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Michail Logvinov: Rechtsextreme Gewalt

Cover Michail Logvinov: Rechtsextreme Gewalt. Erklärungsansätze - Befunde - Kritik. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 48 Seiten. ISBN 978-3-658-17150-6. D: 9,99 EUR, A: 10,27 EUR, CH: 10,50 sFr.
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Thema

Sowohl vor wie nach 1990 ist politische Gewalt von rechts eine praktische Herausforderung für die Politik und die Polizei sowie Gegenstand journalistischer Recherchen wie wissenschaftlicher Analysen. Herausragende Ereignisse wie das Oktoberfest-Attentat 1980, die fremdenfeindlichen Anschläge zu Beginn der 1990er Jahre oder die 2011 bekanntgewordene Urheberschaft des sog. „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) für eine Mordserie der Jahre 2000 bis 2007 lenken die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nur schubweise auf diesen gleichwohl kontinuierlich existierenden Phänomenkomplex.

Der vorliegende Band konzentriert sich auf empirischen Forschungen und die Theorieentwicklung seit 1990, die quantitativen Angaben zu rechter Gewalt umfassen den Zeitraum von 2006 bis einschließlich 2015. In komprimierter Form gibt er einen Überblick über Beschreibungskategorien und Erklärungen rechter Gewalt. Besonderes Gewicht wird dabei auf offene Fragen und Forschungsdesiderate gelegt. Zentraler Gegenstand sind Forschungsansätze, sodass sich die Darstellung auf einer Metaebene bewegt und stark abstrahierend und bilanzierend angelegt ist.

Autor

Der zweifach promovierte Autor (Philologie und Politikwissenschaft) forscht seit rd. zehn Jahren zu den Themen politischer Gewalt und ist bisher mit Publikationen zu islamistischer Radikalisierung sowie zu Rechtsextremismus hervorgetreten. Er ist freier Mitarbeiter am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden.

Aufbau

Die Darstellung umfasst neben einer Einleitung und einem bilanzierenden Schlussabschnitt sieben Teile:

  1. Rolle der Gewalt im Rechtsextremismus,
  2. Erklärungsansätze im Überblick,
  3. Inhaltliche Dimension des Rechtsextremismus,
  4. Ätiologie rechter Gewalt,
  5. Gewaltphänomenologie als mikroskopische Beschreibung,
  6. Rechte Gewalt im Lichte des sozialen Interaktionismus und
  7. Spezifika der rechts motivierten Gewaltkriminalität.

Inhalt

Der Text stellt einmal zum Thema rechte Gewalt in Deutschland wichtige empirische Studien, Forschungsansätze und Erklärungen vor, wie sie seit den 1980er Jahren entstanden sind. Zum anderen zeigt er, welche Ansätze aus Sicht des Autors tragfähig sind und deshalb weiterverfolgt bzw. intensiviert werden sollten und welche zur Erklärung rechter Gewalt weniger beitragen können. Die Hauptthese besagt, dass Erklärungen, die ausschließlich auf der Mikroebene individuumsbezogener Faktoren ansetzen und Ansätze, die im wesentlichen sozialstrukturelle und gesellschaftstheoretische Ursachen hervorheben, zu kurz greifen. Ihnen werden Konzepte gegenübergestellt, die Aspekte der Mikro- und Makroebene nur insoweit berücksichtigen, wie sie zur Konstitution von rechtsextremen Szenen und Milieus beitragen bzw. deren Aktivitäten beeinflussen. Dieser mittleren Untersuchungsebene („Mesoebene“) komme bei der Erklärung von rechten Gewalttaten die entscheidende Bedeutung zu.

Empirisch bezieht sich der Text v.a. auf die Studien der Bielefelder Forschungsgruppe um Wilhelm Heitmeyer, auf Arbeiten der Trierer Gruppe um Roland Eckert und Helmut Willems, auf die Forschungsgruppe von Klaus Wahl und auf Arbeiten im Umfeld von Wolfgang Frindte sowie etliche Einzelarbeiten (etwa: 7, 15, 18, 36 f.). Gleichwohl wird nicht deutlich, auf welche Studien im Einzelnen die Befunde zurückgehen, dass „der Großteil rechter Gewalttaten aus Gruppen heraus erfolgt“ (18, 19, 22, 34) oder „die rechten Gewalttäter vor allem unteren, weniger gebildeten Schichten entstammen“ (24).

Die quantitativen Angaben zu rechter Gewalt der Jahre 2006 bis 2015 stammen von „Statista“ (2 f.); dabei handelt es sich um ein privatwirtschaftliches Unternehmen; Informationen über dessen Datengrundlagen sind allerdings nur kostenpflichtig zu erhalten.

Positiv bezieht sich der Autor auf Forschungsbefunde, die sich auf die ideologische Verankerung von Gewalt im Rechtsextremismus stützen und auf eine Reihe von deskriptiven Kategorien. Ideologisch betrachtet, stellt Gewalt ein zentrales Element rechtsextremer Weltanschauungen dar; die Ausübung physischer Gewalt im Kampf wird als natürliches Prinzip des Lebens verstanden. Als Prinzip und Methode wird Gewalt im rechtsextremen Denken zur Norm legitimer Politik erhöht (5 f.). Bei der Beschreibung von Ausprägungen rechter Gewalt teilt der Text die Konstruktion von zwei Idealtypen rechter Gewalt und deren vielfältigen Misch- und Übergangsformen in der Realität (33-35): Neben dem Typ des habitualisierten Gewalthandelns, das über rechtsextreme Ideologiefragmente legitimiert und teilweise gesteuert wird, ist der Gegentyp des rationalen Handelns identifizierbar, bei dem eine rechtsradikale Programmatik mittels Gewalteinsatz verwirklicht werden soll. Zeitweise wurde der rationale Typ von Gewaltausübung in der Forschung vernachlässigt.

Die für unangemessen gehaltenen Erklärungen rechter Gewalt werden zusammengefasst als „Ätiologie der Gewalt“. Hier werden in erster Linie der Desintegrationsansatz bzw. das Konzept der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ (GMF) (Forschungsgruppe Heitmeyer) sowie der Deprivationsansatz (Forschungsgruppe Eckert/ Willems) kritisiert (11, 15, 17 f.). Deren soziologische Befunde seien zu allgemein, um spezifisch rechte Gewalt erklären zu können und würden von empirischen Daten nicht gestützt (22 f.).

Hervorgehoben wird die Bedeutung der Meso-Ebene, der „radikale Milieus und Subkulturen als Resonanzräume“ zugeordnet werden (18-24). Hier wird mit Klaus Schroeder argumentiert, dass gewaltaffine Subkulturen „‚keine vorgefertigte Ideologie, sondern eine Problemdefinition‘“ vermitteln und „‚einen bestimmten Rahmen für das jeweilige Thema‘“ vermitteln (19). Eine zentrale Rolle spielen Interpretationsrahmen („frames“). „In ideologisierten (…) Gemeinschaften fungieren Problemdefinitionen zugleich als Deutungsmuster, die praxisorientierte Implikationen (Verhaltens-Scripts) enthalten und die soziale Informationsverarbeitung sowie Handlungskontrolle an der Schnittstelle von dispositionellen zu situativen Faktoren beeinflussen.“ (19)

Mit den Konzepten der „Monoperzeptose“ (Wolfgang de Boor) oder „Deutegemeinschaft“ (Wolfgang Frindte) und deren weltanschaulichem Deutungsmonopol werden die wichtige Rolle der Mobilisierungskräfte auf der Mesoebene erfasst (21).

Die ertragreichen Konzepte werden als Ansätze der „Gewaltphänomenologie“ und „sozialer Interaktionismus“ benannt (7, 25 ff., 29 ff.). Mit dem Abschnitt „Gewaltphänomenologie“ wird der von Trutz von Trotha et al. in den 1990er Jahren formulierte Ansatz empfohlen. Seinerzeit wurde gegen einen vermeintlichen „‚Ursachen-Reduktionismus‘“ geltend gemacht, dass die Gewaltforschung sich auf die Situation der Gewaltpraxis selbst und deren innere Prozesshaftigkeit zu konzentrieren habe. Hier schließt sich der Autor dem Votum von Roland Eckert an, die Praxis von Gewalttätigkeiten nicht lediglich als abhängige, sondern auch als unabhängige Variable zu behandeln (26 f.), sie also nicht allein als Resultante von Ursachenfaktoren, sondern eben auch als eigenständige Verursachungsgröße zu konzipieren.

Plädiert wird für die Berücksichtigung von Interaktions- und Eskalationsdynamiken, die insbesondere auch für Konfrontationsgewalt ertragreich seien (29). Auch die Einbeziehung der Aktivitäten anderer politischer Akteure wie der politischen Kultur verspreche Erklärungskraft für rechte Gewalt. Von den Untersuchungen „Analysen zum Terrorismus“, die vor dem Hintergrund des linken Terrorismus der 1970er Jahre entstanden sind, sei diesbezüglich einiges zu lernen (30). Betont werden die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Ursachendimensionen. Beispielhaft hatte dies Gerhard Schmidtchen 1983 für den biographischen Aspekt formuliert: „‚Biographische Belastungen sind wie Sprengstoff: er bleibt ruhig, solange es keinen Zünder ist, der betätigt wird. Die Zündung der biographischen Belastungen geschieht durch Ideologisierung und durch feindselige Beschreibung der Institutionen durch Delegitimierung des Staates‘.“ (30)

Diskussion

Zwei Aspekte seien kritisch angemerkt. Einmal betrifft dies das Konzept rechter Gewalt und zweitens die Wandelbarkeit des Phänomens rechter Gewalt im Zeitverlauf.

Nicht zuletzt die synonyme Verwendung der Begriffe „rechte Gewalt“, „rechts motivierte Gewaltkriminalität“ und „rechtsextreme Gewalt“ verdeutlicht, dass die Darstellung de facto dem seit 2001 geltenden polizeilichen Definitions- und Erfassungssystem politischer Kriminalität folgt (1, 33). Allerdings werden die Konsistenz dieser Definition und die Frage ihrer Operationalisierbarkeit nicht ausdrücklich zum Thema gemacht. Ausgeklammert werden damit die Befassung mit Konzepten rechter Gewalt und in der Folge auch die Praktiken der Klassifikation von Gewaltdelikten als politisch rechte Gewaltdelikte. Solche Klassifikationen werden von verschiedenen Akteuren vorgenommen. An erster Stelle ist hier die Polizei zu nennen, die einen eigenen Meldedienst zur Erfassung politischer Kriminalität institutionalisiert hat, den „Kriminalpolizeilichen Meldedienst – Politisch motivierte Kriminalität“ (KPMD-PMK) (1). Ein zweiter Klassifikationsakteur sind die Sozialwissenschaften, die teilweise den polizeilichen Klassifikationen folgen, teils aber auch davon abweichende Konzepte rechter Gewalt verwenden. Schließlich operieren auch zivilgesellschaftliche Organisationen und Journalisten mit eigenen Begriffen rechter Gewalt. Die Journalisten Frank Jansen und Heike Kleffner haben im September 2000 mit der Veröffentlichung einer Zusammenstellung von Todesopfern rechter Gewalt darauf aufmerksam gemacht, dass die polizeiliche Definition und Erfassung nur eine Perspektive neben anderen darstellt.

Eine solche Zuordnung verschiedener Konzepte rechter Gewalt zu der Praxis verschiedener Beobachter ist der Schlüssel zu einem systematischen Problem. Oft sei die Rede davon, „dass rechte Gewalt in den meisten Fällen nicht rechtsextremistisch sei, d.h. keinen ideologischen-politischen Hintergrund aufweise“ (21). Dieses vermeintliche Paradox lässt sich auflösen, wenn man die zweifache Verwendung der Kategorie „rechte Gewalt“ reflektiert: „Rechte Gewalt“ wird einmal als eine Kategorie des Kriminalitätsmonitorings verwendet. Auf dieser Ebene hat die Kategorie die Funktion, den entsprechend klassifizierten Delikten den Status politischer Kriminalität zuzusprechen und sie darüber hinaus dem politisch rechten Spektrum zuzuordnen. Delikte der politischen Kriminalität werden von den Fällen allgemeiner (oder nichtpolitischer) Kriminalität unterschieden, weil man ihnen hinsichtlich der politisch-rechtlichen Ordnung oder einer friedlich verfassten pluralen Gesellschaft eine besondere Gefährdungsqualität zuschreibt. „Rechte Gewalt“ wird auch als Erklärungskategorie genutzt. Damit wird in einem kausalgenetischen Sinn das Zustandekommen von konkreten Gewaltdelikten zentral über politische Faktoren erklärt. Dies können die individuelle ideologisch-weltanschauliche oder politische Motivation der Täter sein oder die Zugehörigkeit zu gewaltaffinen Gruppen, in denen rechtsradikale Standards von Haltungen und Handlungen gelten und aus denen heraus die untersuchten Tat begangen wurden. Diese Unterscheidung eröffnet die Möglichkeit, die Praxis von monitoringlogischen Klassifikationen in relativer Unabhängigkeit von kausalgenetischen Erklärungen zu untersuchen.

Probleme entstehen, sobald diese beiden Ebenen nicht hinreichend unterschieden werden. Deutlich wird dies auch an dem Abschnitt „Jugendkonflikte oder Hassverbrechen?“ (37-39). Hier wird eine Kontroverse vorgestellt zwischen solchen Positionen, die rechte Gewalt mindestens zum Teil als ideologieferne jugendtypische Phänomene innerhalb von Jugendszenen bewerten und jenen, die rechte Gewalt als „Hassverbrechen“ mit ideologischem Hintergrund (Hate Crime) bewerten. Vor dem Hintergrund der differenten Kontexte der Kategorie rechter Gewalt handelt es sich wohl um eine Scheinkontroverse. Sehr wohl ist ja vorstellbar, dass das Zustandekommen von konkreten Gewalttätigkeiten jugendtypischen Vorstellungs- und Verhaltensweisen folgt und dass die gleichen Gewaltdelikte unter dem Monitoring-Aspekt der Unterscheidung von nichtpolitischer und politischer Gewaltkriminalität der politisch rechten Kriminalität zugerechnet werden können.

Zu wenig berücksichtigt die Darstellung überdies die Möglichkeit, dass sich die kategorial als rechte Gewalt zusammengefassten Fälle im Zeitverlauf hinsichtlich zentraler Merkmale ändern: Die zitierten empirischen Studien sind teilweise vor 25 Jahren entstanden. Inwieweit deren Ergebnisse heute noch aktuell sind, müsste eigens überprüft werden. Die Informationen über die Urheber von Attacken auf Flüchtlingsunterkünfte seit 2015 lassen die zitierten „Profile rechter Gewalttäter“ (36 f.) ergänzungsbedürftig erscheinen. Nun hat man es auch mit Tätern deutlich jenseits des Jugendalters zu tun, die zuvor polizeilich nicht auffällig gewesen waren.

Fazit

Das schmale Bändchen gibt in unvermeidbar abstrakter Dichte einen Überblick über wichtige Ansätze der Erforschung rechter Gewalt. Darüber hinaus werden Desiderate der neueren Forschung identifiziert und wertvolle Hinweise auf teils ältere Forschungen zu strukturanalogen Fragen gegeben. Besondere Beachtung wird dabei zu Recht der Mesoebene von Milieus und Szenen beigemessen. Zugrunde gelegt wird das polizeiliche Konzept politisch rechter Gewalt, ohne diese Perspektive und mögliche Alternativen selbst zu thematisieren.


Rezensent
Dr. Michael Kohlstruck
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin/zentrum_fuer_antisemitismusforschung/menue/ueber_uns/arbeitsstelle_jugendgewalt_und_rechtsextremismus/
Homepage www.tu-berlin.de/fakultaet_i/zentrum_fuer_antisemit ...
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Zitiervorschlag
Michael Kohlstruck. Rezension vom 29.12.2017 zu: Michail Logvinov: Rechtsextreme Gewalt. Erklärungsansätze - Befunde - Kritik. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-17150-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23298.php, Datum des Zugriffs 16.07.2018.


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