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Hanna Eckhardt, Dieter Eckhardt: Meta Quarck-Hammerschlag

Cover Hanna Eckhardt, Dieter Eckhardt: Meta Quarck-Hammerschlag. Ich bin radical bis auf die Knochen. Eine Biographie. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2017. 263 Seiten. ISBN 978-3-943787-73-3. D: 19,50 EUR, A: 20,10 EUR.
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Autorin und Autor

Hanna und Dieter Eckhardt, die Autoren des Buches, sind Mitglieder der Arbeiterwohlfahrts-Geschichtswerkstatt in Frankfurt a.M. Sie erarbeiteten bereits 2015 die vorliegende erste Biographie über die bedeutende Frauenrechtlerin Meta Quarck-Hammerschlag. Die Frankfurter Geschichtswerkstatt konstituierte sich 1999 anlässlich des 80. Geburtstages der AWO, an deren Gründung Meta Quarck-Hammerschlag maßgeblich beteiligt war. Die Geschichtswerkstatt befindet sich im Max und Meta Quark-Haus am Röderbergweg auf dem Gelände des August-Stunz-Zentrums in Frankfurt.

Hanna Eckhardt studierte Germanistik und war als Archivarin tätig. Als freiberuflich tätige Historikerin forschte sie zusammen mit dem Juristen und Ehemann Dieter Eckhardt zur Geschichte der AWO. Dabei wurden die beiden auf Meta Quarck-Hammerschlag aufmerksam. Das Internet verrät, dass die Eckhardts fünf Jahre für das Buch recherchierten und viele Quellen erst erschließen mussten.

Entstehungshintergrund und Absicht

Die Informationen für die Biographie verdanken die Eckhardts ihrem Engagement und einem Zufall. Metas Großnichte war beim Lesen der Zeitung auf die Bemühungen der Eckhardts aufmerksam geworden (vgl. S. 13). Sie gab den Forschern Daten zur Lebensgeschichte von Meta Quarck-Hammerschlag, die als ehrenamtliche Sozialreformerin zwischen 1870 und 1930 in Frankfurt wirkte. Als Aktivistin gründete Meta „das Witwerheim, den Bund für Mutterschutz und die Arbeiterwohlfahrt“. Meta Quarck-Hammerschlag war in der Frauenbewegung aktiv und maßgeblich an der Durchsetzung des Frauenwahlrechts beteiligt. Sie förderte die Ausbildung von Mädchen und setzte sich für gefährdete junge Frauen in der Prostitution ein. Darüber hinaus war sie „die erste Frau im Römer, der erste weibliche Stadtrat, unsere erste Frankfurter Stadträtin“, schreibt der Oberbürgermeister Peter Feldmann in seinem Grußwort (S. 9-10). Das Buch wurde im Fachhochschulverlag – Der Verlag für Angewandte Wissenschaften veröffentlicht.

Aufbau

Der Titel des Buches „Ich bin radical bis auf die Knochen“ greift vermutlich die Zähigkeit, mit der Meta Quarck-Hammerschlag ehrenamtlich soziale Arbeit leistete, auf. Nach dem Grußwort des Oberbürgermeisters und dem des Leiters der Geschichtswerkstatt folgen Vorbemerkungen der Autoren und das Abkürzungsverzeichnis.

Die Lebensgeschichte der Margarete Heinrichs, die zeitlebens Meta genannt wurde, wird in insgesamt 19 Kapiteln nacherzählt. Die Kapitelüberschriften weisen auf wichtige Orte oder soziale Aktivitäten hin, die Metas Leben kennzeichneten. Das Buch enthält darüber hinaus Abbildungsnachweise, ein Literatur- und Quellenverzeichnis, Periodica, Archivadressen und ein Personenregister.

Inhalt

Die Biographie erhellt vor allem das soziale Engagement von Meta Quarck-Hammerschlag, die am 21. Dezember 1864 in ihrem Elternhaus in Frankfurt Höchst, ein Jahr nach der Hochzeit der Eltern, geboren wurde. Die Familie des Vaters war katholisch, die der Mutter evangelisch und Meta wurde freikirchlich getauft. Chrysostomos Wilhelm Heinrichs und Luise Heinrichs bekamen noch drei Töchter. Metas Vater unterhielt eine Gelatinefabrik und lebte mit der Familie großbürgerlich und fortschrittlich. Er gehörte zum Milieu des sozialen Unternehmertums. Mit der Mutter und den Schwestern erlebte Meta, so die Eckhardts, eine glückliche Kindheit (vgl. S. 21). Nach dem Besuch der Schule für Höhere Töchter heiratete Meta am 6. Juni 1885 Dr. phil. Wilhelm Hammerschlag. Er war Chemiker und kam aus einer Limburger Kaufmannsfamilie. Das Paar zog nach Wuppertal Elberfeld, wo am 26. April 1886 ihre Tochter Louise Ernestine geboren wurde. Sie hatte den Rufnamen Liesel. Während des kurzen Aufenthaltes im Rheinland lernte Meta vermutlich das Elberfelder Fürsorgemodell kennen, das als neue dezentrale Form der Armenbetreuung „einen regelrechten Tourismus nach Elberfeld“ auslöste (S. 27). 1887 zog die Familie zurück nach Frankfurt. Am 29. Januar 1889 starb Wilhelm Hammerschlag überraschend an einem Herzinfarkt. Meta war 24 Jahre alt und alleinerziehende Witwe, finanziell jedoch gut abgesichert.

Soziales Engagement im Hauspflegeverein und im Frauenbildungsverein

Die ersten öffentlichen sozialen Aktivitäten von Meta Hammerschlag galten dem Hauspflegeverein, der sich 1892 konstituierte. Ihr Vater wollte die sozialen Verhältnisse der Arbeiter und Arbeiterinnen verbessern und wirkte, zusammen mit seiner Frau, finanziell und tatkräftig mit. Der Verein sollte im Falle einer Erkrankung der Mutter in den Familien der Arbeiterklasse eine Haushaltshilfe schicken, um die Kinder und Ehemänner zu versorgen. Vor allem aber erhielten Mütter im Wochenbett Unterstützung. Die Vermittlung der Hilfe war gut organisiert, und so wurde der Verein über den Deutschen Verein für Armenpflege und Wohltätigkeit [1] auch über die Stadtgrenzen Frankfurts bekannt. Der Hauspflegeverein kooperierte eng mit dem Armenamt der Stadt Frankfurt (vgl. S. 38).

Seit 1894 engagierte sich Meta des Weiteren im Frankfurter Frauenbildungsverein. 1895 wurde sie auch Mitglied im Allgemeinen Deutschen Frauenverein (ADF). Sie setzte sich für das Frauenwahlrecht ein und den Zugang für Mädchen zu akademischer Bildung. Da ihre Tochter das Abitur machen sollte, zog Meta 1899 von Frankfurt nach Karlsruhe in Baden, weil Mädchen dort das Gymnasium besuchen konnten und zum Abitur zugelassen wurden (vgl. S. 49).

Familiäre Kontakte nach Italien und Rückkehr nach Frankfurt

Liesel, ihre Tochter, legte im Sommer 1904 ihre Abiturprüfung ab. Meta unternahm mit ihr mehrere Italienreisen. 1905 studierte Liesel Hammerschlag Philologie und Kunstgeschichte und promovierte, bevor sie in Florenz 1909 den Ingenieur Heinrich Ruberl heiratete. Er war einige Jahre älter als Liesel (vgl. S. 58). Liesel wurde Mutter von drei Söhnen und Meta beschloss, wieder nach Frankfurt zurückzukehren.

Dort hatte ihr Vater, Chrysostomos Wilhelm Heinrichs zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Gründerzeitvilla aus dem Jahr 1860 am Röderbergweg 96 im Frankfurter Ostend erworben. Als Meta 1907 nach Frankfurt zurückkam, wohnte sie anfangs bei ihrer Schwester. Ein Jahr später zog sie zu ihrer Mutter Luise Heinrichs in die Villa am Röderbergweg. Ihr Vater war am 15. Juni 1908 gestorben. Ihre Mutter führte die Fabrik und das soziale Engagement weiter. Sie lebte noch weitere zwanzig Jahre (vgl. S. 75).

Da Meta den Kontakt zum Hauspflegeverein nie abgebrochen hatte, knüpfte sie an ihr soziales Ehrenamt an. Frankfurt war nun eine industrielle Metropole. „Der Anteil an Industriearbeitern betrug 1907 fast 2/3 der arbeitenden Bevölkerung Frankfurts“ (S. 63). Der Frankfurter Metall Unternehmer Wilhelm Merton hatte 1890 ein Institut zur Erforschung und Bekämpfung der Armut gegründet. Auch Merton engagierte sich im Hauspflegeverein, im Frauenseminar und gründete 1892 einen Verlag zur Herausgabe der „Blätter für sociale Praxis“ [2] (vgl. S. 44-45).

Am Ende des ersten Jahrzehntes des 20. Jahrhunderts war der Hauspflegeverein als öffentliche sozialpolitisch erwünschte Einrichtung der Armenpflege anerkannt. Er galt im Bereich der Sozialversicherung als etabliert. Karl Flesch, der Leiter des Armen- und Waisenamtes der Stadt Frankfurt, nutze den Verein, um nun ein Witwerheim zu gründen, das vom Hauspflegeverein mitverwaltet wurde. Dafür engagierte sich Meta nach ihrer Rückkehr nach Frankfurt.

Erste Schritte zur Institutionalisierung von Hilfe und Fortschritte bei den Frauenrechten

Im Witwerheim lebten Männer mit ihren Kindern. Schon bald zeigte sich, dass die Kinder mehr Unterstützung brauchten. Dazu kooperierten die Vereinsmitglieder mit dem Frauenbildungsverein und dem Kindergärtnerinnenseminar. Die ehrenamtliche Hilfe reichte aber bei weitem nicht aus, die Arbeit zu bewältigen. So wurde das Witwerheim von einer Aktienbaugesellschaft übernommen. Meta engagierte sich jetzt als Vorsitzende der Betriebskommission (vgl. S. 72). Während des ersten Weltkrieges betreute der Hauspflegeverein 830 Familien, mit den Kindern zusammengerechnet, etwa 4000 Menschen. Die Leistungen zur Haushaltspflege wurden zu je einem Drittel von den Mietern, durch die Aktienbaugesellschaft und den Hauspflegeverein finanziert. Der Verein war also auf Stiftungsgelder oder Spenden angewiesen und brauchte andere Lösungen zur Organisation. Den Aktivisten gelang es auch, die Stadtverwaltung Frankfurt zu überzeugen, eine Pflegekasse für ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen einzurichten (vgl. S. 75). Außerdem hatten sich bereits 1908 die deutschen Hauspflegevereine zu einem Dachverband zusammengeschlossen, an dem z.B. auch Henriette Fürth als Sozialreformerin mitwirkte. Die Vereine brauchten selbst neue Verwaltungs- und Kommunikationsstrukturen.

1899 war in Berlin vom linken Flügel der bürgerlichen Frauen der „Verband Fortschrittlicher Frauenvereine“ gegründet worden. 1907 fand die vierte Versammlung des Verbandes in Frankfurt statt, an der Meta teilnahm. Es ging um die Gleichbehandlung von Frauen im Beruf und in der Öffentlichkeit. Meta wurde in den Vorstand des Bundes der Deutschen Frauenvereine (BDF) gewählt. Sie kämpfte für das Frauenwahlrecht und wollte Arbeiterinnen überzeugen, sowie die Armen- und Waisenpflege institutionell voranbringen (vgl. S. 80). Seit 1908 durften sich Frauen parteipolitisch organisieren. Das Frauen diskriminierende preußische Vereins- und Versammlungsrecht, das die Beteiligung von Frauen in politischen Vereinen ausschloss, war endlich abgeschafft. Einige Frauenorganisationen schlossen sich sofort der SPD an.

Abolitionismus und Gründung des Bundes für Mutterschutz

Meta Hammerschlag unterstützte auch die Abolitionistische Bewegung [3]. Die doppelte Moral der Gesellschaft sollte hinterfragt und Kinder in den Schulen sexuell-sittlich aufgeklärt werden, war ihre Meinung. Als sich 1905 der Bund für Mutterschutz gegründet hatte, engagierte sich Meta in der Frankfurter Ortsgruppe. Den Frauen ging es um die Anerkennung der freien Ehe und der Erleichterung von Ehescheidungen, die freie Ausübung von Sexualität für beide Geschlechter und die Gleichstellung von unehelichen und ehelichen Kindern (vgl. S. 97). 1908 war Meta Vorsitzende des Verbandes Fortschrittlicher Frauenvereine. Dort setzte sie sich für die Straffreiheit der Abtreibung ein. Der Bund für Mutterschutz organisierte für Frauen eine Auskunftsstelle für Schwangere und unterhielt eine Wohnung, in der Frauen vor häuslicher Gewalt in der Ehe geschützt werden konnten (vgl. S. 109).

1911 trat Meta Hammerschlag in die SPD ein. Zuvor war sie von der Stadtverordnetenversammlung für drei Jahre zum Mitglied des Waisen- und Armenamtes gewählt worden. „Ihren sozialpolitischen Vorstellungen konnte sie fortan mit sozialdemokratischer Unterstützung mehr Gewicht verleihen und sie realisieren“ (S. 113), so die Autoren des Buches.

Krieg und verfassungsgebende Nationalversammlung der Weimarer Republik

Der Erste Weltkrieg sorgte für neue Armut. Die Geldunterstützungsgesuche sprengten die Möglichkeiten der öffentlichen Wohlfahrt. Der sogenannte Steckrübenwinter 1917 erinnert bis heute an die hungernde Bevölkerung. Kriegsbeschädigte und Hinterbliebene brauchten nun Hilfe. Ein Appell an die weibliche Bevölkerung, sich für das Vaterland zur Verfügung zu stellen und in den Munitionsfabriken zu arbeiten, löste die Bereitschaft vieler Frauen aus, sich „den besser bezahlten Arbeitsplätzen in der Rüstungsfertigung“ zu stellen (S. 150). Jetzt kamen die Kinder in den Blick, denn die Mütter fehlten zu Hause. Die Frage, ob Frauenerwerbsarbeit möglich ist, stellte sich nun völlig anders dar. Die Belastungen der Arbeiterfrauen, die in der Fabrik und zu Hause hauswirtschaftlich arbeiten mussten, trat hinter die Bereitschaft zur Verteidigung des Landes zurück. Mit der Dauer des Ersten Weltkrieges veränderte sich die Einstellung zur Frauenarbeit, noch bevor die Weimarer Republik ausgerufen wurde.

Im Dezember 1916 heiratet Meta den SPD-Politiker Max Quarck, der zu ihr in die Villa am Röderbergweg einzog und bis zu seinem Tod 1930 mit ihr zusammenlebte. 1920 kamen auch Liesel, Metas Tochter mit ihren drei Söhnen dazu, weil der Ehemann gestorben war (vgl. S. 144). Am 19. Januar 1919 fand die verfassungsgebende Nationalversammlung der Weimarer Republik statt. Meta wollte für die SPD ins Parlament gewählt werden, unterlag aber einer Mitbewerberin.

Die Gründung der Arbeiterwohlfahrt (AWO)

In Berlin hatte Marie Juchacz mithilfe der Frauenbewegung den Hauptausschuss für die AWO gegründet. Dieser war zunächst ein politisches Instrument, um Einfluss zu bekommen. Die AWO organisierte die regionale Wohlfahrt für Arbeiterinnen in Nähstuben, bei Mittagstischen, in Werkstätten zur Selbsthilfe und Beratungsstellen. Im Frankfurter Ortsverein war Meta Quarck-Hammerschlag 1920 Gründungsmitglied. Gleichzeitig wählte die Stadtverordnetenversammlung sie für weitere Jahre in den Vorstand. Unter dem Druck der sozialen Verhältnisse wirkte sie weiterhin ehrenamtlich, auch im 1928 geschaffenen städtischen Fürsorgeamt, in dem die Wohlfahrtspflege und das Jugendamt zusammengefasst wurde.

Die sogenannten goldenen 1920er Jahre waren für viele Menschen in Deutschland verlustreiche Jahre. Es war die Zeit der Inflation und des Untergangs der Weimarer Republik. Die Wohltätigkeitsvereine verloren ihr Vermögen und der Lohn der Arbeiter reichte kaum, Lebensmittel zu kaufen. Die Sparvermögen wurden wertlos und der Börsenkrach im Oktober 1929 löste eine Weltwirtschaftskrise ungeahnten Ausmaßes aus.

Nationalsozialismus und Nachkriegszeit

„Wenig ist überliefert darüber, wie Meta die Jahre 1933 erlebt hat“, schreiben die Autoren (S. 221).1933 beendeten die Nationalsozialisten die Selbsthilfe-Bewegung und kündigten allen Sozialdemokraten aus dem Magistrat die beruflichen Stellungen. Meta Quarck-Hammerschlag zog sich wohl ins Private zurück. 1943, als Frankfurt stark bombardiert wurde, flüchtete sie im Alter von 75 Jahren zu Verwandten nach Limburg. Nach dem Krieg war sie mittellos und mit der baulichen Zerstörung der Villa beschäftigt. Sie zog zu einer Freundin. 1952 erhielt sie, gesundheitlich bereits angeschlagen, das Verdienstkreuz der Bundesrepublik am Bande. In Gegenwart ihrer Tochter Liesel starb sie am 11.August 1954 in Frankfurt.

Diskussion

Das Buch erzählt anhand der sozialen Aktivitäten aus dem Leben einer uns unbekannten Frau. Wie Meta war, was sie beschäftigte, welche Konflikte sie hatte und wie sie auf andere wirkte, bleibt offen. Damit wird der Blick auf die Sozialgeschichte frei, die das Leben von Meta Quarck-Hammerschlag mehr als dreißig Jahre ausfüllte. Kurzportraits von bekannten und weniger bekannten Sozialreformern und Sozialreformerinnen werden in den Text eingebunden. Das trägt dazu bei, Metas Geschichte nicht nur als eine persönliche wahrzunehmen, sondern auch die öffentliche Bedeutung herauszuarbeiten. Damit wird auch die Geschichte Sozialer Arbeit erhellt. Wie weit der Weg vom ehrenamtlichen zum professionellen Engagement war, macht das Buch anschaulich deutlich.

Dass Frauen in der Armenhilfe ihre Emanzipation und im Ehrenamt ihre Erfüllung fanden, ist für uns kaum mehr vorstellbar. Armenhilfe galt als ein Ehrenamt für Männer. In der ersten Phase der bürgerlichen Frauenbewegung ging es vor allem um die Frage der gesellschaftlichen Positionierungen von Frauen und um Sinnstiftung. Erst im 20. Jahrhundert, wurden die sexuellen Geschlechterfragen gestellt, und die Geschlechterordnung in Frage gestellt. Zuvor mussten die unterschiedlichen Lebensverhältnisse der bürgerlichen- und der Arbeiterfrauen in Bezug auf Bildung und Erwerbsarbeit geklärt werden. Der Umgang mit Ehe und Sexualität, das Recht auf freie Sexualität und Verhütung spaltete auch die Frauenbewegung. Leider gibt das Buch keine Hinweise, in welchen Konflikten Meta steckte. Sie war aber sicher dem fortschrittlichen Teil der bürgerlichen Frauenbewegung zuzuordnen.

Wie war es möglich, in so vielen Gremien mitzuarbeiten und sich derart zu verausgaben, ohne an Grenzen zu stoßen? Auch dazu gibt das Buch keine Auskunft. Die Bedeutung des Ehrenamtes und das Pflichtgefühl sowie die Bereitschaft, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, waren jedoch in der bürgerlichen Gesellschaft tief verankert. Deutschland ist ein Land, indem die Vereinsarbeit blühte. Vereine waren die Basis für das öffentliche Gemeinwohl. Das soziale Unternehmertum der Gründerzeit wurde im Kaiserreich genährt. Es verlor seine Wirkung durch die sozialpolitische Transformation, die im Weimarer Wohlfahrtstaat begann, und nach 1945 weitergeführt wurde. Der Nationalsozialismus, der die Bemühungen um private Wohlfahrtspflege geradezu verbot, unterbrach die Entwicklungen. Das Buch macht aber auch deutlich, dass Hilfe Strukturen und professionelles Know How braucht. Die vielen Hilfe Vereine organisierten sich in Dachverbänden und setzten sich für sozialpolitische Lösungen ein. Wirtschaftlicher Erfolg hängt auch am sozialen Erfolg. Arbeitskräfte brauchen soziale Sicherheit.

Fazit

Das Buch trägt dazu bei, dass neben Berlin auch Frankfurt als Schauplatz von Sozialreformen wahrgenommen wird. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Frankfurt a.M. eine industrielle Hochburg und Zentrum großer Sozialreformen. Hier entwickelte sich, wie in Berlin, am Ende des Kaiserreiches und während des Ersten Weltkriegs bis zur Entstehung der Weimarer Republik Soziale Arbeit in Deutschland. Die Darstellung der zahlreichen ehrenamtlichen sozialen Aktivitäten, die Meta als Organisatorin von Tagungen und Vereinsgründungen und bei der Ausübung politischer Ämter zeigen, ermutigt. Das Buch belegt aber auch die enorme Wirkung der Frauenbewegung als einer sozialen Bewegung. Es bietet Quellen zur Geschichte Sozialer Arbeit und ist mehr als eine stadtgeschichtlich interessante Nacherzählung einer Biographie.


[1] Die Organisation wurde in einer Versammlung am 26. und 27. November 1880 in Frankfurt als „Deutscher Verein für Armenpflege und Wohltätigkeit“ gegründet. Heute hat der Deutsche Verein für öffentliche und private Wohlfahrt e.V. seinen Sitz in Berlin. Er ist der Zusammenschluss öffentlicher und freier Träger sozialer Arbeit. Die Hauptaufgabe ist die Erstellung von sozialpolitischen Expertisen, politische Beratung und Interessenvertretung der Sozialen Arbeit.

[2] Die „Blätter für sociale Praxis“ wurden von 1893 bis 1895 von Nathanael Brückner herausgegeben

[3] Dieser setzte sich dafür ein, dass die geduldete Prostitution nicht reglementiert wurde. Prostituierte sollten nicht bestraft werden, vielmehr sollte der Staat ihnen durch soziale Hilfen, z.B. Verhütung und Bildungsangebote einen Ausstieg aus der Prostitution ermöglichen.


Rezensentin
Prof. Dr. Christiane Vetter
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Zitiervorschlag
Christiane Vetter. Rezension vom 12.09.2017 zu: Hanna Eckhardt, Dieter Eckhardt: Meta Quarck-Hammerschlag. Ich bin radical bis auf die Knochen. Eine Biographie. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2017. ISBN 978-3-943787-73-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23259.php, Datum des Zugriffs 18.10.2017.


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