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Anja Weiß: Soziologie globaler Ungleichheiten

Cover Anja Weiß: Soziologie globaler Ungleichheiten. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2017. 374 Seiten. ISBN 978-3-518-29820-6. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR, CH: 23,50 sFr.

Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 2220.
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Thema

Die leitende Frage der Autorin lautet: „Wie kann die Ungleichheitsforschung über die Grenzen des Nationalstaats hinausdenken?“ (49) Ungleichheit wird innerhalb des Nationalstaats, dem bisherigen Rahmen der Ungleichheitsforschung, eindimensional und in einer quasi hierarchischen Anordnung gedacht. Nicht allein Migration sprengt aber diesen Rahmen.

Entstehungshintergrund

Die Idee zu dem Buch verdankt die Verf., wie sie erklärt, ihrer Beteiligung an dem SFB „Reflexive Modernisierung“ (322). Konkretisiert hat sich das Vorhaben aber anscheinend während eines Projekts der Studiengruppe „Kulturelles Kapital in der Migration“, die den Übergang von Migrant*innen mit akademischem Abschluss in die Arbeitsmärkte von Zielländern wie Deutschland und Kanada untersucht hat (304). Wer diesen Arbeitszusammenhang berücksichtigt, findet eher Zugang zu den Ausführungen.

Autorin

Anja Weiß ist Professorin für Makrosoziologie und transnationale Prozesse an der Universität Duisburg-Essen. Sie befasst sich seit über eineinhalb Jahrzehnten mit der symbolischen Dimension sozialer Ungleichheit und mit Rassismus (Weiß 2001).

Aufbau und Inhalt

Erklärtes Ziel der Studie ist „ein Modell für die Beschreibung und empirische Analyse globaler Ungleichheiten“ (13), wobei die Formulierung im Plural Beachtung verdient. Die Verf. geht davon aus, „dass die Welt, in der wir leben, als Ensemble ganz verschiedener Kontexte angesehen werden muss“ (317). Als „Kontexte“ sind zu verstehen Staaten, Institutionen, Organisationen, symbolische Ordnungen/ Herrschaftssysteme etc. Der bisherige Fokus auf den Nationalstaat habe in der Forschung zu einer „Engführung auf Klasse“ oder soziale Schicht geführt (11). Aber: „Die Welt ist ein Flickenteppich von Kontexten“ (15). So erklärt sich für die Verf. „eine mehrdimensionale Struktur von ‚Klassen an sich‘“ (48). Weiterhin nimmt sie an, „dass sich Dimensionen sozialer Ungleichheit je nach Kontext verstärken, überschneiden oder auch abschwächen“ (30). Fehlende Staatsbürgerschaft bspw. beeinträchtigt die Chancen in vielen Bereichen.

Grundlegend für das theoretische Modell ist das Zusammenwirken von persönlichen Ressourcen und Kontexten. Die These: „Der Wert der Ressourcen, die über die Lebenschancen von Menschen entscheiden, ist nie eindeutig, sondern er entsteht im Wechselspiel zwischen Ressourcen und den Kontexten, in denen sie produziert und eingesetzt werden“ (14).

In ihrer Studie unterscheidet die Autorin drei Theorietraditionen, „die ungleichheitsrelevante Relationen zwischen Personen und Kontexten als territorial gebundene, als sozial differenzierte (die Systemtheorie von Luhmann, G.A.) oder politisch umkämpfte Relationen“ (Wallerstein u. Bourdieu) denken (17) und damit unterschiedliche für Ungleichheit relevante Aspekte und Kontexte berücksichtigen oder ausblenden. Dieser Ausgangspunkt bestimmt ihre Vorgehensweise, um durch den Vergleich „die Vorteile, aber auch die Verkürzungen der jeweiligen Perspektive“ sichtbar zu machen (ebd.).

Das Buch ist nach der Einleitung in drei Teile und neun Kapitel gegliedert.

Im ersten Teil „Das Problem“ werden Erklärungen für Ungleichheit und Annäherungen an deren Mehrdimensionalität besprochen. Außerdem sichtet die Verf. unter „Ungleichheit und Globalisierung“ unter anderem ländervergleichende Forschung und Migrationsforschung.

Im zweiten Teil „Die These“ werden die Grundannahmen der Autorin präzisiert. Der These folgend, dass nicht allein die Ausstattung mit Ressourcen, sondern deren Verhältnis zu „einer Mehrzahl ungleichheitsrelevanter Kontexte“ (124) über Lebenschancen entscheidet, wird zunächst „sozial-räumliche Autonomie“ erläutert (4.1), verstanden als die Chance, „den Kontext auf Wunsch wechseln zu können“ (129). Im zweiten Schritt (4.2) soll verdeutlicht werden, dass die bisherigen Modelle von Sozialstruktur nicht obsolet sind, aber nur für Wohlfahrtsstaaten und damit den kleineren Teil der Weltbevölkerung aufschlussreich sind. Für globale Forschung über Ungleichheit wird „sozial-räumliche Autonomie“ zentral (4.3).

Im dritten Teil werden kapitelweise „Die drei Kontextrelationen“ gemäß den drei Theorietraditionen geprüft und am Schluss wieder „zusammengeführt“ (292); denn: „Die drei Kontextrelationen greifen ineinander“ (293 f.). Gegenstand von Kapitel 5 sind „territorial gebundene Kontexte“, Gegenstand von Kapitel 6 „sozial differenzierte Kontexte“, die sich, wenn man Luhmann folgt, unabhängig von territorialen Grenzen aus der funktionalen Differenzierung ergeben. Damit kontrastieren Theorien, die, wie die Weltsystemtheorie von Wallerstein oder die Soziologie von Bourdieu, auf „politische Kämpfe um Anschlusschancen“ verweisen (Kapitel 7). All diese Theorien haben für Weiß eine partielle Berechtigung, und sei es nur, dass sie blinde Flecken verdeutlichen. Im vorletzten Kapitel (8.3.2) skizziert sie „Taxonomien sozial-räumlicher Autonomie“, indem sie an Beispielen das Ineinander von Kontextrelationen verständlich macht. Das Buch endet im 9. Kapitel mit einer methodologischen Schlussfolgerung: Wegen der Mehrdimensionalität von Ungleichheit „wird eine kontextsensible Ungleichheitsforschung auch mit Hilfe inter- und transnationaler Fallvergleiche und mehrdimensionaler Typologien forschen müssen“ (320). Statistische Erhebungen allein gäben ein verzerrtes Bild.

Diskussion

Das Erkenntnisinteresse der Autorin erschließt sich einem erst nach vielen Seiten intensiver Lektüre. Erschwert wird das Verständnis durch den hohen Grad der Abstraktion. Wenn einem aber klar geworden ist, was mit dem Zentralbegriff „Kontexte“ gemeint ist, ist die Hürde genommen. Dabei helfen die eingestreuten Falldarstellungen, mit denen die Autorin ihre theoretischen Erwägungen illustriert. Die Art, wie sie verschiedene Theorien auf ihren Ertrag für die Untersuchungsfrage abklopft, erscheint unkonventionell. Sie scheut den Vorwurf des Eklektizismus nicht (S. 140). Das Modell, das Ziel der theoretischen Arbeit war, ist freilich nicht nur deren Ergebnis, sondern auch Ausgangspunkt; denn die Multidimensionalität von Ungleichheit ist der Autorin offenbar in ihrer Forschungspraxis klar geworden.

Fazit

Ein interessantes Buch, das einige Anstrengung verlangt, aber Anstöße zum Weiterdenken liefert. Der Adressatenkreis beschränkt sich auf Sozialwissenschaftler*innen, was schon am Ziel der Studie deutlich wird.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 26.10.2017 zu: Anja Weiß: Soziologie globaler Ungleichheiten. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2017. ISBN 978-3-518-29820-6. Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 2220. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23320.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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