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Stefan Hammel: Grüßen Sie Ihre Seele! Therapeutische Interventionen (...)

Cover Stefan Hammel: Grüßen Sie Ihre Seele! Therapeutische Interventionen in drei Sätzen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2017. 160 Seiten. ISBN 978-3-608-89187-4. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Der Verlag informiert auf seiner Homepage wie folgt über das Buch: „Häufig sind es gerade die kleinen Beobachtungen und die nebenbei geäußerten Sätze, die bei den Klienten etwas auslösen. Aufbauend auf dieser Erkenntnis stellt das Buch systematisch Kurzinterventionen zu verschiedenen Störungsbildern vor.“ Es handele sich um einen „kreativen Ansatz für alle psychotherapeutischen Schulen“ und eine „gut strukturierte Beispielsammlung für unterschiedliche Störungen“ (ebd.). Den theoretischen Hintergrund zu dieser Veröffentlichung liefert die systemisch-hypnotherapeutische Schule nach Milton Erickson.

Zielgruppen

AdressatInnen seien:

  • PsychotherapeutInnen aller Schulen
  • PsychotherapeutInnen in Ausbildung
  • HypnotherapeutInnen
  • Psychologische BeraterInnen
  • Coaches

Zudem eröffne das Buch die neue Reihe „kurz & wirksam“ des Verlags dessen Ziel sei, in kompakter Form die effektivsten Kurzinterventionen praxisnah und bündig vorzustellen.

Autor

Stefan Hammel ist ausgebildet als systemischer Therapeut und Hypnotherapeut; er ist Leiter des „Instituts für Hypnosystemische Beratung“ in Kaiserslautern (Pfalz) und Referent weiterer hypno- und systemtherapeutischer Ausbildungsinstitute in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Er ist zudem Autor des hypnosystemischen Blogs »HYPS« und Autor therapeutischer Medien.

Aufbau und Inhalt

Abgesehen von einer Einleitung und einem Anhang unterteilt der Autor sein Buch in zwei Abschnitte:

  1. Wie man die Seele grüßen kann
  2. Wann man die Seele grüßen kann

Zu 1.

Hier beschreibt Stefan Hammel auf gut 50 Seiten den theoretischen Hintergrund seiner Interventionen. Die von ihm erarbeiteten sogenannten „Aufträge an das Unbewusste“ fußten auf der systemisch-hypnotherapeutischen Schule nach Milton Erickson und stellten als „Form selbsthypnotischer Konditionierung“ eine Art Ultrakurzhypnose dar (S. 13). Das Vorgehen habe er in Jahren praktische Arbeit mit KlientInnen verfeinert. Man müsse diesen Grüßen „eine Bühne bauen“ – also einen therapeutisch angemessenen Kontext schaffen, der eine Art Erwartungshaltung bei den KlientInnen erzeuge. Der Aufbau positiver Erwartungen, offene Such- und Lernhaltungen und vor allem eine vertrauensvolle Beziehung zur therapierenden Person beschrieben den Rahmen, innerhalb dessen überraschende Interventionen ihre Wirksamkeit entfalten könnten. Zudem werde mit einer besonderen Sprache und vielen Metaphern gearbeitet. Des Weiteren geht der Autor auf nonverbale Kommunikationsformen ein. Abschließend erläutert er, wie die Wirkung dieser Interventionen getestet werden kann und wie TherapeutInnen diese auch für sich selbst nutzbar machen könnten.

Zu 2.

Im zweiten Teil des Buches wird nun die konkrete Umsetzung des Vorgehens anhand konkreter Beispiele erläutert. Grundsätzlich ist jeder Abschnitt gleich aufgebaut: Stefan Hammel erläutert zunächst jeweils die grundlegende Idee des Vorgehens im definierten Kontext, liefert dann Stichworte zur den Inhalten „T“ (Themen), „A“ („Adressaten“) und „B“ (Botschaft). Diese erläutern Folgendes:

  • Themen: In welchem therapeutischen Kontext ist ein solcher Gruß verwendbar (z.B. bei Depression oder Sucht)?
  • Adressaten: An wen richtet sich der Gruß (z.B. Seele, Gehirn)?
  • Botschaft: Was will der Gruß vermitteln?

Zu folgenden Themen liefert der Autor dann Beispiele:

  • Effektivität der Therapie
  • Trauma
  • Manie
  • Depression
  • Zwang, Tics, Stottern
  • Wahn und Psychose
  • Trauer
  • Selbstsicherheit und Sendungsbewusstsein
  • Auftritts- und Prüfungsangst
  • Schlaf
  • Essen, Sucht, Gewohnheit
  • Immunsystem
  • Muskulatur
  • Schmerz
  • Gehör
  • andere somatische Anliegen
  • Paar- und Familientherapie

Der Anhang umfasst ein Stichwortverzeichnis, ein alphabetisch sortiertes „Grüßeverzeichnis“ und die verwendete Literatur.

Diskussion

Systemisch-hypnotherapeutische Interventionen liefern einen wertvollen ergänzenden Beitrag zu den von den Krankenkassen anerkannten sogenannten „Richtlinienpsychotherapieverfahren“ – also der Psychoanalyse, der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie und der Verhaltenstherapie. Die systemische Therapie wurde mittlerweile umfassend beforscht, ihre Wirksamkeit gilt mittlerweile als nachgewiesen. Aktuell prüft der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) die Anerkennung der Systemischen Therapie als Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung bei Erwachsenen. Unabhängig davon stellt diese Veröffentlichung nicht die systemische Therapie als eigenständige therapeutische Schule dar, sondern vielmehr entsprechende Interventionen, die explizit laut Angaben des Autors auch in anderen Therapieschulen hilfreich sein können. Hierzu gab es bereits diverse andere Publikationen (z.B. deShazer 2016, Bamberger 2015, Kindl-Beilfuß 2015), die hier vorgestellten Interventionen sind eigenständig und neu. Das Buch liefert interessante ressourcenorientierte Kurzzeitinterventionen mit anschaulichen störungsspezifischen Beispielen. Als besonders interessant sind hier das Vorgehen bei Trauer (S. 97 ff.) und Prüfungsangst hervorzuheben (S. 105 ff.). So wird sich bei der Angst beispielsweise bedankt, dass diese auf einen aufpasse. Ein ähnliches Vorgehen wurde bereits durch die sogenannte „Acceptance & Commitment Therapy (ACT)“ (vgl. Louma 2012 & Wengenroth 2017) adaptiert. Besonders unterhaltsam ist der Umgang mit somatischen Erkrankungen, bei denen beispielsweise die Klientin „Ruth“ ihren Bakterien androht, dass diese doch bitte aufpassen sollten, sich nicht mit „Ruth“ anzustecken (S. 119).

Kritisch hinterfragt werden muss hingegen die Darstellung einiger der Krankheitskonzepte. So interpretiert Stefan Hammel Psychosen beispielsweise als „Reaktion auf traumatische Belastungen“, da die Betroffenen „vor der Gewalt von Familienmitgliedern in eine andere Welt entfliehen mussten, ohne der Bedrohung räumlich entkommen zu können“ (S. 88). Dies trifft in der hier beschriebenen Form allenfalls auf dissoziative Störungsbilder zu, die häufig bei posttraumatischen Belastungsstörungen auftreten, nicht aber für die Schizophrenie. Hier gilt leitlinienentsprechend immer noch als ätiopathogenetisches Grundkonzept das sogenannte „Vulnerabilitäts-Stress-Coping-Modell“, nachdem schizophrene Erkrankungen auf einer (biologisch) vererbten Veranlagung basieren, die durch akute Belastungen ausgelöst werden (vgl. auch Schmidt & Poustka 2007). Diese akuten Belastungen können selbstverständlich traumatische Erfahrungen sein, müssen es jedoch nicht. Zudem könnte der Begriff „Flucht“ implizieren, dass die betroffene Person im Vergleich zu „Stärkeren“ nicht in der Lage ist, sich der Belastung zu stellen. Dies mag schon eine sehr kleinliche Kritik darstellen, ist jedoch gerade bei hypnosystemischen Interventionen, die gerade durch die Macht sprachlicher Interventionen starke Effekte hervorrufen will, aus meiner Sicht ein relevanter Einwand. Ähnlich fragwürdig interpretiert der Autor Allergien als „Abwehr äußerlicher Gefahren“ (S. 117) – eine ätiologische Herleitung, die eher an analytische Konzepte erinnert und in keiner Weise durch aktuelle medizinische Befunde gestützt wird.

Insgesamt ist das hier beschriebene Vorgehen nicht evidenzbasiert – das heißt, der Autor liefert keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass es tatsächlich funktioniert. Die geschilderten Fallbeispiele sind teilweise durchaus beeindruckend, manchmal jedoch auch eher belanglos. Da ich kein ausgebildeter Hypnotherapeut bin, kann ich nicht beurteilen, inwiefern diese Veröffentlichung für diese viel Neues bietet. Für alle anderen psychotherapeutisch Geschulten bietet dieses kleine Heft nette Anregungen zur Erweiterung des eigenen therapeutischen Repertoires. Ohne entsprechende Vorbildung sollte mit diesen Interventionen eher vorsichtig umgegangen werden.

Fazit

Die hier vorgestellten hypnotherapeutischen Kurzzeitinterventionen sind zum Teil lustig, gelegentlich hilfreich, allerdings manchmal auch fragwürdig formuliert. Sie liefern eine nette Anregung zur Erweiterung des eigenen psychotherapeutischen Repertoires, die vor allem in schwierigen Momenten in der Psychotherapie Anwendung finden könnten. Nicht mehr und nicht weniger. Eine leitlinienbasierte Therapie in einem Richtlinienpsychotherapieverfahren ersetzen sie nicht.


Rezensent
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 18.11.2017 zu: Stefan Hammel: Grüßen Sie Ihre Seele! Therapeutische Interventionen in drei Sätzen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-608-89187-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23316.php, Datum des Zugriffs 23.04.2018.


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