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Rotraud A. Perner, Judith Holzhöfer (Hrsg.): Ehrenamt & Salutogenese

Rotraud A. Perner, Judith Holzhöfer (Hrsg.): Ehrenamt & Salutogenese. aaptos (Matzen) 2016. 96 Seiten. ISBN 978-3-901499-60-9. D: 9,90 EUR, A: 9,90 EUR.
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Thema

Der Band beleuchtet das Zusammenspiel von ehrenamtlicher Tätigkeit und dem Erhalt der Gesundheit der ehrenamtlich Tätigen. Den Fragestellungen worin der Zugewinn des Engagements liegt und welche Faktoren für die Akteure belastend sind wird aus verschiedenen Blickwinkeln nachgegangen.

Herausgeberinnen

Rotraud A. Perner verfügt über einen sehr umfassenden beruflichen Werdegang zu dem unter anderen ein Jurastudium, das Studium der evangelischen Fachtheologie und fünf Psychotherapieausbildungen gehören. Sie ist Gründerin des Instituts für Stressprophylaxe & Salutogenese. Neben ihren Hauptberuflichen Tätigkeiten engagierte Sie sich in verschiedenen Bereichen ehrenamtlich und betreute als Supervisorin Ehrenamtliche.

Judith Holzhöfer ist Soziologin, Sexualpädagogin, Supervisorin und Coach. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählen Arbeitswelt, Burnout und Mobbing. Aktuell ist sie als Stellvertretende Leiterin des Instituts für Stressprophylaxe & Salutogenes, Lehrbeauftragte und Freiberuflerin tätig.

Entstehungshintergrund

2015 entschied sich das von R. A. Perner gegründete Institut für Stressprophylaxe und Salutogenese (ISS) als Forschungsthema die Stressbelastungen von ehrenamtlich Tätigen im Gesundheitsbereich zu wählen. Die Ergebnisse werden im vorliegenden Band, begleitet von Fach- und Erfahrungsbeiträgen, dargestellt.

Aufbau und Inhalt

Der erste Beitrag Warum ein Ehrenamt der Gesundheit dient stammt von Wolfgang Sobotka. Er stellt kurz und prägnant dar, worinfür ihn die persönliche und gesellschaftliche Bedeutung des freiwilligen Engagements liegt.

Im zweiten Kapitel Ehrenämter im Spannungsfeld der Gesellschaft von Rotraud A. Perner erläutert die Autorin welche Kriterien zur Auswahl des Forschungsthemas der Stressbelastungen von Ehrenamtlichen führten. Sie stellt das Konzept der „Salutogenen Tankstelle“ für Ehrenamtliche vor, in welchem die Erkenntnisse und Erfahrungen langjähriger Forschungsarbeit einfließen. Ebenso wird aufgezeigt, worin die Ursachen lagen, dass dieses Konzept bisher nicht umgesetzt wurde.

Ehrenamt und Salutogenese ist ein weiterer Beitrag von Rotraud A. Perner. Deraufzeigt, welche Faktoren dazu führen können, dass Ehrenamtliche ihre Tätigkeit als Belastung erleben. Beginnend bei den persönlichen Motiven für das freiwillige Engagement, Spannungen zwischen professionell Tätigen und Engagierten bis hin zu den strukturellen Einbindungen der freiwilligen Tätigkeit in den Organisationen und ihrer Betreuung. Ebenso wird die gesellschaftliche Stellung der Ehrenamtlichen dargestellt, in welcher weitere Spannungsfelder deutlich werden. Durch die praktischen Erfahrungen der Autorin werden Theorie und Praxis intensiv miteinander verknüpft.

Florence Nightingale weint nicht, und schon gar nicht öffentlich ist der Titel des dritten Beitrags von Aga Trnka-Kwiecinski. Hierin wird der Bereich der ehrenamtlichen Tätigkeit weiter gefasst und mit der unbezahlten Arbeit verknüpft. Die Autorin vertieft die gesellschaftliche Rolle von Frauen, welche den Großteil der unbezahlten Arbeit leisten und als Ehrenamtliche im Gesundheitsbereich vermehrt tätig sind.

Christiana Weidel stellt nachfolgend Frauen in NGOs – Zwischen Selbstverwirklichung, Ausbeutung und Emanzipation dar. Eingehend beschäftigt sich die Autorin mit der Motivation von Frauen für ehrenamtliches Engagement. Und verknüpft diese Beobachtungen mit den Veränderungen der Tätigkeitsfelder durch die Entstehung der NGOs. Die Erweiterung der Einsatzgebiete beförderte auch die Professionalisierung des Ehrenamts mit verbindlicheren Strukturen und höheren Anforderungen an die Tätigen. Hierin können Risiken der Überlastung für die Ehrenamtlichen liegen. Ein Zukunftsausblick rundet den Beitrag ab.

Einen Einblick in die Praxis des Ehrenamts gibt Senta Ziegler in ihrem Beitrag Was mir meine Hilfe für Flüchtlinge „bringt“! Sie schildert ihren Weg zur ehrenamtlichen Tätigkeit, ihre damit verbundenen Aufgaben und worin für sie persönlich der Zugewinn durch ihr Ehrenamt liegt.

Therese Zalud stellt in Was uns erschüttert, mobilisiert uns dar, wie ein Projekt bestehend aus Ehrenamtlichen entstanden ist. Die Entwicklung der Idee über die ersten Schritte der Umsetzung bis zu einer Professionalisierung des Projekts wurden von der Autorin begleitet. Hierdurch kann sie auch nachvollziehbar darstellen welche Spannungsfelder zwischen den Ehrenamtlichen in den verschiedenen Phasen des Projekts entstanden. Das Überlastungspotenzial von Extremsituationen für Ehrenamtliche wird verdeutlicht.

Ehrenamt – ein persönlicher Erfahrungsbericht stammt von Judith Holzhöfer. Die Autorin umreist zunächst die Bedeutung des Ehrenamts für die Gesellschaft und schildert anschließend ihren persönlichen Zugang zu ehrenamtlichen Engagement. Durch ihren beruflichen Werdegang nimmt sie später die Position einer professionell Tätigen ein und fügt die verschiedenen Blickwinkel zu einem Gesamtbild zusammen. Besonders deutlich wird dass das Fehlen einer Ausbildung der ehrenamtlich Tätigen schnell zu mangelnder Abgrenzung führen kann, wodurch für alle Beteiligten ungesunde Strukturen entstehen können.

Es folgen Beiträge des Roten Kreuzes Freiwilligenarbeit im ÖRK, LV NÖ in dem der Umgang sowie die Sinnhaftigkeit des Einsatzes Ehrenamtlicher für Organisationen dargestellt wird.

Sowie von Franz Karl Glücklich in der Pension in welchem die Bereicherung durch Ehrenamt für diesen Lebensabschnitt deutlich wird.

Den Abschluss bildet der Auswertungsbericht der Erhebung der Belastungsfaktoren bei freiwilligen Helfern und Helferinnen von Michael Benesch. Einer Zusammenfassung der Ergebnisse folgt die Darstellung der Forschungsmethoden, abschließend die detaillierte Auswertung. Insgesamt haben 304 TeilnehmerInnen, vorwiegend männlich und aus Niederösterreich, an der Onlineumfrage teil genommen. Überprüft wurden zwei Hypothesen. Zunächst ob es einen Zusammenhang zwischen Konkurrenzdruck unter KollegInnen und Überlastung der Ehrenamtlichen gibt und ob Ehrenamtliche die sich persönliche Freiräume schaffen weniger Stress- und Burnoutgefährtdet sind. Beide Hypothesen konnten inferenzstatistisch belegt werden.

Fazit

Der zierlich wirkende Band entpuppt sich als sehr inhaltsstark. Die Auswahl von AutorInnen aus verschiedenen Bereichen ermöglicht einen praxisnahen, umfassenden Blick auf das Tätigkeitsfeld. Der abschließende Auswertungsbericht zu den Belastungsfaktoren der freiwilligen Helfer und Helferinnen unterlegt die vorangehenden Beiträge mit aktuellen Daten. Durchgängig werden die positiven Effekte des Ehrenamts für alle Beteiligten deutlich. Aber auch die Spannungsfelder des Engagements nachvollziehbar dargestellt. Der Band enthält Anregungen für alle Akteure wie diesen Spannungsfeldern entgegen gewirkt werden kann.

Es lässt sich jedoch eine Diskrepanz zwischen den Beiträgen und dem Auswertungsbericht feststellen. Es beschäftigen sich zwei der Beiträge (A. Trnka-Kwiecinskis; Christiana Weidel) sehr intensiv mit der Rolle der Frau und auch der Hauptteil der Beiträge wurde von Autorinnen verfasst. Das hier mehrfach erwähnte Bild der Frauen als vorwiegend freiwillig Tätige wird in der durchgeführten Studie nicht abgebildet. Im Gegenteil die Ergebnisse stammen vorwiegend aus den Antworten männlicher Teilnehmer. Auch in der Auswertung wurden keine frauenspezifischen Daten benannt. Ein Beitrag zur Rolle des Mannes im Ehrenamt verbunden mit einer nach Geschlecht differenzierenden Auswertung würde den Band deutlich abrunden.

Für mich persönlich hatte die Lektüre des Bandes eine sehr inspirierende Wirkung, die zu einer Überarbeitung der Arbeit mit den Ehrenamtlichen in unserer Einrichtung beigetragen hat. Er ist eine gute, praxisnahe Lektüre die Grundlage für Diskussionen sein kann und sollte.


Rezensentin
Anna-Lena Mädge
BA Soz.Päd./Soz.Arb.
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Zitiervorschlag
Anna-Lena Mädge. Rezension vom 04.12.2017 zu: Rotraud A. Perner, Judith Holzhöfer (Hrsg.): Ehrenamt & Salutogenese. aaptos (Matzen) 2016. ISBN 978-3-901499-60-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23287.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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