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Miriam Fritsche, Maren Schreier: (...) Orientierungshilfe für die Unterstützung geflüchteter Menschen

Cover Miriam Fritsche, Maren Schreier: „... und es kommen Menschen!“. Eine Orientierungshilfe für die Unterstützung geflüchteter Menschen. Bundeszentrale für politische Bildung (Bonn) 2017. 222 Seiten. ISBN 978-3-7425-0102-8. 1,50 EUR.

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Thema

Im Vergleich zu 2015 kommen mittlerweile zwar erheblich weniger Geflüchtete nach Deutschland, ein aufgeladenes und politisches Thema ist diese Zuwanderung trotzdem und immer noch, nicht nur im Rahmen von Gesprächen zum Zwecke der Regierungsbildung auf Bundesebene, sondern auch und insbesondere am sogenannten Stammtisch überall im Land. Im Gegensatz zu 2015 dominiert allerdings nicht mehr eine unerwartet offene und bereitwillige „Willkommenskultur“, auch die als Parole ausgegebene Überzeugung „Wir schaffen das“ wurde heftig und kontrovers diskutiert und ist längst einem Unwohlsein gewichen, das sich angesichts konservativ-patriotischer, nationalistischer und rassistischer Überzeugungen ausbreitet, die nicht mehr nur auf der Straße unverhohlen und selbstsicher vorgebracht werden, sondern die nunmehr auch, demokratisch legitimiert, in Parlamenten auf Bundes- und Bundesländerebene einen Ort haben. Es muss daher nüchtern festgestellt werden, dass die Gesellschaft in Hinblick auf Geflüchtete gespalten ist. Gleichzeitig kommen nach wie vor geflüchtete Menschen nach Deutschland und diejenigen, die bereits hier sind, bedürfen weiterhin der Unterstützung, nicht zuletzt durch freiwillig Engagierte, ehrenamtlich Tätige. Diesbezüglich ist der Untertitel des Buches Programm: Es ist an diejenigen adressiert, die geflüchteten Menschen helfen wollen oder sich das prinzipiell vorstellen können, aber nicht genauer wissen, wie das aussehen kann und an wen sie sich wenden können.

Autorinnen

Dr. Miriam Fritsche ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Kompetenz-Zentrum Pflegekinder e.V. und Lehrbeauftragte am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Fulda.

Maren Schreier ist Dozentin am Fachbereich Soziale Arbeit der FHS St. Gallen. Beide Autorinnen sind Mitglied des Vorstands im Bremer Institut für Soziale Arbeit und Entwicklung e.V., das Weiterbildungsangebote organisiert und Praxisforschung betreibt.

Aufbau

Nach einer ausführlichen Einleitung, in der auch grundsätzliche Positionen erörtert werden, folgen vier inhaltliche Kapitel. Am Schluss ist ein Verzeichnis der verwendeten Quellen zu finden, über die hinaus im Rahmen der einzelnen Kapitel noch zahlreiche Internetadressen angegeben werden, sodass insgesamt ein reichhaltiger Fundus einschlägigen, aktuellen und nützlichen Materials zusammengestellt und angeboten wird. Zudem sind in den Kapiteln 2, 3 und 5 respektive jeweiligen Unterkapiteln mit „Weiterlesen und Vertiefen“ überschriebene Serviceteile enthalten, in denen dezidiert passende Möglichkeiten präsentiert und erläutert werden. Überhaupt ist das Buch recht aufwändig gestaltet und damit ebenso anwendungsorientiert wie lesefreundlich: Überschriften sind blau abgesetzt, hervorgehobene Abschnitte sind in Textkästen mit koloriertem Rand untergebracht oder auf farbigem Hintergrund unmissverständlich als solche zu erkennen.

Dass der Text inhaltlich prall gefüllt ist, lässt sich auch an den zahlreichen Verweisen erkennen, die jenseits der Quellenangaben im Fließtext in insgesamt 473 Fußnoten gegeben werden, wobei es sich nicht nur um dezidierte einschlägige Internetadressen, die jeweils zuletzt im April 2017 geprüft wurden, handelt, sondern auch um Kommentierungen und Zusatzinformationen.

Inhalt

In Kapitel 2 („Vielfalt in der Unterstützung geflüchteter Menschen – eine Collage“) vermitteln die Autorinnen zunächst eine Vorstellung davon, worin Hilfsangebote für Geflüchtete bestehen können, indem sie auf Basis unterschiedlicher Quellen eine Auswahl entsprechender Beispiele in Form von Aussagen Engagierter zu deren Erfahrungen wiedergeben. Dabei wird nicht nur auf eine inhaltliche Bandbreite geachtet, denn Fritsche und Schreier vertreten die Auffassung, „dass auch gut gemeinte Unterstützung unbeabsichtigte Effekte mit sich bringen kann. Auch diese Facetten der ‚Engagement-Wirklichkeiten‘ – Widersprüche, Leerstellen und Spannungen – sollen bewusst mit in den Blick genommen werden“ (21-22). Aus den vorgestellten Beispielen werden außerdem mehrere als Exkurse bezeichnete grundsätzliche Überlegungen zu Aspekten abgeleitet und ausgeführt, die im Komplex der Unterstützung Geflüchteter wesentlich sind. Themen dieser kompakt gehaltenen Exkurse sind beispielsweise „Reflexion“, „Paternalismus in Hilfe-Kontexten“ oder „‚Wir‘ und ‚die Anderen‘“.

Um Aspekte in Verbindung mit Flucht, um organisatorische und (aufenthalts- und asyl)rechtliche Facetten geht es in Kapitel 3 („Migration, Flucht, Asyl“). Auch hier wird ein breites Spektrum von Themen aufgegriffen, die historische Einordnung von Deutschland als Migrationsgesellschaft ebenso wie aktuelle Fluchtrouten, die Asylpolitik der Europäischen Union und die Lebenssituation Geflüchteter hierzulande mit expliziter Berücksichtigung geflüchteter Kinder und Jugendlicher sowie aufenthaltsrechtlich Illegaler als besonderen Gruppen.

Kapitel 4 („Geflüchtete Menschen konkret unterstützen“) bildet gewissermaßen den Kern der Orientierungshilfe. Hier wird, über die in Kapitel 2 angesprochenen Formen hinaus, eine Vielfalt an konkreten und alltagspraktischen Möglichkeiten der Hilfe und Unterstützung für geflüchtete Menschen ausgebreitet, die sich gar nicht adäquat nachzeichnen lässt. Dabei wird sich nicht nur an ehrenamtlich Tätige gerichtet, auch direkt an Geflüchtete adressierte handfeste Angebote werden vorgestellt, wie etwa Apps zum Deutschlernen.

In Kapitel 5 („‚… und es kommen Menschen!‘ Von der Willkommenskultur zu einer Kultur der Anerkennung“) wird zunächst über die Herkunft des eher sperrigen Buchtitels aufgeklärt, der auch zweimal als Kapitelüberschrift dient: Das Zitat entstammt einem von Max Frisch verfassten Vorwort, welches dieser einem 1965 erschienenen Buch zu italienischen Arbeitsmigrant*innen in der Schweiz beisteuerte. Er stellte fest: „Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr: man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen“ (207). Von diesem Geist sind auch die Ausführungen dieses Kapitels geprägt. Dargestellt werden theoretische Hintergründe des Rahmens, in dem Unterstützung Geflüchteter geschieht. Fritsche und Schreier sind der Überzeugung, dass es im Engagement für geflüchtete Menschen um mehr geht „als punktuelle Unterstützung oder Nothilfe: Es geht um Teilhabe aller sowie um ein gewaltfreies und menschenwürdiges Zusammenleben. Ehrenamtliches Engagement bietet viele Chancen, einer Kultur des Misstrauens und der Abwertung etwas entgegenzusetzen. Wichtig ist deshalb das Verständnis dafür, wie Ungleichheitsverhältnisse und Diskriminierungen entstehen bzw. aufrechterhalten werden – nicht zuletzt auch in ehrenamtlichen Unterstützungskontexten“ (176). In entsprechenden Unterkapiteln sind Erläuterungen zu finden zu Macht- und Ungleichheitsverhältnissen, zu Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, zu Rassismus, zu Hate Speech sowie zu Vorurteilen, Hetze und Gewalt. Lösungen für den daher arg problematischen Rahmen des Engagements für Geflüchtete haben auch die Autorinnen nicht zur Hand. Doch sie werben – und das ist nicht eben wenig – für die Entwicklung einer bestimmten Haltung. Deshalb und als Ausblick werden von ihnen „zwei Fluchtpunkte markiert […], an denen sich Engagement für und mit geflüchtete(n) Menschen ausrichten kann:

  • Gleichwertigkeit anerkennen und zugleich einander als einzigartige, voneinander verschiedene Menschen erkennen und bestätigen.
  • Einander auf Augenhöhe begegnen – wissend, dass Ungleichheitsverhältnisse wirken und sehr machtvoll sein können“ (207-208)

Diskussion und Fazit

Das Buch ist offen und transparent geschrieben und als Anstoß zu verstehen. So kündigen Fritsche und Schreier einleitend an: „Das Buch liefert keine Patentrezepte, keine Vorgaben und auch keine Handlungsanweisungen. Vielmehr ist es als Orientierungshilfe und zugleich als Einladung zum Weiterdenken und als Ausgangspunkt für vertiefende eigene Recherchen konzipiert“ (16-17). Und diese Zwecke erfüllt es voll und ganz. Dazu dient zum einen die Fülle an bereitgestellten Informationen und Material. Zum anderen wird auch konsequent auf neuralgische Punkte aufmerksam gemacht und zu eigenem Hinterfragen angeregt und aufgefordert. Dazu haben sich die Verfasserinnen ausdrücklich entschieden und erläutern dies wie folgt: „Doch ist es wirklich sinnvoll, all diese Aspekte in einem Buch wie diesem hervorzuheben, das eine ‚Orientierungshilfe‘ sein will? Ist es notwendig, so vieles in dieser Komplexität und Widersprüchlichkeit mitzudenken – ist doch das »eigentliche« Engagement, also die direkte und konkrete Hilfe und Unterstützung geflüchteter Menschen, bereits zeitintensiv und anspruchsvoll genug? Wie kann es da praktikabel sein, zusätzlich noch über das eigene Tun und mögliche Verstrickungen in gesellschaftliche oder politische Entwicklungen nachdenken zu müssen?“ (14-15) Die beiden sind jedenfalls der Auffassung, „dass es wichtig und weiterführend ist, Fragen wie diese aufzuwerfen“ (15). Dem sei uneingeschränkt zugestimmt. Gewiss ist das Ansinnen ambitioniert, überfordernd ist es jedoch nicht, denn Les*erinnen werden nicht allein gelassen, sondern mit hilfreichem Material versorgt und zu dessen Benutzung angeleitet.

Dreh- und Angelpunkt ist die virulente „Frage nach der Gesellschaft, in der wir leben wollen“ (13). Diese Frage mag pathetisch klingen, schon weil es darauf keine einfachen, dafür aber jede Menge gefühlige Antworten gibt, doch es stimmt: Eigentlich geht es um genau diese Frage. Der erste Schritt auf dem Weg zu einer passablen Antwort besteht notwendig darin, eine Haltung zu beziehen. Die Autorinnen exerzieren diesen Schritt entlang ihrer Überlegungen nachvollziehbar und in eindeutigem Duktus. Sie formulieren „Anforderungen an die Umsetzung eines respektvollen, kooperativen und solidarischen Miteinanders aller, ganz gleich, ob sie seit Generationen in Deutschland leben oder ob sie eine Migrations- bzw. Fluchtgeschichte haben“, und werben für „eine gerechte, diskriminierungssensible und gewaltfreie Gestaltung von Lebensverhältnissen für alle Menschen“ (13). An einzelnen Stellen werden Les*erinnen dabei ganz direkt angesprochen, so heißt es in Kapitel 2: „Greifen Sie auf Ihre Erfahrungen zurück, auf Gelesenes oder Gehörtes. Tauschen Sie sich aus, mit Freund*innen, Nachbar*innen, Kolleg*innen, mit Mit-Engagierten – geflüchtet oder nicht geflüchtet – und selbstverständlich auch mit jenen, die Sie unterstützen möchten. Stellen Sie Fragen, kommen Sie ins Gespräch“ (22). Nicht zuletzt diese Art der Ansprache unterscheidet das Buch vom Gros der nicht wenigen jüngst erschienenen Publikationen zum Komplex um Migration, Flucht und Integration.

Die von den Autorinnen ins Auge gefasste Zielgruppe ist zurecht groß: „Das Buch wendet sich an Menschen in unterschiedlichen »Engagement-Positionen«: An jene, die sich bereits engagieren (nicht zuletzt auch an professionelle Helfer*innen), an Interessierte, die mit dem Gedanken spielen, sich zu engagieren, ebenso aber auch an Menschen, die sich erstmalig mit der Thematik auseinandersetzen oder die einfach mehr dazu wissen wollen“ (16). Es ist gut, dass das Buch auch an professionelle Helf*erinnen gerichtet ist, dass diese Gruppe lediglich in Klammern genannt wird, sollte jedoch nicht dazu verleiten, falsche Schlüsse zu ziehen. Vielmehr sei in Anbetracht entsprechender Erfahrungen betont, dass es gerade professionellen Helf*erinnen gut zu Gesicht stünde, sich das Buch zu Gemüte zu führen; nicht nur weil unter dem hohen Druck rasch aufzubauender Unterstützungskapazitäten für Geflüchtete auch massenweise „fachfremdes“ Personal aus Bereichen rekrutiert wurde, in denen im Rahmen Sozialer Arbeit geläufige Reflexionsmechanismen und etablierte ethische Standards keineswegs zum beruflichen Repertoire gehören. Darüber hinaus ist eine Auseinandersetzung mit dem Buch auch im Rahmen der Lehre an Hochschulen zu empfehlen, wegen des Materialreichtums, besonders aber wegen der Verbindungen mit Haltungsfragen.

Für alle diese Gruppen bietet das Buch vielfältigen und reichhaltigen Stoff. Dass es in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung erscheint, ist hoffentlich einer breiten Rezeption förderlich, der Preis steht der Anschaffung und anschließenden Lektüre jedenfalls sicher nicht im Wege.


Rezensent
Prof. Dr. Thomas Wüst
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Zitiervorschlag
Thomas Wüst. Rezension vom 20.12.2017 zu: Miriam Fritsche, Maren Schreier: „... und es kommen Menschen!“. Eine Orientierungshilfe für die Unterstützung geflüchteter Menschen. Bundeszentrale für politische Bildung (Bonn) 2017. ISBN 978-3-7425-0102-8. Zu beziehen über bpb-Shop Preis zzgl. Versandkosten. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23322.php, Datum des Zugriffs 20.01.2018.


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