Daniela Jamin und Christina Padberg.

Ihre Untersuchung hatte das Anliegen, eine Bestandsaufnahme der Versorgungsangebote der Drogen- und Altenhilfeeinrichtungen für alternde KonsumenInnen legalisierter und illegalisierter Drogen zu erstellen und fragte dabei ebenso nach Schnittstellen und Kooperationen beider Hilfesysteme und zukünftigen Entwicklungen.

Als Ergebnis kann hier festgehalten werden, dass die momentane Zusammenarbeit von Drogen- und Altenhilfe eher rudimentär sei und entsprechende Netzwerke noch ausgebaut werden müssten. Kooperationen im individuellen Einzelfall kämen aber zustande.

Seien legalisierte Drogen wie Alkohol in stationären Altenheimen sehr oft toleriert, fehle es jedoch an Akzeptanz gegenüber dem Konsum illegalisierter Drogen und damit auch an der Bereitschaft (substituierte) KonsumentInnen illegalisierter Drogen aufzunehmen. Im Gegensatz zu der Drogenhilfe schätzten die befragten MitarbeiterInnen der Altenhilfe momentan den Bedarf an Versorgungsplätzen für ältere Substanzabhängige auch noch eher als gering ein, räumten aber ein, dass sich dies zukünftig ändern könne.

Eine weitere Öffnung und Sensibilisierung der Altenhilfe gegenüber älteren DrogenkonsumentInnen sei unabdingbar, um diesem Klientel ein selbstbestimmtes Altern zu ermöglichen. Weiterbildungsangebote für die MitarbeiterInnen in Drogen- wie Altenhilfe seien notwendig. Zudem müssten rechtliche und finanzielle Regelungen den Bedarfen angepasst werden und eine strukturelle Änderung in den Frankfurter Einrichtungen erfolgen, damit eine kombinierte Finanzierung aus Pflege und Wiedereingliederungshilfe ermöglicht werden könne.

9. Wie konkrete Unterstützungsleistungen im individuellen Fall erschlossen, nutzbar und koordiniert werden könnten, wird im Beitrag „Stärkenbasiertes Case Management in der Arbeit mit drogenkonsumierenden Männern und Frauen ab 45 Jahren“ näher erläutert.

Im Einzelfall sei es also durchaus effizient möglich den Klienten dabei zu unterstützen, die ihm zustehenden und möglichen Leistungen aus verschiedenen Hilfesystemen und Institutionen zu erhalten. Im Case Management, das im Wesentlichen auf den Prinzipien der Motivierenden Gesprächsführung basiert, aber zudem – neben dem üblichen, oft als zu hochschwellig kritisierten Hilfeplan – einen auf kurzfristig zu erreichende Ziele ausgerichteten Aktionsplan beinhaltet, werden nicht nur die individuellen Stärken und Ressourcen des Klienten bei der Hilfeplanung berücksichtigt, sondern alle Schritte an seiner persönlichen Perspektive ausgerichtet.

Erste Erfahrungen mit dem Case Management für ältere Drogenabhängige liegen vor und werden vorgestellt und erörtert.

10. Wie ein städtisches Hilfe-Netzwerk zur Unterstützung der alternden DrogenkonsumentInnen konkret aussehen kann, wird anschaulich von Monica Thym und ihren MitarbeiterInnen im Beitrag „Netzwerk 40+ und Ambulante Versorgung: Erfahrungen im Zusammenhang mit Vernetzungs- und Basisarbeit an der Schnittstelle von Sucht und Altenhilfe – Ein Praxisbericht“ am Beispiel der Münchener Situation dargestellt.

Das Netzwerk 40+ ist dabei als ein Modellprojekt zu verstehen, welches trägerübergreifend in den Städten München, Augsburg und Nürnberg erprobt wurde und zunächst auf eine Laufzeit von 2 Jahre beschränkt war. Der Leitgedanke des Projektes war eine Optimierung der Versorgungskette durch die Schaffung eines interdisziplinären Netzwerkes, in dem die Akteure unterschiedlicher Hilfssysteme ihr Wissen teilen und Kooperationen möglich werden, d.h. die Strukturen der Versorgung sollen auf der Ebene institutioneller Zusammenarbeit verbessert werden.

Resümierend halten die AutorInnen fest, dass aus Projektperspektive zum einen konstatiert werden kann, dass ein komplexes soziales Hilfesystem mit vernetzten Hilfsangeboten existiere, aber insbesondere im stationären Bereich auf ihre Grenzen stoße und entsprechend ausgebaut werden müsse. Menschen mit einem komplexen Hilfebedarf können oft nur unter intensiven Mühen und über Umwege in eine Versorgungseinrichtung vermittelt werden.

Um den besonderen Bedarfen und Wünschen älterer und pflegebedürftiger DrogenkonsumentInnen gerecht werden zu können, brauche es neue, passgenaue Angebote und speziell geschultes Personal, die als verbindliche AnsprechpartnerInnen für alle Beteiligten im Hilfeprozess zur Verfügung stehen können. Es gelte darauf hinzuwirken, dass sich spezialisierte wie traditionelle Hilfestrukturen für dieses Klientel öffnen und sie einen Zugang zu langfristigen Wohn- und Lebensbereichen erhalten, die ein Altern in Würde und Selbstbestimmung ermöglichen.

11. Wie so eine Dauerwohneinrichtung für ältere, pflegebedürftige und chronisch behinderte DrogenkonsumentInnen aussehen kann, wird unter vielen anderem in dem sehr interessanten und anschaulichen Beitrag von Anabela Dias di Oliveira deutlich. In ihrem „Beispiel der Wiedereingliederungshilfe-Angebote für chronifiziert erkrankte (und alternde) Drogenabhängige – Projekt LÜSA Unna“ werden neben diversen tagesstrukturierenden Angeboten und den verschiedenen Wohnhilfen – wie betreutem Einzelwohnen im vereinseigenem Haupthaus, einer Außenwohngruppe, dem stationärem dezentralem Einzelwohnen und dem ambulant betreutem Wohnen – auch die Dauerwohneinrichtung (DAWO) vorgestellt.

Zielgruppe sind hier DrogenkonsumenInnen mit hoher Entwurzelung und einem weitgehenden Verlust ihrer Steuerungsfähigkeit, die nicht mehr selbstständig leben können und auf umfangreiche Hilfen angewiesen sind. Hier sei ein innovatives Spezialangebot notwendig, in dem sich das Wissen und die Erfahrungen aus niedrigschwelliger auf Wiedereingliederung fokussierter Suchthilfearbeit und aus der Altenhilfe bündeln und ergänzen. Es wird betont, dass die Versorgung alternder mehrfach geschädigter DrogenkonsumentInnen im Pflichtversorgungssystem aus vielfältigen Gründen sehr schwierig sei und daher spezialisierte Hilfen angeboten werden müssen.

Nach 2 Jahren Erfahrungen in der DAWO Arbeit und der umfangreichen Pflege der BewohnerInnen bis hin zur Sterbebegleitung seien grundlegende Fragen und Probleme in den Übergängen zwischen stationärer Wiedereingliederung und Pflege – wie z.B. die Finanzierung von Pflegeleistungen in stationären Wohneinrichtungen der Wiedereingliederungshilfe, der Bedarf an intensivmedizinischen Behandlungen, die mangelnde Compliance des Klientel sowie die Einbindung von ambulanten Palliativ- und Hospizdiensten – noch zu lösen.

Insgesamt haben in den vergangenen Jahren über 400 Menschen in den verschiedenen Wohnprojekten von LÜSA gelebt. Diese DrogenkonsumentInnen, so hält Dias de Oliveira abschließend fest, bekamen die Möglichkeit, in einer selbstbestimmten Wohnform in Würde zu leben, ihren Platz zu finden, in einer vertrauten Umgebung zu altern und begleitet würdevoll zu sterben.

12. Schließlich werden im vorletzten Beitrag „Auch Drogenabhängige werden älter – Integrative Strategien in Wien“ von Georg Preitler sehr strukturiert und detailliert die best practise Erfahrungen der Wiener Suchthilfe und Sozialarbeit in der Betreuung und Versorgung der älteren DrogenkonsumentInnen dargestellt.

In der Drogen- und Suchtpolitik der Stadt Wien verfolge man einen integrativen Ansatz und ermögliche den KonsumentInnen einen bestmöglichen Zugang zu bestehenden Angeboten des allgemeinen Gesundheits- und Sozialsystems. Auch hier wird betont, dass die Betreuung und Versorgung der älteren KonsumentInnen eine koordinierte Zusammenarbeit der zuständigen Institutionen und Einrichtungen des Gesundheit- und Sozialwesens erfordere und auf zentralen Bausteinen wie Wissenstransfer und konkreten praxisorientierten Leitlinien basiere, um die Versorgungssicherheit des Klientel zu gewährleisten.

Resümierend wird festgehalten, dass in Wien heute die überwiegende Mehrheit der älteren DrogengebraucherInnen mit Pflegebedarf in den vorhandenen Angeboten gut versorgt und betreut werden können. Die MitarbeiterInnen in diesen Einrichtungen erhalten regelmäßige Fort- und Weiterbildungen sowie eine unterstützende fachliche Beratung. So konnte in Wien in den letzten Jahren die Versorgung und Integration von DrogenkonsumentInnen und Substituierten in bereits bestehenden Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialsystems entscheidend vereinfacht werden.

13. Last but not least befasst sich Petra Salava in ihrem Artikel „Ältere substituierte Suchtkranke in Wien. Eine Bedarfserhebung tagesstrukturierender Angebote unter der Berücksichtigung bio-psycho-sozialer Aspekte“ mit der Frage, welche Auswirkungen eine vorhandene oder fehlende Tagesstruktur auf das biologische wie psychische Befinden älterer DrogenkonsumentInnen und deren soziale Eingebundenheit hat.

So trüge nach den Ergebnissen von Salava eine gelungene Tagesstrukturierung dazu bei, dass sich die Befragten psychisch gesünder, optimistischer und sozial integrierter fühlten. Auch hätten älter werdende substituierte DrogenkonsumentInnen mit einem geregelten Tagesablauf eher Hobbys und übten regelmäßiger sportliche Aktivitäten aus.

Es wird deutlich, dass sich die in ihrer Untersuchung Befragten nicht unbedingt speziell auf sie als ältere DrogenkonsumentInnen zugeschnittene tagesstrukturierende Angebote wünschten, sondern sich eher für allgemein zugängliche Freizeitangebote der Stadt Wien interessierten. Outdoor Aktivitäten, Kino – und Theaterbesuche, Gespräche beim Kaffee, aber auch das Interesse an PC-, Internet- und Sprachkursen und kreativen Angeboten bis hin zu ehrenamtlichen Tätigkeiten wie Tierbetreuung wurden beispielsweise häufig genannt.

Fazit

Das Thema „Ältere Drogenabhängige. Versorgung und Bedarfe“ wird umfassend behandelt. Die einzelnen Beiträge sind in ihrer Reihenfolge konsistent, bauen inhaltlich gut aufeinander auf, sind von den AutorInnen verständlich konzipiert und liefern sowohl interessante Forschungsergebnisse wie einen guten und abwechslungsreichen Überblick über die aktuelle Situation in der Praxis.

Allerdings kommt es inhaltlich des Öfteren zu Wiederholungen der Sachlage und Redundanzen, die zumindest teilweise durch eine etwas umfassendere Einführung in das Thema von Seiten der HerausgeberInnen und eine entsprechend anschließende sorgfältigere Redaktion hätten vermieden werden können.

Dies mindert aber nicht die Prägnanz der einzelnen Beiträge, die sicherlich den MitarbeiterInnen in der Sucht- und Altenhilfe sowie politischen Entscheidungsträgern wichtige Anregungen und Impulse geben können.


Rezensentin
Dr. Birgitta Kolte
Sozialwissenschaftlerin, ehem. Mitarbeiterin des Bremer Instituts für Drogenforschung (BISDRO) der Universität Bremen
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Zitiervorschlag
Birgitta Kolte. Rezension vom 28.06.2018 zu: Heino Stöver, Daniela Jamin, Christina Padberg (Hrsg.): Ältere Drogenabhängige. Versorgung und Bedarfe. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2017. ISBN 978-3-943787-04-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23255.php, Datum des Zugriffs 19.09.2018.


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