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Pasqualina Perrig-Chiello: Wenn die Liebe nicht mehr jung ist

Cover Pasqualina Perrig-Chiello: Wenn die Liebe nicht mehr jung ist. Warum viele langjährige Partnerschaften zerbrechen und andere nicht. Hogrefe (Bern) 2017. 230 Seiten. ISBN 978-3-456-85587-5. 24,95 EUR, CH: 32,50 sFr.
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Thema

Seit vielen Jahren steigt die Scheidungsrate im mittleren Alter – also zwischen 45 und 65 Jahren – stetig an. Wir wissen erstaunlich wenig, warum das so ist, denn die wissenschaftliche Forschung konzentrierte sich bisher ausschließlich auf Trennungen von Paaren mit unmündigen Kindern. Genau diese Wissenslücke will die Publikation schließen. Basierend auf Resultaten einer landesweiten Schweizer Studie und illustriert mit vielen Fallbeispielen, verdeutlicht das Buch das Phänomen der späten Scheidung, erörtert Gründe, Auswirkungen und Bewältigungsstrategien.

Autorin

Autorin ist Pasqualina Perrig-Chiello, emeritierte Professorin der Entwicklungspsychologie an der Universität Basel. Sie verfügt über eine langjährige Forschungs- und Lehrtätigkeit an verschiedenen Universitäten und war Mitglied des wissenschaftlichen Beirates diverser Fachzeitschriften.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist neben einem Vorwort und einer Einleitung in drei Teile mit insgesamt elf Kapiteln unterschiedlicher Länge untergliedert.

Im „Vorwort“ betont die Autorin, dass der demografische Wandel ganz neue Realitäten geschaffen habe, weil Partnerschaften, die in jungen Jahren geschlossen wurden, heute sechs bis sieben Jahrzehnte überdauern können.

In der „Einleitung“ wird hervorgehoben, dass Scheidungen zu den einschneidendsten Lebensereignissen mit einem hohen Risiko für Verletzlichkeiten seien und dass insbesondere in höheren Lebensjahren altersbedingte Verluste von Ressourcen verstärkt auftreten. Grundlage der Erörterungen ist eine im Jahr 2012 begonnene Längsschnittstudie in der Schweiz mit dem Titel „Vulnerabilität und Wachstum nach dem Verlust des Lebenspartners/der Lebenspartnerin in der zweiten Lebenshälfte“. Es wurden 1000 langjährig in erster Ehe verheiratete und geschiedene Personen im Alter von 40 bis 89 Jahren in verschiedenen Wellen 2014 und 2016 befragt. Das Ziel der Publikation bestehe laut Autorin darin, dem Leser Informationen in die Hand zu geben, um sich selbst verorten zu können und die eigene Situation besser zu verstehen sowie mögliche Wege auszuloten (S. 18).

Der erste Teil ist überschrieben mit „Ehe und Partnerschaft – existentiell gestern wie heute“ und wird eingeleitet mit dem ersten Kapitel „Von der Ehevielfalt zur Institutionalisierung der Ehe“. Es werden die Wandlungen in Ehe und Partnerschaften herausgearbeitet und beschrieben, welche Veränderungen sich in den Jahrzehnten der Etablierung vollzogen haben. So habe das bürgerliche Ehemodell infolge der gesellschaftlichen Emanzipation und der Pille zusammenhängend mit der sexuellen Revolution zur endgültigen Entkopplung von Sexualität, Schwangerschaft und Heirat geführt (S. 28). Trotz allem ist die Wertvorstellung einer Partnerschaft und zwar einer beständigen unvermindert hoch.

Kapitel zwei „Bedeutung von Partnerschaften für Wohlbefinden und Gesundheit“ widmet sich insbesondere der Frage, warum soziale Isolation und Einsamkeit signifikante Prädiktoren für schlechte körperliche, kognitive und psychische Gesundheit sind. So hätten Verheiratete eine bessere subjektive Gesundheit und eine verminderte Mortalitätsrate als geschiedene, verwitwete und alleinstehende Personen. Erklärungsansätze für diesen immer wieder bestätigten Effekt sind in der Selektions- oder Protektionshypothese zu suchen.

Den „Herausforderungen an Partnerschaften in Zeiten des Wandels“ ist das folgende Kapitel vorbehalten, das gleichzeitig den zweiten Teil „Brüche nach langjährigen Beziehungen“ einleitet und die folgenden Kapitel drei bis acht umfasst. Jede dritte Scheidung entfällt in der Schweiz auf Ehepaare, die mehr als 20 Jahre verheiratet waren und das sind mehrheitlich Personen zwischen 45 bis 54 Jahren (S. 48). Die Frage nach den Gründen der Besonderheit dieser Altersgruppe wird zwar gestellt, ihr wird aber erst im nächsten Kapitel „Das mittlere Alter: eine bewegte Zeit auch für die Partnerschaft“ nachgegangen. Beim Übergang zur zweiten Lebenshälfte müsse eine Neudefinition der Identität erfolgen und zwar eine primär nach innen gerichtete, die mit Verunsicherungen assoziiert sei und einer Infragestellung des bisher Gelebten. Des Weiteren sei die Dynamik des familiären intergenerationellen Schicksals so ersichtlich wie im mittleren Alter.

Mit „(Hinter-)Gründen für Trennung und Scheidung nach langjähriger Partnerschaft“ ist Kapitel fünf überschrieben. Hier wird betont, dass die Perspektive einer langen Partnerschaft eine große Herausforderung darstelle. Die traditionellen objektiven Scheidungsbarrieren und ihre durch Kinder ehestabilisierende Funktion würden in mittleren Jahren allmählich eingebüßt und es müsse die Balance einer Abgrenzung zwischen gemeinsamer Entwicklung als Paar und der individuellen Entwicklung als eigenständige Person gelingen (S. 65).

Das sechste Kapitel setzt sich mit den „Auswirkungen von Trennung und Scheidung“ auseinander. So sei eine Scheidung ein einschneidendes kritisches Lebensereignis, ein äußerst belastender biografischer Wendepunkt mit zumeist negativen psychischen und sozialen Stressoren, der verlangt, das gesamte Leben neu zu strukturieren (S. 85). Einschlägige Studien kommen immer wieder zu gleichen Ergebnissen – Geschiedene leiden unter einer schlechteren psychischen und körperlichen Gesundheit, nehmen mehr Medikamente, suchen häufiger den Arzt auf und haben ein bedeutsam höheres Mortalitätsrisiko als Verheiratete.

Zu Beginn des siebenten Kapitels wird die Frage gestellt „Die Bewältigung der Trennung: An der Krise zerbrechen oder wachsen?“. Für eine positive Adaption kritischer Lebensereignisse spielten interpersonale und soziale Ressourcen eine zentrale Rolle. Bestimmte Persönlichkeitseigenschaften wie emotionale Stabilität, Extraversion, Offenheit, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Resilienz erwiesen sich als relativ zuverlässige Prädiktoren für eine gute Gesundheit und Wohlergehen.

Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit dem „Neustart – das Leben danach“. Es wird thematisiert, dass verschiedene Studien konsistent nachweisen, junge Erwachsene aus Scheidungs- oder Patchworkfamilien ziehen signifikant früher aus dem Elternhaus aus und Väter seien die Verlierer einer spät geschiedenen Ehe (S. 134). Letztere würden sich schnell wieder binden und „nach unten“ heiraten und zwar hinsichtlich des Alters und der Bildung.

Die Kapitel neun bis elf sind jene des dritten Teils der Publikation mit dem Titel „Langjährige Partnerschaften“. In Kapitel neun „Lange Ehe – gute Ehe? Unzufriedenheit über die Jahre“ wird das Problem der höheren Unzufriedenheit der Frauen in einer Partnerschaft diskutiert. Die Frau hätte eine soziale Machtposition in der Beziehung, wodurch sich Männer unmerklich in eine fatale sozio-emotionale Abhängigkeit bringen würden. Wenn Männer auch zufriedener mit ihren Partnerschaften sind, hinsichtlich der Sexualität seien sie es aber nicht. Interessant ist die Scheidungswahrscheinlichkeit. Bei einem Altersunterschied von einem Jahr beträgt sie nur 3 %, bei 10 Jahren steigt sie auf 39 % und bei 20 Jahren erreicht sie mit 95 % ihren Höhepunkt. Langjährige und gut funktionierende Ehen würden sich durch eine hohe Ausprägung bei den Persönlichkeitsmerkmalen Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Offenheit auszeichnen.

Das vorletzte Kapitel ist dem Thema „Langjährig Verheiratete – wie glücklich sind sie wirklich?“ vorbehalten. Liebe sei immer eine Gratwanderung zwischen Geben und Nehmen sowie zwischen Gemeinsamkeit und Abgrenzung und es gehe darum, ein optimales Maß von Nähe und Distanz zum und mit dem Partner zu finden.

Die Publikation endet mit Kapitel elf und der Frage „Was macht eine glückliche langjährige Partnerschaft aus“. Respekt und Wertschätzung seien extrem wichtige Dimensionen einer gelingenden Partnerschaft wohingegen dauernde Kritik und Verachtung zu den stärksten Prädiktoren einer Scheidung gehörten. Wichtig ist auch das sogenannte „Michelangelo-Phänomen“, das auf die Partnerschaft übertragen bedeutet, dass sich die Partner möglichst gegenseitig darin unterstützen sollten, ihre besten Eigenschaften zu entwickeln, zu zeigen und zu fördern, ohne den anderen zu manipulieren oder in eine bestimmte Richtung zu drängen. Dadurch würden die Partner gegenseitig ihr Ideal-Selbst fördern und genügend Freiraum für die individuelle Entwicklung haben.

Fazit

Diese Publikation ist kein Ratgeber, der mit abstrakten oder allgemeinen Informationen aufwartet, um das ewige Liebesglück zu verkünden. Er basiert auf sorgfältig ausgewählten wissenschaftlichen Studien und einer tiefgründigen Analyse eines bisher in der Literatur vernachlässigten Themas – langjährige Partnerschaften. Anhand von Praxisbeispielen illustriert die Autorin, warum die einen Beziehungen lange währen und dazu noch glücklich sind und die anderen trotz langer Partnerschaft zerbrechen. Die kontrollierten Variablen wie Alter, Geschlecht, Gesundheit etc. verweisen auf bestimmte Prädiktoren für das Gelingen oder das Auflösen einer Partnerschaft, wobei Bildung und Einkommen, die in den meisten Studien einen hohen Vorhersagewert haben, nur marginal eine Rolle spielen. Es ist eine Literatur, die leicht verständlich ist und einen breiten Leserkreis interessieren dürfte.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 17.01.2018 zu: Pasqualina Perrig-Chiello: Wenn die Liebe nicht mehr jung ist. Warum viele langjährige Partnerschaften zerbrechen und andere nicht. Hogrefe (Bern) 2017. ISBN 978-3-456-85587-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23267.php, Datum des Zugriffs 25.05.2018.


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