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Ernst Simmel (Hrsg.): Antisemitismus

Cover Ernst Simmel (Hrsg.): Antisemitismus. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2017. 172 Seiten. ISBN 978-3-89691-109-4. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.

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Thema

Das Umgreifen antisemitischer Einstellungen ist leider wieder aktuelles gesellschaftliches Thema geworden; die Neuausgabe von Ernst Simmels Antisemitismus-Buch kommt zur rechten Zeit und zeigt über 70 Jahre später die Ernsthaftigkeit und Eindringlichkeit der damaligen Diskussion. Die Beiträge des Buches haben bis heute nichts von ihrer analytischen Schärfe verloren.

Herausgeber und Autor des Nachworts

Ernst Simmel lebte von 1882–1947 und war ein Freund Sigmund Freuds, Sozialist, war von 1926–1930 Präsident der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft und gilt als Pionier der Sozialmedizin; 1934 musste Ernst Simmel in die Vereinigten Staaten von Amerika emigrieren.

Helmut Dahmer ist Soziologe und besorgte 1993 die kommentierte deutsche Ausgabe des vorliegenden Buches.

Entstehungshintergrund

Ernst Simmel lud 1944 zu einem Symposium nach San Francisco ein („Psychiatrie Symposium on Anti-Semitism“) und versammelte die Größen der „politisch orientierten Freudianer“ (S. 155). Aus diesem Symposium erwuchsen später die Arbeiten zum autoritären Charakter von Max Horkheimer und Theodor Wiesengrund Adorno; auch die berühmte „Dialektik der Aufklärung“ von Max Horkheimer und Theodor Wiesengrund Adorno nimmt letztlich Bezug auf dieses Symposium (S. 156).

Simmel hatte den Antisemitismus als „soziales Leiden“ charakterisiert (S. 158) und zeigt damit auf, dass die Geschichte des europäischen Judentums in der christlichen, judophoben Gesellschaft insgesamt eine Verfolgungsgeschichte darstellt (S. 159): „Das Unheimliche am Antisemitismus ist seine Persistenz. Er imponiert als eine Invariante: Allenfalls die Erscheinungsform des Judenhasses wandelt sich, das Unwesen selbst aber bleibt.“ (S. 159). Um gegen den Antisemitismus präventiv vorzugehen, bedürfe es der Analyse seiner Funktionen, Wirkungen und Haltungen: „Im Fortgang unserer Geschichte erscheint hinter dem Juden der Fremde, changiert der Antisemitismus zur Xenophobie.“ (S. 161)

Heute erscheint der Antisemitismus unverblümt als antizionistische Kritik am Staat Israel oder in antisemitischen Straftaten wie z.B. Friedhofsschändungen u.a. (S. 166). Aktuell und damit auch in höchstem Maß besorgniserregend sind leider auch Übergriffe nicht nur auf die jüdische, sondern auch auf die muslimische Community in Europa oder jüngst in Neuseeland.

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach einem Vorwort von Gordon W. Allport und einer Einleitung von Ernst Simmel in sieben Kapitel:

  1. Der soziologische Hintergrund des psychoanalytischen Forschungsansatzes (Max Horkheimer)
  2. Elemente einer psychoanalytischen Theorie des Antisemitismus (Otto Fenichel)
  3. Antisemitismus und Massen-Psychologie (Ernst Simmel).
  4. Einige religiöse Motive des Antisemitismus (Bernhard Berliner)
  5. Antisemitismus und Psychopathologie des Alltagslebens (Douglass W. Orr)
  6. Die antisemitische Persönlichkeit. Ein Forschungsbericht (Else Frenkel-Brunswik & R. Nevitt Sanford)
  7. Antisemitismus und faschistische Propaganda (Theodor W. Adorno)

Es folgen Angaben zu den Autor*innen, eine Editorische Notiz, das Literaturverzeichnis und ein Nachwort zur deutschen Ausgabe: Antisemitismus gestern und heute von Helmut Dahmer.

Ad Vorwort

Inwieweit beeinflussen Vorurteile menschliches Verhalten und von woher stammt die Antriebskraft? (S. 9) Gordon W. Allport stellt sein Vorwort unter diese Leitfrage und rekurriert dabei auf Max Horkheimer, der schon früh attestierte, dass der Appell an die menschliche Vernunft allein nicht ausreiche, um Vorurteile abzubauen; die Energie für den Antisemitismus stamme aus dem Unbewussten. Trotzdem, so die Hoffnung der Autorin und Autoren des Buches, lasse sich die „Bestie“ Antisemitismus durch Erziehung, Recht und andere Möglichkeiten sozialer Praxis zähmen. Ausschlaggebend sei immer oder zumindest meistens jedoch die individuelle Charakterstruktur (S. 10) und, „daß sich ohne Unterstützung durch ökonomische, politische und Bildungsreformen kein tolerantes strukturiertes Ich ausbilden kann.“ (S. 10)

Ad Einleitung:

Der Antisemitismus als bedrohliches Grundphänomen habe sich erhalten, auch wenn seine historischen Erscheinungsweisen und Sozialformen sich geändert haben (S. 12). Ernst Simmel sieht im Antisemitismus eine „Gefahr für die gesamte Zivilisation“ (S. 13), weil der Antisemitismus als Ausdruck des Irrationalen durch Vernunftmittel nicht bezwungen werden könne und so desintegrierend auf das menschliche Zusammenleben wirke (S. 14). Die grundsätzliche Annahme Simmels zielt darauf, im Antisemitismus eine Manifestation eines pathologischen seelischen Prozesses zu sehen und: „Der Antisemit haßt den Juden, weil er glaubt, daß der Jude an seinem Unglück schuld ist.“ (S. 14) Zusammen mit Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, R. Nevitt Sanford und Else Frenkel-Brunswik wurde 1944 ein Symposium geplant und in San Francisco auch durchgeführt. Die Resultate dieses Symposiums liegen nun in einer Neubearbeitung wieder vor (S. 15).

Ad 1: Schon 1930 warnte Max Horkheimer vor dem Antisemitismus als „Speerspitze des Faschismus“ (S. 21). Sigmund Freuds Untersuchungen, ebenso die von Otto Fenichel, werden von Max Horkheimer hervorgehoben (S. 22), aber auch eingeschränkt: „Ein bloßer Appell an den bewußten Geist genügt nicht, weil Antisemitismus und Anfälligkeit für antisemitische Propaganda dem Unbewußten entspringen.“ (S. 23) Horkheimer unterteilt dann im Folgenden den damals gegenwärtigen Antisemitismus in verschiedene Typen (S. 25).

  1. Der erste Typ ekele sich vor dem Jüdischen und stelle, so Horkheimer, eine „Überkompensation unterdrückter Ängste und Wünsche“ dar (S. 25).
  2. Der zweite Typ sei der religiöse und philosophische Antisemitismus, wie z.B., dass Juden Jesus Christus gekreuzigt hätten.
  3. Der dritte Typ sei der des hinterwäldlerischen Antisemitismus, der paranoid sei und vor allem Verschwörungstheorien nachgehe.
  4. Der vierte Typ sei der ökonomische Antisemit, der vom „Bestehen der jüdischen Weltherrschaft“ überzeugt sei (S. 25).
  5. Der fünfte Typ sei der des antisemitischen Hetzredners, der als „Produkt unterdrückter Wut“ charakterisiert werden könne (S. 25);
  6. der letzte Typ sei der des stromlinienförmigen faschistischen Antisemiten oder des Mitläufers des Faschismus (S. 26): „Er zieht aus der Judenverfolgung keinen unmittelbaren Gewinn, verschreibt sich aber einem Programm, die politischen Verhältnisse durch systematisch geplante Judenvernichtung zu verändern.“ (S. 26)

Max Horkheimer charakterisiert diese sechs differenzierten Typen als Ausdruck eines Grundphänomens mit einer zerstörerischen Natur und eines „destruktiven Hasses“ (S. 27) und einer Tendenz, das Individuum verschwinden zu lassen (S. 30).

Ad 2: Otto Fenichel plädiert als Psychoanalytiker für die Psychoanalyse des Antisemiten und nicht des Antisemitismus, weil die irrationalen und rigiden Abwehrhaltungen sich immer auf Individuen beziehen und Reaktionsmuster auf Verbote oder Unerlaubtes seien (S. 32). Fenichel unterstellt bei dieser Annahme, dass die Massenpropaganda des Nationalsozialismus deshalb wirksam werden konnte, weil der darin enthaltene Antisemitismus von den Machthabern ideologisch genutzt werden konnte (S. 34), um den Machterhalt der NS-Eliten zu subventionieren (S. 35). Eine Sündenbocktheorie und Vorbehalte gegen Fremdes stabilisierten sich, so Fenichel, gegenseitig (S. 38): „Dem Antisemiten erscheinen die Juden als schmutzige, ausschweifende Mörder; er vermeidet es dadurch, sich dieser Neigungen bei sich selbst bewußt zu werden. Für ihn stellen die Juden die Verlängerung der Begierde zu töten und der niederen Sexualität dar.“ (S. 40) Fenichel konstatiert, dass der Antisemitismus eine Verdichtung widersprüchlicher Bestrebungen darstelle (S. 41) und Juden letztlich das Gefühl der Unheimlichkeit provozierten (S. 41). Der Antisemitismus ist schließlich eine Verdichtung irrationaler Momente (S. 42): „Die Juden, so glaubt man wohl, werden den kleinen Mädchen anderer Rassen in derselben Weise etwas antun, wie sie den kleinen Jungen ihrer eigenen Rasse etwas Blutig-Sexuelles antun.“ (S. 47) Judenhass entstehe, so Otto Fenichel, aufgrund eines Verschiebungsprozesses: „Er sieht in den Juden alles, was ihm Elend bringt – nicht nur seine gesellschaftlichen Unterdrücker, sondern auch seine eigenen unbewußten Triebe, die durch ihre gesellschaftlich erzwungene Verdrängung blutig, schmutzig und schrecklich geworden sind.“ (S. 49)

Ad 3: Der Antisemitismus habe, so Ernst Simmel in seinem Beitrag, obwohl sich die Erscheinungsformen ändern, prinzipiell eine kontinuierliche Geschichte (S. 52). Zudem zeige sich, dass der Antisemitismus den Antisemiten zu einer primitiven kannibalistischen Persönlichkeit umdrehen könne (S. 53) und, dass der Zivilisationsprozess imstande sei, den Antisemitismus als „pathologische Symptomatik“ hervorzubringen (S. 53). Nach Freud sei der Zivilisationsprozess bzw. die Zivilisation selbst ein „kollektiver Prozeß der Charakterbildung“ (S. 53), d.h. der Antisemitismus stelle einen Rückfall bzw. eine Störung in genau diesem Prozess dar (S. 53). Simmel beschreibt den Antisemitismus als psychische Pathologie jedoch ohne Krankheitseinsicht bzw. als Krankheit mit erheblichem Krankheitsgewinn (S. 54): „Sein Ich bläht sich auf, er fühlt sich überlegen, denn er gehört einer Gemeinschaft mit angeblich höheren Werten an: der Gemeinschaft der Nichtjuden.“ (S. 54) Aber warum werden die irrationalen Begründungen des Antisemitismus akzeptiert? (S. 56): Simmel fokussiert politisch-ökonomische Gründe in der Vergangenheit, die als Rationalisierungen die Juden vor Verfolgung schützten. Als diese im Zuge der Emanzipation und Aufklärung wegfielen, „erfolgte die gnadenlose, vollständige physische Vernichtung der Juden.“ (S. 56) Die Juden gerierten zum Feind an sich (S. 57). Simmel geht jedoch noch einen Schritt weiter und charakterisiert die aggressive Destruktivität des Antisemitismus als Psychose (S. 57) bzw. als Massenpsychose (S. 57), weil der Psychotiker nur sich selbst liebt, d.h. die objektiv gerichtete Libido wird in eine „narzißtische Ich-Libido“ verwandelt (S. 58) – der Psychotiker regrediert in eine Form aggressiven Beißens (S. 60). Im Antisemitismus sei die Gruppe das Problem, die einen Massenwahn erzeuge (S. 61) und sich uneingeschränkt der Triebbefriedigung hingeben könne (S. 63): „Diese vorübergehende Regression verschafft ihm aber einen Vorteil, den der einzelne Psychotiker nicht hat. Das Aufgehen seines Ichs in der Gruppe befähigt ihn, seine tatsächliche infantile Machtlosigkeit gegenüber der Realität zu überwinden: er erringt Triebfreiheit und die Macht eines Erwachsenen. Dieser Umstand ermöglicht es ihm, mit Hilfe einer Massenpsychose zur Realität zurückzukehren, vor der der einzelne Psychotiker fliehen muß“ (im Original kursiv). (S. 63) Die Gruppenbildung verlaufe, so Simmel, pathologisch, weil sie dem Individuum dazu verhelfe, „uneinschränkt destruktive Triebenergien“ abzubauen bzw. zu befriedigen. Bevor an Juden Verbrechen begangen wurden, gingen diesen Aktionen immer Hetzreden voraus, die auf die Juden das projizierten, was ihnen später widerfuhr (S. 66). Simmel rekonstruiert dazu die christliche Judenverfolgung bis hin zum mittelalterlichen Hostienfrevel (S. 69): „Im Glauben, die Hostie blute, kommt der unbewußte Wunsch nach Entweihung zum Ausdruck; er signalisiert die Wiederkehr des Verdrängten. Hier liegt die Erklärung dafür, warum der Jude sterben muß: Durch die Mechanismen der Verschiebung und der Projektion wird die Schuld des Antisemiten auf den Juden übertragen.“ (S. 70) Der Antisemit, so die Grundvoraussetzung, verleibe sich Christus physisch ein, um kein Schuldgefühl empfinden zu müssen (S. 73) – der Jude ist der Teufel selbst: „Der Jude muss die Rolle des unschuldigen Lammes übernehmen und den Haß erdulden, der im christlichen Zivilisationsprozeß bis heute nicht absorbiert worden ist. Der Antisemit, der den Juden foltert und tötet, wiederholt in Wahrheit die Kreuzigung seines Erlösers.“ (S. 74) Die Nationalsozialisten haben den menschlichen Zerstörungstrieb unverhüllt gezeigt und auch, dass Menschen dazu fähig sind, diese Aggressionen auszuleben. Als Teil einer Lösung bietet Ernst Simmel Folgendes an: „Die Regierung müßte Gesetz erlassen, die jede direkte Manifestation von Minderheitenhaß, etwa Antisemitismus, unter Strafe stellen. Wenn dem emotional unreifen Individuum Straflosigkeit nicht mehr garantiert ist, wird die Versuchung geringer werden, sich einer Masse zu überantworten, um zerstörerische Aggressionen freisetzen zu können.“ (S. 86)

Ad 4: Eine gesellschaftliche Neurose wie der Antisemitismus beruhe auf Motivationen, die unversöhnlich sind, so Bernhard Berliner in seinem Aufsatz (S. 88). Berliner diskutiert alsdann Baruch Spinozas Haltung, der sich von einem „Väter-Gott“ getrennt und einer „Mutter-Gottheit“ zugewandt habe (S. 90). Für die Antisemiten flöße Judentum in seinen religiösen und nichtreligiösen Erscheinungsformen Angst und Schrecken ein (S. 92), was wohl mit dem zugrundliegenden Gottesbild einer „Vatergottheit“ zu tun habe.

Ad 5: Douglas W. Orr skizziert in seinem Aufsatz (S. 94) die Bandbreite des Antisemitismus und bezieht sich grundsätzlich auf Sigmund Freuds Buch „Zur Psychopathologie des Alltagslebens“, welches 1914 ins Englische übersetzt wurde. In den späteren Werken Freuds wird die Bedeutung von unterdrücktem Hass (S. 95) nachgezeichnet und auf die „Rolle der Ichabwehr gegenüber der Angst, die mit dem Haß wie mit der Sexualität verbunden ist“ fokussiert (S. 95) Die Grade der Verleugnung können extrem sein und führen dann zu Schizophrenie und Paranoia, weniger stark gelten sie fast als „normal“ (S. 96). Die Psychopathologie konstatiert nun die übertriebene Annahme einer äußeren Bedrohung oder groben Verzerrung derselben (S. 98); so werde die Bedrohung als übertrieben dargestellt und zu einer Quelle projizierter Gefahr (S. 98). Demnach gehören Projektionen und Verschiebungen verdrängter Aggression zusammen (S. 100).

Ad 6: Else Frenkel-Brunswik und R. Nevitt Sanford erörtern in ihrem Beitrag die Verbindung des Antisemitismus mit amerikanischen Verhältnissen, die auf diese Ideologie zugeschnitten sind und passen (S. 103). Unter Persönlichkeit werden Verhaltensmuster und bewusste Überzeugungen zusammengefasst, die eine individuelle Person charakterisieren, aber auch Unbewusstes, Triebe, die das Verhalten motivieren (S. 104). Autor und Autorin analysierten Interviews von 20 College Studentinnen, die sich auf die gesamte Bandbreite des Antisemitismus verteilen lassen (S. 106); die untersuchten Bereiche waren Ideologie, gesellschaftliche, politische Einstellungen, Religionszugehörigkeit, Einstellungen zum eigenen Beruf, zu sozialem Status, zu Geld, Einstellungen zu Juden und anderen Minderheiten, persönliche Daten. Ein Resultat dieser Befragung ist, dass Einstellungen etc. in etwa von den Eltern übernommen worden sind (S. 109). Aggressionen gegenüber Angehörigen der In-Group werden nicht verbalisiert, die Aggressionen gegenüber Minderheiten treten aber offen zu Tage (S. 110). Die am stärksten vom Antisemitismus betroffenen Personen hatten eine deutliche Abneigung gegen Emotionalität (S. 114). Sexualität und Aggression waren als Grausamkeit kombiniert und ein ungehemmtes Sexualleben galt als Kennzeichen niederer Bevölkerungsschichten (S. 114).Ein hoher Antisemitismus-Wert deute, so die Interpretationen daraufhin, die eigenen elementaren Bedürfnisse sehr stark zu unterdrücken (S. 115) und gewöhnliche Bedürfnisse würden „ich-fremd“ gemacht (S. 115): „Daß Mädchen, die in ihren Phantasien ziemlich extreme Aggression und außerdem ziemlich extremen Narzißmus äußern, eine übetriebne moralische Strenge zur Schau stellen, läßt vermuten, daß in ihrer Persönlichkeitsentwicklung der Mechanismus der Reaktionsbildung eine wichtige Rolle gespielt hat.“ (S. 116, kursiv im Original) Zudem zeigten diese Probandinnen z.T. paranoide Züge (S. 118). Menschliche Beziehungen werden als Herrschaft bzw. Unterwerfung / Kampf interpretiert (S. 119): „Ergänzend … fanden sich die folgenden Züge vor allem bei den hochgradig antisemitischen Frauen: eine starke Neigung zu groben Verallgemeinerungen, zu stereotypem und konventionellem Denken, verbunden mit einem auffälligen Mangel an Originalität.“ (S. 121) Die antisemitische Persönlichkeit in dieser Untersuchung zeichnet sich als schmalspurige, eingeschränkte Persönlichkeit aus mit strengem, konventionellem Über-Ich, dem sie sich nahezu vollständig unterwirft (S. 121). Der puritanische Typ und der Nazi-Typ des Antisemitismus haben einen autoritären Charakter, einen aggressiven Unterton, die Betonung des Schicksals und ein externalisiertes Über-Ich gemeinsam (S. 122).

Ad 7: Th. W. Adorno referiert in seinem Beitrag drei Studien eines Feldforschungsprojekts über den Antisemitismus (S. 128), in dem antidemokratische und antisemitische Propaganda analysiert wurde. In den analysierten Reden und Rundfunkansprachen amerikanischer Politiker sind personalisierte Propaganda und emotionale Stimuli wahrnehmbar (S. 129) und auch, dass Sachverhalte nicht sachgemäß dargestellt werden – heute würde man von fake news sprechen. Adorno formuliert das, was auch heute bei Rechtspopulisten wahrnehmbar ist: „Sie präsentieren sich als einsame Wölfe, als gesunde, tüchtige amerikanische Bürger mit robusten Instinkten, als selbstlos und unermüdlich; und sie geben unaufhörlich wirkliche oder fiktive Intimitäten aus ihrem Leben und dem ihrer Familien zum besten [sic!]. Überdies scheinen sie herzlichen Anteil an den kleinen alltäglichen Sorgen ihrer Zuhörer zu nehmen, die sie als arm, aber ehrlich, als von gesundem Menschenverstand, doch nicht-intellektuell, und als echte Christen hinstellen.“ (S. 129) Ziele werden durch Mittel ersetzt und Propaganda fungiere dann als eine Art Wunscherfüllung (S. 130): „Die Menschen werden ‚zugelassen‘, erhalten vermeintlich Insider-Informationen, werden ins Vertrauen gezogen, als Angehörige der Elite behandelt, die es verdienen, die schaurigen Geheimnisse zu kennen, die den Außenseitern verborgen bleiben.“ (S. 130) Als „zynische Nüchternheit“ charakterisiert Adorno die nationalsozialistische Mentalität (S. 131) und gleichzeitig werden Bilder von „Juden“ und „Kommunisten“ entworfen, was zwar völlig unlogisch daherkommt. Diese Vorgehensweise beschreibt Adorno als „organisierte Gedankenflucht“, die es aber dem Zuhörenden erleichtert zuzuhören. Die Zuhörenden würden in diesen rhetorischen Shows mund- und gedankenlos gemacht (S. 133): „Dies Fiktive ist das Lebenselement der faschistischen Propaganda-Shows.“ (S. 134) Verbunden ist diese Performanz mit pseudoreligiösen Attitüden (S. 136) und versteckten Andeutungen (S. 137): „Die Inszenierung ist weitgehend schon der eigentliche Gehalt der faschistischen Propaganda.“ (S. 138)

Ad Editorial und Nachwort: Die Vorträge aus 1944 in San Francisco wurden 1946 in New York bei International Universities Press publiziert; in der deutschen Ausgabe wurde die Reihenfolge der Beiträge übernommen. Im Nachwort kommt Helmut Dahmer zu der bitteren Erkenntnis, dass der Antisemitismus nicht nur bis in unsere Tage hinein weiter bestehe (2019), ja im Gegenteil sogar noch mehr gesellschaftliches Gewicht gewonnen habe (S. 159): „Jede Generation, die vor der Aufgabe versagt, sich aus dem Bann der Judophobie zu lösen, macht ihre Kinder und Kindeskinder zu Wiederholungstätern.“ (S. 161)

Fazit

Das Buch mit seinen meist sozialwissenschaftlich-psychoanalytischen Analysen hat nicht nur erschreckende Aktualität, sondern zeigt auch, dass der gegenwärtige Antisemitismus nicht nur in Xenophobie umschlagen kann, sondern auch in Islamophobie (S. 161): „Der ‚Antisemitismus ohne Juden‘ hat sich im Nachkriegseuropa zur Xenophobie, zur Feindseligkeit gegenüber allem Fremden verallgemeinert.“ (S. 167) Davor nicht die Augen zu verschließen, ist Aufgabe aller in einer demokratischen Zivilgesellschaft und so ist die Lektüre des Buches im guten Sinn aufklärend und erschreckend zugleich.


Rezensent
Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann
Professor für Evangelische Theologie und Didaktik an der Evangelischen Hochschule Freiburg im Fachbereich II (Theologische Bildungs- und Diakoniewissenschaft)
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Zitiervorschlag
Wilhelm Schwendemann. Rezension vom 08.04.2019 zu: Ernst Simmel (Hrsg.): Antisemitismus. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2017. ISBN 978-3-89691-109-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23290.php, Datum des Zugriffs 21.09.2019.


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