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Albert Scherr, Lena Sachs: Erfolgreiche Bildungsbiografien von Sinti und Roma

Cover Albert Scherr, Lena Sachs: Erfolgreiche Bildungsbiografien von Sinti und Roma. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 200 Seiten. ISBN 978-3-7799-3634-3. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Thema

Minderheiten sind der Stachel im prallen Fleisch der Mehrheiten. In der „globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die von den Völkern der Erde als Grundlage für ein gerechtes, gleichberechtigtes und friedliches Zusammenleben aller Menschen auf der Erde am 10. Dezember 1948 vereinbart wurde, heißt es in der Präambel: Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt. Im Internationalen Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung vom 7. März 1966 kommt zum Ausdruck, „dass eine Diskriminierung zwischen Menschen aufgrund ihrer Rasse, ihrer Hautfarbe oder ihres Volkstums freundschaftlichen und friedlichen Beziehungen zwischen den Völkern im Wege steht und dass sie geeignet ist, den Frieden und die Sicherheit unter den Völkern sowie das harmonische Zusammenleben der Menschen sogar innerhalb eines Staates zu stören“. In der „Erklärung über Rasse und Rassenvorurteile“, die von der UNESCO am 27. 11. 1978 erlassen wurde, lesen wir: Alle Völker und Gruppen von Menschen ungeachtet ihrer Zusammensetzung oder ihres Volkstums tragen gemäß ihrer eigenen schöpferischen Kraft zum Fortschritt der Zivilisation und Kulturen bei. Und im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland heißt es in Artikel 3: „Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden“.

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Minderheiten haben in vielen Gesellschaften Schwierigkeiten, gleichberechtigt und von der Mehrheitsbevölkerung anerkannt zu leben. Vorurteile und Stereotypenbildungen erschweren ihre Integration. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit wird von Ethnozentristen geschürt. Ablehnung und Ausschließung bestimmen das individuelle und gesellschaftliche Denken und Handeln. Diese Konfrontationen vollziehen sich seit Jahrhunderten immer wieder besonders gegenüber den Volksgruppen der Sinti und Roma (vgl. dazu z.B.: Jos Schnurer, Lustig ist das Zigeunerleben, Aulis-Verlag, 1986, 176 S.). So wie rassistische und ethnozentrierte, volks-,heimattümelnde, weltanschauliche und populistische Parolen laut werden, dass z.B. der Islam nicht zu Deutschland gehöre, mischen auch aus- und abgrenzende, antiziganistische Meinungen und Hetze im öffentlichen Diskurs mit: Sinti und Roma seien Betrüger, Arbeitsscheue, Unstete, Schmarotzer …, und Sinti- und Romakinder wären schwer beschulbar, würden keine qualifizierten Schulabschlüsse erreichen, seien geboren, um Sozialhilfe-Empfänger zu werden …

Der Vorsitzende des Zentralrats und Dokumentationszentrums Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, verweist im Vorwort zum Buch „Bildungsbiografien von Sinti und Roma“ auf die seit Jahrzehnten wirkenden strukturellen Benachteiligungen: „Viele Angehörige aus unserer Minderheit wurden regelrecht abgehängt, ohne Chance auf gleichwertige Teilhabe“. Die Organisation tritt dafür ein, dass (auch) in der schulischen Bildung Chancengleichheit herrscht. Es zeigt sich nämlich, dass Angehörige der Volksgemeinschaften qualifizierte Schulabschlüsse erreichen und erfolgreich in Berufen tätig sind. Um dies nachzuweisen, hat die Interessenvertretung der Sinti und Roma mit initiiert, eine wissenschaftliche Studie über die Befindlichkeiten, Motive, Motivationen, Zielsetzungen und Erfolge von (überwiegend autochthonen) Sinti und Roma zu erstellen und „ein Wissen über diejenigen Sinti und Roma zugänglich zu machen, die schulische, berufliche und hochschulische Bildungswege erfolgreich durchlaufen, und so ein Gegenbild zum einflussreichen Stereotyp der ungebildeten und gering qualifizierten Sinti und Roma aufzuzeigen“.

Der Sozialwissenschaftler vom Institut für Soziologie der Baden-Württembergischen Pädagogischen Hochschule Freiburg, Albert Scherr, und die wissenschaftliche Mitarbeiterin, Lena Sachs, stellen die Ergebnisse des Forschungsprojekts vor. Die Studie wurde im Wesentlichen finanziert vom Bundesministerium des Inneren.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung wird der Forschungsbericht in die folgenden Kapitel gegliedert:

  • Bildungsverläufe von Sinti und Roma erforschen: Schwierigkeiten und Fallstricke.
  • Kurze biographische Portraits von Sinti und Sintezas, Roma und Romija.
  • Warum Bildungsaufstiege schwierig sind – auch bei Sinti und Roma.
  • Diskriminierungserfahrungen und ihre Bewältigung.
  • Bildungserfolge unter den widrigen Bedingungen eines unsicheren Aufenthaltsstatus.
  • Bildungsaufstieg im Spannungsfeld von Minderheitenzugehörigkeit und Individualisierung, Traditionalismus und Modernisierung.
  • Mehrgenerationalität von Bildungsaufstiegen.
  • Bildung als Emanzipation.
  • Was ist erforderlich, um die Bildungschancen zu verbessern?
  • Folgerungen: Empfehlungen zur Verbesserung der Bildungschancen von Sinti und Roma.

Es sind die traditionalistischen (vgl. dazu auch: Hermann Mückler / Gerald Faschingeder, Hg.,Tradition und Traditionalismus. Zur Instrumentalisierung eines Identitätskonzepts, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12770.php) und rassistischen Einstellungen (siehe auch: Klaus-Jürgen Bruder / Christoph Bialluch, Hrsg., Migration und Rassismus. Politik der Menschenfeindlichkeit, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22200.php), die persönliche und strukturelle Benachteiligungen von Minderheiten erzeugen und befördern. Zur Klärung dieser Zustände, sind wissenschaftliche Bestandsaufnahmen und Analysen notwendig: „Ausgangspunkt der vorliegenden Studie war deshalb die Annahme, dass Sinti und Roma als eine Minderheit verstanden werden können, für die sinnvolle Aussagen über typische Merkmale ihrer Bildungssituation und die spezifischen Bedingungen und Verläufe von Bildungsprozessen möglich sind“,

Die Darstellung von Biographien von Sinti und Roma im Alter von 19 bis 49 Jahren, wie sie in der Studie als biographische Interviews vorgenommen wurden, sollen das Bild korrigieren, dass Sinti und Roma weder an Lern- und Bildungserfolgen interessiert, noch in der Lage wären, sie auch zu erreichen; im Übrigen eine ungeheuerliche und menschenfeindliche Stereotype, die mehr ein Bild von der Befangenheit und von ethnozentrierten Einstellungen in einer Mehrheitsgesellschaft ergeben, als die konkreten Situationen von Minderheiten spiegeln. Historische und generationale Entwicklungen verdeutlichen zudem die eigentlich alltägliche Erfahrung, dass eine Gesellschaft niemals homogen ist, sondern nur aus heterogenen Individuen bestehen und entwickeln kann. So ist es eben auch mit den Angehörigen der Volksgruppen der Sinti und Roma.

Es ist längst nachgewiesen, dass die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen erheblich beeinflusst werden von deren sozialen Herkünften. Dort, wo Eltern und das soziale Umfeld bildungsaffin eingestellt sind und agieren, gelingt es dem Nachwuchs eher, die formalen Erziehungs- und Bildungsanforderungen zu erfüllen und damit auch schulische Erfolge zu erreichen. Dort aber, wo Kinder in eher bildungsfernen Familien aufwachsen und wenig Anregungen erhalten, gelingen Bildungsaufstiege seltener. Gründe und Möglichkeiten dies zu ändern, werden in der Studie thematisiert. Es sind intergenerationale Erinnerungen an die nationalsozialistischen Verfolgungen, wie auch aus der Geschichte der Sinti und Roma national und international hergeleiteten und überlieferten Traumata, wie gleichzeitig „normale“ Auseinandersetzungen, die Diskriminierungserfahrungen bewirken, aber auch wirkungslos machen: „Das Ausmaß der von heutigen Schüler/innen und Studierenden erlebten Diskriminierung ist jedoch höchst unterschiedlich“.

Die Forschungsergebnisse über Vorurteils- und Diskriminierungstendenzen in der Mehrheitsgesellschaft gegen Minderheiten ergeben, dass in der deutschen Gesellschaft Antiziganismus bei einem Drittel bis fast der Hälfte der Menschen vorherrscht. Die Vorurteile beruhen dabei überwiegend auf dem Desinteresse und der Ablehnung zur Integration von Minderheiten und fehlenden Informationen über deren Identitäten. Insbesondere Sinti und Roma sind in stärkerem Maße veranlasst und gezwungen, ihre individuellen und kulturellen Identitäten gegenüber der Mehrheitsgesellschaft zu verbergen, zu verleugnen oder sich zu assimilieren. Die in den Interviews geäußerten Ursachen und Gründe sind ohne Zweifel geeignet, in der schulischen und Erwachsenenbildung curricular, didaktisch und methodisch differenziert darauf einzugehen.

Die Situation der Roma, die seit Anfang der 1990er Jahre überwiegend aus den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland geflüchtet sind ist insofern noch schwieriger, weil ihnen fast ausschließlich der Asyl- und Flüchtlingsstatus verwehrt wird, sie nur (kurz)befristete Aufenthaltserlaubnis erhalten und permanent von Abschiebung bedroht sind. Die Rückführung in ihre Herkunftsländer bedeutet für sie allerdings meist auch eine Rückkehr zu Diskriminierung, Benachteiligung und Aussichtslosigkeit.

Dass unter diesen schwierigen, unzulänglichen und unakzeptablen (mehrheits-)gesellschaftlichen Bedingungen (auch) bei den Sinti und Roma Bildungsaufstiege gibt, ist anerkennenswert und sollte im gesellschaftlichen Diskurs intensiver wahrgenommen werden. Bei den betreffenden Sinti, Sintezas, Roma und Romnija zeigen sich bemerkenswerte Einstellungen, die – oftmals im Gegensatz zu Bildungsaufsteiger/innen von anderen Minderheiten, die zu einer Lockerung und sogar Loslösung ihrer kulturellen und sozialen Herkünfte führen – Familien- und kulturelle Bindungen an ihre Herkunftsgesellschaft pflegen. Diese wertvollen Bemühungen sollten von der Mehrheitsgesellschaft anerkannt und gefördert werden; denn sie könnten es sein, die Integration gelingen lassen. In der Studie wird zudem deutlich, dass bei der generationellen Entwicklung und den (Anpassungs-) und Veränderungsprozessen bei Sinti und Roma auch Konflikten zwischen traditionellen Erwartungen der Alten und den Autonomie- und Identitätsansprüchen der Jungen auftreten. Dabei kommt es für die Bildungs- und Aufstiegswilligen nicht selten zu einer doppelten Herausforderung: „Einerseits die Spannungen, die sich daraus ergeben, dass sie sich im Hinblick auf Bildung und Beruf …, andererseits … gehen sie in Distanz zu traditionellen Konzepten von Heirat und Familiengründung …, ohne die Lebensweise und die Normen ihrer Eltern- bzw. Großelterngeneration … abzulehnen“.

Fazit

Die Studie über Bildungserfolge und Aufstiegschancen aus den benachteiligten Minderheitsvölkern von jungen Sinti und Roma zeigt, dass es drei Bildungsmotive gibt, die (auch) von der Mehrheitsgesellschaft erkannt und gefördert werden sollten: Einer durch die Verschränkung von Armut und Diskriminierung gekennzeichneten Situation entkommen – selbst eine Vorbildrolle in der Minderheit übernehmen – Emanzipation aus geschlechtsbezogenen Einschränkungen. Diese Prozesse verlaufen, wenn sie gelingen, als mehrgenerationelle Perspektiven und einem pädagogischen und erziehungsförderlichen, gleichberechtigten Dialog auf Augenhöhe: „Die Bildungssituation von Sinti und Roma ist Folge einer anhaltenden Diskriminierung, die historisch weit zurückreicht und sich immer noch fortsetzt“. So kann als ein wesentliches Ergebnis der Forschungsarbeit gelten: „Anerkennung von Sinti und Roma als gleichberechtigte Gesellschaftsmitglieder …, (die) mit gezielten Maßnahmen zu einer Überwindung sozialökonomischer Benachteiligung und sozialräumlicher Ausgrenzung einhergeht“.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 27.04.2018 zu: Albert Scherr, Lena Sachs: Erfolgreiche Bildungsbiografien von Sinti und Roma. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3634-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23272.php, Datum des Zugriffs 28.05.2018.


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