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Katja Nowacki, Silke Remiorz: Bindung bei Pflegekindern

Cover Katja Nowacki, Silke Remiorz: Bindung bei Pflegekindern. Bedeutung, Entwicklung und Förderung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. 240 Seiten. ISBN 978-3-17-030858-9. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR.
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Autorinnen

Katja Nowacki, Dr. phil., Psychologin und Sozialpädagogin, ist Professorin für Psychologie an der FH Dortmund.

Silke Remiorz, Sozialwissenschaftlerin und Sozialarbeiterin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FH Dortmund.

Aufbau

Das Buch besteht aus sechs Teilen, die jeweils weiter untergliedert sind. Der letzte Teil (Kapitel 6) ist ein Fazit aus dem vorherigen und enthält Ableitungen für die Sozialpolitik und die Praxis der Pflegekinderhilfe.

Ein ausführliches Vorwort beschreibt das Vorhaben dieses Buches und skizziert die Inhalte der sechs Teile.

Kapitel 1 beschreibt das Pflegekinderwesen, beginnend in Deutschland mit sozialpolitischen Entwicklungslinien und der heute gültigen Rechtsgrundlage. Weiter geht es um Pflegeeltern und Pflegeverhältnisse, wozu viele Studien herangezogen werden, auch aus dem angelsächsischen und amerikanischen Raum. Das Kapitel endet mit Exkursen zum Pflegekinderwesen in England, USA und Rumänien. Rumänien ist deshalb angeführt, weil viele Kinder nach Beendigung des Ceausescu-Regimes international adoptiert wurden, die bis dahin in großen, staatlichen Institutionen aufwuchsen. In internationalen Studien wurde untersucht, wie sich das auf das Bindungsvorhaben der Kinder auswirkt.

Kapitel 2 umfasst die diversen Vorerfahrungen von Pflegekindern, also die Sozialisationserfahrungen und Traumata, die letztendlich der Anlass für die Unterbringung in Pflegefamilien sind. Das beginnt bei Kindern psychisch kranker Eltern, geht über schwierige sozioökonomische Lebensbedingungen weiter zu traumatisierten Erfahrungen. Hier sind besonders körperliche und emotionale Misshandlungen zu nennen, sexueller Missbrauch und alle Formen von Vernachlässigung. Auch in außerfamiliärer Betreuung kann es zu traumatischen Erfahrungen kommen (Kapitel 2.3). Trauma und Traumafolgestörungen sind Inhalt des nächsten Abschnittes, welche Teil oder Grund für den Abbruch eines Pflegeverhältnisses sein können.

Das 3. Kapitel beinhaltet theoretische Grundlagen und Diagnostik von Bindung. Es ist das umfangreichste Kapitel (40 Seiten), was angesichts der Themenstellung des Buches auch notwendig ist. Ausgehend von den Grundlagen von Bowlby (Klaus E. Grossmann/ Karin Grossmann (Hrsg.): Bindung und menschliche Entwicklung, vgl. die Rezension) und Ainsworth wird Bindung erläutert und die Exploration dargestellt. Die Qualität von Bindung lässt sich mit unterschiedlichen Testverfahren erfassen, die kurz beschrieben werden. Damit werden auch die verschiedenen Bindungsmuster und -störungen beschrieben.

Kapitel 4 muss in Zusammenhang mit dem vorherigen gesehen werden, denn es baut darauf auf und hat Bindung und Bindungsstörungssymptome von Pflegekindern zum Inhalt. Dieses wird sehr differenziert unter Heranziehung diverser Studien dargestellt. Wenig überraschend ist die Erkenntnis, dass eine Pflegefamilie mit hoher Sensivität noch viel zu einem gelingenden Aufwachsen beitragen kann, wobei die traumatischen Erfahrungen biographisch prägend bleiben.

Kapitel 5 beschreibt verschiedene Programme, die als Intervention in Familie eingesetzt werden können. Die meisten Programme entstammen einem englischsprachigen Kontext und richten sich generell an Familien, sind damit nicht auf Pflegeverhältnisse und deren besondere Bedingungen spezialisiert. Ein spezifisches Interventionskonzept ist das „Attachment and Niobehavional Catch-up-ABC“ aus Delaware, was wegen seiner besonderen Bedeutung ausführlich beschrieben wird. Neben der Frage von Bindungsstörungen geht es auch um Problemverhalten des Pflegekindes.

Das letzte und 6.Kapitel geht auf die Sozialpolitik und Praxis der Pflegekinderhilfe ein, wobei es im ersten Teil um drei Fragen geht:

  1. Wie gut ist die Fremdunterbringung in Pflegeverhältnissen in Vergleich zum Heim?
  2. Soll es nur Fremdunterbringungen in Betreuungssettings geben, in denen es (eine) konstante Ansprechperson gibt?
  3. Sollen alle Pflegefamilien an Interventionsprogrammen teilnehmen?

Im zweiten Teil geht es um die Praxis der Vermittlung, wobei es im Wesentlichen darauf ankommt, für und mit dem Kind eine klare langfristige Perspektive und damit die Voraussetzung für den Aufbau sicherer Bindung zu entwickeln.

Diskussion

Das Buch ist ohne Frage eine Fleißarbeit, denn es werden alle möglichen (aktuellen) Studien zum jeweiligen Kapitel herangezogen und entweder diskutiert oder als Beleg für die eigene These verwendet. Durch eingestreute Beispiele sollen die erläuterten Zusammenhänge illustriert werden. Kurze Leitfragen zu Beginn der Kapitel geben einen Überblick und Zusammenfassung und Überleitung am Ende von Kapiteln stellen gut die Zusammenhänge her.

Was einerseits der Vorzug des Buches ist, nämlich die Heranziehung diverser Studien für einen breiten Überblick, gerät auf der anderen Seite zum Manko, denn so bleiben viele Ausführungen verkürzt bzw. oberflächlich. Die Ausführungen zu Trauma und deren Folgen (Kapitel 2.2-2.4) sind viel zu kurz und die Auswirkungen von Trauma auf Pflegeverhältnisse (als möglicherweise unsichtbarer Faktor) und vor allen Dingen auf das Erwachsenenalter sind kaum berücksichtigt. Dabei ist gerade hier eine hohe Sensitivität (Professionalität?) von Pflegeeltern gefordert, das nicht sichtbare und dessen Auswirkungen auszuhalten und nicht das Pflegeverhältnis aufzugeben. Insbesondere Kinder und Jugendliche aus Fremdenunterbringungen benötigen über das 18. Lebensjahr hinaus noch häufig Unterstützung (durch die Jugendhilfe), nicht weil die Fremdenunterbringung sie so schlecht auf die Selbstständigkeit vorbereitet hat, sondern weil sie mit erheblichen biographischen Belastungen (Trauma) in ihr Leben starten (Care Leaver, vgl. S. 182).

Merkwürdigerweise wird Suchtproblematik (Sucht taucht als Stichwort auch nicht im Register auf) in der Herkunftsfamilie nicht als Indikation für eine Fremdenunterbringung erwähnt, was bei der erheblichen Zunahme von FAS-Kindern verwundert. Die Klassifizierung von Trauma (S. 60 ff.) bzw. Bindungsstörung (S. 92 f.) noch ICD bzw. DSM ist klinisch richtig, führt aber inhaltlich zu keinen besonderen Erkenntnissen.

Die Autorinnen bedanken sich im Vorwort (S. 11/12) bei Pflegekindern und Pflegeeltern, die an Forschungsprojekten von ihnen teilgenommen haben, was im Buch (leider) nicht weiter aufgegriffen wird.

Da dieses Buch so breit diverse (internationale) Studien umfassend referiert, wäre ein Blick auf die heimische Landschaft lohnenswert, denn die Forschungsgruppe Pflegekinderwesen an der Universität Siegen hat da auch einiges vorzuweisen (z.B. Klaus Wolf: Sozialpädagogische Pflegekinderforschung [vgl. die Rezension] oder Daniela Reimer: Normalitätskonstruktion [vgl. die Rezension]). Warum diese oder weitere Arbeiten unberücksichtigt bleiben, erschließt sich nicht.

Fazit

Aufgrund der vielen erwähnten Studien ist das Buch sehr deskriptiv und hat eine eher „sozialwissenschaftliche Sprache“, die hier ungeübte Leser eher abschreckt. Insofern darf bezweifelt werden, ob die breite Zielgruppe (Mitarbeiter von Pflegekinderdiensten, Pflegefamilien, Sozialarbeiter, Studierende, Familiengutachter, Familienrichter und auch ehemalige Pflegekinder) auch erreicht wird. Die formulierten Erkenntnisse sind nicht neu, erfahren in diesem Buch aber eine systematische Zusammenstellung mit dem Preis teilweise fehlender (notwendiger) Vertiefung.


Rezensent
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 30.01.2018 zu: Katja Nowacki, Silke Remiorz: Bindung bei Pflegekindern. Bedeutung, Entwicklung und Förderung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-030858-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23321.php, Datum des Zugriffs 20.08.2018.


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