socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Helga Zeiher: Zeit und alltägliche Lebensführung

Cover Helga Zeiher: Zeit und alltägliche Lebensführung. Ein Prozessmodell zur Erforschung der Handlungsgenese. Aus der Zusammenarbeit mit Hartmut J. Zeiher. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 206 Seiten. ISBN 978-3-7799-3632-9. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,40 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Ausgehend von der Frage, wie Menschen ihr Alltagshandeln hervorbringen und wie seine Genese empirisch erklärt werden könne, entwickelte die Verfasserin zusammen mit Hartmut J. Zeiher über Zwischenstufen das in diesem Buch vorgestellte Prozessmodell alltäglicher Lebensführung. Es ist den empirischen qualitativen Forschungsverfahren zuzurechnen. Dabei steht die Zeitebene des Tagesablaufs und damit des Alltagslebens im Zentrum der Analyse.

Autorin und Autor

Helga Zeiher, Dipl. Soziologin, war langjährig am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung tätig. Hier entstanden eine Reihe von kindheitssoziologischen Forschungsarbeiten. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Kindheit und Generationenverhältnis sowie Zeit und Zeitpolitik.

Ko-Autor ist der 2007 verstorbene Psychologe Hartmut J. Zeiher, der in dem Buch mit einigen Texten zu den theoretischen Grundlagen vertreten ist. Die disziplinäre Zusammenarbeit der beiden Ko-Autoren brachte diesen Forschungsansatz hervor.

Entstehungshintergrund

Das Forschungsmodell wurde im Zusammenhang mit konkreten Forschungsaufträgen entwickelt. Bereits Anfang der 1990er Jahre sollte eine vollständige theoretische und methodische Darstellung folgen, was damals wegen vorrangiger Arbeiten unterblieb. Jetzt hat die Autorin dieses Desiderat nach erneuter Durcharbeitung und Aktualisierung nachgeholt.

Aufbau

Die Arbeit ist in vier große Abschnitte gegliedert.

Der Abschnitt „Einführung“ umfasst die Kapitel 1. Gesellschaftliches in der alltäglichen Lebensführung „dingfest“ machen und 2. Konkretes Handeln – eine Herausforderung für die Forschung.

Der nächste Abschnitt ist überschrieben mit „Prozesse der Handlungsgenese“. Hier sind enthalten 3. Ein psychologisches Konzept der Handlungsgenese, 4. Raum und Zeit im Handeln und 5. Die Umwelt des Handelns.

Die „Forschungsmethodik“ ist Gegenstand des 3. Abschnitts mit den Kapiteln

  • 6. Das Erhebungsverfahren,
  • 7. Die Zeitebene des Tagesablaufs: Analyse der Hervorbringung von Tätigkeiten,
  • 8. Die Zeitebene des Alltagslebens (1): Fallstudien einzelner Personen und
  • 9. Die Zeitebene des Alltagslebens (2): Vergleiche zwischen Fallstudien.

Der letzte Abschnitt, „Ausblick“ betitelt, erörtert im 10. Kapitel Vergangenes, Gegenwärtiges und Künftiges.

Literaturverzeichnis und Anhang (mit Hinweisen auf abgeschlossene Forschungsprojekte mit dem vorgestellten Prozessmodell und Publikationen) schließen das Buch ab.

Inhalt

Das Forschungsinteresse, aus dem heraus das Prozessmodell entwickelt wurde, war, den gesellschaftlichen Entstehungszusammenhang individuellen Handelns nicht nur deskriptiv zu beschreiben, sondern auch zu erklären, „. wie es dazu kommt, dass Menschen in den besonderen Situationen ihres aktuellen Alltagslebens gerade so und nicht anders handeln.“ (S. 16). Dieses Forschungsinteresse wurde durch die Frage der Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels in den 1980er Jahren auf das Alltagsleben geweckt. Angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen der letzten zwei Jahrzehnte (Stichworte: u.a. Digitalisierung, Flexibilisierung von Arbeitszeiten, Individualisierung und Subjektivierung) wurde die damals entwickelte Methode erneut interessant.

Um die Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels auf das Alltagsleben zu erfassen, musste sowohl ein Konzept „.der individuellen Prozesse, in denen Handeln zustande kommt“ entwickelt werden, als auch die „. besonderen gesellschaftlichen Umstände, in denen die zu untersuchenden Personengruppe ihr tägliches Leben führt“, bestimmt werden (S. 16).

Da sich Alltagsleben in der Abfolge des Handelns im Tagesablauf zeigt, werden umgangssprachlich als Tätigkeiten bezeichnete Handlungsblöcke in den Blick genommen. Damit spielen die zeitlichen Zusammenhänge eine besondere Rolle, denen das Buch seinen Titel verdankt.

Worin besteht nun die Forschungsmethodik genau?

Am Bespiel des Kindheitsprojekts, welches Anfang der 1990er Jahren durchgeführt wurde, wird der Ablauf dargestellt. Zum einen wurden hier Kinder im Alter von 10 Jahren gebeten, ihren Tagesablauf zu protokollieren, am folgenden Tag wurde in einem Interview auf der Basis des Protokolls als Erinnerungsstütze der vollständige Tagesablauf und die Tätigkeitssequenzen rekonstruiert.

Damit wird die Konzentration auf Handlungen, ihre Hervorbringung, die zeitliche und räumliche Einbettung deutlich. Zeiher ordnet das Verfahren ein als production system. Dies „.ist ein System zusammengehöriger Teile, das als Ganzes eine bestimmte Leistung erbringt. Diese Leistung besteht in unserem Fall in der schrittweisen Eingrenzung der Alternativen, die allen konkret aufgetretenen Bedingungen für das Zustandekommen einer Tätigkeit gerecht werden, die eine Person tatsächlich hervorgebracht hatte und deren Zustandekommen nun nachträglich rekonstruiert werden soll. Die Teile eines production system sind Bedingung-Aktion-Paare, die jeweils eine Bedingung und mindestens eine Aktion enthalten. Zwischen beiden besteht eine Wenn-Dann-Kopplung, durch die bewirkt wird, dass die daran gekoppelten Aktionen ausgeführt werden, wenn die Bedingungsseite eines solchen Paares zutrifft.“ (S. 126)

Der Begriff „hervorbringen“ wird durchgehend verwendet, um sowohl die bewussten wie auch die unbewussten Motive, Impulse, die zum jeweiligen Handeln führen, zu erfassen.

Diese abstrakten Ausführungen werden am Bespiel zweier 10jährigen Mädchen verdeutlicht, indem zunächst die Handlungsgenese als zeitliche Ebene des Tagesablaufs und der Tätigkeiten rekonstruiert wird, dann die alltägliche Lebensführung mit der zeitlichen Zuordnung zu Lebensphase und Alltagsleben insgesamt in Verbindung gesetzt wird und schließlich die Ebene des Sozialen Wandels mit der zeitlichen Zuordnung von Lebenslauf und Lebensgeschichte in der Einzeldarstellung und im Vergleich plastisch wird. So zeigt sich, dass die Unterschiede zwischen der Lebensführung der beiden Mädchen „… vor allem darauf zurückgeführt worden ‚sind‘, wie ihre Mütter sich zum damaligen gesellschaftlichen Wandel der Generationen- und Geschlechterverhältnisse positioniert hatten.“ Frau S. zeigte sich als ganz „auf der Höhe ihrer Zeit, Frau M. jedoch …hatte ein komplex gebrochenes Verhältnis zu dem, was in der damaligen Gegenwart als richtig galt. Die innerfamiliale Form der Hierarchie der Generationen, die diese beiden Mütter in ihren Familien etabliert hatten, ist offensichtlich in Einstellungen aus unterschiedlichen historischen Phasen der Durchsetzung der beiden hier fokussierten Emanzipationsbewegungen ‚gemeint ist die der Frauen und die der Kinder, d.Rez.‘ verankert.“ (S. 190) Man könnte auch von Überlagerungen biographischer und aktueller gesellschaftlicher Erfahrungen sprechen.

Im Lesen der beiden Fallbeispiele wird die Notwendigkeit der theoretischen Fundierung in den ersten beiden Abschnitten deutlich.

Diskussion und Fazit

Qualitative empirische Forschung ist sowohl in ihrer theoretischen Fundierung wie in der Durchführung und dann in der Auswertung aufwändig, wenn sie denn zunächst nicht bekannte oder nur vermutete Zusammenhänge in Breite und Tiefe eröffnen will. Das wird auch in der Darstellung dieses Prozessmodells deutlich, mit dessen Hilfe der Frage nachgegangen wird, wie Menschen ihr Alltagshandeln hervorbringen und wie seine Genese empirisch erklärt werden kann. Gerade die Verknüpfung eines soziologischen und eines psychologischen Zugangs erweist sich hierfür als produktiv. Und selbst im Abstand von rund 25 Jahren sind die beiden Fallrekonstruktionen spannend zu lesen.

Für wen könnte das Buch interessant sein? Zunächst einmal für Studierende aus dem Bereich der Sozialwissenschaften, die hier eine genaue Einführung in eine qualitative empirische Forschungsmethode erhalten. Sodann für potentielle Forscher_innen, die der Frage, wie Menschen ihr Alltagshandeln hervorbringen, auch für Menschen anderer Altersgruppen nachgehen wollen. Ich könnte mir die Methode auch als geeignet vorstellen hinsichtlich der Frage, wie Menschen unter erschwerten Bedingungen ihren Alltag gestalten. Schließlich kann der Ansatz auch im Sinne partizipativer Forschung ausgestaltet werden.


Rezensentin
Prof.em Dr. Alexa Köhler-Offierski
Seniorprofessorin Evangelische Hochschule Darmstadt
E-Mail Mailformular


Alle 22 Rezensionen von Alexa Köhler-Offierski anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Alexa Köhler-Offierski. Rezension vom 06.12.2017 zu: Helga Zeiher: Zeit und alltägliche Lebensführung. Ein Prozessmodell zur Erforschung der Handlungsgenese. Aus der Zusammenarbeit mit Hartmut J. Zeiher. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3632-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23274.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!