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Johannes Traub, Tina In-Albon: Therapie-Tools Angststörungen im Kindes- und Jugendalter

Cover Johannes Traub, Tina In-Albon: Therapie-Tools Angststörungen im Kindes- und Jugendalter. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. 221 Seiten. ISBN 978-3-621-28371-7. 39,95 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Aus der Reihe „Therapie-Tools“ des Beltz-Verlages wurden hier bereits einige Veröffentlichungen rezensiert. Ziel dieser Reihe ist, das Arbeitsspektrum für Psychotherapeuten [1] zu erweitern. Die Bände enthalten jeweils Fragebögen, Übungen, Hausaufgaben und Arbeitsblätter für Klientin und Therapeut zu dem jeweiligen therapeutischen Ansatz oder einen bestimmten Setting. Alle Arbeitsblätter sind auch online zum Download verfügbar. Der inhaltliche Schwerpunkt dieser Veröffentlichung ist die Behandlung von Angststörungen im Kindes- und Jugendalter.

Autor und Autorin

Dipl.-Psych. Johannes Traub ist approbierter Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Geschäftsführer der Landauer Psychotherapie-Ambulanz für Kinder und Jugendliche und seit 2013 Dozent in universitären Ausbildungsprogrammen zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (IFKV, FU Berlin, Goethe Universität Frankfurt), für Weiterbildungen in Kindertagesstätten etc.

Prof. Dr. Tina In-Albon ist approbierte Psychologische Psychotherapeutin und Lehrstuhlinhaberin am Campus Landau der Universität Koblenz im Fachbereich Klinische Psychologie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters. Ihre Forschungsthemen sind Angststörungen, Nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten, Emotionsregulation und Prävention psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter, sowie Wirksamkeitsstudien und Prozessforschung von Psychotherapie.

Aufbau und Inhalt

Nach einem kurzen Vorwort und einer Einführung orientiert sich der Aufbau des Heftes im Wesentlichen am Ablauf einer Psychotherapie.

Kapitel 1: Diagnostik und Evaluation. Hier wird auf folgende Themen eingegangen:

  • Übergeordnete Ziele von Diagnostik (Beschreibung, Klassifikation, Erklärung, Prognose & Evaluation)
  • Erhebung primärer und komorbider Störungen
  • Somatische Differenzialdiagnostik
  • Dimensionale Diagnostik
  • Evaluation (Wirksamkeit von Therapie)

Hierzu werden zum einen störungsunspezifische und störungspezifische Testverfahren vorgestellt, zum anderen diverse selbst entwickelte Materialien (z.B. ein umfassender Anamnesebogen) geliefert.

Kapitel 2: Veränderungspotenzial, Motivklärung und Einverständnis in die Therapie. In diesem kurzen, für den Erfolg einer Behandlung jedoch eminent wichtigen Abschnitt werden entsprechende Vorgehensweisen erläutert, die einer prognostisch erfolgreichen Therapie den Weg ebnen. Die Materialien sind teilweise störungsspezifisch, teilweise allgemein gehalten.

Kapitel 3: Psychoedukation. „Das Ziel der Psychoedukation ist die Wissensvermittlung“ (S. 47). Folglich stellt diese einen zentralen Baustein jeder Psychotherapie dar. Insbesondere bei der Behandlung von Angststörungen, bei denen die Vermeidung von angstbesetzten Reizen ein Kernsymptom darstellt und die Konfrontation die (evidenzbasierte verhaltenstherapeutische) unerlässliche Intervention der Wahl darstellt, muss die behandelte Person unbedingt verstehen, warum sie etwas tun sollte, was sich „falsch“ anfühlt. Konkret werden hier diverse Merkblätter und Arbeitsmaterialien zu den unterschiedlichen Angststörungsbildern geliefert.

Kapitel 4: Ressourcenaktivierung. Ein Vorurteil gegenüber der Verhaltenstherapie ist häufig das zu Unrecht vorgebrachte Argument, dass diese vor allem problemorientiert vorgehe. In diesem Abschnitt wird vor allem das zielorientierte Arbeiten unter Zuhilfenahme von Ressourcen der Patientinnen dargestellt. Spätestens seit Klaus Grawe (2000) ist die Ressourcenaktivierung als wichtiger therapeutischer Wirkfaktor bekannt. Die hier vorgestellten Übungen beziehen sich auf die Arbeit mit den Patienten und deren Bezugspersonen.

Kapitel 5: Exposition zur Angstbewältigung. Wie bereits oben erwähnt stellt die Exposition – also die Konfrontation mit dem angstauslösenden Reiz – die zentrale Intervention im Rahmen einer (verhaltenstherapeutischen) Psychotherapie der Angststörung dar. Hier werden klassisch verhaltenstherapeutische Materialien wie z.B. das Erstellen einer Angsthierarchie, die Vorbereitung der Exposition und die Dokumentation der Ergebnisse bereitgestellt. Eine umfassende Darstellung der Durchführung einer Expositionsübung ist ebenfalls enthalten.

Kapitel 6: Kognitive Arbeit und Metakognitive Verfahren. Hier werden Arbeitsmaterialien vorgestellt, die über die klassisch rein verhaltenstherapeutische Vorgehensweise hinausgehen und Elemente der sogenannten zweiten und dritten Welle der Verhaltenstherapie – also Methoden kognitiver Umstrukturierung (sensu Ellis und Beck) und metakognitive Verfahren (nach Wells & Matthews) – beinhalten.

Kapitel 7: Emotionale Kompetenz. Dieses Kapitel „(…) befasst sich mit therapeutischen Strategien und Techniken, die den Patienten darin unterstützen, einen direkten Zugang zu den eigenen Emotionen zu bekommen und diese Emotionen dann adäquat zu regulieren“ (S. 144). Hier werden Übungen zur Gefühlswahrnehmung, und -benennung und zur Externalisierung geliefert.

Kapitel 8: Soziale Kompetenzen. Viele Angststörungen wurzeln entweder in mangelnden sozialen Kompetenzen der Patientinnen oder haben diese zur Folge, insofern sollte auch dies ein elementarer Baustein einer jeglichen Angsttherapie sein (vgl. Schmidt-Traub, Datum des Zugriffs 28.09.2017). Die hier vorgestellten Inhalte finden sich teilweise in anderer Form auch in entsprechenden Trainingsmanualen wieder (Hinsch & Pfingsten, 2015, Datum des Zugriffs 28.09.2017, dort jedoch für Erwachsene entwickelt).

Kapitel 9: Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen. Diese haben ein breites Anwendungsfeld im therapeutischen Setting. Die in der Verhaltenstherapie traditionell angewandten Entspannungsübungen werden mittlerweile zunehmend durch seitens der Klienten besser akzeptierte Achtsamkeitsübungen ersetzt. Entsprechend werden diese hier vornehmlich vorgestellt.

Kapitel 10: Elternberatung. Ein Spezifikum der Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter ist sicherlich die Arbeit mit dem Bezugssystem. Während bei der Arbeit mit Erwachsenen der Einbezug des persönlichen Umfelds sinnvoll, jedoch häufig nicht möglich ist, kann eine Psychotherapie von Kindern ohne Einbezug ihres direkten Umfelds nicht wirklich erfolgen. Die hier dargestellten Arbeitsmaterialien können selbstverständlich auch für die Arbeit mit anderen Bezugspersonen (z.B. Betreuern) genutzt werden.

Kapitel 11: Rückfallprophylaxe. Dieses Kapitel ist kurz aber wichtig. Da die Rückfallraten auch bei evidenzgesicherten Therapieverfahren wie der Verhaltenstherapie nicht gering sind, sollte eine entsprechende Planung auch für die Zeit nach der Behandlung rechtzeitig erfolgen.

Kapitel 12: Psychopharmakologie. Sollte eine kognitive Verhaltenstherapie (die bei Angststörungen Mittel der ersten Wahl ist) nicht ausreichen, kann gegebenenfalls eine medikamentöse Einstellung erfolgen. Im Kindes- und Jugendalter erfolgt diese stets „Off-Label“, d.h. mit Medikamenten, die nicht zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Angststörungen zugelassen sind (vor allem Antidepressiva/SSRI). Entsprechende Aufklärungsmaterialien werden hier geliefert, wobei darauf hingewiesen werden muss, dass Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten eine entsprechende Medikation nicht vornehmen können, sondern dies den Fachärzten vorbehalten ist, bei denen ebenfalls die Aufklärung erfolgen muss.

Diskussion

Wie alle Bände dieser Reihe liefert auch dieser einen unglaublichen Fundus an hilfreichen Arbeitsmaterialien. Besonders positiv hervorzuheben ist der Einbezug neuer Therapieformen, beispielsweise der Metakognitiven Therapie (nach Wells & Matthews). Auch die Therapeutischen Interventionen, die über reine Paper-Pencil-Arbeitsmaterialien hinausgehen, sind besonders hilfreich. Hier hätten es durchaus noch ein paar mehr sein können. Mein persönlicher Favorit ist hier die „Gedanken-Wurfmaschine“ auf den Seiten 134-135; wer wissen möchte, um was es sich dabei handelt, sollte sich das Buch zulegen. Wie alle Veröffentlichungen dieser Reihe handelt es sich bei diesem Buch weder um ein evaluiertes Manual, noch um ein Fachbuch, in dem der konkrete Ablauf einer entsprechenden Psychotherapie erläutert wird. Die Inhalte sollten also ausschließlich durch entsprechend ausgebildete Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten oder Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie angewendet werden. An diese richtet es sich folgerichtig auch. Eine besonders gute Ergänzung, in der das therapeutische Vorgehen beschrieben wird, ist der Leitfaden für die Behandlung von Angststörungen im Kindes- und Jugendalter von Sigrun Schmidt-Traub (2017), welcher kürzlich hier auf socialnet rezensiert wurde. In diesem wird praxisorientiert beschrieben wie eine entsprechende Therapie durchgeführt wird. Auch dort werden Materialien geliefert, welche durch die hier vorliegenden perfekt ergänzt werden können. Weitere ergänzende Materialien finden sich auch bei Petermann und Petermann (2013).

Fazit

Wie bei sämtlichen Bänden dieser Reihe wird auch hier das hohe Niveau aufrechterhalten. Viele Materialien sind nicht originär, in dieser Form jedoch noch nie zusammengeführt worden. Die neuen Interventionen liegen absolut am Puls der Zeit. Wenn eine entsprechende Ausbildung vorliegt, ist eine Anschaffung unbedingt empfehlenswert.


[1] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit werden im Text die männliche und weibliche Form wechselweise genutzt. Es sind immer beide Geschlechter gemeint.


Rezensent
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 19.12.2017 zu: Johannes Traub, Tina In-Albon: Therapie-Tools Angststörungen im Kindes- und Jugendalter. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. ISBN 978-3-621-28371-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23312.php, Datum des Zugriffs 16.07.2018.


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