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Daniel März: Kinderarmut in Deutschland und die Gründe (...)

Cover Daniel März: Kinderarmut in Deutschland und die Gründe für ihre Unsichtbarkeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 342 Seiten. ISBN 978-3-7799-3721-0. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Mit einer Armutsrisikoquote der unter 18jährigen von ca. 20 % (vgl. S. 134) stellt Kinderarmut ein großes soziales Problem in der Bundesrepublik Deutschland dar. Obwohl das Thema immer mal wieder im politischen Diskurs erscheint und es inzwischen eine breite Resonanz in den sozialwissenschaftlichen Diskussionen erfährt, ändert sich daran wenig. An diesem Phänomen setzt der Autor, Daniel März, die Analyse in seiner an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln 2016 angenommenen Inauguraldissertation an.

Aufbau

Nach einem Vorwort von Prof. Dr. Julia Reuter ist die vorliegende Arbeit in zehn Kapitel gegliedert. Diesem Aufbau folgt die inhaltliche Darstellung.

Insbesondere in den Kapiteln 4 bis 8 nähert sich der Autor dem Phänomen der Kinderarmut von verschiedenen Perspektiven: der Kindheits- und Armutssoziologie, der Institutionssoziologie, der Wohlfahrtsstaatssoziologie sowie der Repräsentations-und Verbändesoziologie.

Inhalt

Im 1. Kapitel gibt März einen Überblick über den widersprüchlichen Umgang mit Kinderarmut und erläutert seine Fragestellung: „Welche makrosoziologischen … und mikrosoziologischen …Kräfte und Machtkonstellationen beeinflussen die gesellschaftliche (Un-)Sichtbarkeit armer Kinder im Verteilungssystem (im)materieller Lebenschancen und seiner relevanten Institutionen?“ (S. 29) Er schließt die Frage danach an, wer einen Nutzen „an der (Un-) Sichtbarkeit“ hat (S. 29). Zudem kritisiert er die (z.B. in der Jugendhilfe) weit verbreitete Verwendung des Begriffs des „Kindeswohls“, wodurch das handelnde Subjekt bereits in der Bezeichnung verschwindet und verwendet stattdessen den Begriff der „Kinderinteressen“ (vgl. S. 41).

Im 2. Kapitel erläutert März seine Forschungshaltung und sein Vorgehen. Er möchte mit seiner Analyse einen Beitrag zur „Politischen Soziologie“ und zur „Armuts- und sozialen Ungleichheitsforschung“ leisten (S. 49). Er stützt sich i. W. auf soziologische Fachliteratur und Studien sowie auf andere Materialien (Verbandspublikationen, Stellungnahmen usw.) Ergänzt werden die Literaturstudien durch sechs leitfadengestützte ExpertInneninterviews, die er im Juni und Juli 2015 u.a. mit Dr. Ulrich Schneider (Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands) und Renate Schmidt (Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend a.D.) durchgeführt hat (vgl. S. 52). Ferner beruft er sich auf „kritische Beobachtungen“ von acht Veranstaltungen zum Thema Kinder und/oder Armut, an denen er in der Zeit von Mai 2014 bis Juli 2016 teilgenommen hat (vgl. S. 53).

Theoretisch orientiert sich März am „Zentrum-Peripherie-Modell“ von Kreckel, das er im 3. Kapitel darstellt und modifiziert: „Nicht Staat, Arbeit und Kapital erachte ich für die Analyse von Kindheit in Armut als zentral. Sondern (Wohlfahrts-)Staat, Markt (bestehend aus Wirtschafts-, Kapital- und Erwerbssystem) und die Versorgungsinstitution der Familie und ihr erweitertes soziales Umfeld avancieren als notwendiges Kräftedreieck von Kindheit in Armut“ (S. 72 f.).

März fasst im 4. Kapitel zunächst die Armutsforschung in der Bundesrepublik Deutschland seit dem 2. Weltkrieg bis zu den aktuellen Armuts- und Reichtumsberichten der Bundesregierung zusammen. Hier wird die vergleichsweise schlechte Datenlage in Bezug auf Kinder, die in Armut leben, kritisiert (vgl. S. 84). Ferner setzt er sich mit der „Wohlfahrtsstaatsforschung“ und Ansätzen zur Erfassung von „Interessengruppenforschung“ auseinander. Er arbeitet dabei heraus, dass sich mit dem Begriff der „schwachen Interessen“ gut die Situation der Gruppe der in Armut lebenden Kinder erfassen lässt, da sie nicht über ausreichende Ressourcen verfügen und politisch schwer zu organisieren seien (vgl. S. 112).

Im 5. Kapitel thematisiert März Entwicklung und Stand der Forschung zum Thema Kindheit und Armut. Aufgrund einer Darstellung des Ausmaßes von Armut in der Kindheit und verschiedenen Studien wird die gesellschaftliche Brisanz des Themas deutlich. Einen besonderen Fortschritt in den sozialwissenschaftlichen Diskussionen sieht März darin, Kinder als Subjekte, statt als ausschließlich von Erwachsenen Abhängige zu sehen und von einer „Infantilisierung“ von Armut (wie Hradil sie vorschlägt) sowie vom Lebenslagenkonzept auszugehen. Einen besonderen Fokus legt März auf die allseits präsente Forderung nach mehr Bildung, um Armutsrisiken einzudämmen. Hier zeigt er u.a. auf, wie aus Opfern Täter gemacht werden, indem einerseits mehr Bildung für alle, also auch für sozial benachteiligte Kinder gefordert wird, aber andererseits nicht genügend finanzielle Mittel zur Teilhabe an Bildung zur Verfügung gestellt werden, wenn z.B. einem Kind im Alter von 14 Jahren im Sozialhilfebezug gerade einmal 0,32 € monatlich für Bildung gewährt werden (vgl. S. 152).

Im 6. Kapitel erläutert März an Hand des Begriffes der „Arena“ und des „politischen Feldes“ (nach Bourdieu) die historische Entwicklung der bundesrepublikanischen Familienpolitik seit Etablierung eines Familienministeriums im Jahr 1953 (vgl. S. 158 ff.). Deutlich wird, wie schwierig es historisch war, aufgrund der vergleichsweise geringen politischen Möglichkeiten, familienpolitische Maßnahmen (Kindergeld, Familienlastenausgleich) zu etablieren, die zur Verbesserung der Lebenslagen von Familien und ihren Mitgliedern beitrugen. Überschneidungen mit anderen Ministerien und Feldern, wie Finanzen, Arbeit, Soziales, Gesundheit sowie fehlende gesetzgeberische Kompetenzen hätten mit dazu beigetragen, dass die Lebenslagen von Kindern wenig Berücksichtigung fanden und dass finanzielle Umverteilungen zu Gunsten von Familien und Kindern bis in die Gegenwart nicht stattfinden konnten. „Somit begünstigt und reproduziert deutsche Familienpolitik strukturelle Rücksichtslosigkeiten gegenüber Familien und Kindern“ (S. 289).

Thema des 7. Kapitels sind u.a. wohlfahrtsstaatliche Forschungen und Entwicklungen. Über Parallelen zwischen dem Ansatz des Wohlfahrtsstaatsforschers Esping-Andersen und dem Konzept des „Dritten Weges“ von Giddens zeigt März die Entwicklungen des einst fürsorgenden deutschen Sozialstaates hin zu einem aktivierenden und sozialinvestiven Sozialstaat, der Ende der 1990er Jahre durch die SPD in die Politik eingebracht wurde. Neben den drastischen Veränderungen im sozialstaatlichen Bereich, vor allem durch die Einführung von Hartz IV und der „Erosion des Normalarbeitsverhältnisses“, wodurch immer mehr Menschen auf Sozialleistungen angewiesen sind/waren (vgl. S. 204 f.) veränderte sich die Familienpolitik. Diese habe sich an einer „Politik der Mitte“ orientiert, und an der Vorstellung „Humankapital“ zu unterstützen und zu fördern. Das habe eine Politik zur Folge gehabt, deren Maßnahmen vor allem den Mittelstand stützten, wie z.B. durch das vom Erwerbseinkommen abhängige Elterngeld. Im Fokus stehe dabei die Erwerbsarbeit, also nicht die „familienfreundliche Arbeitswelt“, sondern die „beschäftigungsfreundliche Familie“, wie März Ostner zitiert (S. 192). Hinzu käme eine Individualisierung des „multiplen Familienversagens“, wodurch Kinderarmut zugleich sichtbar, aber ihre Entstehungsgründe unsichtbar werden (vgl. S. 209).

Kinder würden vor allem als von Erwachsenen Abhängige gesehen, deren Wert sich wiederrum an ihrer Beteiligung am Erwerbsarbeitsmarkt festmacht. Die Transformationen des Wohlfahrtsstaates in den letzten Dekaden, „der seine unterstützungswürdige Klientel in privilegierte und deprivilegierte unterscheidet“ (S. 251) trügen zusätzlich zur Unsichtbarkeit von Armen (denen unterstellt wird, ihre Situation selbst verschuldet zu haben) und Kindern, die nicht als Subjekte in Erscheinung treten, bei. Die Notwendigkeit die Lebenslage von in Armut aufwachsenden Kindern zu verändern gerate somit aus dem Blick.

Am Beispiel der Diskussion um den Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands von 2015 zeigt März u.a. im 8. Kapitel auf, wie von verschiedenen Seiten (z.B. in Zeitungen und durch die Arbeits- und Sozialministerin) versucht wird, das Ausmaß der materiellen Armut in Deutschland kleinzureden, zu verleugnen oder auf Einzelfälle zu reduzieren (vgl. S. 260 ff.).

Nach einer Zusammenfassung im 9. Kapitel entwickelt März abschließend im 10. Kapitel weiterführende Forschungsfragen. Zudem fordert er die Sozialwissenschaften dazu auf, sich verstärkt in die politischen Diskurse einzubringen und die Politik sich mehr auf sozialwissenschaftliche Expertisen zu stützen. Auf der Ebene der sozialverbandlichen Anwaltschaft plädiert März dafür, sich auf einen Grundkonsens „über die Grundausstattung (im) materieller Lebenschancen von Bildung, Teilhabe und materieller Sicherheit“ für Kinder zu einigen (S. 300).

Diskussion

Bestechend an der Dissertation sind neben den konkreten Ergebnissen, wie die verschiedenen Felder dazu beitragen Kinderarmut unsichtbar werden zu lassen bzw. so mit dem Phänomen umzugehen, dass Ungleichheiten reproduziert werden. So führt März nachvollziehbar vor, wie Behauptungen in den sozialwissenschaftlichen und politischen Diskursen Verbesserungen der Lebenslagen von Subjekten, also von Kindern und/oder Armen, vornehmen zu wollen, auf den Kopf gestellt werden, wenn z.B. das Elterngeld auf Sozialleistungen angerechnet wird. Insofern stellt die vorliegende Arbeit auch ein gutes Beispiel für die Auswirkungen einer neoliberalen Politik auf das Feld der Sozialwissenschaften dar, wenn z.B. die zunehmende Erwerbstätigkeit von Müttern vor allem als Beitrag zur Angleichung der Geschlechter erscheint (vgl. S. 181 f.). Dahinter verbirgt sich (nach März) aber der sozialinvestive Ansatz, wonach die Familienmitglieder nicht als Subjekte in ihren Lebenslagen und mit ihren Bedürfnissen gesehen werden, sondern in ihrem „Marktwert“ als „Arbeitskraft“ (vgl. S. 190).

Zwar arbeitet der Autor heraus, inwiefern dies auch für Kinder gilt, wenn es zu einer „Defamilialisierung“ kommt, wenn also immer mehr staatliche Institutionen Aufgaben von Familienerziehung übernehmen, z.B. in Bezug auf frühkindliche Betreuung und -förderung (vgl. S. 228 ff.). Allerdings wäre hier eine Konkretisierung wünschenswert gewesen: Wer wird, wie gefördert und welche positiven und negativen Auswirkungen hat dies auf die Lebenslagen von Eltern und Kindern?

Leider erschwert die Darstellungsform u.a. durch die Vorwegnahme von im Anschluss zu erarbeitenden Ergebnissen die Lektüre (vgl. z.B. S. 116).

Fazit

März analysiert, inwiefern die Soziologie der Kindheit, Armut, Institutionen und Wohlfahrtsstaaten sowie Repräsentations- und Verbändesoziologie dazu beitragen, Kinderarmut in Deutschland sichtbar bzw. vor allem unsichtbar werden zu lassen.


Rezensentin
Prof. Dr. Barbara Ketelhut
(im Ruhestand) Hochschule Hannover, University of Applied Sciences and Arts Homepage www.hs-hannover.de E-Mail: barbara.ketelhut@hs-hannover.de
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Zitiervorschlag
Barbara Ketelhut. Rezension vom 14.12.2017 zu: Daniel März: Kinderarmut in Deutschland und die Gründe für ihre Unsichtbarkeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3721-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23276.php, Datum des Zugriffs 20.01.2018.


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