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Birgit Herz: Gruppen leiten

Cover Birgit Herz: Gruppen leiten. Eine Einführung für pädagogische Praxisfelder. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 107 Seiten. ISBN 978-3-8474-2108-5. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR.
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Thema

Menschen entwickeln sich nicht nur aus familiären Primärgruppen, sondern leben, lernen und arbeiten in der Folge in Gruppen. Die Leitung von Gruppen ist daher Kernmaterie vieler Berufe, zweifelsohne auch der Pädagogik und wird daher schon in den Grundausbildungen vermittelt. Die Leitung von Gruppen stellt hohe Anforderungen an den Pädagogen / die Pädagogin, setzt Fachwissen voraus, aber auch psycho-soziale Kompetenz. Funktionierende Gruppenstrukturen und performante Gruppen sind sozusagen Grundlagen einer gelingenden Pädagogik

Autorin

Prof. Dr. Birgit Herz hat einen Lehrstuhl für Pädagogik bei Verhaltensstörungen an der Leibnitz Universität Hannover inne. Ihr beruflicher Hintergrund besteht in mehrjähriger Tätigkeit an einer Sonderschule und verschiedenen Lehrtätigkeiten im Hochschulbereich. Ihre vorangegangenen Publikationen weisen sie aus als Expertin in der Sonderpädagogik und im pädagogischen Umgang mit Verhaltensstörungen.

Entstehungshintergrund

Die Autorin möchte mit dem Werk grundlegende Wissensbestände vermitteln um der pädagogischen Aufgabe der Leitungskompetenz mit Freude, Fachwissen und Flexibilität gerecht zu werden. Die Einführung ist für Studierende, ebenso wie für BerufsanfängerInnen in pädagogischen Praxisfeldern verfasst.

Aufbau und Inhalt

Das Werk hat 99 Seiten und ein achtseitiges Literaturverzeichnis. Schon das sehr strukturierte Inhaltsverzeichnis lässt erkennen, dass es hier v.a. um die Vermittlung von theoretischen Grundlagen geht. Schon die Überschriften lassen vermuten, dass hier altbewährte Gruppentheorien zusammengestellt wurden, mit einem ev. etwas überraschenden Überhang an psychotherapeutischen Konzepten.

Das erste Kapitel widmet sich der Einführung in die Anfänge der Gruppenforschung und beginnt mit wichtigen soziologischen Definitionen. Weitere Unterpunkte sind die sozialpsychologischen Forschungen von K. Lewin und J.L. Moreno zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts und die psychoanalytische Gruppentherapieforschung. Schließlich werden Phasen der Gruppenentwicklung und gruppendynamische Rollen diskutiert.

Ein wenig exkursiv stellt sich dann das zweite Kapitel dar, das die Leitung von Gruppen als betriebswirtschaftliches Anliegen thematisiert. Hier wird, neben der allgemeinen Bedeutung der Teamleitung, die Schnittstelle zu Organisationsdynamik und Management kurz angesprochen. Mehr Raum finden spezifische Techniken, wie der Myers-Briggs Typenindikator und das Input-Output Modell nach van Dick und M.A. West.

„Impulse psychoanalytischer Gruppentherapieprozessmodelle für die Leitung von Gruppen“ titelt das dritte Kapitel und beginnt damit den umfangreichsten inhaltlichen Teil des Werks, die Darstellung der Gruppenanalyse und der Versuch der Übertragung der Erkenntnisse auf pädagogische Gruppenleitung und, zumindest im Ansatz, auf die Teamleitung. Die Arbeit von S. H. Foulkes und D. Sandner zu Gruppenanalyse und Psychodynamik in Kleingruppen werden referiert und ein Transfer auf die Leitung von Gruppen in pädagogischen Praxisfeldern versucht.

Das vierte Kapitel setzt fort mit der Darstellung der psychoanalytischen Pädagogik und deren Impulse für die pädagogische Gruppenleitung. Insbesondere werden das szenische Verstehen und der fördernde Dialog in der Gruppe akzentuiert und auch mit einem Fallbeispiel erklärt.

Im fünften Kapitel wendet sich die Autorin auf drei Seiten der unbewussten Konfliktdynamik in Teams anhand eines Fallbeispiels zu, das stark nach den Vorgaben der Psychoanalyse interpretiert wird.

Die Kapitel sechs und sieben beschäftigen sich jeweils kurz mit den gestalttherapeutischen Zugängen zur Leitung von Gruppen bzw. mit der themenzentrierten Interaktion nach R. Cohn. Es werden die Grundideen der beiden Zugänge gut verständlich auf wenigen Seiten erklärt.

Das achte Kapitel ist der Leitung in pädagogischen Teams mit einem starken Schwerpunkt auf den Umgang mit Konflikten gewidmet. Neben den erforderlichen Definitionen, werden die Anforderungen an die Gruppenleitung im Konfliktfall, förderliche Rahmenbedingungen und die Konfliktmoderation vorgestellt.

Kritisch gesehen wird im neunten Kapitel die Disziplinarerziehung durch Gruppenzwang in Erziehungs- und Bootcamps. Die Strafpraxen in diesen Einrichtungen werden diskutiert und deren Status als totale Institutionen definiert. Die Psychodynamik in Bootcamps und mögliche Schäden für die dort untergebrachten meist jungen Menschen werden deutlich. Den Abschluss des Kapitels bildet die Diskussion antidemokratischer Tendenzen in der Pädagogik.

Das zehnte Kapitel bietet einen kurze Zusammenfassung und einen Ausblick, der die Orientierung an der Würde der GruppenteilnehmerInnen nahe legt.

Diskussion

Der Autorin gelingt ein guter Aufriss der Problematiken und Bedeutungen der Gruppenleitung, auch wenn dieser sich wenig an praktischen Fragestellungen orientiert. Die ausgewählten Theorien werden gut, engagiert und verständlich dargestellt. Allerdings orientieren sie sich fast ausschließlich an psychotherapeutischen Konzepten und hier, etwas unerklärlich, mit einem deutlichen Überhang an den psychoanalytischen Theorien. Die Präferenz der Psychoanalyse geht so weit, dass sogar J. L. Moreno fälschlicherweise als Psychoanalytiker bezeichnet wird (S. 97). An anderer Stelle wird auf Morenos Entwicklung der Soziometrie hingewiesen und ein Beispiel einer Soziometrie in der Schulklasse (S. 18) erwähnt, vor dessen Durchführung aber aus psychodramatischer Sicht eher gewarnt werden sollte. Wenn die Autorin ausführt, dass sich „die Gruppenleitung (.) Übertragung, Gegenübertragung und Projektion immer wieder bewusst machen (muss), um einen Zugang zu den unbewussten Prozessen zu entwickeln.“ (S. 40f), stellt sich dem Rezensenten schon die Frage, ob es dazu nicht eher einer fundierten psychoanalytischen Ausbildung bedarf.

Das Praxisbeispiel zeigt sehr deutlich die hohe Kompetenz der Autorin in der Arbeit mit der Zielgruppe. Die aktuellen Traumatisierungen der Kinder werden durch die Gegenübertragung diagnostisch sichtbar und durch die Autorin sehr professionell thematisiert und damit die Kinder entlastet. Ob die Trauma-auslösenden und durch die Kinder verbalisierten Szenen der häuslichen Gewalt danach fortgesetzt wurden oder abgestellt werden konnten, wird leider nicht dargestellt. Das Teambeispiel (S. 55) zeigt zwar eine außerordentlich und dramatisch destruktiv verlaufenen Kooperationsprozess verschiedener Institutionen, die ausschließlich tiefenpsychologische Interpretation greift aber etwas kurz und es wird nicht klar, wie eine funktionale Gruppenleitung zu einem anderen Ergebnis hätte kommen können.

Fazit

Das vorliegende Werk bietet einen guten Einstieg in die Thematik der Gruppenleitung und es gelingt der Autorin die Komplexität der Anforderungen ausgezeichnet darzustellen. In der Auswahl der Theorien zur Gruppenleitung wurde stark auf die psychoanalytische Theorie rekurriert. Die starke Fokussierung könnte bei der Zielgruppe eher Überforderung auslösen und es bleibt unklar, warum die Autorin andere, einfacher zu erlernende Verfahren der Gruppenleitung, nicht einmal erwähnt. Zu erwähnen wäre hier die Gruppenpädagogik, in Deutschland wurde hier im Rahmen des Haus Schwalbach (M. Kelber) viel erarbeitet. Ein anderes verwandtes Verfahren wäre das „social group work“ nach G. Konopka. Insgesamt entsteht der Eindruck eines theoretisch interessanten, aber für die Zielgruppe nicht sehr praxisorientierten Buches.


Rezensent
Prof. Kurt Fellöcker
MA, MSc, DSA, Psychotherapeut (PD), Fachhochschule St. Pölten
Homepage www.fh-stpoelten.ac.at
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Zitiervorschlag
Kurt Fellöcker. Rezension vom 11.01.2018 zu: Birgit Herz: Gruppen leiten. Eine Einführung für pädagogische Praxisfelder. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-8474-2108-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23280.php, Datum des Zugriffs 21.04.2018.


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