socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Martin Altmeyer: Auf der Suche nach Resonanz

Cover Martin Altmeyer: Auf der Suche nach Resonanz. Wie sich das Seelenleben in der digitalen Moderne verändert. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2017. 280 Seiten. ISBN 978-3-525-46272-0. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 33,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Autor

Martin Altmeyer, Dr. rer. med. habil., Dipl. Psych., Frankfurt a. M. geboren 1948 arbeitet als Paar- und Familientherapeut sowie Supervisor. In den 1980er Jahren war er an der praktischen Umsetzung der Psychiatriereform beteiligt. Altmeyer publizierte und arbeitete wissenschaftlich im Kontext der Weiterentwicklung der Psychoanalyse als Vertreter einer relationalen Psychoanalyse. Im Umfeld des Frankfurter Instituts für Sozialforschung beschäftigten ihn, wie Helmut Thomä, die intersubjektive Wende in der Psychoanalyse. Darüber hinaus interessierten Altmeyer zeitdiagnostische Fragestellungen. Wie wirken die digitalen Medien auf soziale Beziehungen und an welches psychische Potential knüpfen sie an? Wie kann der moderne Gesellschaftscharakter psychoanalytisch verstanden und benannt werden? (vgl. www.martinaltmeyer.de>.de/).

Entstehungshintergrund

Das Buch „Auf der Suche nach Resonanz. Wie sich das Seelenleben in der digitalen Moderne verändert“ richtet sich gegen einen modernekritischen Kulturpessimismus. Der Autor Martin Altmeyer teilt die häufig geäußerte Angst vor Manipulation und die Pathologisierung der neuen Medien nicht. Er sei offen für die Frage, „worin die enorme Anziehungskraft der interaktiven Medien bestehe“ (S. 9). Das Buch ist ein Ergebnis seiner langjährigen Beschäftigung, „mit dem Ziel, die zwischenmenschliche Natur des Seelenlebens zu begreifen“ (S. 14). Die Ausführungen im Buch sind seinem Freund und Mitstreiter Helmut Thomä gewidmet. Sie folgen dem Wunsch, die Intersubjektivität des Seelenlebens als das neue Paradigma der Psychoanalyse auch im Alltag aufzudecken und zu belegen. Da das Selbst unbewusst auf den Anderen bezogen sei und mit der Lebenswelt aufs engste vernetzt ist, begreift Altmeyer das Internet als ein soziales Resonanzsystem (vgl. S. 15). Mithilfe des Buches werden für diese These Evidenzen und Begründungen zusammengetragen (vgl. S. 25).

Aufbau und Einleitung

Nach der Einleitung ist das Buch in fünf Teile gegliedert. Diese sind mit römischen Ziffern gekennzeichnet und greifen die jeweilige Fragestellung auf.

  1. Identitätsspiele mit Kamera: Das moderne Selbst in einer Ökonomie der Aufmerksamkeit.
  2. Big Brother als Big Mother: Die Lust an öffentlicher Selbstdarstellung.
  3. Hoffen auf Umweltresonanz: Die unbewusste Kehrseite des Narzissmus.
  4. Angreifen vor Publikum: Gewalt als demonstrative Machtinszenierung.
  5. Verbindungen zur Welt knüpfen: Die zeitgenössische Psyche als soziale Netzwerkerin.

Jeder Teil des Buches besteht aus einer zusammenfassenden thematischen Übersicht und aus drei Kapiteln mit Ausnahme des Teil III. Hier folgen nur zwei Kapitel. Die Kapitel wurden durchlaufend nummeriert. Ein Literaturverzeichnis, ein Nachwort, eine Danksagung, ein Personen und Sachregister beenden das Buch (vgl. S. 10).

In der Einleitung formuliert der Autor seine Hypothese: Menschen nutzen die sozialen digitalen Netzwerke, weil sie einem Grundbedürfnis nach sozialem Kontakt folgen. Darüber hinaus, so die Grundannahme, werde das narzisstische Bedürfnis gesehen und gehört zu werden durch die Sehnsucht nach Spiegelung bzw. Resonanz innerhalb der Lebenswelt befriedigt. „Meine Hypothese lautet“, so Altmeyer, „dass die neue Medienwelt ein einzigartiges Kommunikationssystem darstellt, das soziale Sichtbarkeit anbietet und zur persönlichen Resonanz geradezu einlädt“ (S. 19). Das Internet, die „Herzkammer“ der digitalen Technologie, vernetzt weltweit mithilfe eines PCs, Notebooks, Laptops, Tablets und Smartphones und ermöglicht Menschen die Erledigung von Geschäften und Kontakten. Entgegen der Diagnosen einer Individual- und Sozialpathologie, die dem Fin de siècle die „Neurastethenie“ (Radkau), der faschistisch anfälligen Gesellschaft den „autoritären Gesellschaftscharakter“ (Horkheimer, Adorno, Fromm), der Kultur der Selbstbezogenheit die „narzisstische Persönlichkeit“ (Ziehe) und einer von Machtdiskursen besessenen Welt das „subjektlose Subjekt“ (Foucault) zuordnete, will Altmeyer aus der Perspektive teilnehmender Beobachtung die Veränderungen beschreiben. Martin Dornes hatte bereits 2012 den psychischen Strukturwandel im „informations-kapitalistischen Zeitalter“ als „postheroische Persönlichkeit“ bezeichnet. Im Vergleich zu früheren Epochen seien die Menschen heute „offener, durchlässiger, flexibler, lebendiger und reichhaltiger geworden, weniger starr, weniger zwanghaft und weniger eingeschränkt, aber auch, womöglich denselben Gründen, sensibler, labiler und störungsanfälliger“ (S. 23-24).
Die digitale Moderne, so die Annahme Altmeyers, bietet ein soziales Resonanzsystem zur Befriedigung der Echo- und Spiegelungsbedürfnisse. Entgegen der Diskurse um den kulturellen Niedergang, die durch Schirrmacher, Strauß, Welzer, Byung-Chul-Han und Sloterdijk eröffnet wurden und als Lösung des digitalen Problems die digitale Enthaltsamkeit vorschlagen, geht Altmeyer davon aus, dass Menschen versuchen, den Wandel der Lebenswelt zu bewältigen. Selbstverständlich werden sie sich dabei auch verändern (vgl. S. 27).

Zu I.

Am Beispiel des Umgangs mit Selfies verdeutlicht Altmeyer, dass nicht Eitelkeit und Selbstgenügsamkeit das Verhalten steuern, sondern der Wunsch, gesehen zu werden und Resonanz zu bekommen. Die digitale Lebenswelt erfordere darüber hinaus die Kompetenz, sich authentisch zu inszenieren. Um beruflich erfolgreich zu sein und sich auf dem Arbeitsmarkt behaupten zu können, seien digitale Kenntnisse und auch Selbstinszenierungen geradezu notwendig. Damit einher, das räumt auch Altmeyer ein, könne die Realität kaum noch von der Inszenierung unterschieden werden. Damit werde das Gefühl, alles könne auch Betrug sein, verstärkt. Zwischen echt und unecht und Faktum und Fake zu unterscheiden, werde immer schwieriger (vgl. S. 59). Altmeyer beschreibt Beispiele aus der Kunstszene und dem Reality-TV und kann darin plausibel zeigen, wie das frühkindliche Interaktionsmuster „Ich werde gesehen, also bin ich!“ weiterwirke (S. 71).

Zu II.

Interaktives Fernsehen und Sendungen wie „Big Brother“ oder das „Dschungelcamp“ nutzen die Lust an der Selbstdarstellung. Beim Publikum, das daran beteiligt wird, löse das Verhalten zwar auch Kritik aus. Doch, so Altmeyers Beobachtung, übertragen die Kameras nicht die Angst vor Überwachung und Voyeurismus, sondern erzeugen Aufmerksamkeit und Akzeptanz (vgl. S. 80).

Zu III.

In diesem Teil des Buches grenzt sich der Autor vom klassischen freudianischen Verständnis des Narzissmus ab. Freud definierte den primären Narzissmus als reine Selbstliebe, die des Anderen nicht bedürfe (vgl. S. 105). Nach Freud sei die reine Selbstliebe pathologischer Natur, weil sie als Triebwunsch im Unbewussten jederzeit widerbelebt und interpsychische Konflikte verursache. Die Konflikte können soziale Bindungen unterminieren oder gar torpedieren, so die klassische narzisstische Theorie. Die Säuglingsforschung habe die Annahme eines monadisch- und selbstbezogenen Verhaltens von Kleinst- und Kleinkindern widerlegt. Auch die Triebe seien nicht, wie Freud annahm, an sich kulturfeindlich. Die intersubjektive oder relationale Wende der Psychoanalyse hatte die Trieb- und Strukturtheorie Freuds aufgrund ihrer Beschränkung auf intrapsychische Vorgänge kritisiert (vgl. S. 109). Das Unbewusste sei nicht mehr nur das Reservoir für Konflikte, die abgewehrt werden müssen, sondern auch der Ort von Wünschen, die erfüllt werden wollen. Damit, so Altmeyer warten unbewusste Bestrebungen darauf, entdeckt zu werden. Im Kontext der intersubjektiven Annahmen stellen sie eine Verbindung zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft her (vgl. S. 113). Das narzisstische Bedürfnis vom Gegenüber wahrgenommen zu werden, löse den Wunsch nach Affektspiegelung, nach Empathie und Einstimmung, nach Fürsorge und Sicherheit aus. Es ist Teil der Subjektivität bzw. der Individualität und bildet die Basis für die Identitätsentwicklung des Menschen (vgl. S. 116). Martin Dornes, der die Erkenntnisse der Säuglingsforschung herausgearbeitet hat (der kompetente Säugling), bestätigt den Blick auf Intersubjektivität und ihre Wirkung bei der Persönlichkeitsentwicklung.

Im Kontext der relationalen Psychoanalyse gebe es, so Altmeyer, drei zentrale Beziehungsmuster: Einerseits handele es sich um libidinös-konstruktive Verhaltensweisen in Gestalt von Liebes-, Freundschafts- oder Solidaritätsbeziehungen. Andererseits gehe es um aggressiv-destruktive Verhaltensmuster der Abwendung vom Anderen in Gestalt von Hass-, Eifersuchts- oder Neidbeziehungen. Narzisstische Beziehungsmuster sind durch den Bezug zum Selbst gekennzeichnet. Sie entstehen, so Altmeyer, durch die Resonanz in der Lebenswelt und sie zeigen sich als Kreativität, Toleranz, Großzügigkeit und Altruismus aber auch in Gestalt von Eitelkeit, Arroganz, Dominanzbestrebungen und Phantasien der Allmacht und Vernichtungswut.

Im Zusammenhang mit der Medialisierung der Lebenswelt werde das narzisstische Beziehungsmuster verstärkt, weil es hier einen entsprechenden Resonanzraum bekomme (vgl. S. 119). Der Begriff Narzissmus sei keineswegs eindeutig. Er „bedeutet alles Mögliche im semantischen Umfeld von Selbstbezogenheit und Eigenliebe. Die schillernde Vieldeutigkeit und Widersprüchlichkeit dieses Begriffs scheint geradezu sein Markenzeichen zu sein“ (S. 121). Das narzisstische Bedürfnis ist nach Altmeyer wie eine Urszene im Gedächtnis verankert. Es bildet die Hintergrundmusik für alle Interaktionen. Da das Selbst den Anderen als seinen Spiegel braucht, und die Selbstvergewisserung dauerhaft notwendig sei, nutzen Menschen die kulturellen Möglichkeiten zur Selbstwahrnehmung. Wenn die Selbst- und Fremdwahrnehmung nicht zusammenpassen, wird das Gefühl der Angst und Scham ausgelöst. Dann fühlen sich Menschen unsicher und werden schüchtern. Im Augenblick der kritischen Musterung durch den Anderen kommt es zu narzisstischen Kränkungen (vgl. S. 133).

Zu IV.

In diesem Teil des Buches greift Altmeyer das Thema der Gewaltbereitschaft auf. Auch hinter Gewalt verbirgt sich der narzisstische Wunsch nach grandioser Selbstinszenierung. Durch die inszenierten Selbstmorde und die Tötungsbereitschaft haben Schüler ihrem Hass Ausdruck gegeben: 1999 an der Columbine Highschool in Littleton/Colorado, 2002 am Erfurter Gymnasium, 2009 in der Albertville-Realschule in Winnenden. Altmeyer recherchierte die Fälle und stellt hier ihre Gemeinsamkeiten vor.

Darüber hinaus erläutert Altmeyer in diesem Teil auch Aggressionstheorien. Freud erklärte die Gewaltbereitschaft als die nach außen projizierte Aggression, die zum Todestrieb gehöre. Diese triebtheoretische Begründung der Destruktivität wurde bereits zu seiner Zeit angezweifelt. Die Gegenthese von der exogenen Entstehung der Gewalt durch Aggression aus Frustration habe aber auch keine Überzeugungskraft. Intersubjektiv betrachtet entsteht, so Altmeyer, Gewalt, wenn Menschen in Gruppen oder Kulturen aufeinander bezogen sind. Die individuelle und kulturell kollektive Gewalt entstehe im Kontext der intimen Beziehungen und Verwicklungen. Das sei der Nährboden für manifeste Gewalt.

Die Destruktion ist nach Altmeyer das Ergebnis einer gescheiterten Kommunikation, die durch zu wenig Distanz von einander entstanden sei (vgl. S. 155). Die destruktive Aggression entstehe in der zu nahen Mutter-Kind-Beziehung, in einer Partnerschaftskrise und durch unerträglich empfundene Kränkung. Sie lauert auch kollektiv immer da, wo affektiv aufgeladene Gruppenbeziehungen bestehen und der Einzelne nicht ausreichend berücksichtigt wird (vgl. S. 156). Gewalt signalisiere Entgrenzung. Die eigene Grenze verschwimmt, was den Wunsch nach Distanzierung auslöst. Gewalttätiges Verhalten ist für Altmeyer Ausdruck von seelischer Überforderung und ohnmächtiger Wut auf den Anderen.

Die Sprache der Gewalt richte sich intrapsychisch auf das Macht- und Ohnmachtserleben und den Wunsch nach Selbstbehauptung (vgl. S. 157). Interpsychisch löse das narzisstische Bedürfnis auch Größenphantasien aus: „Das Grenzenlose, das große Ganze, das Allergrößte – ohne Zweifel ist die Grandiosität im Erleben des Gewalttäters narzisstischer Natur“ (S. 161). Gewalttätiges Verhalten werde ausgelöst, wenn man sich vollkommen machtlos erlebt. Aggressives destruktives Verhalten hingegen bedürfe der Zuschauenden. Nur dann werde der Triumpf zum Erfolg (vgl. S. 162).

Norbert Elias und Jan Philipp Reemtsma, deren Sicht das Buch aufnimmt, betrachten Gewalt als Prozess und als Kommunikationsform und plädieren für die Ächtung der Gewalt. Gruppengewalt sei ohne Enthemmung und Auflösung moralischer Grenzen nicht möglich. Daher müsse eine Ächtung der Gewalt unterstützt werden. Mit den Bombenanschlägen auf öffentliche Räume in westlichen Städten bediene sich der moderne Totalitarismus einer Ideologie- und Kulturkritik, was auch vom Islamischen Staat (IS) aufgegriffen werde (vgl. S. 175ff).

Auch Harald Welzer, der die antisemitische Gewaltbereitschaft untersuchte, bestätigt, dass der Holocaust mit der Unterscheidung von Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit einherging. Kollektiv werden bis heute über Ausgrenzung Genozide legitimiert. Altmeyer thematisiert die Phänomene des religiös motivierten Terrors. Hier spielen Zuschreibungen des Bösen, soziale Utopien und das Versprechen eines Märtyrer-Dasein eine große Rolle. Das Internet bietet für moderne Totalitarismen eine Plattform, denn die Abschreckung bedarf der Tat, die auch sichtbar werden muss, um zu wirken. Martin Altmeyer reflektiert den radikalen Islamismus im Sinne aufgeklärter arabischer Intellektuelle. Diese gehen davon aus, das der Islamismus einer Kultur der Niederlage entstamme und als ein Symptom der Modernisierungskrise betrachtet werden kann. Die religiöse Intoleranz im muslimisch geprägten Teil der Welt gehe mit empfundener Ohnmacht gegenüber dem Westen und der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Stagnation einher, die in der Regel vorherrschend ist (vgl. S. 180). Die unbewusste Fixierung an die Verliererposition erkennt Altmeyer auch bei der Hamas und Hisbollah (vgl. S. 182).

Zu V.

Im letzten Teil des Buches erwähnt Altmeyer die antiautoritäre Bewegung und kulturelle Liberalisierung, die zu einer neuen Variabilität und Zugänglichkeit der Psyche geführt habe. „Auf der Suche nach Resonanz“ nutze die moderne Psyche die Netzwerke der Medien. Altmeyer gesteht, dass diese Resonanzbeziehung auch zu neurotischen-, psychotischen-, Suchterkrankungen oder narzisstischen Persönlichkeitsstörungen führen könne (vgl. S. 192). Die Folgen ausbleibender Resonanz seien aber ebenso gravierend. Beispiele aus der Literatur, der empirischen Säuglingsforschung und Soziologie machen das sichtbar.

Die digitale Moderne wurde durch eine neue technische Revolution ausgelöst und die damit einhergehenden Veränderungen kulminieren im Gefühl der Beschleunigung. „Mit dem Cyberspace ist ein universelles Resonanzsystem entstanden, in dem sich wirkliche und virtuelle Realität nicht mehr voneinander trennen lassen, sondern ineinanderschieben und einander wechselseitig beeinflussen. Das verändert die mentalen Muster, in denen sich Menschen auf andere Menschen, auf die Umwelt und auf sich selbst beziehen“ (S. 205). In den Netzwerken der globalen Medien existieren keine Zugangsbeschränkungen, keine moralischen Grenzen oder psychosoziale Schranken.

Deshalb werde das Internet auch als Quelle des Bösen identifiziert und die Gefahren beschrieben, die von ihm ausgehen. „Gerade in soziologischen und psychoanalytischen Szenen wird“, so Altmeyer, „eine düstere Modernekritik gepflegt“ (S. 210). Das natürliche Verlangen nach Umweltresonanz und der Drang zur Selbstdarstellung können aber auch neue kollektive Verhaltensweisen hervorbringen. Die Dampfmaschine, die Eisenbahn, das Telefon, das Fernsehen – alle Erfindungen haben Menschen verändert und herausgefordert (vgl. S. 225). Im Anschluss an Martin Dornes, der den neuen Sozialcharakter als „postheroische Persönlichkeit“ bezeichnete, werde deutlich, dass der neue Typ Mensch nicht mehr so bereit sei, eigene Bedürfnisse heldenhaft zu unterdrücken und einmal getroffene Entscheidungen heldenhaft durchzuziehen. Allerdings, das räumt Altmeyer ein, bleibt die Frage nach der eigenen Identität eine Dauerbeschäftigung (vgl. S. 231). Dafür nutzt er den Begriff des „exzentrischen Selbst“. „Das exzentrische Selbst folgt gewissermaßen dem Prinzip Face-book: Man zeigt einander, wer man ist, wie man ‚tickt‘, was und wen man mag, ob man alleine oder mit jemandem zusammen ist, wen man liebt und von wem man wiedergeliebt wird, welche Pläne man hat, wohin man reist, dass man dabei ist oder sich zurückzieht, dass man traurig, wütend, beleidigt, enttäuscht oder gut drauf ist“ (S. 240). Das heutige Selbst sei in der Lage, sich anzupassen, es sei plastisch und resonanzfähig (vgl. S. 241). „Offenbar pflegen die Kinder der digitalen Moderne ein wesentlich entspannteres Verhältnis zu all jenen Widersprüchen zwischen psychischer und äußerer Wirklichkeit als die Menschen in früheren Epochen. Irgendwie versuchen sie, das Innen mit dem Außen, das Selbst mit dem Anderen, den Trieb mit der Kultur zu vermitteln, wenn nicht gar zu versöhnen“ (S. 242).

Diskussion und Fazit

Altmeyer stellt Beispiele für die Veränderungen der digitalen Medien vor, die im Alltag beobachtet wurden, die alle Menschen der heutigen Zeit kennen und die sozial und psychisch gemeistert werden müssen. Der Wunsch nach zwischenmenschlicher Kommunikation scheint tatsächlich so stark zu sein, dass Menschen unaufhörlich twittern, chatten, mailen, bloggen, hashtaggen, googeln und downloaden. Das Smartphone ist 2017 gerade 10 Jahre alt und zieht weltweit fast alle Menschen in seinen Bann. Es beherrscht mittlerweile das öffentliche und private Leben. Natürlich ist die digitale Technologie ein zentraler Marktsektor und von kapitalistisch-ökonomischen Mechanismen der Ausbeutung und Unterdrückung keineswegs entfernt. Das gilt sowohl für die Herstellung der Geräte als auch für ihre Handhabung. Die zeitgenössische kritische Auseinandersetzung mit dem Phänomen der „smarten Diktatur“ (Welzer 2016) findet aus meiner Sicht noch viel zu wenig statt. In der Tat fragen sich viele Menschen, sicher auch die neue Generation, warum die digitalen Möglichkeiten so faszinierend sind, so notwendig erscheinen und so Lebenswelt durchdringend wahrgenommen werden. In der Tat stellt sich die Frage, warum Menschen die digitalen Medien nicht auch als feindlich und zerstörerisch empfinden. Aus wissenschaftlicher Perspektive ist es nötig, möglichst offen und ohne Vorverurteilung gesellschaftlichen Wandlungen einzufangen und darüber auch zu diskutieren. Das gelingt Martin Altmeyer aus meiner Sicht. Ich empfand es jedoch ermüdend, auf alle Phänomene der Digitalisierung nur eine Antwort zu bekommen: „‚Ich werde gesehen, also bin ich!‘“ (S. 32).

An vielen Stellen des Buches hätte ich mir Differenzierungen zum Begriff der Digitalisierung und der digitalen Medien, der Sozialcharakter-Theoriebildung und der Analyse der Herausforderungen gewünscht. Wir erleben den sogenannten Generationenkonflikt, der sich im Wissenschaftsbetrieb der Hochschulen und Schulen, der Ausbildungen und der Organisation des Alltags zwischen den Alten, den Erwerbstätigen, Jugendlichen und Kindern abspielt. Das Gefühl, man verstehe den Anderen nicht mehr, kollektive Wahrheiten seien verschwunden und Regeln, die einst das Leben regulierten, seien abhandengekommen prägen die Gesprächsthemen. Dass es keine transzendentale Macht mehr gibt, die für Orientierung sorgt, ist wahr, doch befriedigt diese Erkenntnis keineswegs. Die digitalen Medien bedienen ja nicht nur das narzisstische Bedürfnis nach Resonanz, sondern beunruhigen, verunsichern, machen unfrei und hilflos. Vor dem Suchtpotential warnen nicht nur Kulturpessimisten und Krankenkassen, sondern mittlerweile auch Wirtschaftsberater.

Das Kapitel IV „Angreifen vor Publikum: Gewalt als demonstrative Machtinszenierung“ hat mich besonders fasziniert. Hier fand ich wichtige Erklärungen für die Phänomene des modernen Terrors und der Selbstmordattentate durch Schüler an westlichen Schulen und die Angriffe auf die großen Metropolen. Darüber hinaus frischt das Buch Theorien auf und bietet interessante Literaturhinweise auf modernekritische Sichtweisen.

Fazit: Das Buch ist lesenswert und eignet sich für alle, die nach persönlichkeitsrelevanten Faktoren der digitalen Moderne fragen.


Rezensentin
Prof. Dr. Christiane Vetter
E-Mail Mailformular


Alle 54 Rezensionen von Christiane Vetter anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christiane Vetter. Rezension vom 29.09.2017 zu: Martin Altmeyer: Auf der Suche nach Resonanz. Wie sich das Seelenleben in der digitalen Moderne verändert. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2017. ISBN 978-3-525-46272-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23324.php, Datum des Zugriffs 17.12.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!