socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Eveline Reisenauer: Transnationale persönliche Beziehungen in der Migration

Cover Eveline Reisenauer: Transnationale persönliche Beziehungen in der Migration. Soziale Nähe bei physischer Distanz. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 212 Seiten. ISBN 978-3-658-14490-6. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch stellt die Dissertation Eveline Reisenauers mit dem Titel „Transnationale persönliche Beziehungen in der Migration“ zur Erlangung des Doktorgrades (Dr. phil.) dar. Das Werk wurde an der Universität Bielefeld 2014 vorgelegt. Beim vorliegenden Buch handelt es sich um eine überarbeitete und gekürzte Fassung der Dissertation.

Thema

Migration und daraus folgend die Gestaltung persönlicher Beziehungen über nationale Grenzen hinaus beeinflusst auch Familienformen. Dabei zeigt Eveline Reisenauer in ihrer Untersuchung deutsch-türkischer Migrantinnen und Migranten, dass räumliche Distanz nicht zwangsläufig auch soziale Distanz bedeutet. Auch über die Zeit lässt sich nicht beobachten, dass sich soziale Distanz aufgrund räumlich-geographischer Distanz entwickelt. Und auch das Gegenteil ist wahr: soziale Nähe entsteht und bleibt bestehen unabhängig davon, ob auch räumlich-geographische Nähe gegeben ist.

Aufbau und Inhalt

Das ausführliche Inhaltsverzeichnis findet sich bei der Deutschen Nationalbibliothek.

Eveline Reisenauer hat in ihrem Buch über transnationale persönliche Beziehungen in der Migration und soziale Nähe bei physischer Distanz mit fast 90 Personen Interviews geführt, welche – zeitweise oder dauerhaft – von der Türkei nach Deutschland migriert sind oder als Kinder türkeistämmiger Eltern in Deutschland geboren wurden. Dabei hat sich neben den oben beschriebenen vielfältigen Mustern von sozialer respektive persönlicher Nähe oder Distanz auch gezeigt, dass das transnationale Zusammenleben unterschiedlich gestaltet wird.

Dazu hat die Autorin verschiedene Figurationen kreiert, welche sehr anschaulich unterschiedliche Lebenseinstellungen spiegeln. Bedauerlicherweise wählt sie dafür männliche Formulierungen, was meines Erachtens die Realität der weiblichen Befragten nicht einschliesst. Deshalb hier der Versuch von genderneutralen Formulierungen. Es bilden sich in der transnationalen Migration heraus:

  • geographische Pluralistinnen und Pluralisten sowie
  • temporär Anwesende und
  • präsente Abwesende.

Die Figurationen oder Typologien zeigen auf, dass es unabhängig von physischer Präsenz darum geht, emotionale und soziale Bezüge zu sozial nahestehenden Personen zu bilden und aufrechtzuerhalten.

Sehr anschaulich beschrieben sind die emotional stark aufgeladenen Prozesse der transnationalen Familienbeziehungen. Da ist die Sehnsucht nach den weit entfernt lebenden Verwandten – weit entfernt im doppelten Sinn: weil sie sich in der Türkei und nicht auch in Deutschland aufhalten, aber auch, weil sie sich in ganz anderen Lebenszusammenhängen und sozialen Positionierungen befinden als die befragten Personen in Deutschland. Da sind dann in der Ferienzeit, wenn Familienmitglieder aus allen möglichen Ländern anfliegen und von den lokalen „Gastgebern“ abgeholt werden, die Wiedersehensfreude, aber auch eine Art Leben in einem liminalen Zustand, wo Grossfamilien sich während einigen Tagen oder Wochen intensiv austauschen und Tag und Nacht miteinander verbringen: „ (…), wenn alle Familien zusammenkommen. Da wird dann alles, zusammen gegessen, zusammen gegrillt, gefeiert und bis spät in der Nacht unterhalten, weil man trifft sich ja dann unten.“ (S. 147)

Dieser freudigen, intensiven gemeinsamen Feier des Lebens steht in der übrigen Zeit der physischen Trennung eine Vermeidung der Äusserung von negativen Gefühlen gegenüber. Während der telefonischen Kontakte über das Jahr versuchen viele, ihre negativen Gefühle und Befindlichkeiten nicht zu äussern, um die entfernt lebenden Verwandten nicht zu beunruhigen. Interessant ist auch zu sehen, wie die Einwanderergeneration und die nachfolgende sich in ihren Gefühlen gegenüber ihrer transnationalen Familiensituation unterscheiden: während die erste Generation gefühlsmässig stark auf die Türkei und die dort verbliebenen Familienmitglieder zentriert ist, sind die heftigen Gefühle der Freude bei der Ankunft in der Türkei und jene ebenso heftigen der Trauer vor der Abreise für die in Deutschland Geborenen oder als Kleinkinder Eingewanderten eher befremdlich. Sie leiden dafür eher unter dem Stress des Ungenügens, wenn sie sich beispielsweise weniger direkt um die alte Mutter kümmern können, welche wieder in die Türkei zurückgekehrt ist und dort von in der Türkei lebenden Verwandten betreut wird. Dies wiederum ist eine Situation, welche nicht nur für den transnationalen Kontext spezifisch ist, sondern vielmehr in vielen Familien vielfältigen Konfliktstoff bergen. Hier zeigt sich einmal mehr, dass die transnationale Familie nicht per se anders funktioniert als Familie schlechthin. Aber die transnationale Situation wirft ein Schlaglicht auf die Vielfalt von Nähe und Distanz, von Ermöglichung und Einschränkung sowie der konkreten Ausgestaltung familialer Beziehungen.

Diskussion

Das vorliegende Buch überzeugt weniger durch ganz neue oder erstaunliche Erkenntnisse als durch anschaulich und gut nachvollziehbar beschriebene Prozesse des transnationalen Familienlebens. Eindrücklich beschreibt die Autorin Eveline Reisenauer verschiedene Formationen transnationaler persönlicher Beziehungen. Dabei zeigt sich klar, dass räumliche und soziale Nähe resp. Distanz nicht kongruent sein müssen.

Eigentlich selbstverständlich, dass ein Buch über persönliche soziale Beziehungen sowohl für Familien mit als auch für Familien ohne Migrationsgeschichte interessante Erkenntnisse zutage fördert. Der Hinweis der Autorin in der Danksagung, dass sie auch durch das Erzählen von Erlebnissen in der eigenen (Nicht-Migrations-)Familie Erkenntnisse über transnationale persönliche Beziehungen in der Migration vertiefen konnte respektive sie besser einordnen konnte, mag ein Hinweis darauf sein, dass dies doch (noch) nicht der Fall ist.

Das Buch ist sehr gut lesbar und ansprechend zu lesen. Bedauerlich sind einige Flüchtigkeitsfehler bei Satzstellung und -konstruktion, wie beispielsweise auf den Seiten 10 und 11 gleich zwei Mal.

Fazit

Ein für Studierende der Soziologie oder anderer Sozialwissenschaften sehr gut geeignetes Buch zur Einführung in Beziehungs- und Familiensoziologie und für die Diskussion von Fragestellungen zu transnationalen Migrationsprozessen.


Rezensentin
Simone Gretler Heusser
Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch/de-ch/hochschule-luzern/ueber-uns/perso ...
E-Mail Mailformular


Alle 33 Rezensionen von Simone Gretler Heusser anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Simone Gretler Heusser. Rezension vom 19.02.2018 zu: Eveline Reisenauer: Transnationale persönliche Beziehungen in der Migration. Soziale Nähe bei physischer Distanz. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-14490-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23301.php, Datum des Zugriffs 18.06.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!