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Heinrich Geiselberger (Hrsg.): Die große Regression

Cover Heinrich Geiselberger (Hrsg.): Die große Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2017. 318 Seiten. ISBN 978-3-518-07291-2. D: 14,00 EUR, A: 14,40 EUR, CH: 20,90 sFr.
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Thema

16 AutorInnen aus neun westlichen Ländern stoßen eine Debatte an über die geistige Situation der Zeit – angesichts von Rechtspopulismus, der Verrohung der politischen Kultur, des Aufstiegs autoritärer Demagogen – mit dem Ziel, Gegenstrategien zu entwickeln.

Herausgeber und Autoren

  • Heinrich Geiselberger ist 1977 in Waiblingen geboren und arbeitet seit 2006 als Lektor beim Suhrkamp Verlag.
  • Arjun Appadurai, geboren 1949 in Mumbai, ist Professor of Media, Culture and Communication an der New York University und z.Zt. Gastprofessor für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität Berlin. 2015 publizierte er ‚Banking on Words: The Failure of Language in the Age of Derivative Finance‘.
  • Zygmunt Baumann, geboren 1925 in Posen und 2017 in Leeds gestorben, lehrte zuletzt an der University of Leeds. Theodor-Adorno-Preis 1998, Prinz-von-Asturien-Preis 2013. ‚Die Angst vor den anderen. Ein Essay über Migration und Panikmache‘ 2016.
  • Donatella della Porta, geboren 1956 in Catania, ist Professorin für Politikwissenschaft und Direktorin des Centre of Social Movement Studies an der Scuola Normale Superiore in Florenz. ‚Social Movements in Times of Austerity: Bringing Capialism Back into the Protest Analysis‘ 2015.
  • Nancy Fraser, geb. 1947 in Baltimore, ist Professor of Political and Social Science und Professorin für Philosophie an der New School in New York und publizierte 2013 ‚Fortunes of Feminism: From State-Managed Capitalism to Neoliberal Crisis‘.
  • Eva Illouz, geboren 1961 in Fèz, ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem und an der EHESS in Paris. In edition suhrkamp 2015 ‚Israel. Soziologische Essays‘.
  • Ivan Krastev, geboren 1965 in Lukovit, ist Vorsitzender des Centre for Liberal Strategies in Sofia und Permant Fellow am Institut für Wissenschaften vom Menschen in Wien. ‚Europadämmerung‘ 2017.
  • Bruno Latour, geboren 1947 in Beaune, ist Professor am Institut d´études politiques de Paris, 2013 Holbergpreisträger. ‚Cogitamus‘ 2016.
  • Paul Mason, geboren 1960 in Leigh, Autor und Fernsehjournalist, ‚Postkapitalismus. Grundrisse einer neuen Ökonomie‘ 2016.
  • Pankaj Mishra, geboren 1969 in Jhansi, Essayist, Literaturkritiker und Schriftsteller, 2014 Leipziger Buchpreis, 2017 ‚Das Zeitalter des Zorns. Eine kurze Geschichte der Gegenwart von Rousseau bis zum IS‘.
  • Robert Misik, geboren 1966 in Wien, Journalist und politischer Schriftsteller, ‚Kapputtalismus. Wird der Kapitalismus sterben, und wenn ja, würde uns das glücklich machen?‘ 2016.
  • Oliver Nachtwey, geboren 1975 in Unna, Soziologe an der Technischen Universität Darmstadt, ‚Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne‘ 2016.
  • César Rendueles, geboren 1975 in Girona, lehrt Soziologie an der Universidad Complutense de Madrid, ‚Soziophobie. Politischer Wandel im Zeitalter der digitalen Utopie‘ 2015.
  • Wolfgang Streeck, geboren 1946 in Lengerich, Soziologe, Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln, ‚Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus‘ 2015.
  • David Van Reybrouck, geboren 1971 in Brügge, Schriftsteller, Dramatiker, Journalist, Archäologe und Historiker ‚Kongo. Eine Geschichte‘ 2012, ‚Gegen Wahlen. Warum Abstimmen nicht demokratisch ist‘ 2016, ‚Zink‘ 2017.
  • Slavoj Zizek, geboren 1949 in Ljubljana, lehrt an der European Graduate School, am Birkbeck College der University of London und am Institut für Soziologie der Universität Ljubljana, ‚Absoluter Gegenstoß. Versuch einer Neubegründung des dialektischen Materialismus‘ 2016.

Entstehungshintergrund

Nach den Anschlägen im Spätherbst 2015 und hunderttausenden Flüchtlingen ist ein Aufstieg nationalistischer und antiliberaler Parteien zu beobachten und eine Verrohung des öffentlichen Diskurses. Die Autoren untersuchen die Ursachen dieser ‚Regression‘ und diskutieren Gegenstrategien.

Inhalt

Geiselberger: Vorwort. (9 Seiten)

Politische Reaktionen auf Terroranschläge und Migrationsbewegungen bestünden aus einer postdemokratischen symbolischen ‚Versicherheitlichung‘ (securitization) und einer Unfähigkeit, langfristige Strategien zu entwickeln. Symptome des Rückfalls und eine Verrohung des öffentlichen Diskurses werden in diesem Buch unter dem Begriff der ‚großen Regression‘ analysiert, eines Rückfalls in Autoritarismus (Dahrendorf 1998), Repressionspolitik und Rechtspopulismus. Eine zweite große Transformation (Polanyi 1944) sei notwendig durch eine Einbettung der entfesselten Ökonomie auf globaler Ebene. Globalisierungs- und/oder Neoliberalismusrisiken erzwingen eine transnationale Öffentlichkeit für die drängenden Fragen: Wie kann man die Regression stoppen? Wie sind wir in die Situation hineingeraten und wie kommen wir – gemeinsam – wieder heraus? Einem internationalen Problem entsprechend erscheint dieses Buch in mehreren Ländern.

Appadurai: Demokratiemüdigkeit. (19 S.)

Appadurai sucht nach einer Erklärung für den Rechtsruck. Deren Anführer pflegten einen fremdenfeindlichen, patriarchalen und autoritären Stil, während die Anhänger eher ängstlich, wütend und empört seien. Mit der Krise der Nationalstaaten (ökonomischer Kontrollverlust) wachse der von den Führern geschürte kulturelle Ethnonationalismus oder-rassismus, der Wunsch nach Rückkehr zu ursprünglichen Werten (Putin, Erdogan, Modi, Trump). Trotz partieller Überschneidungen hätten die Anhänger eigene Überzeugungs-, Gefühls- und Motivationswelten, vereint durch einen Überdruss an der Demokratie (Hirschmann 1970). Internet und soziale Medien, der Verlust an ökonomischer Souveränität und die globale Verbreitung vom Anspruch auf Menschenrechte beförderten Angst, Unsicherheit und Misstrauen in demokratische Lösungen. Hass auf der einen, Müdigkeit auf der anderen Seite führten zu einer, vermeintlich hilfreichen, Ausschließungspolitik. Der Brexit habe die Debatte um das Wesen und die Bedeutung Europas angefacht: Demokratie, Rationalität, Humanismus, Säkularismus, Universalismus und Kosmopolitismus. Aktuell sei die Kritik an der Migrationspolitik, dem Verlust von wirtschaftlicher Souveränität und der Wunsch nach den Vorteilen der Globalisierung ohne die Lasten der liberalen Demokratie. Abschotten und Reichtum Horten seien, da dieser von der Weltwirtschaft abhängig ist, keine Lösungen. Werde es Deutschland gelingen, die demokratischen Kräfte zu stärken, ohne in die Rolle des Hegemons zu geraten? Das könne nur gelingen, wenn sich europaweit Verbündete für einen ökonomischen und politischen Liberalismus gewinnen ließen.

Baumann: Symptome auf der Suche nach ihrem Namen und Ursprung. Übersetzt auf dem Englischen. (20 Seiten)

Die Zivilisation habe nicht nur mit Naturkatastrophen gleichgezogen, sondern diese übertroffen in puncto Unerwartet- und Unbeherrschbarkeit. Fortschritt erscheine als eine Mischung aus Segen und Fluch, die Zukunft wecke Ängste und Befürchtungen, marginalisiert und ausgeschlossen zu werden. Selbst die Kontrolle über das eigene Leben entgleite einem. Emigration, Immigration und Migration hätten unaufhaltsame Auswirkungen (Eco 1997). Immigration lasse sich noch kontrollieren, Migration nicht mehr. Wann schlage Quantität in Qualität um? Anstelle von Multikulturalismus solle eher von Diasporisierung gesprochen werden, einem steten Wechselspiel von Interaktion und Reibung vor allem in den Großstädten. Eco habe von einem diffus vorhandenen Bodensatz an Intoleranz, einem Gefühl von Unterschieden bei bereits bestehenden ‚kriegerischen‘ Grenzen (Barth) als einem elementaren Trieb (die Furcht vor dem Unbekannten) gesprochen, der von Fundamentalisten und Rassisten ausgenutzt werde.

Hinzukomme der Widerspruch zwischen kosmopolitischen Verpflichtungen und Mangel an kosmopolitischem Bewusstsein und Haltung (Ulrich Beck). Verpflichtungen wüchsen aus der Globalisierung und einer Haltung, die den Unterschied zwischen ‚wir‘ und ‚sie‘ (die anderen) infrage stelle und Integration fordere. Eine verzweifelte Suche nach dem ‚anderen‘ zur Stärkung der eigenen Identität verschärfe die zunehmende globale Unordnung, von der räumlich ungebundene Kapitalgeber, Investmentfonds und Händler profitierten, während die wachsende Mehrheit auf der Verliererseite sei. Die Ängste würden politisch und durch die Medien geschürt, Misstrauen und Argwohn wachse und das Interesse an gemeinsamem solidarischem Handeln schwinde. Übernationale Verpflichtungen, Macht und Aufgaben würden aufgegeben zu Gunsten ‚größerer Nachbarschaften‘ (Kleinstaaten), reduziert auf bewehrte, poröse Grenzen. Ein Verständigungsversuch zwischen ‚wir‘ und den ‚anderen‘ widerspreche dann der Vernunft, mache einen Dialog obsolet und markiere mit der apriorischen Verweigerung eines Dialogs eine Grenze/Mauer von Feindseligkeit.

Dialog heiße aber Begegnung (Papst Franziskus 2016) und sei eine Aufgabe der Erziehung. Er eröffne Chanen für Lösungen. Das brauche Zeit, einen kühlen Kopf und Mut, vor allem aber Geduld.

Della Porta: Progressive und regressive Politik im späten Neoliberalismus. Übersetzt aus dem Englischen. (20 Seiten)

Erste Anzeichen für reaktionäre Bewegungen gab es bereits vor fünfzehn Jahren in Österreich (Haider) und Frankreich (Le Pen). Der linke Protest hat sich verlagert weg von den Arbeitern und hin zur neuen Mittelschicht. Die Global Justice Movement wird jedoch von den Verlierern eines ungezügelten Neoliberalismus getragen und führt zum Erstarken einer populistischen Rechten und einer Spaltung in Gewinner und Verlierer. Krisen haben häufig linke und rechte Bewegungen hervorgerufen. Nach Polanyi (1978) entsteht im Kapitalismus zunächst ein ‚Vermarktlichungsschub‘ und dann eine Gegenbewegung für eine soziale Sicherung; er warnte vor einer Kommodifizierung von Arbeit, Boden und Geld und einer regressiv defensiven und rückwärtsgewandten Entwicklung.

Nach einem Ausbau der sozialen Sicherungssysteme folgte ein Trend, diese Systeme zu beschneiden und als Gegenbewegung der progressive Versuch eines kosmopolitischen oder regressiv reaktionären Ansatzes. Der Protestwelle gegen einen ungezügelten Neoliberalismus folgte ein Fokus auf den nationalen Kontext und traditionelle Werte.

Die Demonstranten kommen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen: Im ‚Arabischen Frühling‘ meist gut ausgebildete junge Leute, aber auch Rentner, Arbeiter und Angestellte des öffentlichen Dienstes, eine Bürgerbewegung gegen die Ungerechtigkeit des Systems vereint in dem Wunsch nach einer solidarischen globalen Lösung für globale Probleme und Kritik an der Verschränkung von wirtschaftlicher und politischer Macht. Das Vertrauen in die bestehenden repräsentativen Organisationen schwand zugunsten der Idee einer unmittelbar von den Bürgern getragenen Demokratie (Occupy-Proteste). Regressiv entwickelten sich Fremdenfeindlichkeit statt Weltoffenheit, der Wunsch nach dominierenden Führerpersönlichkeiten, Mobilisierung von oben nach unten bei einer zutiefst fragmentierten Anhängerschaft, die sich bei Mitte-links-Parteien nicht mehr aufgehoben fühlte. Der Protest gegen den Neoliberalismus kann somit unterschiedliche Formen annehmen. Progressive Aktivisten und Wähler mit festen normativen Überzeugungen und einem hohen Diskursniveau lassen sich mit allgemeinen Aufrufen wenig überzeugen. Auch wenn radikale linke Parteien Entscheidungspositionen erreicht haben (Bolivien, Griechenland), begegnet ihnen inner- und außerhalb ihres Landes ein enormer Widerstand, der den notwendigen Raum für ‚Learning by Doing‘ einengt.

Fraser: Vom Regen des progressiven Neoliberalismus in die Traufe des reaktionären Populismus. Übersetzt aus dem Englischen. (15 Seiten)

Die Wahl Trumps – wie auch der Brexit und Bernie Sanders – kündigt das Ende der Hegemonie des Neoliberalismus, der konzerngetriebenen Globalisierung an, dem ‚Giftcocktail‘ von Sparpolitik, Freihandel, Schuldknechtschaft und prekarisierten Arbeitsplätzen. Gegenwehr gegen Klimawandel, Abbau sozialer Netze und die ‚Beinahe-Kernschmelze der Finanzmärkte‘ 2007/8 breitet sich aus, in USA vor allem gegen einen progressiven Neoliberalismus (Feminismus, Antirassismus, Multikulturalismus) mit der Gallionsfigur Bill Clinton, der aber gleichzeitig die amerikanische Wirtschaft an Goldman Sachs auslieferte, das Finanzwesen deregulierte und Freihandelsabkommen abschloss mit der Folge des Niedergangs alter Industrien und einer Verschlechterung der Lebensverhältnisse aller Arbeitnehmer (Niedergang der Reallöhne, Schwächung der Gewerkschaften, Prekarisierung von Arbeit und abnehmendem Alleinverdiener-Einkommen). Ein liberal-individualistisches Fortschrittsverständnis dominierte über eine Kapitalismuskritik. Die Transformationen des globalen Finanzwesens, ursprünglich eine Verbindung von Kommerzialisierung und sozialer Sicherung, löste sich auf, indem sich Vertreter der Emanzipationsbewegungen mit dem Finanzkapitalismus verbündeten. Verlierer waren Industriearbeiter, Angestellte, kleine Selbständige und alle, die von der alten Industrie abhängig waren und sich zudem noch einem progressiven Moralismus ausgesetzt sahen. Es fehlte in USA eine echte linke Alternative. Sanders kündigte die neoliberale Übereinkunft auf, prangerte die Umverteilung an, plädierte für einen ‚demokratischen Sozialismus‘, wurde jedoch von der demokratischen Partei nicht unterstützt. So blieb nur die Wahl zwischen progressivem Neoliberalismus und reaktionärem Populismus. Hilary Clinton unterschätzte Trump und ließ wichtige Themen (soziale Kosten neoliberaler freier Märkte, Finanzexzesse, Ungleichverteilung) fallen; sie blendete die Themen aus, denen Trump seine Zustimmung verdankte. Reaktionärer Populismus ist aber kein Faschismus, und ökonomischer Liberalismus und Faschismus sind nicht grundverschieden, da beide Produkte eines unregulierten Kapitalismus sind. Fraser bedauert die Abwesenheit einer ‚echten Linken‘, die Schmerz und Zorn der Enteigneten auf eine demokratische Umstrukturierung der Politik lenkt. Diese müsse sich sowohl dem progressiven Neoliberalismus als auch dem reaktionären Populismus verweigern. Trump sei nur ein Interregnum zu einer Linken, die die Wähler Trumps weder verketzert noch sich selbst von jeder Schuld an der Entwicklung freispricht und die die Nöte von Frauen und Farbigen mit denen der Mehrzahl der Trump-Wähler vereinigt.

Illouz: Vom Paradox der Befreiung zum Niedergang der liberalen Eliten. Aus dem Englischen übersetzt. (24 Seiten)

Ist Fundamentalismus nur ein Wesensmerkmal der ‚Anderen‘? Auch in westlich orientierten Demokratien nährt er sich von Religion und Tradition. Illouz reflektiert die innere Radikalisierung in Israel. Der Umschwung von einem liberalen zu einem populistischen Land wird auf das Scheitern des Oslo-Prozesses, des Wye-Abkommens und von Camp David II zurückgeführt. Walzer habe in seinem Buch ‚The Paradox of Liberation‘ die innere Radikalisierung in Algerien, Israel und Indien untersucht, bei denen zwanzig bis dreißig Jahre nach der Unabhängigkeit eine militante religiöse Bewegung entstanden sei. Nachdem die Religion in Israel zunächst fast eliminiert worden sei, sei sie dann mit ‚rächender Gewalt‘ zurückgekehrt. Der zionistische Nationalismus sei eine Folge eines Modernisierungsprozesses gewesen, in dem auch der religiöse Judaismus seinen Platz hatte. Die Staatsbürgershaft wurde ethnisch und abstammungsbasiert von Rabbinern definiert. Die offizielle Hochkultur enthielt keine Sprache von universellen Menschenrechten und Staatsbürgerschaft; Staat und Religion vermischten sich. Als 1948 nahöstliche und nordafrikanische Juden ins Land strömten, wurden sie von den urbanen Zentren weitgehend ausgeschlossen, was ihre kulturelle Integration verzögerte. Diese Gruppe der ‚Mizrachim‘ übte gering qualifizierte Tätigkeiten aus und galt als ‚primitiv‘ und ‚kulturell rückständig‘, obgleich ihre Religion moderner war als die der Ashkenasen. Da die Linkspartei sich mehr um die eigenen Leute kümmerte, kehrten ihr die Mizrachim den Rücken und wählten identitär, ethnisch und rassisch im Schulterschluss mit den Ashkenasen. Es kam zum Bündnis gegen Linke, Säkulare und Liberale, obgleich die Ungleichheit wuchs. Der fundamentalistischen Schas-Partei gelang es, die Arbeiterschaft zu organisieren und gleichzeitig ein regressiv-fundamentalistisches Programm – die Betonung des Jüdischen – zu unterstützen mit Folgen für die Einwanderungspolitik. Die Schwäche der israelischen Linken verhinderte auch, die Kluft zwischen Arabern und Juden zu beseitigen. Tiefsitzende Ressentiments wurden rassistisch und religiös aufgeladen. Die Gleichzeitigkeit einer ethnisch und religiös bestimmten Staatsbürgerschaft, hat einen ‚inneren Neokolonialismus‘ produziert und eine gemeinsame staatsbürgerliche nationale demokratische Kultur verhindert. Wird die Linke die Wahl Trumps als Weckruf begreifen?

Krastev: Auf dem Weg in die Mehrheitsdiktatur? Übersetzung aus dem Englischen. (18 Seiten)

Die Ausbreitung der Demokratie in der außerwestllchen Welt hat paradoxerweise zu einer kritischeren Einstellung und einer Revolte gegen Liberalismus geführt. Die Revolution in der Kommunikationstechnologie, und damit der Tod der Zensur, hat das Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen eher verstärkt. Bedrohte Mehrheiten bestimmen heute die Politik, genährt von demografischen Prognosen (Verlust an Bedeutung, Massenzustrom von Ausländern). 1989 schien der ideologische Sieg der liberalen Demokratie nahe. Bedeutet das Ende des kalten Krieges eher Krise und Traumatisierung (Fukuyamas)? Tatsächlich hat die Freizügigkeit eher die Fähigkeit verringert, Fremde zu integrieren. Markt und Internet verführen, den natürlichen nationalen Präferenzen zu folgen, mithin verbindet Globalisierung und trennt zugleich. Stabile Identität und Bindung entsteht aber nicht durch einen unbegrenzten Reichtum an Erfahrung. Die Prinzipien einer Mehrheitsdemokratie stehen einer offenen Liberalität im Weg, die möglicherweise auch in Zukunft nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Es kommt zum Zusammenstoß unterschiedlicher (nationaler, religiöser, ethnischer) Solidaritäten. Kann man den Mittelschichten oder den Wählern der Linken verwehren, sich nach rechts zu bewegen (AfD, Brexit)? Der Populismus der Mehrheiten, der Wunsch nach autoritärer Herrschaft entsteht nach Karen Stenner aus einer realen oder gefühlten wachsenden ‚Bedrohung der normativen Ordnung‘. Demografische Panik, speziell in Mittel- und Osteuropa, befördert Ängste vor einem ‚ethnischen Verschwinden‘.

Nach Untersuchungen hängt das Glücksempfinden in einem Land nicht vom materiellen Wohlstand ab, dennoch gibt es einen Zusammenhang mit dem Bruttoinlandsprodukt. Die Globalisierung hat die Welt in ein Dorf verwandelt, Wünsche nach Veränderung und die Verunsicherung durch eine permanente Veränderung geweckt. Die Spannung zwischen nationaler Demokratie und globalem Markt könne a) die Demokratie einschränken, b) die Globalisierung begrenzen, c) die Demokratie auf Kosten nationaler Souveränität globalisieren. Populisten bieten Protektionismus und Isolationismus an. Demokratie als Inklusion und Exklusion kann zu verstärkter Polarisierung (Internationalisten gegen Nativisten) und Konfrontation führen, zur Wahrnehmung kollektiver Ängste und unrealistischen Versprechen: Populisten sind gnadenlose Sieger und schlechte Verlierer. Mit der Erweiterung der persönlichen Freiheiten und Menschenrecht reduzierte sich auch die Macht der Bürger, nicht nur einen Regierungs-, sondern auch einen Politikwechsel herbeizuführen.

Latour: Refugium Europa. Übersetzung aus dem Französischen. (14 Seiten)

Herausforderungen für Europa: ein bewohnbares Territorium für uns und unsere Kinder und für die, die ihre verwüsteten Böden verlassen. Migration und Klima – die Bedrohung ist ein-und dieselbe, das lässt sich nicht verleugnen. Es gibt Fluchtbewegungen aufgrund der Explosion von Ungleichheit, von Klimaskeptizismus und Deregulierungswahn. Das Volk, das verachtete und geschmähte, ist tatsächlich verraten worden durch Träume vom grenzenlosen Wachstum. Trump tritt eine Flucht nach vorne (Gewinnmaximierung) und zurück in ethnische und nationale Befindlichkeiten an bei expliziter Leugnung der geologischen und klimatischen Gegebenheiten, ein totaler Realitätsverlust oder Indifferenz gegenüber Fakten. Trump spielt auf Zeit, doch die Erde wird denen gehören, die sie bewohnbar machen und erhalten.

Mason: Keine Angst vor der Freiheit. Übersetzung aus dem Englischen (26 Seiten)

Mason erinnert an die Kultur seiner Kindheit in Leigh: Hass auf die Reichen, Misstrauen gegenüber dem ‚draußen‘, Ablehnung von marktwirtschaftlichem Denken und deren Vertreter. Schwarze gehörten dazu, wenn sie mit in die Grube fuhren. 2016 stimmten zwei Drittel der Wähler für den Brexit und die fremdenfeindliche Rechte. Die Logik des Marktes gewann Vorrang vor der Logik des Ortes oder der Klassenidentität. In den 80er Jahren entwickelte sich eine Arbeiterkultur außerhalb der Arbeitswelt. Gefühlt ging es der Arbeiterklasse besser (billige Kredite und Güter) trotz Lohnstagnatiom und zunehmender Verschuldung.

Der Neoliberalismus verlagerte die Produktion in Billiglohnländer (Lohnkostensenkung), führte zu Umstrukturierungen von Unternehmen (Rückzug aus sozialen Verpflichtungen), Steuersenkungen (Abschaffung der progressiven Besteuerung), Privatisierung des öffentlichen Dienstes, Finanzialisierung des Konsums (Egomanie in der Wertpapierabteilung der Investmentbank). Als Anfang des 21. Jahrhunderts das neoliberale Kartenhaus zusammenstürzte, kam es mit einer Zuwanderung aus Osteuropa (Niedriglohnbezieher) zum Brexit als Rebellion der Verarmten (schwarze und weiße Arbeiter). Forderungen nach Deglobalisierung wurden laut. Vernetzte, ihrer Zukunft beraubte Individuen suchen nach einer gemeinsamen Perspektive (Aufgabe einer erneuerten und radikalisierten Sozialdemokratie?). Das Gleichgewicht von Niedrigwachstum, Niedriginflation und Niedrigzinsen ging mit Kürzungen der Sozialleistungen und Löhne einher. Globalisierung, liberale soziale Werte, Menschenrecht und Rechtsstaatlichkeit gehen verloren, wenn der Neoliberalismus nicht beseitigt wird und Industriearbeitsplätze in die nördliche Hemisphäre zurückgebracht werden, Großunternehmen an ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen erinnert, öffentliche Dienste wieder verstaatlicht, der Kapitalflucht ein Riegel vorgeschoben und die Löhne angehoben werden. Die Globalisierung würde damit nicht beendet, aber die Folgen gebremst und kontrolliert. Mason schließt mit dem Aufruf an die Linke eine postneoliberale Erzählung (Vision?) zu entwickeln.

Mishra: Politik im Zeitalter des Zorns. Das dunkle Erbe der Aufklärung. Übersetzung aus dem Englischen. (21 Seiten)

Der Aufschwung der Demagogie in aller Welt verweist trotz lokaler Ursachen auf eine gemeinsame Ausgangslage: Wiederkehr von primitiven bösen Impulsen aus dem verdrängten Unbewussten (Freud). Rhetorische Gegensatzpaare – progressiv/reaktionär, Faschismus/Liberalismus, rational/irrational – werden reaktiviert. Hyperrationalisten haben Furcht, Ehre, Würde und Status zu verlieren. Der Reiz außerökonomischer Motive wie stabiler vertrauter Verhältnisse wird unterschätzt. Triebe und Affekte stellen die Ideologie des Neoliberalismus infrage. Demokratie und Kapitalismus haben das Problem der Ungerechtigkeit und Ungleichheit nicht gelöst, aber Wünsche nach Veränderungen geweckt. Schon Dostojewski und Musil haben gegen die rationalistische Ideologie angeschrieben: ‚Wir haben nicht zu viel Verstand und zu wenig Seele, sondern wir haben zu wenig Verstand in den Fragen der Seele‘ (Musil). Reisen in die Vergangenheit, eine täuschende Gegenwart und eine ungewisse Zukunft wecken Angst, Zorn und Rachegefühle im gespaltenen und in die eigenen Widersprüche verstrickten Subjekt. Ideale der modernen Demokratie ließen sich in einer neoliberalen Globalisierung kaum verwirklichen. Äußere und innere Widersprüche wirkten zusammen: Freiheit bedeute Unsicherheit, Ungewissheit und Gefahr, wecke Ressentiments, verstärke Disparitäten, und breite sich wie eine Epidemie aus und stelle alte traditionelle Gewissheiten infrage.

Das für viele undurchschaubare Wirken des Finanzkapitals werde als Ohnmacht erlebt und führe zu einem irrationalen Streben nach Macht und radikalen Alternativen (Trump und seine Wähler). Wie (nach Horkheimer) Nationalismus und Stalinismus aus der Dialektik der Aufklärung hervorgingen, so begünstigten heute Gegensätze das intellektuelle Klima, obwohl sozialstaatliche Programme nach 1945 dem Sozialismus entlehnt waren. Die materialistische und mechanistische Ideologie des Neoliberalismus verleugne das Wissen über die menschliche Gesellschaft (Bedeutung von Religion und Tradition). Die Gegenwart lasse sich jedoch nicht aufheben durch eine Rückkehr in die Vergangenheit (Modi, Erdogan, Putin, Brexit und Trump). Die heute um den rationalen Markt organisierte Gesellschaft offenbare ein Ausmaß an Elend, Verzweiflung und Rebellion, das neue Orientierungen ‚in Fragen der Seele‘ notwendig mache.

Misik: Mut zur Verwegenheit. (17 Seiten)

Haben sich die Angehörigen des politischen Establishments an die neue globale ökonomische Elite angepasst? Und wurden die Verbindungen zu den Bürgern immer lockerer? Und fördert das den Aufstieg der Rechtspopulisten?

1989 wurden der Marktfundamentalismus und Neoliberalismus dominant und gleichzeitig begann der Aufstieg junger Menschen aus dem Arbeitermilieu in die urbane Mittelschicht. Strukturierende Netzwerke in den Arbeitervierteln lösten sich auf. Die Gruppe derer, die noch ein ordentliches, wenn auch stagnierendes Auskommen haben und derer, die unmittelbar vom Absturz bedroht sind (Dienstleistungsproletariat) ist zwar nicht identisch mit den ‚Armen‘, fühlt sich aber von der Globalisierung bedroht und ohne politische Vertretung. Die völlig Abgehängten haben andere Wertvorstellungen als die progressive Mittel- und Akademikerschicht. Sie fühlen sich nicht mehr respektiert, ihre kulturellen und ökonomischen Anliegen von Linksparteien nicht mehr vertreten. Ein Kurswechsel gegen die neoliberale Dominanz in Richtung gerechtere Einkommensverteilung und gegen ein Zuviel an internationaler Konkurrenz ist notwendig. Politisch ist mit Machtkämpfen zwischen linksliberalen Programmen und populistischen Nationalisten zu rechnen. Hilfreich könnten lebendige nationale Linksparteien sein, ein Ausbau der progressiven Diskursherrschaft in Europa und Allianzen linker Regierungen. Progressive Parteien müssen wieder glaubwürdig und ohne Arroganz gegenüber ihren Wählern einen Wandel (Jobs, Einkommensentwicklung, Wohnung, Bildung und Chancen für Kinder) vertreten. Moderne Stadtteilstrukturen seien herzustellen und Förderung von Aktivisten.

Auch wenn einige Probleme gelöst seien, seien Visionen, die Hoffnung geben, unter Hinweis auf frühere progressive Bewegungen (amerikanische Bürgerrechtsbewegung, Arbeiterbewegungen des 19. Jahrhunderts) notwendig, um Menschenrechte und Freiheit erneut zu erkämpfen und abzusichern.

Nachtwey: Entzivilisierung. Über regressive Tendenzen in westlichen Gesellschaften. (17 Seiten)

Die Affektkontrolle erodiert im Internet, auf der Straße, im Alltagshandeln, ein Prozess der Entzivilisierung aufgrund von großen Ungleichzeitigkeiten (Lebensführung, Gleichberechtigung, Ungleichheit) sei virulent. Auch in den USA sei trotz der Beendigung der formalen Segregation eine massenhafte Internierung von Schwarzen in Gefängnissen zu beobachten. Die zu beobachtende Regression sei eine Nebenfolge sozialer Fortschritte i.S. einer regressiven Modernisierung. Horizontale Gleichstellung (Geschlecht, Ethnie) gehe mit vertikaler Ungleichheit und Diskriminierung einher. Der Wandel der Sozial- und Persönlichkeitsstruktur im Prozess der Zivilisation (Elias) habe, solange alle an der Modernisierung teilhatten, Gruppenkonflikte in den Hintergrund treten lassen. Adorno und Horkheimer nahmen eine Tendenz zur totalen sozialen Herrschaft über das Individuum an, während Elias den Zivilisationsprozess evolutionär fortschrittlich, aber nie beendet und immer gefährdet sah.

Nachtwey diskutiert sowohl die Systemzwänge der kritischen Theorie als auch den Prozess der Individualisierung bei sich verändernden gesellschaftlichen Machtbalancen. Die Auswirkungen neoliberaler Systemzwänge auf das Individuum und Deintegrationsdynamiken im Kontext einer regressiven Modernisierung werden diskutiert und die Rolle sozialer und ökonomischer Abstiege im Hinblick auf Entzivilisierungsprozesse.

Weil das moderne Individuum Sozialbindungen abgestreift habe, sei es gesellschaftsabhängiger geworden. Durch den Abbau von Solidarität trete eine negative Individualisierung ein. Risiken würden nicht mehr gesellschaftlich aufgefangen. Inzwischen sei der Markt die Referenzgröße für alle Lebensbereiche (‚symbolische Gewalt‘ nach Bourdieu), der man willig/widerwillig folge. Der quasireligiöse Markt sei unter der Herrschaft der instrumentellen Vernunft einer Logik der Beherrschung der Natur und des Selbst unterworfen, die den Menschen versklave: Die Kontrolle des Einzelnen über die Welt werde zur Kontrolle der Welt über den Einzelnen. Autonomie sei gebunden an Marktperformativität: Gewinner erhielten eine Autonomiedividende, Verlierer Disziplinierung und Stigmatisierung. Durch Internalisierung entstehe ein gesellschaftlicher Fremdzwang, der Affektstau und Ressentiments produziere. Rechtsysteme, Ökonomie und Familie hätten die Funktion der System- und Sozialintegration, könnten aber auch zu Ressourcen der Desintegration werden, wenn Leiharbeitern soziale Rechte und Männern die soziale Rolle des Familienvorstands entzogen werde. Seit den 90er Jahren sei der Prozess des kollektiven Aufstiegs beendet. Elias habe den Auf- und Abstieg von Gruppen innerhalb eines Staates und von Nationen im Weltsystem verfolgt. Macht- und Statusverlust führten zu Niedergeschlagenheit, Desillusionierung, Wert- und Ziellosigkeit, zu Zynismus, Nihilismus, Rückzug auf sich selbst. Während die Brics-Staaten (Brasilien, Rußland, Indien, China, Südafrika) keine Entwicklungsländer mehr seien, habe in der westlichen Welt die Ungleichheit zugenommen. Die alten Mittel- und Arbeiterlassen seien die Verlierer der Globalisierung. Ressentiments würden legitimiert und geschürt. Machtverlust im Verhältnis zu aufsteigenden Außenseitergruppen weckten Verlangen nach Restauration der alten Ordnung. Je schwächer und unsicherer umso roher das Verhalten. Von solcher Entzivilisierung könnten alle Schichten betroffen sein. Der gefühlte oder tatsächliche Statusverlust führe zu negativen Affekten, die Unterwerfung unter die ökonomische Alternativlosigkeit zu ‚autoritärer Aggression‘, symbolisiert durch Wünsche nach einem starken Führer. Als Affektkoalitionen treffen sich die Ressentimentgeladenen bei der AfD, Trump, oder Le Pen.

Rendueles: Globale Regression und postkapitalistische Gegenbewegungen. Übersetzung aus dem Spanischen. (20 Seiten)

Die Ungleichheit des Armutsrisikos ist nach Rendueles nicht eine Folge der Rezession, sondern ihre Ursache, denn Krisen seien die historische Normalität des globalen Turbokapitalismus. Die Crashs seien genutzt worden, um die Verhandlungsmacht der Arbeiter zu schwächen. Die Neoliberalen hätten einen Rückbau der öffentlichen Institutionen, Abbau kultureller Angebote, eine zunehmende Prekarisierung und politische Polarisierung und eine Rückkehr zu einem globalen Manchester-Kapitalismus produziert. Polanyi stellte die Möglichkeit des Wirtschaftsliberalismus – ein sich selbst regulierender freier Markt – infrage. Heute ist die Frage, ob die Politik die Privilegien der Eliten schützt oder Demokratie und Aufklärung stärkt. Die Situation heute laufe auf eine politische Polarisierung, eine institutionelle Instabilität und kollektiven Hass hinaus. Es entstünden mächtige Gegenbewegungen gegen den freien Markt, teils reaktionär, teils progressiv im Hinblick auf langfristige transnationale Solidarität. Die explosive Wirkung der Rezession in Südeuropa habe eine konfliktfreie postmoderne Entpolitisierung (Giddens, Inglehart) delegitimiert. Wirtschaftskrise, Immobilienboom, Arbeitslosigkeit, Armut, soziale Ausgrenzung, politische Korruption seien Ausdruck einer institutionellen Krise der Verflechtung von politischen und ökonomischen Eliten. Podemos und andere Initiativen gäben seit 2014 Anlass zur Hoffnung auf eine politische Mobilisierung. Die Erinnerung an die Diktatur verhindere möglicherweise in Spanien eine fremdenfeindliche und autoritäre Entwicklung. Die Linke habe Schwierigkeiten, sich der materiellen Lebensrealität der Menschen zu stellen. Eine soziale und solidarische Transformation (Fabriken, Büros, Arbeitsplätze) sei weder der 15M-Bewegung, Podemos und der Linken gelungen. Nach Marx sind die Verlierer die Träger des politischen Wandels, so könne Arbeitslosigkeit zu einer Aufwertung von reproduktiver – und Freizeit führen. Emanzipatorische Projekte müssten die soziale Abkapselung der Mittelschichten für eine zu schaffende Zivilgesellschaft durchbrechen. Die globale Niederlage der Gewerkschaften zerstörte soziale Räume der unteren und mittleren Klassen, die neu aufgebaut werden müssten.

Wenn globale Märkte mehr Macht haben als die Parlamente (Beispiel Griechenland) müssen Instrumente zur Rückeroberung der politischen Souveränität entwickelt werden, auch über die Grenzen des Nationalstaates hinaus durch transnationale Bündnisse.

Europa könnte einen Beitrag zum Aufbau einer postkapitalistischen Kooperation leisten. Anstelle von ‚Frieden durch Freihandel‘ müsste die Finanzarchitektur verändert werden zugunsten einer postkapitalistischen, auf Gerechtigkeit, Demokratie und Wohlfahrt zielenden Globalisierung. Die Wiederaneignung des Demokratiekonzepts laufe nicht auf einen ‚Kapitalismus ohne Kapitalisten‘ hinaus. Es gehe nicht um Rechte, sondern um Pflichten (Tawney) und um eine Gesellschaftsform, die nicht alte Ordnungen reorganisiert, sondern auch im persönlichen Leben dem Konflikt nicht ausweicht, auf Privilegien zugunsten einer solidarischen Gesellschaft zu verzichten.

Streeck: Die Wiederkehr des Verdrängte als Anfang vom Ende des neoliberalen Kapitalismus. (21 Seiten)

In den 70er Jahren vollzog sich eine angeblich alternativlose Entwicklung, dass der nichtmehr Märkte in Staaten, sondern Staaten in Märkte eingeschlossen waren. Nationale Wettbewerbsfähigkeit, flexible Arbeitsmärkte, Privatisierung und Technokratie gingen mit einer Rückbildung der politischen Parteien und der Gewerkschaften einher und einer Demobilisierung von Beteiligungen und Umverteilungen der Nachkriegsdemokratie. Inflation, Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung und deren Sanierung durch sozialpolitische ‚Reformen‘, Spaltungen des Einkommens zwischen Individuen, Familien, Regionen, Nationen, Arbeitslosigkeit einer ‚Überschussbevölkerung‘ nahmen zu. Nicht nur Lügen in der Politik, sondern auch ‚Expertenlügen‘ (Laffer-Kurve: Steuersenkungen führen zu höheren Steuereinnahmen), falsche Versprechungen (Cecchini-Bericht) und Goldman-Sachs-Manager durchdrangen die Regierungsapparate: Die Verbreitung von Illusionen wurde zur Regierungskunst. Entsprechend ist das Unbehagen gewachsen, erreichte 2008 eine kritische Schwelle und schlug schließlich in einen offenen Protest um. Die wieder zunehmende Wahlbeteiligung kommt neuen Protestparteien zugute, die mit dem Begriff ‚Populismus‘ diffamiert und bekämpft werden. Das Thema ist der globale Kapitalismus und die staatliche Organisation. Es kam zu einer Ausbürgerung von Globalisierungsgegnern und mit dem Kampfbegriff Ethnonationalismus zur Denunziation von Nationalisierung als Schutz. Realistische Ängste und Sorgen wurden nicht ernstgenommen.

Brexit und Trump haben die liberale Öffentlichkeit und die Sozialwissenschaften überrascht. Auch eine ‚verweltbürgerlichte‘ Linke hat die Ereignisse von 2016 nicht verstanden, ebenso wenig wie Blair und die Labour-Party. Die Demontage von Clinton durch Trump und der Brexit markieren eine Krise des kapitalistischen Systems. Es entsteht ein Interregnum, eine Phase der Unsicherheit und Unberechenbarkeit, in der eine alte Ordnung zerbrochen ist und eine neue noch nicht in Sicht ist. Wirtschaftliche Unannehmlichkeiten werden nicht mehr einfach hingenommen. Gerechtere Besteuerung, Bekämpfung der wirtschaftlichen Ungleichheit, ein besseres Bildungssystem, Mitbestimmung, Schutz von Arbeitsplätzen, Begrenzung der Einwanderung sind Teil von Mays neoprotektionistischer Programmatik, die allerdings die Probleme der Geldpolitik (Expansion der Geldmenge, negative Zinsen, Aufkauf von Schuldverschreibungen) nicht beheben. Strukturreformen stoßen auf Widerstand, die Ungleichheit wächst, die ersatzlose Streichung nationaler Institutionen wirtschaftlicher Umverteilung und die Überforderung der Geld- und Zentralbankpolitik haben den Kapitalismus unregierbar gemacht. Die neuen nationalen Protektionisten haben keinen menschenrechtlichen Ehrgeiz. Allerdings wird die Politik wieder ins Spiel zurückgeholt: Kosmopolitismus ist ‚auf Kosten der kleinen Leute‘ in einer Demokratie nicht durchsetzbar. Zuviel Integration führt zu Konflikten und weniger Integration. Der kosmopolitische Identiarismus erzeugt als Reaktion einen nationalen. Der Spatz einer nationalen Demokratie ist dann mehr wert als die Taube einer demokratischen Weltgesellschaft.

Van Reybrouck: Lieber Präsident Juncker. Übersetzung aus dem Englischen. (18 Seiten)

Reybrouck befürchtet, dass die Europäische Union bald Geschichte sein könnte. Der Künstler Thomas Bellinck habe ihr bereits ein Museum ‚Das Haus der Europäischen Geschichte im Exil‘ eingerichtet, das die Relikte eines politischen Projekts enthalte (Zeitungsartikel, Schaukästen, Urkunden). Sind Wahlen heute altmodisch geworden? Handelt es sich bei ihnen, oder auch bei Referenden, um Instrumente, dass Bürger entscheiden, ohne verpflichtet zu sein sich zu informieren? Das Verfahren werde oft zu einem ‚Spektakel der Versprechungen, des Sponsoring und der Tatsachenverdrehung‘. Auch Volksabstimmungen könnten die Kluft zwischen den Regierenden und den Regierten – am Beispiel des Brexit – nicht überbrücken. Woher will man wissen, dass Bürger, die entscheiden, auch tatsächlich informiert sind? Dabei sollten die Wahlen ursprünglich (Athen) dazu dienen, eine aristokratische Elite zu beauftragen. Inzwischen würden die Beziehung zwischen denen oben und unten durch die Medien organisiert. Die sozialen Netzwerke machten aus passiven Konsumenten aktiver Produzenten und Verteiler, deren Äußerungen von zwei amerikanischen Großunternehmen kontrolliert würden. Es entstünden Mauern aus ungeprüften Mitteilungen. Inzwischen gebe es ein ‚Demokratiemüdigkeitssyndrom‘ (Parteiaustritte, schwache Wahlbeteiligung). Schulterzucken beim Brexit, Verachtung für die Wähler von Trump, Spaltungen (anständig/unanständig) hülfen nicht weiter: Konflikte würden geschürt, aber nicht gelöst.

Vorschlag von Reybrouck: Ämter durch Losentscheid zu besetzen mit Menschen, die sich informieren und sinnvolle Entscheidungen treffen. In Irland wurde eine Bürgerversammlung gewählt, die Abtreibung, Volksabstimmungen und Klimawandel diskutierte, über deren Vorschläge dann abgestimmt wurde: Ein Beispiel für Europa, Emphehlungen für die Zukunft zu entwickeln und über 25 Vorschläge auf Stimmzetteln mit 3 Markierungen abzustimmen und diese zu bewerten. In diesem Prozess wären die Bürger an der Entscheidungsfindung aktiv beteiligt und könnten wieder Vertrauen finden, sich an der zukünftigen Gestaltung der Gesellschaft zu beteiligen.

Zizek: Die populistische Versuchung. Übersetzung aus dem Englischen (21 Seiten)

Die Berliner Mauer war ein Zeichen, dass der Kapitalismus nicht die einzige Option ist. Die jetzigen ‚Mauern‘ stehen für eine Spaltung im Kapitalismus selbst. Nach Marx ist der Kapitalismus eine unsere Wirklichkeit beherrschende ‚Realabstraktion‘: Undurchdringliche Mächte machen uns zu Sklaven.

Muslime sind heute auch sichtbar, aber nicht in unsere Gesellschaft integriert. Soros bringe Antisemitismus und Islamophobie zusammen.

Putin sieht er einerseits als Bedrohung, andererseits verhindere er, dass sein Land vom westlichem Multikulturalismus und Toleranz überschwemmt werde. Lässt sich der Gegensatz zwischen Traditionalismus und säkularem Relativismus, oder ideologisch zwischen Liberaldemokratie und religiösem Fundamentalismus vereinen? Aus amerikanischer Sicht sind die wahren Feinde der USA die europäischen Säkularisten, die ein neue Weltordnung errichten wollen. Christlicher Fundamentalismus sei inzwischen in USA zu einer hegemonialen Haltung im öffentlichen Raum geworden. Trump sei ein Vertreter des ‚Zwei-Seelen-Kapitalisten‘. Die Gegenreaktion prangere arrogant die Dummheit der einfachen Wähler an und rufe zum Angriff auf. Handelt es sich um eine Regression der politischen Kultur, wie die Linke meint, bei gleichzeitiger Wiederentdeckung des Nationalismus? Die liberale Furcht sei zu überwinden, die Wut vom rechten Rassismus in den sozioökonomischen Klassenkampf umzuleiten: Trump und Sanders – zwei Formen des Populismus. Der Volkszorn sei aber kein Zeichen der Primitivität einfacher Leute, sondern ein Indiz für die Schwäche der hegemonialen liberalen Ideologie, die keinen Konsens mehr herstelle.

Populismus sehe den Feind außen, nicht innen, mit einem Hang zur Vereinfachung und personalisierter Aggression. Warum sollte die Linke das Feld nationaler Leidenschaften den radikalen Rechten überlassen? Der Feind sei die zunehmend ungehinderte Herrschaft des wurzellosen Finanzkapitals. Ist es die Angst, dass eine partikulare Identität von der ‚namenlosen Universalität einer neuen Weltordnung verschluckt‘ wird? Geht es darum, alle Formen der Identitätspolitik zu überwinden, ‚Universalität versus patriotische Zugehörigkeit‘, ‚Kapitalismus versus Antikapitalismus‘? Die allgemeine Klasse der Manager und akademischen Eliten reiche längst über partikuläre Nationen hinaus. Populismus bedeute vor allem die Schwäche der rationalen Position. Die Furcht der liberalen Linken solle zu einer Angst werden, dass mit der eigenen Identität etwas nicht stimmt. Die Welt müsse neu interpretiert und die eigene Verantwortung überprüft werden (eine Umkehr von Marx elfter These über Feuerbach). Weder Defätismus noch blinder Aktionismus seien angesagt, stattdessen Lernen, was zu dem Fiasko liberaldemokratischer Politik geführt habe: Das Demokratiedefizit des globalen Kapitalismus. Es gehe um die Errichtung einer transnationalen Instanz und Rechtsordnung, einer globalen politischen Ordnung, die der globalen kapitalistischen Wirtschaft entspräche. Die Spannung zwischen weltweiter Warenzirkulation und zunehmenden gesellschaftlichen Spaltungen verhindere das. Das Gute an Trump sei, dass er – wie Stalin den westlichen Großmächten, die selbstkritisch daraufhin den Wohlfahrtsstaat errichtet hätten – den Liberalen Angst eingejagt habe.

Werden die Linken zu ähnlichen Selbstveränderungen in der Lage sein?

Diskussion

Wie nicht anders zu erwarten enthält dieses Buch sehr unterschiedliche Beiträge: Leidenschaftliche politische Appelle (Baumann, Della Porta, Fraser, Rendueles, Zizek), engagierte Analysen (Illouz, Krastev, Misik, Mishra, Nachtwey, Krastev) und fundierte Meinungsäußerungen (Appadurai, Latour). Gemeinsam ist den Autoren, die gegenwärtige instabile weltpolitische Situation und das Anwachsen der populistischen und extremen Bewegungen auch als Chance zu begreifen, kritisch über die globale Entwicklung des Finanzkapitalismus und die eigene Blindheit für dessen Folgen nachzudenken. Die zahlreichen Nationalitäten der Autoren zeigen, dass das Problem keine nationale Angelegenheit mehr ist und dass die Auswirkungen der gegenwärtigen Krise alle, wenn auch in unterschiedlichem Grad, betreffen.

Gemeinsam ist ihnen auch ein linker, gesellschaftskritischer Ansatz, der aber auch vor Selbstkritik nicht Halt macht und der lange Zeit vernachlässigten ‚Seele‘ des Volkes auch im eigenen Denken den Platz einräumt, der Ihm in einem rational verkürzten Denken nicht zugestanden wurde.

Fazit

Eine Anregung zum Nachdenken und in Ansätzen Vorschläge zur Lösung der nationalen und globalen Probleme eines nicht mehr kontrollierten Finanzkapitalismus. Wie lassen sich tragende soziale Gefühle (Bindung an Heimat, Sprache, Kultur) behaupten in einer Welt eines entfesselten und nicht nur symbolischen, sondern auch sehr realen Finanzkapitalismus, der zur Beute einer Klasse von ‚Analphabeten in Sachen sozialer Seele‘ geworden ist?


Rezensentin
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 25.10.2017 zu: Heinrich Geiselberger (Hrsg.): Die große Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2017. ISBN 978-3-518-07291-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23305.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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