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Katrin Haase: Berufliche Selbstverständnisse in der Schulsozialarbeit

Cover Katrin Haase: Berufliche Selbstverständnisse in der Schulsozialarbeit. Biographische (Re-)Konstruktionen vom beruflichen Werden der selbstbestimmten Anderen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 438 Seiten. ISBN 978-3-7799-3703-6. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Autorin

Katrin Haase ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Pädagogik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Entstehungshintergrund

Die vorgelegte empirische Studie ist die an der Technischen Universität Dresden entstandene Dissertation der Autorin.

Thema

Das Kernthema der Arbeit bezieht sich auf den Professionalisierungsdiskurs und das Professionalisierungsgeschehen in der Schulsozialarbeit. Grundlegende Begriff sind u.a. Anerkennung, Identität, Zugehörigkeit, Vielfalt, Differenz und Individualisierung. Für die vormals als Schulsozialarbeiterin tätige Katrin Haase sind die „selbstbestimmten Anderen“ Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter, die im vermeintlich fremden Haus Schule tätig sind. Damit wird, das sei vorweggenommen, ein Bezug zur der Dissertation von Florian Baier (2007) „Zu Gast in einem fremden Haus – Theorie und Empirie zur Sozialen Arbeit in Schulen“ aufgenommen. Die „selbstbestimmt Anderen“ geben sich mit einer Gastrolle in der Schule eben nicht (mehr) zufrieden.

Aufbau

Die Gliederung der Arbeit umfasst acht Kapitel:

  1. Politischer Streifzug zur „Profession“ Schulsozialarbeit
  2. Bezugsrahmen der Studie
  3. Methodologische und methodische Anlage der empirischen Studie
  4. Biografische (Re-)Konstruktionen beruflichen Werdens
  5. Vergleich der (Re-)Konstruktionen beruflichen Werdens
  6. Diskussion der Ergebnisse
  7. Reflexion des Forschungsprozesses
  8. Zusammenfassung

Inhalt

Das erste Kapitel bezieht sich zunächst auf die aktuelle Situation der Schulsozialarbeit in Deutschland. Auf diesem Hintergrund wird das wissenschaftliche Erkenntnisinteresse der Forschungsarbeit formuliert: Die Entwicklung beruflicher Selbstverständnisse in der genannten Berufsgruppe soll analysiert werden unter dem Einbezug der jeweiligen biographischen Ressourcen sowie deren Entwicklung im beruflichen Werdegang.

Das zweite Kapitel beschreibt die Entwicklung der Schulsozialarbeit, erörtert Definitionen und Aufträge wie auch das Verhältnis der Kinder- und Jugendhilfe zur Schule. Es kristallisiert sich die Frage heraus, wie denn diese Entwicklung und der sie begleitende Fachdiskurs auf das berufliche Selbstverständnis wirkt. Dabei wird unterschieden zwischen Identität im Rahmen der Profession Schulsozialarbeit und dem beruflichen Selbstverständnis der Handelnden. Das berufliche Selbstverständnis steht dabei in einem engen Zusammenhang mit biografischen Erfahrungen: „Ich verstehe hier berufliche Sozialisation in Form beruflichen Werdens als fortwährenden biografischen Entwicklungs- und Aneignungsprozess“ (S. 47). Dies geschieht im Handlungsfeld der Schulsozialarbeit und dort vorwiegend über Auseinandersetzungen mit den Arbeitsverhältnissen.

Das dritte Kapitel erörtert zunächst die wissenschaftstheoretischen Voraussetzungen des Forschungsprozesses, die auf die interpretative Soziologie bzw. Sozialforschung Bezug nehmen. Sodann wird der methodische Zugriff bzw. das Forschungsdesign des biographie-analytischen Vorgehens vorgestellt. Dazu gehört u.a. die Findung der Zielgruppe mit diversen Festlegungen (Alter, Qualifikation, Berufsdauer, Träger der Schulsozialarbeit) und die Durchführung der mehrstündigen Interviews. Insgesamt kristallisieren sich aus einem Feld von 16 interviewten Personen sechs Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter heraus, die unter dem Aspekt der biografischen (Re-)Konstruktion und dem Aspekt des gegenwärtigen beruflichen Selbstverständnisses im Rahmen biographisch-narrativer Analyse erfasst werden. Dargestellt wird der Interviewleitfaden einschließlich der notwendigen Auswertungsschritte.

Aus dem ca. 180 Seiten umfassenden vierten Kapitel wird an dieser Stelle von den sechs dort aufgeführten Fällen die Schulsozialarbeiterin Martina Winkler ausgewählt, um die Arbeitsweise von Katrin Haase darzustellen. Der Titel zu diesem Fallbeispiel lautet: „Berufliches Werden als biographischer Emanzipationsprozess“. Nach Hinweisen zur Interviewsituation und einer biografischen Kurzbeschreibung beginnt die Haupterzählung: Die Schulsozialarbeiterin an einer Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen berichtet aus ihrem von Verwerfungen und Krisen gekennzeichneten Lebenslauf. Negative Erfahrungen aus der eigenen Schulzeit führen dazu, dass Schule als Ort beruflicher Tätigkeit zunächst massiv abgelehnt wird. In der Förderschule macht Frau W. Aber die neue Erfahrung, dass Schülerinnen und Schüler angstfrei die Schule besuchen. Sie begreift schrittweise ihr Berufsfeld als neuen Gestaltungsraum den sie, anders als ihre Sozialisationserfahrungen es ermöglichen, als strukturgebend beschreibt und innerhalb dieser Struktur kann sie sich zu einer selbstbestimmenden Akteurin entwickeln. Sie erlebt die aktuelle Schule als Gegenbild zu ihrer Schule in der Kindheit und Jugend. Auf ihrem professionellen Hintergrund erfährt sie sich als jemand Anderen im Vergleich zu den Lehrkräften der Schule. Der Weg der beruflichen Einsozialisation innerhalb der Förderschule ist allerdings nicht leicht. Sie muss sich gegenüber der Schulleitung behaupten und ihrer Position über Jahre hinweg erkämpfen. Die letzten zwei Jahre in ihrer Tätigkeit führen aber zu einer sehr zufriedenstellenden Positionierung. Aus dieser Positionierung heraus bringt sie neue Impulse in die Schule und begreift sich auch als Schulentwicklerin. Frau W. hat sich aus den Verwerfungen ihrer Biographie sowie der schwierigen Anfangsphase in der Schule befreit, findet in der Schule Struktur und eine mittlerweile fördernde Schulleitung, die ihren sozialpädagogischen Auftrag unterstützt. Sie entwickelt als selbstbestimmt Andere eine Doppelzugehörigkeit, die sowohl das schulische Milieu umfasst als auch den sozialpädagogische Kinder- und Jugendhilfeauftrag: „In ihrem persönlichen Emanzipationsprozess erweist sich gerade die Strategie des gut vorbereiteten, planvollen und strukturierten Vorgehens als Handlungsmuster einer selbstbestimmten Akteurin“ (S. 223). Die weiteren Fälle in diesem Kapitel nehmen sehr unterschiedliche Verlaufsformen an. In einem Fall erscheint die berufliche Tätigkeit im Handlungsfeld Schulsozialarbeit gar als eine Leidensgeschichte (4.2).

Das fünfte vergleichende Kapitel stellt zwei (Re-)Konstruktionstypen vor, die sich im Rahmen der sechs Fälle ergeben. Einmal ist der Prozess beruflichen Werdens durch eine Kontinuität durch Linearität gekennzeichnet und zum Anderen wird Kontinuität durch Bewältigung von Diskontinuität erreicht (siehe den Fall Martina Winkler). Selbstbestimmung erfolgt bei dem ersten (Re-)Konstruktionstyp dadurch, dass bereits in der Biographie eine hohe Autonomie festzustellen ist und bei dem zweiten (Re-)Konstruktionstyp durch die Bewältigung von fremdbestimmten Ereignissen. Die weiteren Analysen erfolgen durch die Kriterien (Nicht-)Anerkennung, Erfolg, Geschlecht und Selbstreflexion. Letzteres bezieht sich auf das Zusammenspiel von Biographie und beruflichen Gegebenheiten in der Praxis der Schulsozialarbeit.

Von Bedeutung ist der Unterabschnitt „Anerkennung als Steuerungsinstanz beruflichen Werdens“; alle sechs Fälle werden unter diesem Aspekt analysiert. Ebenso wird verfahren bei den Aspekten der Berufsfindung, des Studiums und der Einsozialisation in Schule und Schulsozialarbeit. Hier bildet sich die berufliche Heimat bzw. die Zugehörigkeiten heraus: „Die Fallrekonstruktionen weisen eindrücklich auf die Variationsbreite der Herstellung von Zugehörigkeit/en in den institutionellen Rahmen von Schule und Kinder- und Jugendhilfe“ (S. 345). Zum Ende des Kapitels werden die Fälle differenzsensibel verglichen nach den Kerndimensionen (z.B. partizipatorisch-demokratisches Selbstverständnis oder die Schulentwicklungspraxis im geschilderten Fall W.), nach Handlungsformen (z.B. Projektarbeit, Jugendarbeit an der Schule) und nach Handlungsmaximen (z.B. Toleranz, Authentizität). Letztlich ergeben Biographie und Beruf sich verbindende Konstruktionsmuster, die zum „selbstbestimmt Anderen“ führen.

In der „Diskussion der Ergebnisse“, dem sechsten Kapitel, werden die Befunde komprimiert und reflektiert. Deutlich wird herausgearbeitet, dass eine schulische Determiniertheit des individuellen Selbstverständnisses von den Interviewten abgelehnt wird. Die beruflich Handelnden nutzen biographische Ressourcen und suchen daran anschlussfähige Arbeitsaufträge und Perspektiven. Dadurch wird Selbstbestimmung ein Kennzeichen der beruflichen Selbstverständnisse. Keineswegs sehen sich die befragten Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter als „Aschenputtel im Schulalltag“ wie es Grossmann 1987 formulierte. Diskutiert wird aber auch, dass in der Sozialen Arbeit fremdbestimmte Elemente wie strukturelle Einbindungen und Funktionszuweisungen vorhanden sind. Und: Wie passen selbstbestimmt Andere in den Erwartungshorizont der Gesellschaft? Deshalb, so die Autorin, ist Selbstbestimmung immer an den institutionellen und beruflichen Rahmen gebunden. Aber: „Die Soziale Arbeit und erstaunlicherweise auch der Arbeitsraum Schule bieten offensichtlich ein außerordentlich hohes Potenzial für die Selbstverwirklichung“ (S. 368). Irritiert ist Katrin Haase darüber, dass durch die Doppelzugehörigkeit das selbstbestimmte Anderssein definiert wird. Sie schlussfolgert, dass diese Doppelzugehörigkeit das „Überleben“ (S. 370) und die kontinuierliche Handlungsfähigkeit in der Schule sichert.

Das siebte Kapitel geht noch einmal auf die interpretative Sozialforschung und die Erfahrungen der Forscherin bei der Durchführung der Interviews ein. Dazu gehört auch die Bezugnahme auf induktive und/oder abduktive Forschungslogiken. Reflektiert wird ebenso die Rollenspannung zwischen der forschenden Promotionsstudentin und der eigenen Berufsbiographie als Schulsozialarbeiterin.

Diskussion

Die vorgelegte innovative Studie betritt ein recht unbearbeitetes Gebiet was die Schulsozialarbeit betrifft. Bezüge zum Professionalisierungsdiskurs in der Sozialen Arbeit sind natürlich gegeben und werden von der Autorin vornehmlich im zweiten Kapitel entsprechend herausgestellt.

Die Fallbeispiele zeigen, insbesondere das weiter oben skizzierte Fallbeispiel von Frau W., dass eine wie auch immer geartete Gastrolle im fremden Haus nicht zutreffend ist. Jedenfalls muss davon ausgegangen werden, dass sich eine eventuelle Gastrolle in der Phase der beruflichen Einsozialisation als sehr entwicklungsfähig erweist. In der Schulsozialarbeit ist es ein nicht unbekannter Vorgang, dass die mehrjährige Tätigkeit an einer Schule die Positionierung dieses Handlungsfeldes begünstigt und damit auch die betroffenen Akteure. Warum der schon weiter oben zitierte Florian Baier in seiner empirischen Studie zu der Bestimmung der Schulsozialarbeit eine Gastrolle beschreibt, kann hier nicht abgeklärt werden. Festzuhalten ist allerdings, dass der Zeitunterschied von zehn Jahren zwischen den beiden Studien eine Rolle spielen kann, da sich die Professionalisierungsdynamik in diesem Handlungsfeld in dem genannten Zeitraum erheblich weiterentwickelt hat. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Hinweis von Katrin Haase die Habilitationsschrift von Wilma Grossmann „Aschenputtel im Schulalltag“ (1987). Die Aschenputtel-Rolle beschreibt die damalige Arbeitssituation der Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter. Dort tritt eine erfahrene Fremdbestimmung in den Vordergrund, bei Florian Baier (2007) ist es eine verweigerte Selbstbestimmung als Gast im fremden Haus und bei Katrin Hasse (2017) wird dann eine eigenständige Selbstbestimmung erreicht. Dieser Fortschritt ist sehr wahrscheinlich der genannten Professionalisierungsdynamik im Zeitraum von 30 Jahren zu verdanken.

Insgesamt gibt die Studie einen empirisch belegbaren Hinweis, dass die vielfach unterstellte „Professionalisierungsschwäche“ der Schulsozialarbeit einer neuen Beurteilung bedarf. Als Beispiel dafür sei auf die immer wieder auch in der Fachliteratur angeführte fehlende gleiche Augenhöhe zwischen Lehrkräften und Sozialarbeitenden hingewiesen. Folgt man der Studie, bildet sich eben eine Doppelzugehörigkeit, die gerade durch biografische Erfahrungen der Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter einen engen Bezug zu der beruflichen Sozialisation findet. Gleichwohl muss dieser Feststellung in weiteren Studien nachgegangen werden. Auch um zu klären, ob die Doppelzugehörigkeit in der Schulsozialarbeit einen Möglichkeitsraum eröffnet, der nicht das Potenzial besitzt, hier und da zum Verhängnisraum zu werden. Dazu reichen auch die sechs Einzelfälle nicht aus. Wieso Verhängnisraum? In Niedersachsen waren 2014 49 Prozent der Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter prekär beschäftigt – diese Situation verweist auf einen Verhängnisraum. Die Arbeitssituation in diesem Bundesland hat sich aktuell allerdings gebessert.

Fazit

Eine innovative Studie für das Handlungsfeld der Schulsozialarbeit. Die analysierten sechs Fälle sind professionstheoretisch eingebettet und zeigen das berufliche Werden der Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter zu selbstbestimmt Anderen. Diese Konstruktion ist neu und wird die Professionalisierungsdebatte in der Schulsozialarbeit erheblich bereichern. Im vermeintlich fremden Haus der Schule erscheint damit der Gaststatus überwunden.


Rezensent
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 03.01.2018 zu: Katrin Haase: Berufliche Selbstverständnisse in der Schulsozialarbeit. Biographische (Re-)Konstruktionen vom beruflichen Werden der selbstbestimmten Anderen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3703-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23306.php, Datum des Zugriffs 21.01.2018.


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