Marianne Gäng, Dennis C. Turner (Hrsg.): Mit Tieren leben im Alter
Rezensiert von Gerd Schneider, 26.07.2005
Marianne Gäng, Dennis C. Turner (Hrsg.): Mit Tieren leben im Alter. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2005. 2., erweiterte Auflage. 201 Seiten. ISBN 978-3-497-01757-7. D: 19,90 EUR, A: 16,90 EUR, CH: 34,90 sFr.
Reinhardts Gerontologische Reihe, Band 4.
Hintergrund
Mit Demenzkranken und Alzheimerpatienten funktioniert die zwischenmenschliche Kommunikation nicht mehr in gewohntem und "normalem" Maße. Es gibt für Familienangehörige und professionell Pflegende oft keinen Zugang mehr zu den in ihrer eigenen Welt versunkenen Kranken. Die Erfahrung zeigt, dass sich Tiere hier in ganz besonderem Maße als therapeutische Unterstützung, sozusagen als kommunikative Brücken eignen können. Untersuchungen insbesondere in England und Frankreich zeigen seit etwa zwei Jahrzehnten positive Effekte in der "tiergestützten" Behandlungsmethodik. Auch in Deutschland ist inzwischen erkannt worden, dass Tiere Zugänge zu diesen Kranken finden, die den Menschen oft verborgen bleiben. Das war vor zwölf Jahren, als die erste Auflage des hier vorgestellten Buches erschien, noch lange nicht der Fall. Marianne Gäng, eine der Autorinnen und Herausgeberinnen stellt im Vorwort zur zweiten Auflage fest, dass sich die Akzeptanz gegenüber von Tieren im Heimbereich inzwischen erfreulicherweise gesteigert habe. Zwei große Abschnitte mit zehn bzw. zwölf Aufsätzen von Gäng und Turner sowie von Ärzten, Psychologen und weiteren Experten strukturieren das Buch. Ein Anhang schließt sich an.
Autorin und Autor
- Marianne Gäng ist Dipl. Sozialpädagogin, Heilpädagogin, Mitbegründerin der "Schweizer Vereinigung für Heilpädagogisches Reiten" sowie Gründer der "Schweizer Gruppe für Therapeutisches Reiten".
- Dr. Dennis C. Turner ist Direktor des Instituts für angewandte Ethologie (Verhaltensforschung) und Tierpsychologie, Hirzel/Schweiz, Dozent für Heimtierethologie and er Universität Zürich und ständiger Gastprofessor für tiergestützte Therapie an der Azabu Universität Japan.
Teil I Wissenswertes über Tierhaltung
"Wissenswertes über Tierhaltung" heißt, vielleicht nicht ganz den Umfang der hier dargestellten Überlegungen und Informationen treffend, der erste Teil. Denn es geht auch um viel Grundsätzliches und Allgemeines bei der Frage, wie wichtig Tiere als Stütze im Alter sein können. Jeder Hundehalter weiß ja, worauf Marianne Gäng gleich eingangs hinweist, dass der Kontakt Mensch-Tier in der Regel unkompliziert und freundschaftlich und selten vorbelastet ist. Und für jemanden, der sein Leben lang Kontakt zu Tieren hatte, gibt es keinen plausiblen Grund, weshalb er im letzten Lebensabschnitt diese Beziehung nicht weiter pflegen sollte. Insbesondere beim Umzug in ein Heim, weg von der gewohnten Umgebung und oft ein sehr kritischer Schritt, ist, wie die Erfahrungen zeigen, die Mitnahme des geliebten Tieres für den Betroffenen oft der einzige Trost. Insofern ist die "Bedeutung von Haustieren für das seelische Erleben von älteren Menschen", wie ein Kapitel des Abschnittes überschrieben ist, ein nicht zu unterschätzender Faktor.
Die mit dem Tier verbundenen Verantwortungen und Pflichten wirken meist stabilisierend und Tiere beeinflussen das soziale Verhalten und die sozialen Kontakte positiv. In diesem Sinne wird eine Reihe positiver Punkte für die Haltung von Tieren in Heimen und ihren therapeutischen Einsatz aufgeführt. Das führt natürlich zu oft gehörten Einwänden: "Gibt es Krankheiten, die vom Haustier auf den Menschen übertragen werden können?" Ein Tierarzt geht in seinem Beitrag darauf ein. Seine Antwort lautet: "Es ist der Wissenschaft eine Reihe solcher Krankheiten bekannt, doch im Alltag ist es sehr selten, dass jemand durch sein Haustier angesteckt wird". Eine Reihe von Vorbeugemaßnahmen und Regeln werden gegeben und insgesamt scheint die Gefahr tatsächlich gering. Die positiven Aspekte überwiegen. Ein Arzt bestätigt es in seinem Aufsatz "Der Arzt, der Kranke und das Haustier", in dem er die Wirkungen auf kranke und alte Menschen bei Hausbesuchen schildert, auf denen ihn sein Hund begleitet.
Im Kapitel "Das Haustier im Altenheim" wird noch einmal darauf hingewiesen, wie sehr sich die Akzeptanz von Tieren von Heimbewohnern und Pflegepersonal in den letzten Jahrzehnten geändert hat. Das Risiko bei angemessener Haltung und Pflege der Tiere ist gering und unlösbare organisatorische Konflikte ergeben sich nach Meinung der Autoren nicht. Diese veränderte Grundstimmung in dem Heimen wird durch jahrelange Studien des psychologischen Instituts in Erlagen untermauert. Folgerichtig werden eine Fülle von Tipps gegeben über die Tierhaltung im Altenheim, Einrichtung und Pflege eines eigenen kleinen Tierparks im Altenheim, über ein Mensch-Tier-Begegnungshaus, wie es ausgestaltet werden muss für die artgerechte Haltung.
Nicht unwichtige Rechtsfragen bei der Tierhaltung im Heimen werden in weiteren Beiträgen dargestellt. Diejenigen, die eine Tierhaltung in Altenheimen erwägen, brauchen sich nicht einem unerfüllbaren Paragraphenwirrwarr gegenübersehen. Als rechtliche problematisch braucht die Tierhaltung nicht angesehen zu werden, wie ein Überblick über das deutsche, schweizerische und österreichische Recht zu Fragen der Tierhaltung zeigt. Auch im europäischen Recht spielt insbesondere im Heimtierbereich der Europarat eine wichtige Rolle, der die große Bedeutung des Heimtieres für den Menschen in einem Übereinkommen seiner Mitgliedsstaaten zum Ausdruck brachte.
Teil II Die Tiere in praktischen Beispielen
"Die Tiere in praktische Beispielen" werden im zweiten Abschnitt vorgestellt. Welche Tiere eignen sich am besten als Begleitung von Heimbewohnern? Wie müssen sie gehalten werden, auf was ist zu achten? Fragen der artgerechten Haltungsformen und Verantwortlichkeiten etwa bei Hunden, Katzen, aber auch Kaninchen, Pferden, Eseln, Schafen, Ziegen, Hühnern oder bei Ziervögeln werden erörtert und praktische Ratschläge gegeben. Aus Erfahrungen (Tagebücher, Gespräche) von Heimbewohner wird zitiert und alle zeigen nur eines: Wie gut, dass Tiere in unserer Nähe sind. Ausdrücklich wird in dem Buch die Haltung von Exoten und einheimischen Wildtieren abgelehnt.
Anhang
Im Anhang finden sich
- die Deklaration und die Richtlinien der IAHAIO, der "International Association of Human-Animal Interaction Organizations", des weltweiten Dachverbands aller Organisationen, die sich mit der Erforschung der Mensch-Tier-Beziehungen und den damit verbundenen Konsequenzen für Gesundheit und Wohlbefinden befassen.
- Ausbildungsadressen zum Thema tiergestützte Therapie
- Adressen von Beratungs- und Kontaktstellen
Fazit
Vor einiger Zeit lief in einem Regionalmagazin ein Beitrag über Hundebesitzer, die mit ihren Tieren regelmäßig ins Altenheim gehen, weil sie erkannt hatten, wie glücklich der Kontakt mit den Hunden die Bewohner machte. Warum, so wurde in dem Beitrag gefragt, kommt man bei uns nicht öfters auf so einfache und vor allem kostenfreie Ideen? Eine Umfrage in Altenheimen in Rheinland-Pfalz aus dem Jahre 1999 ergab, dass in nur knapp zehn Prozent das Mitbringen von Hunden erlaubt war. Bis heute, so Erfahrungen im privaten Bereichen des Rezensenten (Hundefreund) ist die Akzeptanz von Tieren von Altenheim zu Altenheim sehr verschieden, wenn es auch insgesamt gesehen eine deutliche Besserung in den letzten zehn, fünfzehn Jahren gegeben hat. Eine genaue Statistik ist nicht bekannt, doch das hier vorliegende Buch wird vielleicht dazu beitragen können, diese Akzeptanz zu steigern. Es enthält eine Fülle von Informationen zum Thema und gibt viele konkrete Ratschläge. Man hätte sich noch mehr ausführlich beschreibende Beispiele gewünscht über die Mitnahme von Tieren in Altenheime (nicht ganz so betulich, wie es hier der Fall ist). Ein guter Ratgeber für alle Fachkräfte ist die Publikation sicher, auch Leser, die aus privaten oder welchen Gründen auch immer mit dem Thema "Tiere im Alter" zu tun haben, werden sich hier Anregungen holen können.
Rezension von
Gerd Schneider
Schriftsteller, Drehbuchautor
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