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Ina Schildberger: „... also im Park bin ich so wie ich bin“ (Migration)

Cover Ina Schildberger: „... also im Park bin ich so wie ich bin“. Eine empirische Untersuchung über die Subjektivierungsprozesse von Kindern in migrationsgesellschaftlichen Verhältnissen aus intersektionaler Perspektive. Edition Pro Mente (Linz) 2017. 115 Seiten. ISBN 978-3-902724-56-4. D: 34,90 EUR, A: 34,90 EUR.

Schriften zur Sozialen Arbeit Band 38.
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Thema

Wie schon der Titel verdeutlicht, handelt es sich um eine gedankliche Umkehr der Betrachtung von migrantischen Jugendlichen, die nicht, wie so oft, von „oben nach unten“, sondern auf Augenhöhe und ihrer Perspektive in ihrem Subjektstatus als soziales Individuum analysiert werden. In Richtung ethnographischer und ethnologischer Forschung weist die Studie von Schildberger, obwohl diese Forschungsrichtung nominell keine Rolle spielt. Insbesondere verfolgt die Autorin in Praxis und Theorie Subjektkonstruktionen in gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Gemeinsamkeiten und Unterschiede erhebt sie anhand der Strukturkategorien „Rasse“, „Gender“ und „Klasse“.

Aufbau

Der Aufbau der Studie erfolgt klassisch: Die zentralen Begriffe werden mit theoretischen Ausgangsüberlegungen hergeleitet. Darauf folgt eine methodologische Verortung, um eine Operationalisierung für eine empirische Studie vorzunehmen. In die Reflexion der empirischen Forschung findet sowohl der Kontext, die Methoden an sich (teilnehmende Beobachtung, Sensibilisierungsworkshops, themenzentrierte Foto-Interviews) sowie die Würdigung der Daten nach der intersektionalen Mehrebenenanalyse Eingang. Die Erkenntnisse aus den fünf Interviews mit einer theoretischen Würdigung bilden das letzte Hauptteilkapitel. Das Resümee gehört ebenfalls zum Standard wissenschaftlicher Erkenntnis.

Inhalt

Das Ziel der Studie legt Ina Schildberger doppelt aus. Einerseits will sie den Kindern ermöglichen, sich mit ihrer Welt auseinanderzusetzen, andererseits verfolgt sie mit ihrem wissenschaftlichen Interesse eine migrationspädagogische und rassismuskritische Herangehensweise, die sich der intersektionalen Mehrebenenanalyse nach Winkler/Degele verpflichtet sieht.

Die theoretischen Vorüberlegungen fallen im Vergleich zur Studie relativ kurz aus, sind jedoch sehr klar herausgearbeitet, aktuell und analytisch sauber hergeleitet. So finden sich „differenzgenerierende Gesellschaftstrukturen“ zu Österreich, Fragen zu nationaler Zugehörigkeit, „Doing Difference“ in intersektionalen Machtverhältnissen, potentielle Handlungsmacht der Subjekte auch in Form von Selbststigmatisierung sowie deren relative bis gänzliche Überforderung in diskursiven Differenzkategorien. Sehr gelungen thematisiert die Autorin immer wieder Machtkategorien in den analytischen Feldern von 'Rasse, Gender, Klasse'. Die Frage der heimlichen oder symbolischen Macht findet jedoch nur indirekt eine Erwähnung, so dass soziale Praxen in ihrer Genese leicht verschattet bleiben. Intersektionalität, die die Autorin als ein theoretisches Drei-Ebenen-Modell mit Macht und Differenzierungsverhältnissen begreift, dem Identitätskonstruktion, symbolische Repräsentation und Herrschaftsverhältnisse zugrunde liegen. Sehr hervorzuheben ist, dass sie im Prozess um das Vorurteilbehaftetsein von Wissenschaftler*innen machtvolle Wissensbestände in Theorie und Empirie herausschält und in der Folge kritisiert. Die Reflexion der eigenen Vorurteilsebene flicht die Autorin ebenfalls ein, indem sie sich nicht nur mit ihrer eigenen Repräsentationsmacht, sondern ebenso Migration und Politik etc. befasst, um durch die 'Konversion des Blickes' (LF) möglichst verantwortungsvoll mit den zu Befragenden umzugehen.

Cultural Studies dienen im aufgezeigt doppelten Sinn für sauberes wissenschaftliches Arbeiten. Kontextualisierung und Reflexivität runden den methodologischen Ansatz ab, um Ungleichheitsverhältnissen und Subjektivität im dialektischen Sinn ein Gesicht zu geben.

Die direkte Hinwendung zu ihrem Forschungskontext beginnt auch wieder klassisch. Zielgruppe und Lebenswelt in einem Wiener Bezirk finden Eingang. Die teilnehmende Beobachtung von Frau Schildberger erlaubt es ihr einerseits die fünf zu befragenden Jugendlichen und zwölf weitere Kinder, ohne letztere zu befragen, nahe und dicht beobachten und interviewen zu können, doch besteht dabei immer das Risiko der Betroffenenbeteiligung oder Voreinschätzungen, die die Interpretation beeinträchtigen. Diese Gradwanderung, ob „so“ oder „so“ führt – egal bei welcher Erhebungsweise – immer zu Gefahren der Missinterpretation von Daten. Die inhärente Macht der Sprache hat sie mit Judith Butler sehr gut aufgenommen.

Der Feldforschung liegt mit fünf Interviews eine Vorbereitungszeit von rund 18 Monaten zugrunde, in denen die Autorin in dem Projekt hauptberuflich beschäftigt ist. Senisibilisierungsworkshops leiten die heiße Phase der Forschung ein. Themenzentrierte (Foto-)Interviews mit fünf Kindern (3 Jungen, 2 Mädchen) bilden den Kern des empirischen Teils. Ziel ist zunächst, Beschreibungen zu den selbstgemachten Fotos nach Leitfragen/-gebieten zu bekommen. Auch hier gibt es zunächst theoretische Einschätzungen zu den einzelnen Schritten, vor allem zu Fotos als Daten. Eine höhere Subjektorientierung gegenüber rein verbalen Verfahren bringt dieser Ansatz mit sich. Was bei der Auswertung schwierig ist, atheoretische Ebene verstehen zu können, berücksichtigt die Autorin nur untergründig.

Die Auswertung erfolgt entlang der theoretisch postulierten Drei-Ebenen-Analyse (s.o.). Die individuellen Subjektkonstruktionen als Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse legt Frau Schildberger mit den Interviews detailliert und folgerichtig dar. Das zentrale Gemeinsame definiert Kinder als Strateg*innen, ihr Selbstbild zu schützen, damit sie nicht subjektiv – wahrscheinlich averbal – Ausgrenzungserfahrungen als starkes Negativum leben müssen. Paradox mag mit Schildberger erscheinen, dass sie zugleich Machtverhältnisse und Normalitätsvorstellungen reproduzieren.

Diskussion

Ina Schildberger hat eine sehr beachtenswerte Thesis vorgelegt, die theoretische und praktische Höhen aufweist. Der fachspezifische Hintergrund und die methodologische Anlage nebst Umsetzung enthält sowohl den aktuellen Stand zur subjektorientierten Forschung als auch pointiert herausgearbeitete Positionen. Das empirische Angehen fußt ebenfalls auf einem hohen Niveau. Das Lesen der Thesis macht Freude, gibt viele Anregungen und sollte von Praktiker*innen in der Migrationsarbeit herangezogen werden, auch wenn es für sie zum Teil eine Herausforderung sein mag, weil Theorie nicht per se konsumerabel ist. Aus wissenschaftlicher Sicht fällt das Werk gut lesbar aus.

Die folgende Kritik bedeutet keine Besserwisserei, denn die vorliegende Masterthesis ist zwar ein wissenschaftliches Werk, doch steht steht sie noch in der Begründungsphase einer Forscher*innenkarriere. Was zu kurz kommt, ist die Einschätzung der fünf Interviews gegenüber der Fachliteratur. Auch wäre ein Porträt der Befragten für ein Verständnis der Aussagen hilfreich gewesen, denn es kommen durchaus Zweifel auf, warum die Jugendlichen in den Interviews recht eng geführt werden mussten. Ein Gruppeninterview könnte den Knoten lösen? Mehr ethnographische oder ethnologische Näherungen hätten bei Jugendlichen vielleicht andere Aussagen evoziert. Eine soziale Verortung der Befragten mit interpretativem Erwartungshorizont hätte diesen Teil der Forschung breiter werden lassen. Auch die Rolle der Interviewerin bleibt im Alltags- und Forschungsgeschehen eher vage.

Was Freude verschafft, ist das Einsetzen von Fotos, um mehr zu erfahren, was in Sprachbarrieren oder nur fremden Impulsen auf der Strecke bliebe. Das steht außerhalb jeder Form von Kritik. Vielleicht aber können die eben dargelegten Gedanken nur zum Teil Ina Schildberger angelastet werden, weil weder die Fotos noch die kompletten Interviews in dem Buch abgedruckt sind.

Fazit

Frau Ina Schildberger hat eine sehr lesenswerte Abhandlung über Subjektivierungsprozesse aus intersektionaler Perspektive vorgelegt. Kinder mit Migrationshintergrund bekommen nicht nur eine für sie eingenommene Forscherin, sondern ihre eigene Stimme. Forschung findet mit der Autorin vor Ort statt, bildet eine Variante der Aktionsforschung und wird dabei nach sozialwissenschaftlichen Kriterien der Konstruktion der Wahrheit entsprechend dargelegt, denn alle Kategorien werden begründend hergeleitet. Die weiter oben geäußerte Kritik lässt sich neben dem schon dargelegten Gedanken nahezu unbedeutend machen, weil so viele Gedanken, Ideen und Ausführungen in dem Buch stecken, dass an der Subjektforschung orientierte Leser*innen inspiriert werden, selbst aktiv zu werden, vielleicht sich gar aus ihrer Fremdbestimmung der Migrationsarbeit zu selbstbestimmten Akteur*innen wandeln. Material bietet Frau Schildberger aus intersektionaler Perspektive in Hülle und Fülle; insbesondere zu Gender, Rasse, Klasse.


Rezensent
Prof. Dr. Lutz Finkeldey
Professor für „Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit - Jugendhilfe“, Verstehenssoziologe, Fakultät für Soziale Arbeit und Gesundheit an der „Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst“ (HAWK) - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen, Standort Hildesheim
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Zitiervorschlag
Lutz Finkeldey. Rezension vom 10.10.2017 zu: Ina Schildberger: „... also im Park bin ich so wie ich bin“. Eine empirische Untersuchung über die Subjektivierungsprozesse von Kindern in migrationsgesellschaftlichen Verhältnissen aus intersektionaler Perspektive. Edition Pro Mente (Linz) 2017. ISBN 978-3-902724-56-4. Schriften zur Sozialen Arbeit Band 38. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23288.php, Datum des Zugriffs 14.12.2017.


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