socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Fethi Benslama: Der Übermuslim. Was junge Menschen zur Radikalisierung treibt

Cover Fethi Benslama: Der Übermuslim. Was junge Menschen zur Radikalisierung treibt. Matthes & Seitz (Berlin) 2017. 141 Seiten. ISBN 978-3-95757-388-9. 18,00 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.
Siehe auch Replik oder Kommentar am Ende der Rezension.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Autor und Thema

Fethi Benslama, geboren 1951 in Tunis, ist Psychoanalytiker und Professor für Psychoanalyse an der Diderot Universität in Paris. Er schreibt über Radikalisierung, Psychoanalyse, Religion, Psychopathologie und Identität. Benslama gilt als einer der wichtigsten französischsprachigen Kenner des Islamismus und ist Mitglied der tunesischen Akademie der Wissenschaften sowie Autor zahlreicher Bücher über Psychoanalyse und den Islam.

Aufbau

Die Studie besteht aus sieben Kapiteln und entspricht thematisch den vom Rezensenten formulierten Kapitelüberschriften. Der Aufbau des Buchs lässt sich der Deutschen Nationalbibliothek entnehmen.

Zu 1.

(Einleitung)

Fethi Benslama fragt in seinem Essay wie das Verlangen vieler junger Menschen, „sich im Namen des Islam zu opfern“, zu verstehen ist, was sie in „den Bann“ zieht und „zu den furchtbarsten Taten“ treibt? Er schlägt eine Erklärung vor, in dessen Zentrum der Begriff des Übermuslim steht.

Über viele Jahre konnte Benslama in seiner Sprechstunde in einem psychologischen Zentrum im nördlichen Banlieue von Paris bei jungen Muslimen „das quälende Gefühl“ beobachten „‚nicht muslimisch genug zu sein‘“ (9). In seinen Gesprächen mit radikalen Islamisten tauchte immer wieder das Motiv der ‚Kränkung des islamischen Ideals‘ auf, von dem ein „Ruf nach Wiedergutmachung, ja sogar nach Rache“ ausging (10).

Auch dürfe man nicht, präzisiert der Autor, „den andauernden Bürgerkrieg übersehen, der seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts (10) zwischen den Muslimen“ herrsche und bei dem es um „die entscheidenden Fragen“ gehe: „Was heißt es, ein Muslim zu sein? Wer hat die Macht, es zu definieren? Was bedeutet es, Mann oder Frau zu sein?“ (10) Außerdem befördere der „chaotische Zustand der derzeitigen globalisierten Welt, in der die institutionellen Strukturen erschüttert“ seien, die ‚Radikalisierung‘ in all ihren Formen (12).

Fethi Benslama beginnt sein Buch, indem er „zwischen der Radikalisierung als Bedrohung und der Radikalisierung als Symptom“ (12) unterscheidet. Er verweist darauf, „dass die Psychoanalyse nicht dazu da ist, die Menschen im geschützten Behandlungszimmer zu ‚therapieren‘, sondern um mittels der Erkenntnisse aus ihren klinischen Untersuchungen Anhaltspunkte zu gewinnen, um die kollektiven Kräfte der Gegenzivilisation im Herzen des zivilisierten Menschen und seiner Moral zu erforschen“ (13). Mit Freud „ließen sich die zwangsläufigen Verbindungen zwischen dem Psychischen und dem Politischen deutlich“ machen (13). In diesem Sinne diene „die Bezeichnung Übermuslim als Hinweis auf das Wesen der Gefahr, der die Muslime und ihre Kultur ausgesetzt“ seien. Am Ende seines Essays steht ein Kapitel über „die Überwindung des Übermuslims verbunden mit dem Ausblick auf eine andere Zukunft für die Muslime“ (13).

Zu 2.

(Zur Radikalisierung: Radikalisierung als Bedrohung)

Fethi Benslama betont, dass wir es heute mit einem Terrorismus zu tun, der nicht nur „seine Taten zur Schau stellt“, sondern damit „Schrecken verbreiten“ (19) will. Die Radikalisierten begännen „ihre Untaten zum Ruf Allah akbar, um auszudrücken, dass Gott selbst durch sie“ handele (20). Die Radikalisierung sei nicht Ergebnis eines „plötzlichen Umkippens“, sondern entwickle sich „über kürzere oder längere Zeit“ (24). Benslama macht darauf aufmerksam, dass die meisten Studien, die dieses Phänomen untersuchen, die „psychologische und erst recht die psychopathologische Seite der Radikalisierung“ (25 f.) ausklammerten und so den Aspekt des Unbewussten ausschlössen, obwohl Recherchen von Farhad Khosrokhavar im Gefängnis zeigten, dass die psychopathologische Dimension über 40 Prozent der radikalisierten Insassen beträfe (21), „weshalb er dafür plädiert, die psychologische Fragilität in Betracht zu ziehen und die symbolische Seite des Engagements zu betonen, die nur aus einem psychoanthropologischen Blickwinkel zugänglich sei“ (26).

Zu 3.

(Radikalisierung als Symptom)

Zu Beginn seiner Tätigkeit Mitte der Achtzigerjahre habe „es sehr wenige Fundamentalisten“ gegeben. Erst „seit dem Ersten Golfkrieg 1990“ sei „das Phänomen der Islamisierung, insbesondere von jungen Menschen“, aufgetreten und habe sich dann in „engem Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg in Algerien (1992) und den Kriegen im Nahen Osten zugespitzt“ (35). Die Menschen, auf die Benslama bei seiner klinischen Arbeit traf und die zeigten, dass sie Ultra-Islamisten sind, waren „von dem Wunsch oder auch dem Drang getrieben, sich im Himmel zu verwurzeln., da es ihnen auf der Erde versagt blieb“ (35).

Benslama beobachtete bei mehreren der Jugendlichen, bevor ihre religiöse Begeisterung begann, dass diese sich in einem „apathischen Zustand befanden, sich selbst herabsetzten, Unzulänglichkeit und Scham empfanden, sich als Versager wahrnahmen, kurz gesagt, an ihrer Existenz litten“ (36). Sobald diese sich minderwertig fühlenden Jugendlichen die Religion entdeckten, sei „der Fahrstuhl des Narzissmus in die Höhe“ geschossen (36). Beim „ultrareligiösen Diskurs Zuflucht zu nehmen“, vor allem in der Phase der Adoleszenz, erlaube es „einer brüchigen oder vom Bruch bedrohten Existenz“, so der Autor, „ein neues (höchstes) Wesen zu erlangen“ (37). Benslama verweist darauf, dass „nicht alle, die in diesen geächteten Vierteln leben, diese extreme Verwurzelung“ suchten, und umgekehrt bewahre „das Leben in einer wohlgeordneten Umgebung nicht vor geistiger Verwirrung“ (38).

Die „Gier nach Idealen“ entstehe deshalb, weil „das Subjekt sich ein Selbst aneignen“ müsse, „ein Selbst, das nicht mehr das des Kindes“ sei, „welches zusammen mit den Eltern errichtet wurde, sondern sein eigenes“ (42). „Die Opferung der Singularität“ entledige „das Subjekt seiner Symptome“ (45). Es stelle sich „unter den Schutz Gottes, um nicht krank zu werden“ (47) und trete „einem groß angelegten kollektiven Glauben an den Identitätsmythos des Islamismus bei, der vom Realen des Krieges genährt“ werde, in dem er „eine Heldenrolle spielen“ solle und „dafür mit materiellen und sexuellen Vorteilen sowie realer und imaginärer Macht belohnt“ werde. Diese „tödliche Vermischung von Mythos und historischer Realität“, schlussfolgert Benslama, sei „gefährlicher als der Wahn“ (49). Mit gutem Grund könne man heute von „einer muslimischen Verzweiflung sprechen“ (58).

Zu 4.

(Der Übermuslim und seine Überwindung: Die Erfindung des Islamismus)

Fethi Benslama macht uns darauf aufmerksam, dass die „Erfindung des Islamismus“ „eine der wichtigsten Entwicklungen in der modernen Geschichte der Muslime“ ist (61). Sie orientiere sich „ursprünglich am Denken Ibn Taymiyyas (1263-1328), auf den sich die salafistischen, quietistischen und dschihadistischen Bewegungen beziehen.“ Für diesen Theologen, für den „das Politische im Islam kein Heimatrecht hat“, gebe es „keine andere Politik als die Religion: Die Religion ist das Politische und die Politik“ (68). Das „Prinzip des IS“ sei „die definitive Ununterscheidbarkeit zwischen dem Religiösen und dem Politischen“ (66). Diese „antipolitische Utopie“ richte sich „gegen den Westen, ohne sich eines Teils seiner politischen Errungenschaften zu bedienen“ (63). Die Reduktion des Politischen auf das Religiöse habe, so Benslama, „psychologisch gesehen die Tendenz zum Übermuslim hervorgebracht“ (69).

Schon seit den ersten napoleonischen Feldzügen der Franzosen sei das „was der Westen den Frauen erlaubt“, als „schwere Bedrohung empfunden worden“ (75). Napoleon Bonaparte habe bei seinem Feldzug die „Idee einer arabischen Nation ins Spiel“ gebracht. „Trotz Ablehnung“ habe „sich die Idee des Nationalen mit dem Zerfall des Osmanischen Reiches und dem antikolonialistischen Kampf als neue politische Utopie (79) schlussendlich“ durchgesetzt – „während der Islamismus sich gegen sie“ auflehnte und aus „ihr aussteigen“ wollte, „auch heute noch“ (78).

Zu 5.

(Der Übermuslim)

Mit der Gründung des ersten laizistischen Staates in der Türkei 1924 wurde das letzte islamische Reich zerbrochen und von den Kolonialmächten okkupiert; die Muslime seien dadurch von der „Position der Herren in die des Subalternen im eigenen Land“ (86 f.) geraten. Als „Symptom dieses historischen Bruches“ könne 1928 die „Geburt der Muslimbrüder gelten“, mit dem Ziel, das „Ideal wieder herzustellen, um es zu rächen“ (87). Seit etwa zwei Jahrzehnten beziehen sich die meisten islamistischen Terroristen nicht mehr auf das Gedankengut der Muslimbrüder, sondern auf das der Salafisten. Die sunnitischen Dschihadisten des IS sind vor allem Trittbrettfahrer des Unrechts, das den Sunniten widerfahren ist. Sie sind nicht nur die Verlierer der vergangenen Jahrzehnte. Heute sind die meisten Flüchtlinge Sunniten.

Der Übermuslim habe, wie Benslama weiter ausführt, zwei Feinde: „den äußeren Feind, den Westen, und den inneren Feind, den Verwestlichten, den Muslim, der sich endgültig vom Kalifat gelöst hat, der die Unterwerfung der Politik unter die Religion ablehnt, der sich als Bürger einer Nation“ verstehe. Der Übermuslim betrachte ihn „als islamoid, schlimmer noch, als einen Westler, einen Verweigerer, den es zu verjagen und zu eliminieren“ gelte (88).

Zu 6.

(Fatwa-Wahn: Das Geschlecht und der Übermuslim)

„Unter den Faktoren“, so Benslama, „die die Triebe des Übermuslims in Aufruhr“ brächten, nehme „die Zunahme der Sichtbarkeit des weiblichen Körpers im öffentlichen Raum und seine tägliche Nähe zu den Männern einen wichtigen Platz ein“ (103).

Am 22. Mai 2007 wurde die muslimische Welt durch eine „Fatwa geschockt und erheitert“, die von der Al-Azhar-Universität in Kairo, dem Zentrum der sunnitischen Theologie, verbreitet wurde: die Fatwa des Stillens von Erwachsenen (95). Die Fatwa schrieb vor, die „Frau mit der wuchtigen Waffe des Inzestverbots zu entsexualisieren“ (105). Indem man „aus den Frauen die Mütter ihrer Kollegen“ machte, glaubte man, das „Begehren und die gegenseitige sexuelle Versuchung“ (105) ersticken zu können.

Die „Panik des Islamismus angesichts des Sichtbarwerdens des weiblichen Körpers im sozialen Raum und der Zerfall des Prinzips der Gemeinschaft der Gläubigen zu Beginn des 20. Jahrhunderts“ habe dazu geführt, „die Frau in einen sexuellen Schrecken zu verwandeln.“ Abu Ishaq al-Houeni, ein populärer ägyptischer Salafist, der für Fethi Benslama „den perfekten Übermuslim“ verkörpert, und der auch eine Fatwa gegen Abdel-Samad 2013 verhängte, sei 2011 ohne sein Wissen dabei gefilmt worden, wie er erklärte, „dass der Kopf der Frau die Vulva ihrer Vagina ist“. Sie sei, kurz gesagt, „nichts anderes als ihr sexuelles Loch“ (110).

Benslama ist sich sicher: „Der Übermuslim kann überall und jederzeit auftauchen, er kann verrückt und schrecklich zugleich sein, aber er wird von seinem Imperativ nicht ablassen: die Gemeinschaft der Gläubigen vor der Frau als dem unkontrollierbaren und totalen sexuellen Objekt zu schützen“ (112). Der Autor warnt davor den Islamismus zu verharmlosen oder gar, wie einige linke Intellektuelle, „inbrünstig in Schutz“ zu nehmen (112).

Zu 7.

(Von einer Überwindung des Übermuslims: Der politische Spiegel)

Im letzten Kapitel diskutiert Benslama die Chancen einer „Überwindung des Übermuslim“. Er ist überzeugt, dass „die Massen, die sich in Tunesien (2010) und dann in Ägypten und in anderen Ländern erhoben haben, eine Bewegung historischen Ausmaßes ins Rollen gebracht“ hätten, die „seit fast einem halben Jahrhundert blockiert“ gewesen wäre. Diese Revolution sei „noch lange nicht zu Ende“ (114).

„Das Geheimnis“ der tunesischen Revolution besteht für Benslama in „ihren Spiegelungseffekt für die Gesamtheit der Tunesier“. „Was jahrelang im Verborgenen“ geschah, habe sich „plötzlich in aller Öffentlichkeit manifestiert“. Diese „Entschleierung“ könne „zu einer Befreiung vom Übermuslim beitragen“ (115).

Um „die Gedanken zum politischen Spiegel zu verdeutlichen“, erinnert Benslama an „das Paradigma von Gemeinschaft und Gesellschaft“ (Ferdinand Tönnies) (124). Die Gemeinschaft werde „charakterisiert durch Zugehörigkeit und Zuneigung des Individuums zu einer Gruppe (Familie, Klan, Dorf, Kleinstadt) wie durch ihre Verbundenheit mit den traditionellen und religiösen Praktiken“. Die Gesellschaft konstituiere sich „durch den Verlust von Zugehörigkeit zugunsten von Funktionen, Verträgen, Warenaustausch und Handel“, die die „Individuen miteinander in sehr großen städtischen Milieus“ verbindet, wobei „das Ganze durch den Staat und das normative Recht reguliert“ werde (125). Es sei sehr wahrscheinlich, dass „wir ab dem Moment“, in dem die Gemeinschaft beginnt, „ihre Vorrangstellung zu verlieren“, und ihren Mitgliedern der „Boden unter den Füßen wegbricht, eine Immunreaktion“ erlebten, die „völlig neue Stufen von Gewalt bis hin zum Bürgerkrieg erreichen“ könne, „ja sogar zum Krieg zwischen Ländern“. In „dieser Situation“ befände sich „aktuell die muslimische Welt“. Demnach sei „der Zusammenstoß zwischen der organischen Tendenz der Gemeinschaft und der reflektierten Tendenz der Gesellschaft ein prägendes Moment für die derzeitige Subjektivität der Muslime“ (126). Die Entstehung des „Salafismus“ sei „eine Antwort auf die starke Furcht vor dem Zusammenbruch der organischen Gemeinschaft der Umma.“ Ihre fanatischen Anhänger trügen „die Maske der Vorfahren“ und wollten „ihre Inkarnation sein, was so weit geht, dass sie zu ihren Wiedergängern oder Zombies werden“ (129).

Zusammenfassend konstatiert Benslama: „Seit dem Eintritt der Aufklärung in die muslimische Welt stehen sich in einem mehr als zwei Jahrhunderte andauernden grausamen Krieg die Verfechter der organischen Gemeinschaft des Islam und jene gegenüber, die versuchen, sie durch eine reflektierte, mittels eines Nationalstaats regierte Gesellschaft zu ersetzen, welches auch immer die Erscheinungsformen dieses Unterfangens sein mögen“ (129). Der „eigentliche Konflikt“ spiele sich nicht, wie „allgemein geglaubt“ werde, „zwischen Freiheit von Religion und Religion ab“, sondern zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft (130).

Diskussion

Anders als manche Sozialwissenschaftler klammert der Autor die psychische Seite der Radikalisierung, vor allem die Erkenntnisse der modernen Entwicklungspsychologie, nicht aus. Seine Analyse ermöglicht uns die Gestalt des Übermuslim besser zu verstehen. Benslama legt aus psychosozialer Perspektive überzeugend dar, wie junge, auch gebildete, desorientierte Muslime im Zuge des Ringens um ihre Selbstachtung an sich und der modernen Welt verzweifeln können und einer totalitären Versuchung unterliegen. Die Verlockungen der westlichen Lebensform bei gleichzeitig schwach ausgebildetem Selbstwertgefühl und religiöser Indoktrinierung erzeugt bei ihnen offenbar eine explosive Mischung. Aus bildungstheoretischer Sicht kann man auch von gescheiterten Bildungsprozessen sprechen, in denen deutlich wird, was ein weitgehend hermetisch geschlossenes Milieu anzurichten vermag.

Das Auftauchen des Übermuslim im 20. Jahrhundert, eine bestimmte Ausprägung des Salafismus, führt der Autor sowohl auf innere Voraussetzungen als auch auf äußere historische Bedingungen zurück, die mit der Verwestlichung der Welt zusammenhängen. Wie sehr kulturelle und religiöse Umbrüche stattgefunden haben kann man daran erkennen, dass vor 1993 aus dem sunnitisch arabischen Raum kein einziges Selbstmordattentat bekannt ist. Im Islam gilt der Selbstmord als auch die Tötung von Menschen als schwere Sünde. Dies änderte sich Anfang der 1980er Jahre als militante Mudschaheddin in Afghanistan, unter dem Einfluss salafistischer Gelehrter, die längere Zeit in Saudi-Arabien verbracht hatten, diese Regeln durch eine eigenwillige Interpretation des Korans aufweichten. Der selektive Umgang mit den Schriften des islamischen Erbes diente diesen Gelehrten in ihrer „Gier nach Reinheit“ zur Umsetzung des „wahren Islam“. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum der IS beansprucht, die einzig legitime Verkörperung des Wahhabismus zu sein. Dies zeigt, dass die von Salafisten geforderte Rückbesinnung zu dem unverstellten Zugang zu den Textquellen keine vom Himmel gefallene Geisteshaltung ist. Vielmehr integriert der dschihadistische Salafismus im Laufe seiner Entstehung eine ganze Reihe an Einflüssen seit dem 17. Jahrhundert, wie den Wahhabismus.

Benslama denkt nicht monokausal, wie einige Exponenten der Neuen Rechten, wonach der Islamismus eine Ausgeburt des Islam sei, oder wie von linker Seite, demzufolge dieser überhaupt nichts mit dem Islam zu tun habe. Benslama zeigt, dass der Identitätsmythos des Islamismus zu einer Reduktion des Politischen auf das Religiöse und zum Missbrauch des Idealismus junger Menschen wie auch zur Auslöschung ihrer Individualität führt. Mit der Opferung ihrer Freiheit entlasten sich junge Islamisten von ihrer Lebensangst und Orientierungslosigkeit, dies manifestiert sich nun in der gewählten selbst- und menschenverachtenden Ideologie. Freud nennt das Symptomverschiebung. Benslama weist auch darauf hin, dass bei den Motiven der Hinwendung zum Islamismus eine gehörige Portion Narzissmus steckt. Und ohne das Gefühl der moralischen Überlegenheit könnte man nicht so skrupellos massenhaft morden, wäre der Rausch der Gewalt nicht möglich.

Der Islamismus erweist sich als eine bestimmte Spielart des Anti-Modernismus. Eine der Hauptursachen für die Erfindung des Islamismus als „antipolitische Utopie“ liegt laut Benslama in der Unterdrückung der Sexualität und der Entrechtung der Frau, aber auch in dem Versuch das 1924 endete Kalifat als ethnisch reines Kalifat wieder herzustellen. Ähnlich wie der Totalitarismus ist der Islamismus eine „Revolte gegen die Tatsächlichkeit“. Nach Hannah Arendt emanzipiere sich das ideologische Denken von der Wirklichkeit und bestehe auf einer „eigenen Realität“. Dies verleihe dem Totalitären viel von seiner Verführungskraft. Die verführerische Kraft liegt in dem Versprechen, alles mit einem Schlag zum Besseren zu ändern. Statt Reform, Gewalt, statt Gesellschaft, Gemeinschaft, statt Aufklärung, Mythos und statt Vernunft, selbstverschuldete Unmündigkeit. Diese „Eschatologik“ (Dolf Sternberger) schätzt Politik als einen Prozess gesellschaftlicher Veränderung ein, die auf einen Zustand der Widerspruchs- und Konfliktlosigkeit gerichtet ist und vom interessengeleiteten Individuum abstrahiert. Sie unterscheidet sich grundlegend vom liberalen Verständnis von Politik des offenen und zwangsfreien Experimentierens, das den Citoyen mit seinen Grund- und Menschenrechten in den Mittelpunkt stellt. Im Wesentlichen beruht Demokratie auf vertraglichen Beziehungen und nicht auf gemeinsam gefühlten und metaphysischen Wahrheiten.

Fazit

Der tunesische Psychoanalytiker Fethi Benslama und Kenner des Islam präsentiert mit dem „Übermuslim“ ein aktuelles und lesenswertes Buch. Bei seiner Analyse des Terrorismus greift er auch auf Sigmund Freud zurück, der individuelles Leid unter anderem als Ausdruck des Unbehagens in der Kultur versteht. Nach Freud haben Kulturen wie Individuen ein Art Über-Ich Wenn das „Kultur-Über-Ich“ Gebote erlasse, die die Menschen nicht befolgen könnten, würden diese „neurotisch“ werden. So lasse sich die „Beherrschung des Es nicht über bestimmte Grenzen steigern“. Fordere man mehr, so erzeuge man entweder „Auflehnung oder Neurose“. Wie Freud kann Benslama die zwangsläufigen Verbindungen zwischen dem Psychischen und dem Politischen deutlich machen. Das bedeutet, dass zur entschlossenen Terrorismusbekämpfung nicht allein repressive Maßnahmen zählen dürfen, sondern auch die Prävention in Form erfolgreicher Integration und der Bekämpfung der religiös-ideologischen Grundlagen. Terroristen sind Mörder, aber auch Mörder sind zunächst Menschen. Wir müssen sie erreichen bevor sie zu Mördern werden.

Der moderne Mensch, vor allem der Heranwachsende, ist, wie Benslama betont, immer im Zweifel mit sich selbst, immer auf der Suche nach seiner Identität, immer im Übergang und darum auch für fundamentalistische Bekehrungsversuche, besonders in kulturellen Transformations- und Modernisierungsprozessen, anfällig. Diese Verführbarkeit ist, trotz der schlimmen Erfahrungen des letzten Jahrhunderts, keineswegs für alle Zeiten gebannt. Vielleicht sind die Pforten dieser mythischen Versuchung Ausdruck des zeitlosen Bedürfnisses nach Sinn, nach Sicherheit im Sozialen und Überschaubarkeit des Lebens. Dies könnte auch den Erfolg des Salafismus in Europa bei Muslimen als Protest gegen eine Kultur, Gesellschaft und Politik, die Muslime benachteiligt, erklären. Gleichzeitig scheint das Streben nach religiöser Eindeutigkeit den Nerv nicht nur bei Muslimen zu treffen. Die mythisch-totalitäre Versuchung bleibt eine dauerhafte Herausforderung worauf uns Fethi Benslama mit seinem klugen Essay aufmerksam macht.

„Freiheit bedeutet nicht, die Fesseln des Lebens abzulegen, sondern sie ist der Wunsch, es von den versteinerten Phantasmen zu befreien, die es umgeben“ (Tahar Haddad 1899-1935).

Literatur:

  • Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt a. M., 1955, S.?688
  • Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur, in: Studienausgabe Bd. IX, S. Fischer Verlag Frankfurt/Main, 1974, VIII Kapitel, S. 268
  • Tahar Haddad, Euvres complètes, Bd. 2, Tunis 1999, S. 109

Rezensent
Dr. phil. Bruno Heidlberger
Studienrat (Philosophie, Politik, Geschichte), Mitarbeiter am Institut für Tiefenpsychologie Gruppendynamik und Gruppentherapie in Berlin, Lehrbeauftragter an der MHB Berlin-Brandenburg
E-Mail Mailformular


Kommentare

Anmerkung der Redaktion:

Die Rezension wird auch veröffentlicht in „Aufklärung und Kritik“, Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie. Herausgegeben von der Gesellschaft für kritische Philosophie, voraussichtlich Heft 1 oder 2/2018, Nürnberg


Alle 2 Rezensionen von Bruno Heidlberger anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Bruno Heidlberger. Rezension vom 31.08.2017 zu: Fethi Benslama: Der Übermuslim. Was junge Menschen zur Radikalisierung treibt. Matthes & Seitz (Berlin) 2017. ISBN 978-3-95757-388-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23268.php, Datum des Zugriffs 19.10.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Leiter/in Sachgebiet Eingliederungshilfe, Freiburg

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!