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Zwischenraum Kollektiv (Hrsg.): Decolonize the City!

Cover Zwischenraum Kollektiv (Hrsg.): Decolonize the City! Zur Kolonialität der Stadt - Gespräche, Aushandlungen, Perspektiven. Unrast Verlag (Münster) 2017. 196 Seiten. ISBN 978-3-89771-546-2. D: 14,00 EUR, A: 14,40 EUR, CH: 20,90 sFr.
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Thema

  • Wem gehört die Stadt?
  • Wer darf in ihr leben und sich aufhalten?
  • Kannte die europäische Stadt von jeher wirklich, dass alle, die sich in der Stadt aufhalten, auch dazugehören?
  • Und sind nicht viele in der Stadt, die zwar nicht dazugehören, aber auch nicht vertrieben werden, irgendwie und irgendwo einen Platz finden, wo sie geduldet werden, ohne integriert zu sein?
  • Was bedeutet es, wenn Städte auf der einen Seite die Vielfalt und Unterschiedlichkeit ihrer Bewohnerschaft als Chance für Bereicherung und Innovation proklamieren und auf der anderen Seite über sozialräumliche, soziale und ethnische Segregationsprozesse bestimmte Gruppen marginalisieren, Stigmatisierungs- und Diskreditierungsprozessen aussetzen und über ordnungspolizeiliche Maßnahmen kriminalisieren oder doch zumindest ihre Lebensweise als Abweichung von der Normalität begreifen und entsprechend reagieren?

Herausgeber/innen und Autor/innen

Die Autorinnen und Autoren verstehen sich zugleich als Kollektiv, das diesen Band herausgibt. Diese Autorinnen und Autoren kommen aus den Kultur- und Kunstwissenschaften, aus der Genderforschung, den Politik- und Sozialwissenschaften und aus der Kunstszene. Viele verstehen sich als Aktivisten, die sich auf unterschiedlichen Ebenen und in verschiedenen Bereichen für eine Dekolonialisierung der Stadt einsetzen.

Aufbau und Einleitung

Nach einer Einleitung gliedert sich das Buch in vier Teile, in denen jeweils mehrere Beiträge platziert sind:

  1. Imperiale Verräumlichungen
  2. Rassifizierende Stadt
  3. Erinnerungspolitik in der Stadt
  4. Rück-& Ausblick: Wer, wie, was, warum?

Zur Einleitung (Zwischenraum Kollektiv). In seiner Einleitung macht das Autorenkollektiv auf die zentrale Fragestellung aufmerksam:

  • Können Grundsätze einer neoliberalen Stadtentwicklung wie die Privatisierung, Überwachung und der ordnungspolizeilichen Kontrolle und ihre Folgen für die Marginalisierung von Diskreditierung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen ohne die Analyse der Kolonialität der Stadt hinreichend gedacht werden?
  • Wer ist schon in der Stadt und wer wird daran gehindert, in die Stadt zu kommen, wenn man von der Prämisse ausgeht, dass die Stadt wirklich verhindert, dass Menschen in die Stadt kommen und der Zugang zur Stadt streng reguliert ist?

Die Stadt soll nicht nur als Ort kapitalistischer Akkumulation betrachtet werden, sondern auch unter dem Gesichtspunkt, dass die Stadt als Wohn-, Lebens- und Erfahrungsraum gesehen wird, in dem sich spezifische dominante Identitäten ausbilden und reproduzieren, die Kolonialität erzeugen und die Ausbildung der Identität der Anderen nur noch in Abhängigkeit zu den dominanten Identitäten auszubilden ermöglichen.

Im weiteren Verlauf der Einleitung werden die einzelnen Teile kurz mit ihren Beiträgen angesprochen.

Zu Teil I Imperiale Verräumlichungen

Zu Na Pó Di Spéra: die post-koloniale Peripherie Lissabons (Sónia Vaz Borges)

Nachdem die Autorin die Stadt Lissabon als touristischen Anziehungspunkt beschrieben hat und auch das Flussufer beim Bairro Santa Maria de Belém als touristischen Ort beschreibt, der zugleich die Kolonialgeschichte repräsentiert, geht sie auf das Viertel Santa Filomena ein, wo sie als Sozialarbeiterin beschäftigt war. Diese Beschäftigung bot ihr die Gelegenheit, Lebensgeschichten, Orte und Erinnerungen kennen zu lernen, die auf die alte Kolonialzeit hindeuteten. Weiter berichtet die Autorin von Amadora, einer Stadt am der Hauptstadt, die negativ konnotiert wird, in der Illegalität und Prekarität vorherrschen und eine arme schwarze afrikanische Bevölkerung wohnt, die irgendwann immigriert ist und deren Nachkommen auch schon hier wohnen. Die Portugiesen sind aus der Stadt weggezogen, sodass sich eine relativ homogene Schicht der Afrikaner ausbildete, die in ihrer Armut und ihrer sozialen Prekarität einen Slum bildeten. Aber in Bairro Santa Maria wird die Kolonialgeschichte mit Stolz gezeigt und unkritisch gefeiert. Die Kolonialpolitik Portugals wird hier auch weiter reproduziert und irgendwann sind diese Viertel aus dem kollektiven Gedächtnis auch verschwunden. Dies wird anschaulich beschrieben.

Zu Feindliches Gebiet: die Vereinigten Staaten und der Krieg im Innern (Rachel Herzing). Die Stadt, in der die Autorin wohnte, ist Oakland/Kalifornien – eine Stadt, die durch ihre aggressiven Polizeieinsätze gegen die Occupy-Bewegung bekannt wurde. Und die Autorin beschreibt auch sehr anschaulich, wie der Krieg im Innern der Stadt geführt wird – auch mit Kriegsmaterial wie Panzern oder gepanzerten Fahrzeugen. Und die Feinde sind oft Schwarze und Latinos, historisch betrachtet die zentralen „Problemgruppen“. Die Polizei unterliegt dem Prozess der Militarisierung und somit werden Problemgruppen zu Feinden, die man bekämpfen muss. Dieses Verständnis wird von der Autorin ausführlich analysiert und dann mit weiteren Überlegungen verbunden. Die Polizeiarbeit muss entnormalisiert werden – sie gehört nicht konstitutiv zu öffentlichen Raum der Stadt. Viele Gruppen kommen bei der Bearbeitung ihrer Konflikte längst ohne die Polizei aus; sie haben Strategien entwickelt, die zu ihrer jeweiligen Lebensweise passen. Wir müssen aufpassen, dass die amerikanischen Polizeipraktiken nicht internationale Anwendung finden – so die Autorin.

Zu Queer-of-Color-Politik und translokale Räume in Europa (Paola Bacchetta, Fatima El-Tayeb, Jin Haritaworn). Das Autorenteam beschreibt einleitend das Verständnis von Queer-of-Color-Politik und reklamiert eine neue Perspektive, die Rassifizierung, Vergeschlechtlichung, Kapitalismus, Kolonialismus und Sexualität untrennbar miteinander verbindet. Dies wird ausführlich erörtert. Des Weiteren wird das Verständnis von „translokal“ als ein konzeptioneller Rahmen erläutert, der die komplexe Beziehung von queeren Menschen of Color zum Raum wie auch ihre Prägung durch Rasse, Klasse, Religion, Sexualität, Geschlecht, Kolonialismus und Nation anerkennt. Weiter werden die vorherrschenden Konzepte urbaner Räume aus der Perspektive der Kunst, des Aktivismus und anderer Praktiken queerer Menschen diskutiert. Wie kann städtischer Raum vom Standpunkt queerer Menschen of Color neu konzeptualisiert werden? Die dazu gehörenden Themen sind: Queere Regenerierung und degenerierte Räume und Bewegung und Übersetzung, die ausführlich erklärt und diskutiert werden.

Zu Teil II Rassifizierende Stadt

Zu Was ist Rassismus? Die „Zone des Seins“ und die „Zone des Nicht-Seins“ in den Werken von Frantz Fanon und Boaventura de Sousa Santos (Ramón Grosfoguel). Dieser Beitrag versucht eine Synthese der dekolonialen Soziologie von Boaventura de Sousa Santos und der dekolonialen Perspektive von Frantz Fanon. Mit Boaventura des Sousa Santos verbindet der Autor zugleich eine kritische Theorie der Dekolonialisierung in Europa. Für Fanon ist Rassismus eine Machthierarchie von Über- und Unterlegenheit, die über Jahrhunderte hinweg die moderne koloniale, kapitalistisch-patriarchale imperialistische Weltordnung des Westens produziert und reproduziert hat. Dies wird ausführlich geschildert und konkretisiert. Weiter wird der Unterschied der Zone des Seins und der Zone des Nicht-Seins ausführlich beschrieben. Die Soziologie von Boaventura de Sousa Santos ist ein Beitrag zur Dekolonisation der Sozialwissenschaften von ihren eurozentrischen Blickwinkeln. Dies wird begründet und erläutert. Dabei geht der Autor auf die These Boaventuras ein, eine Soziologie der Abwesenheit zu konstruieren, wo bei dieser von der Annahme ausgeht, dass diese Abwesenheit durch fünf Punkte produziert wird:

  1. Monokultur des Wissens und der Genauigkeit,
  2. Monokultur der linearen Zeit,
  3. Monokultur der Naturalisierung der Differenzen,
  4. Monokultur des herrschenden Maßstabes,
  5. Monokultur der kapitalistischen Produktionsweise.

Zum Schluss geht es noch um eine ausführliche Auseinandersetzung und Kritik des radikalen Anti-Essentialismus.

Zu Zur Kolonialität des Städtischen (Noa K. Ha). Die Autorin geht zunächst mit der eurozentrischen historischen Stadtforschung ins Gericht und beklagt, dass der gesellschaftskritische mit Lefèbvre verbundene Raumbegriff dominiert hat und zur Vernachlässigung des Zusammenhangs von moderner Stadtentwicklung und Kolonialismus geführt hat. Denn die Vorstellungen der modernen Stadt sind konstitutiv mit der Entstehung der kolonialen Stadt verbunden. Dies begründet sie an Hand zahlreicher Studien. Unter dem Begriff Kolonialität der Macht diskutiert sie die fortbestehende Abhängigkeit des Globalen Südens vom Globalen Norden, obwohl die formelle Entkolonialisierung fast abgeschlossen ist. Für Europa bedeutet dies, dass die Kolonialität sich geographisch in der geographisch-räumlichen Zentralität ausdrückt, historisch als modern darstellt, in ihrer sozialen Klassifikation (Hautfarbe, religiöse und kulturelle Symbolik wie Kleidung) als überlegen darstellt und ökonomisch durch den Kapitalismus geprägt ist. Die Anderen sind an die Peripherie gedrängt, gelten als zurückgeblieben, unterlegen. Es sind vor allem Schwarze, afrikanische, asiatische indigene jüdische Subjekte. Die Basisökonomie ist informell und ethnisch geprägt. Weiter beschäftigt sich die Autorin mit der Frage, wie es zu der Artikulation einer gemeinsamen europäischen Identität kommt. Nach dem Nationalsozialismus und der Shoah und dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten und einem Ende des Kalten Krieges gerät die postkoloniale Geschichte in den Hintergrund. Dies wird ausführlich entfaltet und begründet. Dabei nimmt die Autorin auch Bezug zum städtischen Raum im postkolonialen Europa, der sich nicht nur als Wohnraum metropolitaner Gesellschaften darstellt. Er ist auch Raum der Selbstbestimmung, der Selbstentfaltung und Selbstorganisation und damit auch des Widerstandes. Die Frage der Dekolonisierung der der metropolitanen Stadt bearbeitet die Autorin an Hand der Diasporaforschung, die auch ausführlich erklärt wird.

Zu Koloniale Denkmäler und die Grenzen des spanischen Antirassismus (Mahdis Azarmandi, Roberto D. Hernandesz). Wie geht man im Rahmen einer Erinnerungspolitik mit dem kolonialen Erbe um, das sich in Denkmälern, Statuen, öffentlichen Räumen und Plätzen repräsentiert? Die Autorin und der Autor setzen sich mit den Strategien auseinander, in denen es um die Umbenennung und auch Eliminierung von Denkmälern geht, die problematische Ereignisse und Prozesse der Kolonialzeit repräsentieren und dennoch zur Erinnerungskultur gehören. Am Beispiel von Barcelona hinterfragen sie dominante Narrative kolonialer Denkmäler und thematisieren die Reaktionen der lokalen Initiativen und antirassistischen Gruppen. Katalonien wird einerseits als kolonisierte und unterdrückte Nation beschrieben, die andererseits an den spanischen Traditionen der Erinnerungskultur der Kolonialzeit festhält. So ist die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus nicht ohne den kolonialpolitischen Hintergrund denkbar. Die damit verbundenen Ambivalenzen führen auch zu unterschiedlichen Interpretationen und zu Konflikten. Eine andere Statue und der gleichnamige Platz wiederum sind von lokaler Bedeutung für Katalonien und würdigen den Erfolg eines katalanischen Geschäftsmanns, der nur durch den Sklavenhandel möglich wurde. Die Auseinandersetzungen um dieses Denkmal werden ausführlich beschrieben. Weiter gehen die Autorin und der Autor auf die panafrikanische Bewegung und Alonso Arcelin ein, der als Galionsfigur im Kampf gegen die rassistische Ausstellung „el negro de bayoles“ öffentliche Aufmerksamkeit erhielt, die im Kontext der Olympischen Spiele 1992 gezeigt wurde. Des Weiteren werden das Problem des Universalismus und die falsche Verortung des Rassismus diskutiert. Die Beseitigung der bereits erwähnten Statue von Antoni López y López wurde vor allem von den Communities of Color gefordert. Die damit verbundene vielschichte Diskussion wird prätentiös nachgezeichnet. Das Fazit ist die Forderung nach einer Dekolonialisierung des kollektiven Gedächtnisses.

Zu Teil III Erinnerungspolitik in der Stadt

Zu Die fragile Erinnerung des Entinnerten (Kien Nghi Ha). Es geht um Deutschland. Der Autor setzt sich mit der Erinnerungskultur in Deutschland auseinander, die ohnehin schwierig ist. Es geht nicht um die deutschen Kolonien in der Erinnerung. Vielmehr geht es um die Frage, ob die Errungenschaften der europäischen Aufklärung nicht auch zu einer Herabwürdigung anderer kultureller Kontexte geführt haben. Steht den rationalen, säkularisierten und von ideologischen Diskursen befreiten Gesellschaften Europas – wenn sie es denn sind – doch eine irrationale oder nicht-rationale arabische Welt gegenüber. Mit dieser Selbstwahrnehmung setzt sich der Autor zunächst auseinander. Diese führt nämlich zu einer rückwärtsgewandten Suche nach einem hegemonialen homogenen nationalen Kollektiv und das hat auch eine identitätsstiftende und integrationssichernde Symbolkraft. Der Autor zitiert einige Studien, die auf die rechtsextremen und rassistischen Einstellungen der deutschen Gesellschaft verweisen und auf die damit verbundenen Konfliktlinien. Die Frage ist dann immer noch einmal die, wer zur deutschen Gesellschaft gehört oder gehören darf und das widerspricht allen Grundsätzen einer demokratischen offenen Gesellschaft. Dies wird ausführlich entfaltet. Der Autor bezieht die ehemalige DDR in diese Diskussion ausführlich mit ein.

Zu Vorwärtsgehen, ohne zurückzublicken – ein kolonialismuskritische aktivistische Perspektive auf das Humboldtforum (Sandrine Micossé-Aikins). Die Aufarbeitung der Kolonialzeit ist eine schwierige Sache, wehren sich doch die Kolonialisierten gegen eine Überschreibung und Auslöschung ihrer Geschichte durch weiße hegemoniale Erzählpraktiken. Die Autorin will in ihrem Beitrag auf diesen Widerstand hinweisen und diskutiert sehr detailliert und gründlich die aktivistischen Gruppen und deren Ziele, die diesen Widerstand ausmachen. Eine Manifestation dieser hegemonialen Aufarbeitung der Kolonialgeschichte ist das in Berlin 2013 gegründete Humboldtforum – und der Widerstand gegen dieses Form ist zugleich ein Widerstand gegen diese Erzählpraxis. Lange vor seiner Fertigstellung ist es – so die Autorin – zu einem Barometer für den Zustand postkolonialer deutscher Erinnerungspolitik geworden (123). Dieser Umgang mit Erinnerung wird auch in einem Malbuch deutlich, dass die Kolonialgeschichte verharmlost wird – Gewalt und Widerstand werden ausgeblendet. Die Autorin setzt sich mit der Verbindung Deutschlands zu Ghana und Namibia im Kaiserreich auseinander und problematisiert die damaligen Ereignisse. Im Museum werden Objekte gezeigt, die eigentlich eine Geschichte erzählen könnten, aber schweigen. Das Humboldtforum – so das Fazit – wird der Aufgabe, die Kolonialgeschichte kritisch aufzuarbeiten, in keiner Weise gerecht.

Zu Dekolonialisation des kollektiven Gedächtnisses in den Museen der Stadt (Andrea Meza Torres). Die Autorin stellt zunächst eine Beziehung von Stadt und Museum her. Vor allem die Metropolen und Hauptstädte der Kolonialmächte sind ein Spiegelbild dessen, was im Museum präsentiert wird: die Kultur, Ethnie Rasse, Religion der Anderen als etwas sonderbar anderes, aber nicht Gleichwertiges. Die Herrschaftsverhältnisse der Stadt sind ein Spiegelbild der Herrschaftsverhältnisse der Kolonialmächte, die en miniature die gesellschaftlichen Strukturen der Kolonialgesellschaften reproduzieren. Koloniale Herrschaftsbeziehungen haben den urbanen Raum in den Städten verändert. Diejenigen, die sich im öffentlichen Raum der Stadt aufhalten müssen, weil es ihr Lebensraum ist, gehören eigentlich nicht dazu; das gilt im Übrigen für den weißen Wohnungslosen wie für den schwarzen Straßenverkäufer. Wie dies in die Museen kommt, die als Orte der Repräsentation des Kollektivgedächtnisses gelten, wird von der Autorin dann ausführlich entfaltet. Dazu werden Bespiele verschiedener Nationalmuseen aufgeführt. Weiter diskutiert die Autorin das Konzept des Kollektivgedächtnisses von einer dekolonialen Perspektive auf der Grundlage von Studien und theoretischen Ansätzen.

Zu Nationalismen der Anerkennung – Gedenken, Differenz und die Idee einer „europäischen Kultur der Erinnerung“ (Vanessa E. Thompson, Veronika Zablotsky). Die Autorinnen verweisen zunächst auf eine zunehmende Gedenk- und Anerkennungskultur in den europäischen Ländern; nationale Gedenkstätten werden gebaut und Frankreich hat sogar ein Erinnerungsgesetz auf den Weg gebracht. Wie wird der Kolonialzeit gedacht, welche (Mit-)verantwortung an den Völkermoden haben die Kolonialmächte – und auch Deutschland. Wie geht man mit diesen kritischen Ereignissen in der Erinnerung um? Die Autorinnen setzen sich mit der Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte und ihre Folgen ausführlich auseinander, mit Gedenkorten und deren Architektur und behaupten, sie seien Archive nationaler Ideologieproduktion. Diese These wird ausführlich begründet.

Ein weiterer Kontext ist die republikanische Anerkennung der europäischen Versklavung afrikanischer Menschen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Auch diese wird ausführlich begründet, um dann unter der Überschrift Anerkennung als Modalität postkolonialer Macht einige philosophische Überlegungen in Anlehnung an Hegel und Foucault anzustellen.

Zu Teil IV Rück- & Ausblick: Wer, wie, was, warum?

Zu Akademie trifft Aktivismus – intersektionale und dekolonisierende Konversationsräume ermöglichen (Zwischenraum-Kollektiv). Das Autorenkollektiv reflektiert hier noch einmal resümierend das Anliegen der Konferenz, die Grundlage für diesen Band war. Die Konferenz knüpfte an die These Lefèbvres eines Rechts auf Stadt an und sollte zu einer Diskussion sowohl der Wissenschaft als auch der Aktivisten anregen. Die Konferenz sollte mehreren Fragen nachgehen, die sich auf eine dekoloniale und rassismuskritische Perspektive der Stadt bezogen. Dabei stellten sich folgende Fragen:

  • Was bringt ein rassimuskritischer Blick auf die heutige Stadtforschung und städtische Sozialpolitik?
  • Was können wir von marginalisierten Perspektiven und Widerstandskämpfen lernen?
  • Inwiefern unterscheiden sich die vielfältigen Marginalisierungsprozesse in der neoliberalen Stadt voneinander bzw. lassen diese sich vergleichen?
  • Können diese Perspektiven nicht verknüpft werden, um nachhaltige und emanzipatorische Formen des Zusammenlebens zu ermöglichen?

Um diese Fragen zu beantworten, wurden Themen angesprochen wie die städtische koloniale Er- und Entinnerungspolitik, rassistische Polizeigewalt, anti-muslimischer Rassismus, Präsentationsformen der europäischen Stadt und deren Logik von Integration und Ausgrenzung. Weiter stellt das Autorenkollektiv die Umsetzung und Organisation der Konferenz detailliert dar. Abschließend fragen die Autorinnen und Autoren, ob es möglich ist, die Stadt zu dekolonisieren. Die nord-amerikanische Perspektive der Dekolonisierung dominierte auf der Konferenz und gefragt wurde, warum. Es hängt wohl mit der englischsprachigen Wissensproduktion zusammen; viele der Beiträge wurden aus dem Englischen übersetzt. Im Übrigen haben sich nach der Konferenz weitere Einblicke ergeben, die sich auf die geopolitischen und siedlerkolonialen Kotexte bezogen und in einem transnationalen Zusammenhang betrachtet werden müssen. Daraus und aus vielen anderen Erkenntnissen ergeben sich Fragen, die das Kollektiv an die Leserinnen und Leser dieses Buches richtet.

Diskussion

Wenn wir Kolonialisierung als eine Prozess begreifen, in dessen Verlauf eine sich überlegen fühlende Macht eine demnach unterlegene Bevölkerungsgruppe ihrer kulturellen, ethnischen und sozialen Identität beraubt und sich deren soziale Räume mental und konkret aneignet, dann kann Dekolonialisierung nur als eine Art „Rückeroberung“ sozialer, ethnischer und kultureller Identitäten und Räume verstanden werden. Und in den Städten finden wir in der Tat den Zusammenhang von ethnischer, kultureller und sozialer Ausgrenzung und sozialräumlicher Segregation. Die strukturellen Gesetzmäßigkeiten der Verteilung einer Bevölkerung im städtischen Raum, sowie der Markt und soziokulturelle Präferenzen, in Wohngebieten mit ähnlichen Werthaltungen zu wohnen, schaffen Rahmenbedingungen dieser Segregationsprozesse. Die Frage ist, wie diesen Prozessen Widerstand entgegen zu setzen ist, wie man sich gegen Prozesse sozialer und kultureller Exklusion auf Grund von Ethnie, Rase und Religion zu wehren vermag.

Die Beträge dieses Buches werfen mehr Fragen auf als Antworten gefunden wurden. Diese Erkenntnis des Autorenkollektivs hat auch der oder die Leser/in. Stadt ist Gesellschaft; ob sie aber als Mikrokosmos das widerspiegelt, was Kolonialgesellschaften im Großen ausmacht, kann immer nur an bestimmten Städten festgemacht werden, und die Beiträge zeigen das auch. Es sind bestimmte Kolonialmächte, deren Metropolen und Hauptstädte Gegenstand der Analyse sind. Und gibt es überhaupt eine Chance der Befreiung aus kolonialen Verhältnissen, eine Emanzipation der Subjekte aus den Klammern des Rassismus, der kulturellen und ethnischen Diskreditierung oder reproduziert der Kapitalismus verdeckt diese Abhängigkeitsverhältnisse weiter? Und wo sind die Grenzen einer durch ordnungspolizeiliche Maßnahmen sozialer Kontrolle, die einerseits Sicherheit garantieren und andererseits gleichzeitig Überwachung bedeuten?

Das Buch beleuchtet einen eher rudimentär betrachteten Gegenstand der Stadtforschung und die Darstellung der Geschichte der europäischen Stadt beförderte auch den Eurozentrismus der Stadtforschung. Gleichwohl betrachtet der Rezensent die europäische Stadt immer noch als eines der eher gelungenen Modelle urbanen Zusammenlebens und dessen politische und soziale Organisation. Und für die europäischen Metropolen der Kolonialmächte gilt sicher auch die vom Autorenkollektiv geforderte Dekolonialisierung der Stadt.

Fazit

Das Buch ist insofern eine Bereicherung der Stadtforschung, als es eine eher vernachlässigte Facette der historischen Stadtentwicklung in den Fokus der Betrachtung rückt. Die Beiträge versuchen die für die stadtsoziologische Analyse selbstverständlichen Strukturprobleme der Großstädte wie Segregation, Verdrängung durch Gentrifizierung, soziale, ethnische und kulturelle Exklusion aus öffentlichen Räumen der Stadt unter dem Blickwinkel der Kolonisation zu betrachten. Und die Beiträge drängen auf eine Antwort auf die Frage, wieviel Überwachung und Kontrolle eine offene Gesellschaft verträgt. Das wirft Fragen auf, nach deren Antworten zu suchen sich lohnt.

Summery

This book represents different perspectives of consideration and analyse of colonialization if cities and how cities could be decolonized. With colonization is meant that a weaken population has been deprived its cultural, ethnic and social identity by a more powerful population. Insofar decolonialization is a process of reconquest this identity. The articles of the book are written by authors, who are activity involved in social and political processes of this form of colonialization in the cities, which history is shaped by colonialization. They reflect and analyse these processes and why theses process are successful or not against the socio-structural, historical and cultural background of the cities and its development. And the articles show, how a new form of colonialization takes place: policy control, and surveillance lead to a urban space, in which groups like homeless people, drug abuser, alcoholics do not find a place. And processes of residential segregation produce social exclusion of big groups of population, which do not find any access to the nuclear spaces of cities.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 26.10.2017 zu: Zwischenraum Kollektiv (Hrsg.): Decolonize the City! Zur Kolonialität der Stadt - Gespräche, Aushandlungen, Perspektiven. Unrast Verlag (Münster) 2017. ISBN 978-3-89771-546-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23291.php, Datum des Zugriffs 22.11.2017.


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