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Jeannette Bischkopf: Angehörigenberatung bei Depression

Rezensiert von Dr. med. Winfried Häuser, 05.07.2005

Cover Jeannette Bischkopf: Angehörigenberatung bei Depression ISBN 978-3-497-01759-1

Jeannette Bischkopf: Angehörigenberatung bei Depression. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2005. 111 Seiten. ISBN 978-3-497-01759-1. 14,90 EUR. CH: 26,80 sFr.
Reihe: Personzentrierte Beratung & Therapie, Band 3.

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Das Thema

1945 verfassten die Fachbereiche öffentliche Gesundheit, Medizin und Psychiatrie des Cornell Medical College und die Fachbereiche Sozialarbeit und Kinderpflege des New York Hospital einen Abschlussbericht über eine Studie über die Gesundheitsversorgung der Familie mit dem Titel "Patienten haben Familien". Diese (banale) Erkenntnis wird seit den 80er Jahren zunehmend auch von Psychiatrie und Psychosomatischer Medizin in aller Welt erkannt. Die Familie (im Sinne der wichtigsten Bezugspersonen) ist die wichtigste Quelle der Fürsorge für Patienten. Familieninteraktionen können sich positiv aber auch negativ auf den Verlauf von körperlichen Erkrankungen und seelischen Störungen auswirken. Die Auswirkungen von Demenzerkrankungen und Psychosen auf den familiären und partnerschaftlichen Alltag wurden relativ gut wissenschaftlich untersucht und Edukations- und Unterstützungsprogramme für Angehörige entwickelt. Es ist jedoch noch wenig darüber bekannt, wie der Alltag von Menschen mit Depressionen und ihren Angehörigen gestaltet wird und welche Unterstützung die Angehörigen von depressiven Menschen benötigen. Anliegen des Buches ist es, einen Überblick über die Lebenssituation der Familien von depressiven Patienten zu geben sowie hilfreiche Formen des Umgangs für Angehörigen Depressiver und Unterstützungsmöglichkeiten durch Gesundheitsberufe zu beschreiben.

Die Autorin

Jeanette Bischkopf, Dipl. psych., Dipl. psych., Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Klinische Psychologie und Psychotherapie der Freien Universität Berlin und Lehrbeauftragte im Studiengang Rehabilitationspsychologie der Hochschule Magdeburg-Stendal (FH). Das Buch gründet sich auf der Promotionsarbeit der Autorin, welche sie im Rahmen des Projektes "Gesundheitliche und ökonomische Belastungen von Familien mit psychisch kranken Angehörigen" an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie der Universität Leipzig abgeschlossen hat. Die Empfehlungen der Autorin zum Umgang mit Angehörigen von depressiven Patienten stützen sich weiterhin auf Ergebnisse der Angehörigen- und Paarforschung bei Depression sowie eigenen Erfahrungen in der klinischen Praxis basierend auf der wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie.

Zielgruppe

Das Buch wendet sich an alle helfenden Berufe, welche mit depressiven Patienten und ihren Angehörigen arbeiten. Nach Ansicht des Rezensenten ist es vor allem für Forscher in den Gebieten Familienmedizin und Angehörigenpsychiatrie geeignet, einen Überblick über den derzeitigen Forschungstand zum Thema "Depression und Angehörige" zu erhalten. Weiterhin finden ärztliche und psychologische Psychotherapeuten, Sozialarbeiter sowie Berater und Supervisoren Anregungen für einen verstehenden Umgang mit Angehörigen depressiver Patienten.

Aufbau und Inhalte

Das Buch ist in sieben Kapitel gegliedert. Jedes Kapitel endet mit Schlussfolgerungen für die Angehörigenberatung. Es werden Reflexionsfragen für Berater formuliert, welche die Sensibilität des Lesers für bestimmte Themen fördern sollen. Zusätzlich wird am Ende eines jeden Kapitels weiterführende Literatur genannt. In einigen Kapiteln werden Beispiele aus veröffentlichten Erfahrungsberichten von Betroffenen (Patienten und Angehörigen) angeführt, welche für die Beratungsarbeit verwendet werden können.

  • Kapitel 1 gibt eine kurze Einführung in das Krankheitsbild der Depression.
  • In Kapitel 2 wird zusammengefasst, wie Angehörige die Depression wahrnehmen.
  • In Kapitel 3 und 4 wird der derzeitige Kenntnisstand dargestellt, wie die Partnerschaft die Depression und die Depression die Partnerschaft beeinflusst.
  • In Kapitel 5 werden die Auswirkungen der Depression auf die Angehörigen dargestellt.
  • In Kapitel 6 werden die Krankheitsbewältigung aus der Partnerperspektive, Schritte zu einem hilfreichen Umgang mit depressiven Angehörigen sowie mögliche Hindernisse geschildert.
  • Im letzten Kapitel wird eine Übersicht über vorhandene Angebote für Angehörige gegeben und kurz auf Paartherapie und -beratung eingegangen. Die Autorin weist darauf hin, dass deutschsprachige Programme für Angehörige Depressiver kaum vorliegen. Sie kritisiert die Praxis der unverbindlichen Gesprächsangebote der behandelnden Ärzte ("Im Notfall sind wir für sie jederzeit erreichbar") sowie globale Verhaltensempfehlungen in von Ärzten geschriebenen Büchern über Depression oder Ratschläge des medizinischen Kompetenznetzes Depression im Internet wie "Akzeptieren Sie die Depression als Krankheit".

Fazit

Der Autorin kommt das Verdienst zu, den bisherigen Kenntnisstand zu einem bisher vernachlässigten Thema in Psychiatrie und Psychotherapie - Angehörige depressiver Patienten - zusammengefasst zu haben. Der Sprachstil ist flüssig und verständlich. Die Autorin wagt einen Spagat zwischen Übersichtsarbeit des derzeitigen Kenntnisstandes klinischer Forschung und Therapiehandbuch. Praktiker werden konkretere Anregungen, z.B. in Form von Fallvignetten oder Transkripten realer Paarberatungen und --therapien vermissen. Die allgemein gehaltenen Verweise auf die wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie sind wenig praxisrelevant, während ausgearbeitete Gesprächstechniken der systemischen Paar- und Familientherapie bei Depression nicht dargestellt werden. Vermisst hat der Rezensent auch eine Diskussion, wie die wertvollen Anregungen der Autorin in die psychiatrische Routineversorgung umgesetzt werden können und welche Schnittstellenprobleme die Autorin - auch aus eigener klinischer Erfahrung - zwischen klientenorientierter Gesprächspsychotherapie bei Angehörigen depressiver Menschen und einer biologisch-edukativ orientierten Psychiatrie sieht.

Rezension von
Dr. med. Winfried Häuser
Facharzt für Innere und Psychotherapeutische Medizin – Spezielle Schmerztherapie
Krankenhausarzt in den Bereichen Innere Medizin, Psychosomatik und Schmerztherapie
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Es gibt 17 Rezensionen von Winfried Häuser.

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Zitiervorschlag
Winfried Häuser. Rezension vom 05.07.2005 zu: Jeannette Bischkopf: Angehörigenberatung bei Depression. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2005. ISBN 978-3-497-01759-1. Reihe: Personzentrierte Beratung & Therapie, Band 3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2326.php, Datum des Zugriffs 30.05.2024.


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