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Ayça Polat (Hrsg.): Migration und Soziale Arbeit

Cover Ayça Polat (Hrsg.): Migration und Soziale Arbeit. Wissen, Haltung, Handlung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. 261 Seiten. ISBN 978-3-17-031703-1. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR, CH: 36,80 sFr.
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Thema

Deutschland ist bekanntlich ein Einwanderungsland. Ein Fünftel der Bevölkerung hat Migrationshintergrund. Soziale Arbeit als Praxis, Profession und Wissenschaft hat sich darauf eingerichtet, ohne gleich pauschal Migration als soziales Problem zu unterstellen.

Hunderttausende von Menschen sind hierher geflüchtet, vor Krieg, Verfolgung, Armut. Die Soziale Arbeit ist, personell wie konzeptionell, herausgefordert. Ein neues Arbeitsfeld hat sich aufgetan und ist so zu gestalten, dass die Menschen mit Fluchterfahrung ihre Rechte und Interessen wahrnehmen können.

Herausgeberin, Autorinnen und Autoren

Die Herausgeberin Dr. Ayca Polat ist Professorin für Soziale Arbeit an der Fachhochschule Kiel. Die Beiträge stammen von weiteren Kolleginnen und Kollegen der FH Kiel, der Hochschule Esslingen, der Kath. Hochschule NRW, der Universität Oldenburg, der Dualen Hochschule Baden-Württemberg sowie von Expertinnen und Experten aus Verbänden und Einrichtungen.

Entstehungshintergrund

Der Band erscheint in der Reihe „Grundwissen Soziale Arbeit“, mit welcher der Kohlhammer Verlag ausdrücklich Studierende ansprechen und die Umstellung auf Bachelor-Studiengänge und ihre Lernzielorientierung vollziehen möchte.

Aufbau

Die insgesamt 20 Beiträge folgen der im Buchuntertitel erkennbaren Dreiteilung der Kompetenzen, wie sie international auch als

  • Knowledge,
  • Attitudes/Values und
  • Skills

unterschieden werden.

Inhalt

Eine Reihe von Beiträgen bieten systematische Überblicke. Dies beginnt mit der Geschichte der Migrations- und Flüchtlingspolitik von A. Polat. Helen Ahlert und Mario Nahrwold fassen das aktuelle Ausländer- und Asylrecht zusammen. Dieses wird in späteren Beiträgen in Hinsicht auf unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (Schmieglitz/Schwille), Arbeit und Ausbildung (Golla bzw. Erdem-Wullf/Michalski/Polat) wieder aufgegriffen.

Zwar stellen die verfügbaren Statistiken immer noch auf Staatsangehörigkeit, nicht auf Migrationshintergrund ab. Mit dieser Einschränkung und weiteren methodologischen Klärungen zeigt Andrea Janßen, wo Kinder mit Migrationsgeschichte im Bildungssystem unterrepräsentiert und insofern benachteiligt sind; im übrigen fallen dabei auch Kinder aus einigen Ländern auf, die häufiger Abitur machen als der „deutsche“ Durchschnitt. Die Daten belegen auch höhere Erwerbslosigkeit und Armutsgefährdung nach Migration.

Bei den Haltungen oder Einstellungen sind Achtsamkeit, Spiritualität, Respekt, Empathie, Unvoreingenommenheit gefragt, umso mehr, wenn es – wie Josef Freise anmerkt – um die Begegnung von Menschen unterschiedlicher Herkunft geht.

Etliche Beiträge stellen eine Ausgangslage vor, auf die hin die Fachkräfte ihr Wissen, ihre Werte, ihre Fertigkeiten einbringen und verbessern müssen. Exemplarisch tut dies Marcus Wächter-Raquet. Er geht davon aus, dass etwa 1,5 Mio. Personen über 65 Jahre Migrationshintergrund haben, allerdings Spätaussiedler anders als Arbeitsmigranten. Gemeinsam haben sie das Risiko der Altersarmut, das bei türkischstämmigen Seniorinnen noch deutlich höher liegt. Für alle sind niedrigschwellige Freizeitaktivitäten in Wohnortnähe wichtig. Pflegende Familienangehörige brauchen sehr viel mehr Unterstützung als dies bislang der Fall war.

Kizilhan/Kaya zeigen, wie Migration mit kulturellen Konflikten einhergeht, wenn etwa die zweite oder dritte Generation sich von traditionellen Wertvorstellungen des Herkunftslandes und ihrer Eltern, ja der Großfamilie löst. Die Autoren gehen auch an Beispielen entlang auf die Somatisierung ein: Soziale Ausgrenzung oder Kränkung werden oft als körperlicher Schmerz empfunden. Psychiatrische Behandlungen sind kultursensibel, ja in manche Fällen am besten in der Muttersprache durchzuführen.

Einen eigenen Raum nimmt mit fünf Beiträgen die Soziale Arbeit mit Flüchtlingen ein. Die Autorinnen und Autoren arbeiten dabei deutlich heraus, dass die langwierigen Asylverfahren, die auferlegte Passivität, die fehlende Privatsphäre alle menschenrechtliche Anforderungen verfehlen. Die Soziale Arbeit, derzeit oft von Mitarbeitenden ohne Fachstudium, aber engagiert geleistet, konzentriert sich auf Orientierung, Beratung und Vermittlung, Aktivierung, Qualifizierung. Vor allem die Jugendlichen mit Fluchterfahrung sind hoch motiviert, zukunftsorientiert, durchsetzungsfähig, brauchen aber auch Bestärkung (durch Selbstwirksamkeitserfahrungen), Partizipationsmöglichkeiten, Beheimatung in der Zivilgesellschaft. Das Ziel ist frühestens dann erreicht, wenn Geflüchtete einen Schulabschluss, einen Praktikumsplatz, eine Ausbildung, eine eigene Wohnung haben.

Allerdings ist auch zu beachten, dass – Golla bezieht sich auf eine Feststellung der Bundestherapeutenkammer von 2015 – „mindestens die Hälfte der Geflüchteten psychisch krank“ seien. Ariane Schorn arbeitet die Zusammenhänge von Flucht, Trauma und posttraumatischen Belastungen systematisch auf, obwohl Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter letztlich nur Grundkenntnisse brauchen, da sie nicht therapeutisch tätig werden.

Diskussion

Nicht jeder Beitrag erschließt sich dem Rezensenten. Statt Anschauung, Beispielen, Anwendungsmöglichkeiten: Jargon. Es ist nicht verständlich, was Lingen-Ali/Mecheril und Schröer mitteilen wollen. Es geht wohl um Anti-Rassisimus bzw. Organisationsentwicklung. Die interkulturelle Öffnung eines Wohlfahrtsverbandes macht im weiteren Verlauf immerhin Talibe Süzen von der Arbeiterwohlfahrt deutlich.

Einige Beiträge sind als Berichte aus der Praxis nicht darauf angelegt, die relevanten Kompetenzen, etwa die Fertigkeiten (sog. Handlungskompetenzen) herauszuarbeiten. Dabei verschenkt, um ein Beispiel detaillierter zu betrachten, Y. Chehata die Aufmerksamkeit für die Kinder- und Jugendarbeit, wie sie in der Migrationsgesellschaft nun schon seit drei, vier Jahrzehnten herausgearbeitet wurde. Ein Blick in die Kreis- oder Stadtjugendringe würde genügen, um die migrantische Selbstorganisation, aber auch die innerhalb der „klassischen“ Verbände aufzuzeigen. Dass sich – wie Chehata kritisiert – die VJM (Vereine Jugendlicher mit Migrationshintergrund) auf Landesebene nur in Sammelvertretungen repräsentieren können, ist genau das, was andere, auch noch mitgliederstärkere Verbände (Pfadfinder, die humanitären Organisationen, Naturschutzgruppen) schon seit Jahrzehnten praktizieren (müssen), wobei VJM sogar einen Sonderstaus im Hauptausschuss des hier so gescholtenen Bayerischen Jugendrings genießt.

Es stellen sich bei dieser Publikation aber zwei grundsätzliche Fragen:

  1. Welchen Sinn hat es, die drei genannten Kompetenzen voneinander zu trennen und als Gliederungsprinzip einzusetzen, wenn sie doch in der Praxis zusammengehören und tatsächlich bei etlichen Beiträgen in diesem Buch richtig verknüpft werden? In einem Buch zum „Grund-wissen“ (also doch!) kann nur das Wissen vermittelt werden (wenn der Leser/die Leserin es denn auch versteht ); Haltungen und Handlungen können durch Lektüre nicht eingeübt werden, man kann nur über sie berichten.
  2. Während die aktuellen Lebenslagen von Flüchtlingen Soziale Arbeit noch viele Jahre auf den Plan rufen werden, ist das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Migration weit komplexer; Migration ist nicht notwendigerweise gleich und immer ein „Problem“. Sind die Lebenslagen, Rechte und Bedürfnisse der Menschen heute, in der Folge der Arbeitsmigration seit den 1950er Jahren, der Einwanderung der Spätaussiedler und den Asylbewerbungen um 1990 herum, der Mobilität im Zuge der EU-Freizügigkeit einerseits, die derzeitige Flucht (Unsicherheit, Not) von Hunderttausenden Menschen andererseits, auf einen Nenner zu bringen? Viele Menschen mit Migrationshintergrund suchen auch „interkulturell geöffnete“ Dienste und Einrichtungen nicht auf, da ihre Lebenslage nicht (mehr) migrationsbedingt ist.

Der vorliegende Band schließt mit einem Stichwortverzeichnis, das als eine Form von Wissenstest zu nutzen wäre: Was ist z.B. „migration pay gap“? Es ist kein Glossar, der Verweis auf die entsprechende Seite ist teils sehr nützlich (z.B. „Empathie“, „Resilienz“), teils – verständlicherweise – eher unergiebig („Kultur“, „Vernetzung“).

Fazit

Das „Grundwissen“ zu „Migration und Soziale Arbeit“ wird m.E. den Adressaten und Adressatinnen, die durch anschauliche, verständliche Darstellungen auf Praxis hin orientiert, vielleicht auch motiviert werden wollen, eben „Grundwissen“ erwerben sollen, nicht ganz gerecht.

Menschen auf der Flucht sind existenziell in Not, Menschen mit Migrationshintergrund glücklicherweise nicht (mehr). Angesichts der Vielfalt der Lebenslagen sollte Soziale Arbeit, als Praxis, Profession und Wissenschaft, nicht davon ausgehen, dass „Migration“ wirklich ein Feld konstituiert.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 07.12.2017 zu: Ayça Polat (Hrsg.): Migration und Soziale Arbeit. Wissen, Haltung, Handlung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-031703-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23279.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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