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Elisabeth Oberzaucher: Homo urbanus. Ein evolutionsbiologischer Blick (...)

Cover Elisabeth Oberzaucher: Homo urbanus. Ein evolutionsbiologischer Blick in die Zukunft der Städte. Springer (Berlin) 2017. 259 Seiten. ISBN 978-3-662-53837-1. D: 16,99 EUR, A: 17,47 EUR, CH: 17,50 sFr.
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Thema

Das Verhalten des Menschen in der Stadt wird aus evolutionsbiologischer Perspektive betrachtet. Diese Perspektive beinhaltet Themen wie Biophilie, Landschaftspräferenzen, Territorialität und das Leben in Gruppen.

Autorin

Elisabeth Oberzaucher ist Zoologin und Anthropologin und derzeit als Lehrende an der Universität Ulm und der Universität Wien tätig und Mitherausgeberin der Zeitschrift Human Ethology Bulletin.

Aufbau

Das Buch besteht aus 30 kurzen bis sehr kurzen Kapiteln, in denen jeweils ein bestimmter Aspekt der Mensch-Stadt-Beziehung thematisiert wird. Die Kapitel folgen aufeinander, sie sind keinen übergreifenden Themenkomplexen zugeordnet. Abschließend folgt ein Epilog und ein Literatur- und Sachwortverzeichnis.

Inhalte

Die Inhalte des Buches lassen sich aus den Überschriften der kurzen Kapitel entnehmen.

Das erste Kapitel ist mit „Die Stadt befreit und bereichert“ betitelt. In früheren Zeiten bedeutete die Aussage „Stadtluft macht frei“ die Befreiung von der Leibeigenschaft, nachdem man vom Land kommend eine bestimmte Zeit in der Stadt verbracht hatte. Es tauchen Begriffe wie Suburbanisierung, Gentrifizierung, Gated Communities, Mulilokalität usw. auf, die jedoch nur kurz gestreift werden. Am Ende wird die Stadt Wien gepriesen, die besonders gut funktioniert.

Das zweite Kapitel trägt die Überschrift „Wozu Verhaltensbiologie?“ Der Anspruch ist, das menschliche Verhalten zu erklären.

Im dritten Kapitel werden die Rahmenbedingungen: die natürliche, die sexuelle und die soziale Selektion, vorgestellt, die der Evolution zugrunde liegen.

Im vierten Kapitel mit der etwas irritierenden Überschrift „Wie die Evolution den Menschen erfand“ wird die Menschwerdung in der Landschaft der Savanne, die andere Anforderungen stellte als der durch die Eiszeit dezimierte Regenwald zuvor, geschildert.

Es schließt das fünfte Kapitel zum Thema Werkzeugkultur an. Die Werkzeuge, die der homo erectus erfand, und das Feuer, ermöglichten ihm eine verstärkte Nutzung der Umweltressourcen.

Im sechsten Kapitel geht es weiter mit der Savannenhypothese. Darin heißt es: „Das offene Grasland mit vereinzelten Bäumen und Baumgruppen sowie Wasserstellen […] ist die Bühne, auf der die Evolution der Gattung Homo stattgefunden hat“ (S. 39).

Auch im siebten Kapitel geht es um die Savannenlandschaft, die Menschen am liebsten mögen.

Das achte Kapitel mit dem Titel „Gute Aussichten“ liefert mit der Prospect-Refuge-Theorie noch eine weitere Erklärung, warum bestimmte Umwelten bevorzugt werden.

Die beiden sehr kurzen Kapitel 9 und 10 haben bewertende Titel; beim einen heißt es: „Die unendliche Faulheit des Gehirns“, beim anderen: „Eine Freude für unsere Sinne“.

Das elfte Kapitel ist der Biophilie- Hypothese gewidmet, der Liebe des Menschen zum Lebendigen insbesondere zu den Pflanzen. In einem eingefügten Exkurs werden eigene Experimente zu Erholwirkung von Pflanzen geschildert. Es wird weiter über die positiven Wirkungen des Stadtgrüns berichtet.

Das Wasser als unverzichtbare Ressource für alle Lebewesen und dessen Wirkungen wird im zwölften Kapitel behandelt.

Im 13. Kapitel geht es um die Faszination von Gefahr, die mit Leopardenmustern und scharfen Spitzen assoziiert werden.

Gesichter sind Thema des 14. Kapitels. Dass wir mitunter auch Gesichter sehen, wo keine sind, wird mit einem Feuermelder-Beispiel illustriert, der auch mal Feuer meldet, wenn keines da ist. Weiter geht es mit Gesichtern und Gesichtsschablonen, denen Persönlichkeitseigenschaften zugeschrieben werden.

Der Slogan „Gemeinsam sind wir stark“ ist die Überschrift des 15. Kapitels. Darin heißt es: „Unsere Sozialbeziehungen wurden durch das Verlassen des Waldhabitats vor neue Herausforderungen gestellt“ (S. 101). Der große Vorteil der Gruppenbildung war die Minderung des Raubfeinddruckes.

Im 16. Kapitel wird das Thema Sozialverhalten und Leben in Gruppen mit Blick auf die Ressourcenverfügbarkeit und die Vervielfachung der sozialen Beziehungen mit zunehmender Gruppengröße fortgesetzt. Die sozialen Bindungen werden vertieft durch die gegenseitige Fellpflege und durch Lautäußerungen. Es entwickelte sich die Sprache, die bei größeren Gruppen effizienter ist als die Fellpflege, um soziale Beziehungen zu pflegen. Außerdem konnte man so von den Erfahrungen anderer durch Informationsaustausch profitieren.

Kapitel 17 behandelt das Phänomen der Territorialität, dessen Ursprung die Monopolisierung von Ressourcen und der Schutz vor Feinden ist. Eine wichtige Funktion ist beim Menschen darüber hinaus die Regulation von Sozialbeziehungen. Territorien werden markiert. Konflikte werden indessen nur in dem Maße reduziert als das Regelverständnis verschiedener sozialer und kultureller Gruppen ähnlich ist.

Im 18. Kapitel wird das Thema fortgesetzt, wobei auch auf das Abstandsverhalten eingegangen wird.

Eine weitere Fortsetzung erfolgt im 19. Kapitel, in dem es um zeitlich begrenzte Territorien geht, von der Autorin als Minimalterritorium bezeichnet (in der umweltpsychologischen Fachliteratur spricht man von sekundären Territorien).

Im 20. Kapitel geht es unter der Überschrift „urbane Streifgebiete“ ebenfalls um Territorialität und in einem Exkurs, in dem eine Studienarbeit vorgestellt wird, um geschlechtstypische kognitive Karten.

Im 21. Kapitel wird das Thema Nachbarschaft abgehandelt. Eine Typologie von Nachbarschaften von Warren und Warren (1977) wird vorgestellt.

Es folgt ein sehr knappes 22. Kapitel über „Kniffe für den Umgang mit sozialer Komplexität“. Ein solcher Kniff ist der funktionale Prototyp, z.B. der Briefträger, dem man in seiner Funktion als Briefträger vertraut.

Das 23. Kapitel trägt den Titel „Wir passen aufeinander auf“. Es geht um Verantwortung und Kontrolle, um neighborhood watch und defensible spaces sowie erneut um Territorialität.

Dann folgt mit dem 24. Kapitel ein Themenwechsel: der soziale Wohnungsbau in Wien rückt in den Fokus. Das Kapitel besteht zum großen Teil aus dem Exkurs von Gregor Radinger „Wie wir wohnen wollen“ mit Aussagen von interviewten Personen. Der Wiener Gemeindebau wird als Erfolgsmodell dargestellt, als unabhängig von allen Moden, beruhend auf unseren evolutionären Wurzeln.

Das 25. Kapitel befasst sich mit der Allmende-Klemme und dem Broken Windows Effekt. Die Autorin sieht im öffentlichen Raum der Stadt eine Art Allmende und als vorrangiges Ziel, Verwahrlosung im Keim zu ersticken.

Das 26. Kapitel mit der Überschrift „Stadtleben bringt Stress“ beginnt mit der Aussage „Die Großstadt ist das Habitat der Zukunft“ (eigentlich ist sie es schon jetzt). Aufgeführt werden Stressoren wie Crowding, Informationsüberflutung, Lärm, Kontrollverluste, mangelnde Privatheit, ein permanenter Erregungszustand, Luftschadstoffe, Pendeln zum Arbeitsplatz usw., sodass man sich schließlich wundert, dass nicht alle Großstadtbewohner krank sind.

Im 27. Kapitel erwartet man dann unter der Überschrift „Die vielen Herausforderungen an die Stadtplanung“ Stress mindernde Maßnahmen und Lösungen. Genannt werden gemischte Nutzungsstrukturen, Verringerung von Lärm und Schmutz, Verringerung des Autoverkehrs usw. Am Rande wird das misslungene Großprojekt Pruitt Igoe erwähnt. In der Schlussfolgerung heißt es, dass Projekte, „die am Menschen vorbei geplant werden“, zum Scheitern verurteilt sind.

Gespannt ist man dann auf das 28. Kapitel „Die Verhaltensbiologie bietet Lösungen an“. Hingewiesen wird auf die Bedeutung guter und passender Raumstrukturen, auf Naturelemente, Übersichtlichkeit, Rückzugsmöglichkeiten und Treffpunkte. Es sind sehr allgemeine nicht unbedingt spezifisch verhaltensbiologische Hinweise.

Im 29. Kapitel geht es weiter mit „Stadtplanerische und architektonische Erfolgsgeschichten“. Die Gartenstadt Zlin, ein Wohnkomplex im Rotterdam, Frank Lloyds Fallingwater und Planungen von Camillo Sitte werden genannt, dann folgt noch ein Exkurs über „Die Evolution und wir“.

Das 30. und letzte Kapitel „Von Smart Cities zu humanen Städten“ enthält den Appell, dass die auf erhöhte Effizienz und technologischen Fortschritt setzenden Smart Cities die menschlichen Bedürfnisse nicht aus den Augen verlieren sollten.

Im Epilog wird nochmals betont, dass man vor lauter Ökonomie nicht den Menschen mit seinen Bedürfnissen sowie eine menschengerechte Gestaltung von Städten vergessen darf. Vorschläge sind der Einsatz von natürlichen Elementen wie Pflanzen und Wasser und räumliche Strukturierung. Wie die Autorin meint, sollten jedenfalls technologische Möglichkeiten und Einschränkungen in der Stadtentwicklung nicht bestimmend sein.

Das eigentliche Literaturverzeichnis besteht aus vier Angaben, der darauf folgende Abschnitt „weiterführende Literatur“ ist umfassender, hat aber kaum einen Bezug zu den Inhalten der vorausgegangenen Kapitel.

Diskussion

Auffallend ist die Kürze der Kapitel und die fehlende Zuordnung zu größeren Themenblöcken wie Territorialität, Landschaftswahrnehmung, soziales Verhalten usw., die es erleichtert hätten, die einzelnen Spots bzw. Mini-Kapitel in einen Zusammenhang zu bringen. So ließen sich beispielsweise die Kapitel 17 bis 23 unter „Territorialität und räumliches Verhalten“ subsumieren.

Problematisch ist der Umgang mit den Quellen. So tauchen im Text oder in den Exkursen genannte Namen wie z.B. Dunbar, Warren & Warren oder Radinger nicht im Literaturverzeichnis auf, oder es gibt keine Quellenangaben wie z.B. zu der im zwölften Kapitel geschilderten Untersuchung zur Wirkung eines Brunnen im öffentlichen Raum.

Sofern im Text auf Fachliteratur verwiesen wird, wird diese nicht so angegeben, dass man nachlesen und sich noch genauer informieren könnte, z.B. wird zum Exkurs „Wie die Evolution unsere Platzwahl in öffentlichen Verkehrsmitteln beeinflusst“ keine Literatur genannt.

Höchst problematisch ist die stillschweigende Unterstellung kausaler Zusammenhänge, wo lediglich Zusammenhänge feststellbar sind. Das führt dann zu Aussagen wie: „Muster und Formen, die auf Gefahren hinweisen, sind attraktiv, weil unser Gehirn an die Verarbeitung solcher Reize angepasst ist“ (S. 89).

Problematisch sind auch Bewertungen, die nicht begründet werden. Die Stadt Wien wird gepriesen, weil sie besonders gut funktioniert. Doch warum das so ist, wird nicht ausreichend begründet. Und warum das Gehirn arbeitsscheu ist, weil es mit Hilfe von Ordnung Komplexität reduziert, und warum sich die Sinne freuen sollen, wenn auf bestimmte Reize unmittelbar emotional reagiert wird, bleibt unerörtert.

Letztlich ist kaum erkennbar, wie der Blick in die evolutionäre Vergangenheit der gegenwärtigen Stadtplanung angesichts einer weltweiten Verstädterung nutzen könnte. Der Anspruch, das menschliche Verhalten evolutionsbiologisch zu erklären, lässt sich schon deshalb nicht einlösen, weil der Mensch nicht nur ein biologisches, sondern auch ein kulturelles Wesen ist.

Fazit

Das Ziel des Buches ist, die Stadt aus einer evolutionsbiologischen Perspektive zu betrachten. Sicherlich ist dies ein interessanter Ansatz, um die biologische Bedingtheit des menschlichen Verhaltens nicht aus den Augen zu verlieren. Doch der Anspruch, daraus Empfehlungen für die Stadtplanung abzuleiten, ist sehr hoch, denn der Mensch ist nicht nur ein biologisches, sondern zweifellos auch ein kulturelles Wesen, das durch die von ihm selbst geschaffenen gebauten Umwelten geprägt wird. Das Buch sei als ergänzende Lektüre denen empfohlen, die sich für die Thematik der Mensch-Stadt-Beziehungen interessieren und sich in diesem Zusammenhang einen Überblick über die verhaltensbiologischen Antworten auf Fragen zum Verhältnis Mensch-Stadt verschaffen möchten.

Summary

The aim of this book is to view the city from an evolutionary biological perspective. This is certainly an interesting approach in order to not lose sight of the biological conditionality of human behaviour. Because man is not only a biological, but also undoubtedly a cultural being that is shaped by the built environments he has created himself, deriving recommendations for urban planning is in high demand. The book is recommended as a supplementary reading for those who are interested in the topic of human-city relations and would like to gain an overview of the behavioural-biological answers to questions on the relationship between man and city.


Rezensentin
Dr. Antje Flade
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Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 08.12.2017 zu: Elisabeth Oberzaucher: Homo urbanus. Ein evolutionsbiologischer Blick in die Zukunft der Städte. Springer (Berlin) 2017. ISBN 978-3-662-53837-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23294.php, Datum des Zugriffs 25.04.2018.


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