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Michael Gazzaniga, Todd Heatherton u.a.: Psychologie. Einführungslehrbuch

Cover Michael Gazzaniga, Todd Heatherton, Diane Halpern: Psychologie. Einführungslehrbuch. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. 1054 Seiten. ISBN 978-3-621-28295-6. 49,95 EUR.
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Thema

„Psychologie“ (2017) ist als umfangreiches Einführungslehrbuch nach amerikanischem Standard von Michael S. Gazzaniga, Todd F. Heatherton und Diane F. Halpern ins Deutsche von Guido Plata übersetzt worden. Es bezieht sich schwerpunktmäßig auf den gegenwärtigen Stand der neurowissenschaftlichen bzw. biologischen Perspektive auf die Psychologie und führt dazu umfangreich in internationale bzw. amerikanische Forschungspublikationen ein. Mit diesem Schwerpunkt wird das Buch zu einem interessanten Nachschlagewerk für Lehrende und Forschende der Psychologie, die auf über 940 Seiten in 15 Kapiteln zu ausgewählten Themenbereichen informiert und mit zusätzlich knapp 30 Seiten Glossar sowie über 50 Seiten Literaturverzeichnis versorgt werden.

Autoren und Autorin

Die zwei Autoren Gazzaniga und Heatherton sowie die Autorin Halpern sind langjährig in der Lehre mit Einführungsveranstaltungen zur Psychologie an unterschiedlichen amerikanischen Universitäten und Forschungseinrichtungen tätig. Eine Schnittmenge ihrer Forschungsinteressen bilden die kognitiven Neurowissenschaften, Sozialpsychologie und Differentielle Psychologie.

Entstehungshintergrund

Als Vorlage für das 2017 in Erstauflage auf Deutsch bei Beltz/Weinheim erschienene Einführungslehrbuch „Psychologie“ diente die 5. Auflage von „Psychological Science“ aus dem Amerikanischen von 2016. Besonderes Anliegen des Buches ist es, zusätzlich zur ausführlichen Darstellung des gegenwärtigen Forschungsstandes auf die Ergebnisse zum psychologischen Schlussfolgern aufmerksam zu machen und kritisches Denken in der Fachwelt sowie bei den möglichen Rezipienten der Fachinhalte zu fördern.

Aufbau

Der Aufbau des Buches „Psychologie“ zeigt strukturell die Abfolge 15 verschiedener Themenbereiche eingeteilt als Hauptkapitel mit Teilkapiteln und Unterkapiteln. Die Themenbereiche sind farblich voneinander abgesetzt und ermöglichen damit ein schnelles Auffinden bei gezieltem Nachschlagen. Die Erläuterungen unter den Hauptkapitelüberschriften sind knapp einführend mit ca. 1 bis 2 Seiten gestaltet.

In den Teil- und Unterkapiteln wird unterschiedlich ausführlich auf die Themenbereiche bzw. Fragestellungen und Forschungsbefunde eingegangen. In insgesamt 15 Kapiteln geht das Autorenkonvolut aus ihren Forschungsperspektiven auf folgende ausgewählte Themenbereiche der Psychologie ein:

  1. Psychologie als Wissenschaft,
  2. Forschungsmethodik,
  3. Biologie und Verhalten,
  4. Bewusstsein,
  5. Sinne und Wahrnehmung,
  6. Lernen,
  7. Gedächtnis,
  8. Denken, Sprache und Intelligenz,
  9. Entwicklung,
  10. Emotion und Motivation,
  11. Gesundheit und Wohlbefinden,
  12. Sozialpsychologie,
  13. Persönlichkeit,
  14. Psychische Störungen und
  15. Therapie psychischer Störungen.

Jedes Buchkapitel wird in den dazugehörigen Teil- und Unterkapiteln über offene Fragen strukturiert wie z.B. „Was motiviert Menschen?“ (10.3).

Begleitend zu den 15 Buchkapiteln bietet die Website des Beltz-Verlages umfangreiches Online-Material aus Kapitelzusammenfassungen, weiterführenden Links, digitalen Karteikarten und anderen Materialien, die in der Lehre bzw. zum Lernen der Kapitelinhalte eingesetzt werden können.

Jedes Teilkapitel schließt mit einer ein- bis zweiseitigen Zusammenfassung ab und bietet die Möglichkeit zu einer Lernerfolgskontrolle durch kurze Selbsttests (mit Antwortschema) vor dem Beginn des nächsten Teilkapitels. Die meisten Kapitel bieten einen Umfang von ca. 50 bis 60 Seiten. Lediglich das erste Kapitel zur „Psychologie als Wissenschaft“ erreicht mit inhaltlich 24 Seiten über zwei Teilkapitel nicht einmal die Hälfte der anderen Kapitel, erläutert jedoch in weiteren neun Seiten den biowissenschaftlichen Hintergrund des Buches.

Ausgewählte Inhalte

Das Einführungslehrbuch „Psychologie“ zeigt in den Kapitelüberschriften recht allgemeinverständlich gehaltene Sprache und Begrifflichkeiten, die sich wenig auf Fachbegriffe oder die Kategorisierung nach Grundlagen- und Anwendungsfächern der Psychologie beziehen. Dies überrascht bei einem Einführungslehrbuch, folgt jedoch offenkundig der Intention der Autor*innen, ein erstes „Kennenlernen des Faches“ (Backcover) zu ermöglichen, und es holt den ungeschulten Leser bzw. die ungeschulte Leserin bei offenen Fragestellungen innerhalb der einzelnen Kapitel ab. Die Fragestellungen werden sodann mit umfangreichem Grundlagenwissen in verständlicher Sprache beantwortet. In den dann differenzierenden weiteren Unterkapiteln werden Kernaussagen zur jeweiligen Thematik präsentiert, wie es am folgenden Beispiel dargestellt wird:

Beispiel Kapitel 3: Biologie und Verhalten

3.1 Wie funktioniert das Nervensystem?

  • 3.1.1 Das Nervensystem hat zwei Hauptabteilungen
  • 3.1.2 Neuronen sind auf Kommunikation spezialisiert
  • 3.1.3 Das Ruhemembranpotenzial ist elektrisch negativ
  • 3.1.4 Aktionspotenziale sorgen für neuronale Kommunikation
  • 3.1.5 Neurotransmitter binden an Rezeptoren auf der anderen Seite der Synapse
  • 3.1.6 Neurotransmitter beeinflussen mentale Aktivität und Verhalten

Durch diese Strukturierung wird die Leserschaft „von kulturellen und sozialen Kontexten zu Genen und Neuronen“ (S. 17) mittels Kernergebnissen bzw. aktuellen Forschungsbefunden der Psychologie aus bio- und neurowissenschaftlicher Perspektive und angrenzenden Nachbarwissenschaften geleitet.

Diskussion

Bereits im ersten Kapitel wird unter „Psychologie als Wissenschaft“ betont: „Die wissenschaftliche Psychologie lehrt kritisches Denken“ (S. 24 f.). Allerdings bleiben die erkenntnistheoretischen Bezüge innerhalb dieses Kapitels nicht nur ungenannt, sondern lassen auch die bisherigen, vor allem kritischen Ergebnisse der disziplinhistorischen Forschung zu Genese und Wissenschaftlichkeit der Psychologie außer Acht. Somit wird für die Leserschaft nicht deutlich, auf welchen erkenntnistheoretischen Hintergrund oder leitende Ideen das kritische Denken sich ausrichtet, denn es macht einen Unterschied, auf Basis welcher forschungsleitenden Idee kritisches Denken gefordert wird: Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Idee der Humanität für die Psychologie leitend. Sie wurde in der zweiten Dekade von der Idee der organischen Organisation abgelöst und führte zu Annahmen und Lehrgebäuden in der Psychologie, die das kritische Denken auf Fragen der Sittlichkeit im Umgang mit Menschen bzw. innerhalb der Forschung vernachlässigten, jedoch ein kritisches Denken im Sinne eines aus- und abgrenzenden Denkens beförderten, das politisch dienlich für den Nationalsozialismus und gegen jede Humanität einsetzbar wurde. Nach 1945 wurde keine Transparenz darüber erzeugt, doch verpflichteten die Aufarbeitungen der Verbrechen gegen die Menschlichkeit als auch internationale ethische Diskussionen in der Psychologie zu einer Rückbesinnung auf den Humanitätsgedanken in Forschung und Praxis der Psychologie.

Somit fehlen in diesem ersten Kapitel leider entsprechende Hinweise und Erläuterungen darauf, auch Nennungen der wissenschaftstheoretischen Paradigmen sowie kritische Hinweise auf Verfehlungen der Psychologie bei Paradigmenübernahmen (von der Biologie in die Psychologie) werden nicht genannt, obwohl daraus über Jahrzehnte lang ganze Lehrgebäude der Charakterologie, Typologie u.a. resultierten. Als Einführungslehrbuch sollten diese Grundlagen jedoch transparent und kritisch-orientierend geboten werden, um dem Ziel, zu kritischem Denken im Umgang mit (alltäglichen) Behauptungen in unterschiedlichen Medien befähigen zu wollen, nahe zu kommen. Zwar werden innerhalb des Buches als auch im Online-Format Hinweise auf Ethikkommissionen und Ethikrichtlinien gegeben. Inwieweit die Ethischen Richtlinien jedoch diversifiziert und explizit zu kritischem, menschenrechtsorientiertem Denken verpflichten, wird nicht detailliert erläutert. Um in eine Wissenschaft und ihre Seriosität einzuführen, bedürfte es hier einer umfangreicheren Darstellung und Auseinandersetzung.

Auch wäre für das gesamte Buch eine fachsprachliche Orientierung und fachlich angemessene Zuordnung der Themen zu Teildisziplinen innerhalb des Buches bzw. der einzelnen Kapitelbereiche wünschenswert: Wenn – wie in Kapitel 14 und 15 – von psychischen Störungen und ihrer Therapie geschrieben wird, bedarf es der Erläuterung der Zielsetzungen und des Gegenstandes der Klinischen Psychologie. Diese findet sich weder in Kapitel 14 oder 15, noch wird sie im Sachwortverzeichnis oder dem Glossar geführt, ebenso fehlt eine Nennung bzw. Darstellung der Allgemeinen Psychologie sowie der Biopsychologie und der Neuropsychologie. Gerade letzteres irritiert, da diese beiden Teildisziplinen die Hauptperspektive des Buches ausmachen. Als Grundlagen- bzw. Anwendungsfächer der Psychologie werden im Buch genannt: Die Differentielle Psychologie, die Entwicklungspsychologie, die Gesundheitspsychologie, die Kognitive Psychologie und die Sozialpsychologie.

Wenngleich das Buch durch seine Fülle an anglo-amerikanischen Forschungspublikationen besticht, weist es durch die terminologische Unklarheit und Unvollständigkeit in den (Teil-)Disziplinbezeichnungen jedoch Entbehrungen auf, die das beabsichtigte kritische (psychologische) Denken eher in Richtung einer Verfügbarkeitsheuristik drängen kann, da wichtige Forschungsbereiche und -ergebnisse der Psychologie ungenannt bleiben und die Leserschaft auf Basis der präsentierten Forschungslandschaft zur vorliegenden und damit nächstliegenden Auffassung von Psychologie gedrängt werden kann.

Fazit

Es gibt derzeit wohl kein deutschsprachiges Buch, das vergleichbar viele neuro- bzw. biowissenschaftliche Bezüge auf Basis des anglo-amerikanischen Forschungsstandes präsentiert. Unbestritten ist dieses als ein Alleinstellungsmerkmal des Buches „Psychologie“ von Gazzaniga, Heatherton und Halpern (2017) zu nennen und ist für jene in Lehre und Forschung interessant, die einen bio- oder neuropsychologischen Schwerpunkt verfolgen oder sich für den aktuellen Forschungsstand interessieren. Die Unschärfe, mit der das Autorenteam die Themenbereiche der Psychologie präsentiert, ohne sie den Teildisziplinen zuzuordnen bzw. nachvollziehbar von der Bio- und Neuropsychologie abzugrenzen, nimmt dem ansonsten durch Fülle und Umfang beeindruckenden Buch den befähigenden Überblick über die gesamte Psychologie und ihre Geschichte.


Rezensentin
PD Dr. Susanne Guski-Leinwand
Prof. a. D, Dipl.-Psych., FH Dortmund/Friedrich-Schiller-Universität Jena
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Zitiervorschlag
Susanne Guski-Leinwand. Rezension vom 05.02.2018 zu: Michael Gazzaniga, Todd Heatherton, Diane Halpern: Psychologie. Einführungslehrbuch. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. ISBN 978-3-621-28295-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23311.php, Datum des Zugriffs 26.05.2018.


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