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Ulrike Zöller (Hrsg.): Ursachen und Auswirkungen von Flucht

Cover Ulrike Zöller (Hrsg.): Ursachen und Auswirkungen von Flucht. Sozialreportagen. Klaus Münstermann Verlag (Ibbenbüren) 2017. 64 Seiten. ISBN 978-3-943084-41-2. 8,50 EUR.
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Thema

Während weiterhin Flüchtlingspolitik zwischen „Obergrenze“ und „Willkommenskultur“ diskutiert wird und die Spannung zwischen Integration und Abschiebung nicht nachlässt, gerät zu leicht aus dem Blick, wie die Lebenslage insbesondere junger Menschen mit Fluchterfahrung aussieht. Jedenfalls hat sich Soziale Arbeit (als Profession, Wissenschaft und Ausbildung) darauf einzustellen, dass sich hier ein neues Arbeitsfeld aufgetan hat. So ist der sprunghafte Anstieg der Inobhutnahmen bekanntlich mit den Rechtsansprüchen minderjähriger, auch unbegleiteter Flüchtlinge zu erklären.

Herausgeberin und Autorinnen/Autoren

Dr. Ulrike Zöller, Pädagogin und Sozialpädagogin, ist Professorin für Theorie, Empirie und Methodik Sozialer Arbeit an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes.

Die Beiträge stammen von Studierenden der Sozialen Arbeit bzw. Pädagogik der Kindheit, die im Rahmen des Studiums Akteure mit Fluchterfahrung interviewen sollten.

Aufbau

Nach der kurzen Einführung versammelt das Bändchen sieben sog. Sozialreportagen im Umfang von 5-7 Seiten. Diese sind meist so angelegt, dass Begegnungen geschildert und zentrale Statements der Protagonisten als Zitate wiedergegeben werden.

Inhalt

Eingangs porträtiert Manuel Höh einen Kosovaren, der es vor Jahren geschafft hat, mit Hilfe von Verwandten in Deutschland Fuß zu fassen. Inzwischen hat er eine Existenz aufgebaut, eine Wohnung erworben, die Kinder sind in Ausbildung oder Studium. Kosovo gilt inzwischen zwar als sicheres Herkunftsland, die Armut ist aber keineswegs überwunden. Die medizinische Versorgung bleibt katastrophal: „Wenn Du kein Geld (für Medikamente) hast, stirbst Du“.

Tamara Treitz kontrastiert ihr Leben mit dem, was sie im Interview mit einer 19jährigen Syrerin erfährt. Diese hat mit der Flucht die Heimat, Familie, Freunde verloren, musste in einer Aufnahmeeinrichtung mit vielen fremden Menschen zusammen ausharren, eine neue Sprache lernen; erst jetzt, mit der Zulassung zur Fachoberschule erlebt sie wieder Autonomie, bestimmt ihr Leben selbst.

Tatjana Septimus lässt einen Afghanen zu Wort kommen, der sich 2008 als 16Jähriger über den Iran, die Türkei, teils mit Hilfe von Schleppern, nach Deutschland durchgeschlagen hatte. Erst hier konnte er eine Schule besuchen, schaffte schließlich den Hauptschulabschluss und will jetzt Altenpfleger werden. Die Pflegeeltern von damals waren und sind seine zweite Familie, Deutschland ist sein neues Zuhause. Mit „Ich bin Deutscher“ schließt sein Statement.

Der wichtigste, in jeder Hinsicht herausragende Beitrag stammt von Medina Ciftci und Enrico Kanis. Sie versetzen sich in die Lebenslage eines gebürtigen Afghanen, der im Iran aufgewachsen als 17Jähriger nach tagelangen Fußmärschen, in einem Lkw eingesperrt, auf einem überfüllten Fischkutter übers Mittelmeer geschleppt in Italien landet und dort auch registriert wird, nach Deutschland weiterreist – und zu seinem 18. Geburtstag den Abschiebungsbescheid (zurück nach Italien) erhält. Was folgt, ist der „trostlose Alltag“, die Isolation im Kirchenasyl über 13 Monate, ohne Schulbesuch, ohne Freunde, nur ab und an Telefonate, heimliche Schritte nach draußen, aber doch Aufmunterung durch den „Unterstützerkreis“. Endlich Aufenthaltsgenehmigung, inzwischen Hauptschulabschluss, Mittlere Reife, Vorbereitung aufs Fachabitur und freiwilliges Engagement für nachkommende Flüchtlinge im Kirchenasyl. In der Tat absurd: Für die Freiheit solange die Freiheit aufgeben müssen.

Diskussion

Ob und nach welchen Gesichtspunkten die Herausgeberin eine Auswahl getroffen hat, ist nicht ersichtlich. Einer der Beiträge ist eine gelungene Satire auf die Bürokratie, wenn die Beraterin im Jobcenter sich darüber freut, dass sie nun „den Kunden im System krankmelden“ könne: Dieser jedoch ist todkrank und versteht nicht, wie ihm geschieht.

Hingegen macht es weniger Sinn, einen Erlebnispädagogen zu interviewen (und dies stilistisch leicht verunglückt) oder die Bindung eines Syrers an sein Land, das er vor 17Jahren verlassen hat, zu dokumentieren.

Generell fällt auf, dass vorwiegend Personen porträtiert werden, die schon vor Jahren, jedenfalls nicht erst 2015 oder 2016 nach Deutschland geflüchtet sind. Da fehlt nicht nur der aktuelle Bezug (z.B. Ausbildungsplätze!), sondern (ausgenommen der Sonderfall Kirchenasyl) der soziale Kontext, das Beziehungsnetz in der Gemeinde. Erst dann könnten wirklich „Sozialreportagen“ (s. Untertitel) entstehen. Gerade Studierende der Sozialen Arbeit sollten doch Menschen mit Fluchterfahrung dort begegnen, wo sie leben, also in den Einrichtungen und Unterkünften, in den Integrationskursen, bei den Freizeitaktivitäten im Stadtteil. An Projekten und Praktika, die Studierende in die Lebenswelt von Menschen mit Fluchterfahrungen bringen, sollte es nicht fehlen.

Auch der Obertitel des Bändchens trifft es nicht ganz; um „Ursachen und Auswirkungen (auf wen eigentlich?) von Flucht“ kann es hier auch gar nicht gehen, allenfalls um individuelle Beweggründe und – hier durchaus erfolgreich umgesetzte – Zukunftspläne.

Fazit

Mehrere studentische Arbeiten zeichnen die Lebenslinien von Menschen nach, die meist vor Jahren nach Deutschland geflüchtet waren und eine neue Existenz aufbauen konnten, ohne die Verbindung zu ihrem Herkunftsland zu verlieren.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 11.09.2017 zu: Ulrike Zöller (Hrsg.): Ursachen und Auswirkungen von Flucht. Sozialreportagen. Klaus Münstermann Verlag (Ibbenbüren) 2017. ISBN 978-3-943084-41-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23309.php, Datum des Zugriffs 18.10.2017.


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