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Sabine Hering, Harald Lordick u.a. (Hrsg.): Jüdische Jugendbewegung und soziale Praxis

Cover Sabine Hering, Harald Lordick, Gerd Stecklina (Hrsg.): Jüdische Jugendbewegung und soziale Praxis. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2017. 358 Seiten. ISBN 978-3-943787-77-1. D: 25,00 EUR, A: 25,80 EUR.

Arbeitskreis Geschichte der jüdischen Wohlfahrt in Deutschland, 6.
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Herausgeber_innen

  • Sabine Hering: Prof. Dr. i.R., Professur für Sozialpädagogik, Gender und Wohlfahrtsgeschichte an der Universität Siegen.
  • Harald Lordick: Diplom-Sozialwissenschaftler, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Salomon Ludwig Steinheim Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen
  • Gerd Stecklina: Prof. Dr. phil., Professur für Theorie und Geschichte der Sozialen Arbeit an der Hochschule München

Entstehungshintergrund

Vom 6. bis 7. November 2015 fand im Rabbinerhaus an der Alten Synagoge Essen die Tagung „Jüdische Wohlfahrt und jüdische Jugendbewegung“ statt, veranstaltet vom Arbeitskreis jüdische Wohlfahrt und dem Salomon Ludwig Steinheim Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen. Aufgrund des großen Interesses an der Themenstellung haben sich die Herausgeber_innen entschlossen, die Beiträge der Tagung zu veröffentlichen, ergänzt um Vorträge eines Treffens des Arbeitskreises „Geschichte jüdischer Jugendfürsorge“ in Frankfurt am Main 2014. Die Publikation des Bandes wurde durch die Stiftung Dokumentation der Jugendbewegung und den Fachhochschulverlag in Frankfurt am Main ermöglicht.

Aufbau und Inhalt

Die Veröffentlichung enthält 16 Beiträge und eine erste Orientierung leistende Einleitung von Sabine Hering: „‚Wir wollen die Seele‘ – Das Verhältnis von jüdischer Wohlfahrt und Jugendbewegung“. Sie vermittelt die Faszination, die das Lesen der ‚alten‘ Texte aus den 1920er und 30er Jahren zu Fragen des Gegensatzes und des Zusammenhangs von jüdischer Jugendbewegung und Sozialer Arbeit bei ihr ausgelöst hat. Um die Aussagekraft und Aktualität ausgewählter Texte von Dr. Hilde Landenberger (1908-1958), Dr. Georg Lubinski (1902-1969) und Dr. Hilde Ottenheimer (1896-1942) deutlich zu machen und um an diese weitgehend in Vergessenheit geratenen Autor_innen zu erinnern und sie zu würdigen, hat Sabine Hering sehr anschauliche Zitate ausgewählt. Beispielsweise schreibt die Soziologin Hilde Ottenheimer 1925, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden: „Zwischen der Jugendbewegung und der sozialen Arbeit scheint bei theoretischer Betrachtung ein Gegensatz zu bestehen. Wenn man nämlich die Jugendbewegung auffasst als eine Emanzipationsbewegung, die entstanden ist, um das Leben aus eigener Bestimmung zu entfalten, wenn sie also als Reaktion gegen jede von außen gesetzte Autorität. aufzufassen ist, so muss man logischer Weise folgern, dass sie die Kultur, sowohl die deutsche als jüdische in ihrer gegenwärtigen Form ablehnt.. Im Gegensatz dazu ist das Ziel der sozialen Arbeit, die Schäden, die die bestehende Kultur erlitten hat, zu heilen und eine Gesundung des geschädigten Volkskörpers herbeizuführen“ (Ottenheimer 1925, S. 29, zitiert nach Hering, S. 11). Noch zugespitzter wird der Gegensatz von Jugendbewegung und Sozialer Arbeit von dem Juristen Georg Lubinski 1926 auf den Punkt gebracht: „Jugendbewegung ist Revolution, soziale Arbeit ist Flickwerk, Jugendbewegung ist Freiheit, soziale Arbeit sind Akten und Bürokratie!“ (Lubinski 1926, S. 35, zitiert nach Hering, S. 11). Sabine Hering macht im Folgenden aber auch deutlich, dass und wie Brücken zwischen den verschiedenen Organisationen und Bünden der Jugendbewegung und der Sozialen Arbeit geschlagen wurden. Zudem stellt sie die sich wandelnde und wachsende Bedeutung der jüdischen Jugendbewegung ab 1933 unter der Herrschaft des Nationalsozialismus heraus und sie vermittelt einen Überblick über die Themen der Beiträge der Publikation. Zwei Beiträge (Knut Bergbauer und Franz Michael Konrad) thematisieren ausdrücklich die Debatten um das Verhältnis von jüdischer Jugendbewegung und Wohlfahrtspflege. In vier biografischen Skizzen wird nachgezeichnet, wie sich die Frauen und Männer aus der Jugendbewegung den aktuellen sozialen und politischen Herausforderungen gestellt haben: Alfred Apfel (Jan Gehlsen), Max Bondy (Manfred Kappeler), Moses Calvary (Manja Herrmann) und Hanni Ullmann (Dagmar Bluthardt). In verschiedenen Beiträgen werden Beispiele der Sozialen Arbeit vorgestellt: Siegfried Lehmann und das jüdische Volksheim im Berliner Scheunenviertel (Beate Lehmann), die jüdische Jugendfürsorge am Beispiel des israelitischen Waisenhauses in Fürth (Claudia Prestel), jüdische Jugendheime und das Haus der jüdischen Jugend in Essen (Harald Lordick), Kinderheime für jüdische Kinder und Jugendliche in Polen (Anna Szyba).

Im dem Beitrag „Enge Verwandtschaft?“ rekonstruiert Knut Bergbauer das Verhältnis von jüdischer Wohlfahrt und jüdischer Jugendbewegung anhand zahlreicher Beispiele. Dabei fragt er zu Beginn des Artikels nach dem, was die Jugendbewegung ausgemacht hat. Hier ging es wie in allen Jugendbewegungen und -bünden um die Gemeinschaft, die Fahrt, das Erlebnis und das Prinzip der Selbstorganisation „Jugend erzieht Jugend“. Erst danach kamen Fragen des Zionismus und der Religion. Knut Bergbauer beschreibt den Weg einzelner, die sich nach ihrer Zeit in der jüdischen Jugendbewegung für die Ausbildung und Berufspraxis der Sozialen Arbeit entschieden. Er skizziert welche Angebote von Jugendlichen und jungen Erwachsenen für Kinder und Jugendliche entwickelt wurden, wie beispielsweise Jugendberatungsstellen in Berlin, Hamburg, Leipzig, Breslau und Mannheim. Jugendliche des „Jüdischen Jugendrings“ in Leipzig übernahmen zahlreiche Aufgaben, wie die Unterstützung straffällig gewordener Jugendlicher und von Kindern, die in „schlechten Milieuverhältnissen“ lebten, sie halfen in Heimen und Horten und gaben Nachhilfeunterricht für „bedürftige Kinder“. Das Verhältnis der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden zur Jugendbewegung in den 1920er und 30er Jahren wird ausführlich thematisiert. Die Bilanz lautet, dass Soziale Arbeit im klassischen Sinn in der jüdischen Jugendbewegung in Deutschland keine bedeutende Rolle gespielt hat. Hierzu die Einschätzung Georg Lubinski in einem 1937 erschienen Beitrag „Die Tätigkeit des Reichsausschusses der jüdischen Jugendverbände“: „Aber so seltsam, so zahlreich auch die Verpflichtung der Jugendbewegung zur Leistung sozialer Arbeit waren, so tief zweifellos die Verbindung zwischen den besten Inhalten der Wohlfahrtspflege und Jugendbewegung ist, zu einer wirklichen Anteilnahme von Jugendlichen an der Sozialarbeit ist es nur in beschränktem Umfange gekommen“ (Lubinski 1937, S. 82 f.).

Dagmar Bluthardt stellt unter dem Titel „‚Was immer gleich geblieben ist, ist die Liebe zum Kind‘ – die jüdische Pädagogin Hanni Ullmann und die Idee der familienähnlichen Heimerziehung“ die beeindruckende Lebensgeschichte und das Werk Hanni Ullmanns (1908-2002) vor. Diese trat als Jugendliche der zionistischen Jugendgruppe „Blau-Weiß“ und grenzte sich von der bürgerlich-akademischen Welt ihrer Eltern ab, in dem sie sich für die Verbindung von Sozialismus und Zionismus engagierte. Nach ihrer Tätigkeit im jüdischen Kinder- und Jugendheim „Ahawah“ (1926-1929) wanderte sie nach Palästina aus und engagierte sich in der Neugründung von Kinder- und Jugendeinrichtungen. Das Kinderheim „Neve Hanna“ existiert noch heute – mit einem jüdisch-muslimischen Tageshort, der nach ihrem Tod auf Wunsch Hanni Ullmanns errichtet wurde, in dem jüdische und arabische Erzieher_innen die Kinder gemeinsam betreuen.

Jan Gehlsen schildert eindrücklich seine Recherchen und seine Anteilnahme am Leben des Juristen Dr. Alfred Apfel, dessen 1934 in Paris auf Französisch und 1935 in London auf Englisch erschienenen Werks „Hinter den Kulissen der deutschen Justiz – Erinnerungen eines deutschen Rechtsanwalts 1882-1933“ er gemeinsam mit seiner Frau ins Deutsche übersetzt und herausgegeben hat. Apfels Engagement in der jüdischen Jugendbewegung ist in dieser Veröffentlichung kein Thema, Gehlsen erfährt erst kurz vor Drucklegung davon und recherchiert. Als Referendar gründet Apfel 1906 in Köln den „Jüdischen Jugendverein Gabriel Riesser“. Als Rechtsanwalt hat sich Apfel in politischen Strafsachen engagiert und er hat in der Weltbühne publiziert. Mandanten und Freunde von ihm sind Carl von Ossietzky, Egon Erwin Kisch, Johannes R. Becher, Lion Feuchtwanger, George Grosz und viele mehr. 1933 flieht Alfred Apfel nach Paris, er stirbt 1941 in Marseille als er auf die Dokumente zur Ausreise in die USA wartet, kurz vor seinem 50. Geburtstag.

Die soziale Praxis gemeinwesenbezogener Arbeit wird in den Beiträgen über das jüdische Volksheim im Berliner Scheunenviertel und das Haus der jüdischen Jugend in Essen deutlich. In Essen wurde von dem Architekten Erich Mendelsohn ein Gebäude für ein Jugendheim konzipiert und realisiert. Das Gebäude beinhaltete Vortragssäle, einen Musik- und einen Speisesaal, eine Turnhalle, Arbeits- und Wirtschaftsräume, eine Bücher und einzelne Räume für die Jugendbünde. Die Eröffnung fand Ende 1932 statt, im Juni 1933 wurde das Jugendheim der jüdischen Gemeinde entzogen. Die Hitlerjugend besetzt und nutzt das Gebäude und plündert es nach 15 Monaten vollständig. Danach dient das Jugendheim der jüdischen Gemeinde als Zufluchtsort und Raum für vielfältige Aktivitäten und Angebote bis das Gebäude in der Pogromnacht am 9. November 1938 in Brand gesetzt und zerstört wurde.

In mehreren Beiträgen wird die Vorbereitung der Auswanderung unter NS-Herrschaft rekonstruiert. Dabei geht es häufig um die „Hachscharah“. Dieser Begriff verweist auf die zionistische Ausprägung der Auswanderungsprogramme, „die explizit auf die Emigration nach Erez Israel abzielten und einer im 19. Jahrhundert erstarkten, religiös geprägten zionistisch geprägten Bewegung entstammten. ‚Hachscharah‘ umschreibt die Rückbesinnung auf Religion und Tradition, das Wiederentdecken der jüdischen Identität, gepaart mit handwerklichen und landwirtschaftlichen Fertigkeiten“ (Buser S. 294). Verena Buser beschreibt in ihrem Beitrag „Hachscharah unter NS-Herrschaft. Jugendfürsorge und Auswanderungsvorbereitung“ die Gründungen, Orte und Bedeutung der „Hachscharah“.

Fazit

Die Veröffentlichung leistet einen wichtigen Beitrag zur jüdisch-deutschen Geschichte der Sozialen Arbeit im Kontext der Jugendbewegung. Die vergessenen und verdrängten Aktivitäten engagierter Persönlichkeiten in sozialen Bewegungen werden gewürdigt und mit großer Lebendigkeit und Engagement vorgestellt. Darüber hinaus wird die Vielfalt jüdischer Organisationen und Jugendbewegungen sowie der Praxis der Jugendfürsorge transparent und gut nachvollziehbar. Für alle, die an der Geschichte der Sozialen Arbeit in Deutschland interessiert sind, ist diese Publikation sehr zu empfehlen.


Rezensentin
Prof. Dr. Gudrun Ehlert
Professorin für Sozialarbeitswissenschaft an der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Mittweida in Rosswein/Sachsen
Homepage www.sw.hs-mittweida.de/professuren/prof-dr-phil-gud ...
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Zitiervorschlag
Gudrun Ehlert. Rezension vom 27.02.2018 zu: Sabine Hering, Harald Lordick, Gerd Stecklina (Hrsg.): Jüdische Jugendbewegung und soziale Praxis. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2017. ISBN 978-3-943787-77-1. Arbeitskreis Geschichte der jüdischen Wohlfahrt in Deutschland, 6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23257.php, Datum des Zugriffs 20.09.2018.


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