Anja Mannhard, Kristin Scheib: Was Erzieherinnen über Sprachstörungen wissen müssen
Rezensiert von Dipl.-Päd. Elke Katharina Klaudy, 29.08.2006
Anja Mannhard, Kristin Scheib: Was Erzieherinnen über Sprachstörungen wissen müssen. Mit Spielen und Tipps für den Kindergarten.
Ernst Reinhardt Verlag
(München) 2005.
136 Seiten.
ISBN 978-3-497-01753-9.
D: 14,90 EUR,
A: 15,40 EUR,
CH: 26,30 sFr.
Vorwort von Ulrike Franke.
Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-497-01919-9 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Die Autorinnen
- Anja Mannhard, Erzieherin, Logopädin, Lehrlogopädin, Seminarleiterin. Gesprächsführung nach C. Rogers. Praxis für Logopädie und Beratung in Darmstadt. Lehrtätigkeit an der Europa-Fachhochschule Fresenius, Darmstadt.
- Kristin Scheib, Diplom Psychologin und Lehrlogopädin, Lehr- und Fortbildungstätigkeit zu entwicklungspsychologischen und logopädischen Themen. Forschungstätigkeit an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg zum Thema Schriftspracherwerb.
Einführung in die Thematik
Erzieher/inne/n wird in der Früherkennung von Auffälligkeiten in der kindlichen Sprachentwicklung und bei Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen eine zentrale Rolle zugeschrieben. Durch ihren direkten, intensiven und "distanzierten" Umgang mit Kindern haben sie die Möglichkeit, vorhandene oder aufkommende Verhaltens- und Kommunikationsstörungen frühzeitig zu erkennen und geeignete Maßnahmen vorzuschlagen. Fundiertes Wissen um den "normalen" kindlichen Spracherwerb und über Signale, wann ein Kind von der normalen Sprachentwicklung abweicht, sind dazu Voraussetzungen, denen sich die Autorinnen mit ihrer Veröffentlichung widmen.
Aufbau und Inhalte
Das Sachbuch zeichnet sich durch ein logisches Gliederungsgerüst aus, das auf dem ersten Kapitel "Meilensteine der Sprachentwicklung" basiert und den "normalen" kindlichen Spracherwerb darstellt.
Dem wichtigen Thema der Erziehung und Förderung mehrsprachig aufwachsender Kinder und jeder Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen, die bei Kindern im Vorschulalter auftreten kann (z.B. ob ein Kind über längerer Zeit undeutlich spricht, unökonomisch atmet, stottert, poltert, häufig heiser ist, schweigt oder schlecht hört) wird anschließend ein eigenes Kapitel gewidmet. Neben den jeweils verständlich dargebotenen Fach- und Hintergrundinformationen wird ein direkter Praxisbezug durch Beispiele, vielfältige praktische Tipps, Hilfen, Übungen und Anregungen hergestellt. Es wird auf typische Warnsignale hingewiesen, auf die Erzieher/innen bei ihren Beobachtungen von Kindern achten sollen. Sinnvolle Verweise auf weiterführende Informationen sowie Literaturangaben zum Abschluss eines jeden Kapitels dienen einer gezielten Vertiefung einzelner Bereiche. Nachdem schließlich in Kapitel 11 Spiele und Übungen mit Kindern zur allgemeinen Sprachförderung vorgestellt werden, wird auch auf Möglichkeiten und Grenzen von Sprachförderung in der Kindertageseinrichtung hingewiesen und Hinweise für die Gespräche mit Eltern gegeben.
Besonders hervorzuheben ist das letzte Kapitel, in dem wertvolle und wichtige Ratschläge zum richtigen Gebrauch der Sprechstimme in sog. Sprechberufen. Da Erzieherinnen, zu den sog. Sprechberufler/inne/n gehören, sind sie sprachliche und stimmliche Vorbilder von Kindern, die besonders auf ihre eigenen Stimme achten müssen. Tipps und Übungen zur Prävention von Stimmstörungen in Sprechberufen sollen funktionell bedingten Stimmstörungen entgegenwirken.
Inhalt
- Meilensteine der Sprachentwicklung (Grundlagen der Sprachentwicklung, Frühkindliche Sprachentwicklung)
- Alexander spricht noch nicht richtig - Störungen der Sprachentwicklung (Verzögerung der Sprachentwicklung, Sprachstörungen bei einer Behinderung, Sprachstandserhebung)
- Von der Kunst, mehr als eine Sprache zu sprechen - mehrsprachiger Erziehung (Sprachliche Auffälligkeiten, SISMIK, Unterstützung mehrsprachiger Kinder mit Sprachproblemen, Kon-lab)
- "Tutt ma, au'm Tirstuen tabbelt ein Mahientäer" - Aussprachstörungen im Kindesalter (Entwicklung lautsprachlicher Fähigkeiten, Aussprachestörungen, Unterstützung bei Aussprachefehlern)
- Rund um den Mund - Die Bedeutung des Mundraums für die Sprachentwicklung (Ständige Mundatmung als Problem, Spiele für einen natürlichen Mundschluss, Förderung der Zungen-Mund-Motorik, Übungen gegen starken Speichelfluss)
- Ganz Ohr? - auditive Wahrnehmungsstörungen im Kindesalter (Das Ohr und das Hören, Auditive Wahrnehmungsstörungen, Förderung der auditiven Wahrnehmung, Hören, lauschen, lernen - die Würzburger Trainingsprogramme)
- Wer stottert, ist in guter Gesellschaft - kindliches Stottern (Ursachen, Das Anforderungs-Kapazitäten-Modell, Unterstützung eines stotternden Kindes)
- Poltern ist mehr als nur zu schnelles Sprechen (Ursachen, Unterstützung eines polternden Kindes)
- Victor ist ständig heiser und spricht so tief wie ein Mann - Stimmstörungen bei Kindern (Formen und Ursachen von kindlichen Stimmstörungen, Anregungen für Stimmübungen mit Kindern)
- Wenn Kinder schweigen - selektiver Mutismus im Kindesalter (Was ist selektiver Mutismus? Weshalb schweigt ein Kind, obwohl es sprechen kann? Umgang und Kommunikation mit schweigenden Kindern)
- Spiele zur Sprachförderung - mit allen Sinnen (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen, Bewegungsspiele, Kreative Sprachspiele)
- Sprachförderung und Elternarbeit im Kindergarten - Möglichkeiten und Grenzen (Möglichkeiten von Sprachförderung im pädagogischen Umfeld, Gespräche mit Eltern führen)
- Gut bei Stimme? - Stimmstörungen in Sprechberufen vorbeugen (Was die Stimme beeinflusst, Erste Hilfe - das Schnellprogramm zum Einstimmen)
Anhang (Nützliche Hinweise, Literatur, Sachregister)
Fazit
Die erfahrenen Autorinnen stellen mit "Was Erzieherinnen über Sprachstörungen wissen müssen" ein interessantes und praxisnahes Fach- und Nachschlagewerk vor, das in keiner Kindertageseinrichtung fehlen sollte. Gut leserlich geschrieben, auf wesentliche Informationen beschränkt und angereichert mit vielen Hinweisen und praktischen Anregungen leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Befähigung von sozialpädagogischen Fachkräften für eine gezielte Sprachförderung von Kindern. Dabei bleibt auch nicht unerwähnt, dass dieses Thema eine stärkere Berücksichtigung in der Aus- und Weiterbildung von Erzieherinnen erfahren muss.
Die übersichtliche Gestaltung der einzelnen Kapitel trägt durch z.B. wiederkehrende Hervorhebungen zu einer guten Handhabung der Veröffentlichung bei. Zeichnungen und Grafiken bewirken zudem eine bessere Verständlichkeit und Auflockerung der Sachinhalte.
Alles in allen ein gelungenes Buch, das zur Vertiefung der angesprochenen Themen ermuntert.
Rezension von
Dipl.-Päd. Elke Katharina Klaudy
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