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Susanne Rabenstein: Individual­psychologie und Neurowissenschaften

Cover Susanne Rabenstein: Individualpsychologie und Neurowissenschaften. Zur neurobiologischen Fundierung der Theorien Alfred Adlers. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2017. 253 Seiten. ISBN 978-3-8309-3621-3. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.
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Thema

Der Titel „Individualpsychologie und Neurowissenschaften. Zur neurobiologischen Fundierung der Theorien Alfred Adlers“ ist als 20. Band in der Reihe „Psychotherapiewissenschaft in Forschung, Profession und Kultur“ erschienen und setzt somit eine gewisse Tradition in dieser Reihe fort. Mit dem Einfügen des Buches in die o.g. Reihe ist der Inhalt bereits entsprechend gerahmt und betrachtet die Verbindung von Individualpsychologie und Neurowissenschaften vor dem Hintergrund der facettenreichen und noch jungen Profession der (systematischen) Psychotherapiewissenschaften.

Autorin

Mag. Dr. Susanne Rabenstein ist im Jahre 1971 in Wien geboren worden und studierte Germanistik, Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität in Wien. Darüber hinaus studierte sie Psychotherapiewissenschaft an der Sigmund-Freud-Universität (SFU) in Wien. Sie ist Psychotherapeutin in freier Praxis mit individualpsychologischem und analytischem Ansatz, außerdem diplomierte Lebens- und Sozialberaterin und Bildungsberaterin.

Entstehungshintergrund

Ausgangspunkt für das Buch von Susanne Rabenstein ist die Reihe „Psychotherapiewissenschaft in Forschung, Profession und Kultur“ des Waxmann-Verlages in der das Buch als 20. Band erschienen ist. Diese Reihe wird von Bernd Rieken herausgegeben und stellt die Schriftenreihe der privaten Sigmund-Freud-Universität (SFU) in Wien dar. Susanne Rabenstein, die an der SFU das noch recht junge Studium der Psychotherapiewissenschaften studierte, hat nun ein interessantes Stück zu dieser Reihe beigetragen. Insgesamt trägt die Reihe zur Professionalisierung dieser Wissenschaft bei und verringert nicht nur die Kluft zwischen Psychotherapieforschung und der psychotherapeutischen Profession, sondern trägt ebenso der Komplexität des Gegenstands Rechnung. Darüber hinaus stellt das Buch die Dissertation von Susanne Rabenstein dar.

Aufbau und Inhalt

Das Buch von Susanne Rabenstein ist recht kleinschrittig in neun (Haupt-) Kapitel und mehrere Unterkapitel untergliedert, wobei die letzten beiden Kapitel das Literatur- und Abbildungsverzeichnis beinhalten. Das Buch weist die typische Struktur wissenschaftlicher Arbeiten auf und ist größtenteils engmaschig referenziert. Das vollständige Inhaltsverzeichnis ist bei der Deutschen Nationalbibliothek einsehbar.

Die Autorin leitet ihr Opus nach einem Abstract/ einer Zusammenfassung mit einer kleinen Übersicht über „Theoretische Bezüge“, den „Forschungsstand“, „Fragestellung Ziele“ sowie das „Methodische Vorgehen“ ein. Hier beginnt sie ihre Ausführungen mit einem persönlichen Bezug und berichtet dann kurz über den Verlauf der Neurowissenschaften in Bezug auf die psychotherapeutische Theorie und Praxis.

Dann führt sie den Stand der aktuellen Forschung aus. In diesem Rahmen zitiert sie zunächst zahlreiche namhafte internationale sowie nationale Hirnforscher (Kandel, Hüther, Spitzer, etc.) und weist auf die starke Publikationstätigkeit auf diesem biologischen Feld hin. Auch verdeutlicht sie einen, wie sie es nennt, „Machtanspruch“ der Neurowissenschaftler über die Psychotherapie. Während sie in der Folge auf verschiedene Berührungspunkte zwischen Neurowissenschaften und einigen psychotherapeutischen Strömungen/ Schulen hinweist, stellt die Autorin klar, dass die Individualpsychologie bislang nur wenige Berührungspunkte mit den Neurowissenschaften aufweist. Schließlich deklariert sie ihre Fragestellung als Anliegen, Berührungspunkte zwischen Neurowissenschaften und Individualpsychologie herzustellen. Als methodisches Vorgehen gibt Susanne Rabenstein an, dass es sich um ein theoretische Arbeit handle, die auf Primär- und Sekundärliteratur und der Interpretation Letzterer beruhe.

Das zweite Kapitel über „Menschenbilder“ mit den Unterkapiteln „Das Menschenbild der Neurowissenschaften“ und „Das Menschenbild Alfred Adlers“ stellt die beiden Menschenbilder direkt gegenüber. Bei Ersterem wird die biologische Perspektive deutlich, außerdem werden namhafte Neurowissenschaftler zitiert (z.B. Singer, Hüther). Im Anschluss wird das Menschenbild Alfred Adlers dargestellt.

„Das Gemeinschaftsgefühl im Spiegel der Neurowissenschaften“, das dritte Kapitel beginnt mit einem Zitat von Etty Hillesum. Gleich am Anfang wird die „Angeborenheit“ des Gemeinschaftsgefühls thematisiert. Hier wird gleich mit den molekularen Mechanismen wie Oxytocin als „Bindungshormon“ sowie Neurotransmittersystem hantiert. Schließlich findet sich die bei diesem Thema obligatorische Abhandlung über Spiegelneurone und der Theory of Mind. Auch weitere, weniger bekannte aber nicht minder relevante Theorien und Befunde werden referiert. Immer wieder durchflochten werden die im engeren und weiteren Sinne neurowissenschaftlichen Befunde durch Zitate Alfred Adlers, sodass eine sehr durchflochtene Verbindung zwischen beiden „Richtungen“ entsteht. In weiteren Unterkapiteln wird die Bindungstheorie erläutert und mit Zitaten von bspw. Bowlby und Adler unterfüttert. Insgesamt werden beständig Schlüsselquellen zitiert wie Damasio, Gallese (der Entdecker der Spiegelneurone), Hüther, Bowlby und Stern.

Das vierte Kapitel „Die Rolle der Aggression“ beginnt nach einem vorangestellten Zitat von Robert Musil mit Definitionen von Aggression und verschiedenen Aggressionstheorien. Dabei werden neben der Triebtheorie (die den letzten Platz im Kapitel bekommt) diverse neurobiologische Korrelate dargestellt; hier stellt Rabenstein v.a. die Rolle verschiedener makroskopisch identifizierbarer zentralnervöser Regelkreise/ Systeme und topographisch determinierbarer „Orte“ (Limbisches System, präfrontaler Kortex, etc.) sowie die Rolle verschiedener Neurotransmitter (Serotonin, etc.) dar. Dabei lässt sie das Ziel ihrer Abhandlung nicht aus den Augen und bemüht sich stets um eine verständliche Darstellung im Hinblick auf ihr Ziel. In Anbetracht noch unklarer neurowissenschaftlicher Befunde und der neuromolekularen Ebene fällt dies nicht immer leicht. Zunächst aber fällt die Wahl der Autorin auf die Beschreibung der entwicklungspsychologischen Komponenten der Aggression, die mit zahlreichen Zitaten von Martin Dornes (aber auch anderen) untermauert wird. Immer wieder werden auch in diesem Kapitel die Darstellungen mit den Theorien Alfred Adlers durchflochten.

Im fünften Kapitel widmet sich Susanne Rabenstein dem Thema „Der Lebensstil“. Auch hier stellt sie wieder ein passendes Zitat an den Anfang, bevor sie ihre Ausführungen „Über den nervösen Charakter“ Alfred Adlers beginnt. Synonym spreche Adler von Grundmelodie anstatt von Lebensstil. Bei diesem im Werk Adlers dargelegten Aspekt fällt die Wahl und Darstellung neurobiologischer Befunde schwerer als in den Kapitel zuvor; doch auch hier verweist sie auf die Ausarbeitungen namhafter Autoren wie Hüther, Stern, Roth, etc. Im Verlauf kommt Rabenstein auf „Das grundlegende Konzept: Einheit und Ganzheit“. Dieses Konzept untermauert sie ebenso mit einer Auswahl an Ausarbeitungen zahlreicher namhafter Autoren und führt hierbei auch Luc Ciompi mit ins Feld, auf den sie im weiteren Verlauf genauer eingeht. „Adlers Bewegungsgesetz und das ’therapeutische Chaos’“ ist der Fokus des nächsten Unterkapitels; hier beginnt sie mit den Apperzeptionsschemata und greift damit Ciompi gleich wieder auf. Hier zieht die Autorin mehrere Parallelen zu Adlers Theorie(n), findet aber auch wiederum Korrelate bei anderen namhaften Autoren (z.B. Hüther). Das folgende Unterkapitel über „Freiheit und Gebundenheit“ gestaltet Susanne Rabenstein ähnlich. Im weiteren Verlauf widmet sie sich der fraktalen Gestalt des Ganzen und arbeitet die Theorien Adlers dazu sorgsam aus, um dann neurowissenschaftliche Korrelate zu benennen. Ein entscheidendes Unterkapitel findet der Rezensent im „Verhältnis von Subjekt(-ivität) und Gehirn“. Hier zieht die Autorin eine spezielle Linie zwischen Körper und Geist und kommt so auf das Thema der Intersubjektivität zu sprechen. Auch dies wird mit dem aktuellen Stand der Wissenschaft sowie deutlich weniger aktuellen aber nicht weniger wichtigen Autoren untermauert wie z.B. Merleau-Ponty. Auch dem Unbewussten wird am Ende des Unterkapitels noch eine gesonderte Stellung eingeräumt (Das Unbewusste des Lebensstils).

Das sechste und damit letzte Kapitel vor der Ergebnisdarstellung ist ein Kapitel über den „Organdialekt und Organminderwertigkeit“. Hier wird zunächst eine Verbindung zwischen Adlers Theorie und der Fachrichtung der Psychosomatik gezogen, wobei auch hier namhafte Referenzen wie Uexküll keineswegs fehlen. Dies erscheint umso passender, da Susanne Rabenstein im vorangegangenen Kapitel Adlers Lebensstil als durch den Körper dominiert bzw. in ihm verankert pointiert hat. Hier kommt sie gleich auf Adlers Aufsatz über den Organdialekt zu sprechen. Hier kommt die Autorin erneut auf versch. Regelkreise und -system im ZNS zu sprechen, die eine Fortsetzung im Körper erfahren (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse). Rabenstein begibt sich hier auch auf das Feld der Psychoneuroimmunologie.

Schließlich präsentiert Susanne Rabenstein ihre Ergebnisse, beginnt dabei allerdings anstatt mit einer Zusammenschau mit Kritik und Schlussfolgerungen. Eine Zusammenschau der Ergebnisse erfolgt direkt im Anschluss.

Zielgruppe

Die Zielgruppe erschließt sich bereits durch die eng umgrenzte Thematik des Buches und dürfte im recht engen Kreis der akademischen Psychotherapie zu finden sein. Zudem dürften Therapeuten verhaltenstherapeutischer Richtungen sich wenig angesprochen fühlen, diejenigen tiefenpsychologischer Richtungen dafür umso mehr. Für diese recht enge Zielgruppe ist das Buch sicherlich eine Bereicherung.

Diskussion und Fazit

Das Buch von Susanne Rabenstein stellt die Ergebnisse ihrer arbeitsreichen Literaturarbeit als Dissertation dar. Dabei ist klar erkennbar, dass die Autorin um eine wissenschaftlich exakte aber dennoch für psychotherapeutisch und/ oder neurowissenschaftlich (vor-) informiert Kreise sehr gut lesbare Darstellung nicht nur bemüht ist, sondern ihr dieses auch sehr gut gelungen ist. Dabei referenziert sie engmaschig und verweist auf hochgradig relevant Autoren aus der Vergangenheit sowie Gegenwart auf diesem spannenden Feld der Neurowissenschaften; sie bezieht aber auch Autoren mit ein, die man keineswegs erwartet hätte und auch keineswegs als Neurowissenschaftler charakterisieren würde. Das Ziel, der neurobiologischen Fundierung der Theorien Alfred Adlers lässt sie durch die Verwobenheit und Linienziehung zwischen den Befunden aus Adlers Werk und aus den Neurowissenschaften (und angrenzenden Disziplinen) nicht aus den Augen.


Rezensent
Prof. Dr. med. et Dr. disc. pol. Andreas G. Franke
M.A. Professur für Medizin in Sozialer Arbeit, Bildung und Erziehung. Hochschule der Bundesagentur für Arbeit Mannheim
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Zitiervorschlag
Andreas G. Franke. Rezension vom 06.06.2018 zu: Susanne Rabenstein: Individualpsychologie und Neurowissenschaften. Zur neurobiologischen Fundierung der Theorien Alfred Adlers. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2017. ISBN 978-3-8309-3621-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23262.php, Datum des Zugriffs 16.08.2018.


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