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Stephan Quensel: Ketzer, Kreuzzüge, Inquisition

Cover Stephan Quensel: Ketzer, Kreuzzüge, Inquisition. Die Vernichtung der Katharer. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 260 Seiten. ISBN 978-3-658-15137-9. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 51,50 sFr.
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Thema

Offenbarungsreligionen, zu denen das Christentum gehört, sind zweifellos geneigt, das Bekenntnis zu einem dogmatisch definierten Lehrbegriff einzufordern und zu erzwingen. Die Verheißungen ihres Gottes haben universelle Geltung. Der intolerante Anpassungsdruck, der von diesen Religionen ausgeht, wird noch intensiver, wenn sie Funktionen einer politischen Ordnungsmacht erfüllen: Die christliche Religion ist im Mittelalter wesentliche Grundlage der politischen Ordnung. Daher gibt es ein Bündnis von Kirche und weltlicher Macht. Jeder Angriff auf die politische Ordnung war zugleich ein Angriff auf die Kirche, jeder Angriff auf die Kirche war ein Angriff auf die politische Ordnung.

Heute – nach dem bereits mit dem Investiturstreit (1057-1122) einsetzenden Jahrhunderte dauernden Kampf der Trennung der politischen Ordnung von der christlichen Religion und jeder Religion – kann man sich nur schwer in die alte religiös-politische Einheitswelt des orbis christianus hineinversetzen und sich das Handeln der kirchlichen und weltlichen Mächte gegen die Ketzer verständlich machen. Das 12. Jahrhundert ist ein Jahrhundert der Häresien und gebiert das vom Papst eingerichtete Institut der Inquisition, für das seit 1233 vornehmlich die noch unlängst selbst der Ketzerei verdächtigen Dominikaner zuständig sind. Wird man manches aus dem Geiste der Zeit verstehen können, so lassen sich die Vernichtung Andersgläubiger, die Kreuzzüge und die Inquisition schon damals nicht widerspruchslos mit dem richtig verstandenen Christentum und seiner Freiheit in Glaubenssachen in Einklang bringen.

Autor

Prof. Dr. Stephan Quensel ist Jurist und Kriminologe. Bis zu seiner Pensionierung 2002 war er Professor auf dem Lehrstuhl für Resozialisation und Rehabilitation im Studiengang Soziologie der Universität Bremen.

Entstehungshintergrund

In drei Bänden unternimmt Stephan Quensel den Versuch, die Geschichte professioneller Kontrolle in Europa zu rekonstruieren und die Geburt einer europäischen Gesellschaft der Verfolgung und eines neuen europäischen Herrschaftssystems zu beschreiben:

  1. Ketzer, Kreuzzüge, Inquisition. Die Vernichtung der Katharer
  2. Hexen, Satan, Inquisition. Die Erfindung des Hexen-Problems
  3. Irre, Anstalt, Therapie. Der Psychiatrie-Komplex

Die Anfänge dieses Systems der Unterdrückung liegen für ihn in der Jahrtausendwende bei der Vernichtung der Katharer; in der frühen Neuzeit des 16. und 17. Jahrhunderts bis hin zum 18. Jahrhundert sind es dann die Hexenverfolgungen, die neue Unterdrückungsperspektiven und Herrschaftsformen sichtbar machen. Den Abschluss dieser Geschichte professioneller Kontrolle bildet die Untersuchung des gegenwärtigen Systems der psychiatrischen Versorgungslandschaft.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel werden uns die Orte vorgestellt, an denen die Katharer, die „Reinen“, oder die Albigenser, wie sie auch nach der Stadt Albi genannt werden, gelebt und gewirkt haben; es ist vor allem eine Reise durch das Languedoc. Auch werden die Daten und Zeiträume genannt, in denen sich Wirken und Vernichtung der Katharer ereignen. Fast 200 Jahre lang sollte die sehr gefährliche Bedrohung der katholischen Kirche im hohen Mittelalter durch die Ketzergruppe der Katharer bzw. Albigenser dauern. Hier seien zur Veranschaulichung zwei Zahlen genannt: 1145 Gründung eines Bistums der Katharer bei Albi und 1330 Verbrennung des letzten Katharers Okzitaniens in Carcassonne.

Im zweiten Kapitel wird der politisch-ökonomische Rahmen beschrieben, der Ketzer, Kreuzzüge und Inquisition begleitete und hervorrief: Besteht anfänglich das Machtnetz aus vielen kleinen und großen feudalen Machthabern ohne eine dominierende Herrschaft, und gibt es zwischen Katholiken und Katharern religiöse Toleranz, so finden wir nach Vernichtung der Katharer das „moderne“ Strafrecht der Inquisition und als dominierende Gewalten den Papst und den französischen König. Außerdem sind die okzitanische Landschaft und die Troubadour-Kultur zertrümmert. Im Einzelnen werden das Verhältnis der französischen Könige zu den Päpsten, das weitere weltliche Außenfeld im 12./13. Jahrhundert und das Land der Katharer beschrieben.

Im dritten Kapitel wird auf die religiös kirchliche Dimension der Zeit eingegangen. Das Kloster Cluny und die Zisterzienser, die päpstlichen Reformen und die neuen Bewegungen um ein asketisch-armes und ein das Evangelium verkündendes Leben (vita apostolica) bei den Dominikanern und Franziskanern sowie bei den Waldensern und Katharern werden thematisiert. Alle diese vier Gruppierungen verfolgten das ursprüngliche Ziel der ersten päpstlichen Reform, nämlich ein apostolisches Leben zu führen.

Im vierten Kapitel geht es um den kulturellen „Überbau“ des Kampfes der katholischen Kirche gegen die Katharer. Gewalt und Feuer können im Albigenser-Kreuzzug den Katharismus zwar dezimieren, jedoch nicht auslöschen. Als noch nicht erprobter Versuch einer vollständigen Vernichtung bietet sich als geistige Waffe die Gründung einer Universität als Bollwerk gegen den Katharismus an. Am Eingang der 1229 gegründeten und unter dem Schutz des Papstes stehenden Universität Toulouse steht eine entsprechend aussagekräftige Inschrift: Pravos extirpat et ensis et ignis et doctor (Das Schwert und das Feuer und der Gelehrte rotten die Verworfenen aus.) Die Studenten werden in „Disputationen“ geschult, mit dem Gebrauch von Argumenten und Gegenargumenten zu überzeugen. Es entsteht eine neue intellektuelle Elite im Kampf gegen die Ketzer.

Im fünften Kapitel steht die Inquisition im Mittelpunkt. Der Inquisitionsprozess ist im Vergleich zur damals geltenden Praxis eine moderne, rational ausgestaltete Form des Strafprozesses; denkt man nur an die während des Albigenser-Kreuzzuges üblichen Massenverbrennungen. Die päpstliche Gerichtsbarkeit übernimmt Anklage und Verfahren ex officio, also von Amts wegen. An die Stelle eines mündlichen und öffentlichen Verfahrens tritt ein geheimes schriftliches Verfahren. Der Inquisitor ist verpflichtet, den materiellen Wahrheitsgehalt der Sache zu untersuchen und damit die Wahrheit zu erforschen. Nur ein Geständnis oder zwei Aussagen von Augenzeugen sind als Beweis zugelassen. Eine vierwöchige Gnadenfrist vor dem Verfahrensbeginn und Abschwörung des Irrtums gibt die Möglichkeit, straflos oder mit leichter Buße davonzukommen. Kurz und gut: Die Macht bindet sich in einem „geregelten“ Verfahren, anstatt eine „ungeregelte“ Gewaltausübung zu praktizieren. Allerdings sind die Möglichkeiten der Verteidigung und Berufung unzureichend. Auch wird das Verfahren zunehmend dem Zwecke der Verfolgung der Katharer angepasst u.a. durch Androhung und Vollzug der Folter und damit pervertiert.

Im sechsten Kapitel wird die Geschichte der inquisitorischen Verfolgung unter dem Aspekt der „Erfindung eines professionellen Kontrollapparates“ ausgewertet: Es muss schon ein beträchtlicher Schaden sein, der angerichtet oder erwartet wird, wenn die Kirche und die weltliche Macht so entschieden wie gegen die Katharer vorgehen. Die klassischen Straftaten wie Tod, Verwundung oder Diebstahl können ihnen nicht vorgeworfen werden. Allerdings führen viele Verhaltensweisen der Katharer wie zum Beispiel die Verweigerung des Zehnten durchaus zu materiellen Einbußen des herrschenden Klerus. Auch gibt es ideellen Schaden, wenn Prunk und Reichtum der Kirche als unchristlich angesehen oder die Trinitätslehre verworfen wird. Hinzu kommt, dass das Seelenheil der Abtrünnigen wiedergewonnen und die leider verführbare Herde der Christen geschützt werden muss. Hier steht nichts weniger als die gesamte Legitimation der weltlichen und kirchlichen Macht auf dem Spiel. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass zu dieser Zeit jeder Angriff auf die Kirche zugleich ein Angriff auf die weltliche Macht ist; weltliche und geistliche Ordnung sind aufs innigste durchdrungen und machen insgesamt das mittelalterliche Ordnungsgefüge aus. Als Antwort auf die neuen Herausforderungen der herrschenden Mächte durch die Häretiker oder Ketzer (=Katharer) wird das Inquisitionsverfahren eingeführt. Von Amts wegen werden nun die Täter aufgespürt, verwahrt und abgeurteilt. Folgt man dem Autor, wird mit der Inquisition – ihrem Apparat, ihrem professionellen Stab, ihrer Ideologie – jeder künftige staatliche Verfolgungsanspruch vorgezeichnet und bis heute geprägt.

Diskussion

Es ist nicht immer leicht, dieses Buch zu lesen. Der Autor mutet dem Leser mit einer Vielzahl von zitierten Textpassagen und mit Anhäufungen von Daten und Ereignissen sowie mit einem immer wieder unterbrochenen und nicht einheitlichen Darstellungsgang einiges zu. Doch warum mag ein anderer Leser auch nicht zu einer anderen Einschätzung kommen? Sprache und Darstellung unterliegen eben den Zeitenwechseln und veränderten Arbeitsweisen.

Schwerwiegender ist es, wenn der Leser den Eindruck gewinnt, dass dem Autor das Gespür für die Lebenswelt und den gesamten Kulturkomplex des hier thematisierten Mittelalters ein wenig fehlt und die Ereignisse nicht stark genug im Zusammenhang mit dem Leben, Fühlen und Denken der Zeit erfasst. Urkunden, Chroniken und andere Quellen vermitteln wenig von dem Unterschied im „Lebenston“, der uns von jenen Zeiten trennt (Johan Huizinga). Die religiös-politische Einheitswelt der res publica christiana war noch nicht vollends aufgebrochen. Das politische Geschehen ist noch weitgehend eingebunden in das christliche Geschichtsbild und erhält von ihm aus seine Richtung und Legitimation. Von hier aus findet die Inquisition ihren Ausgangspunkt und Antrieb. Auch hier gilt mein Vorbehalt, dass nicht jeder so empfinden und urteilen muss.

Natürlich fehlt auch nicht der Hinweis, dass es den Inquisitionsprozess „in dieser Form“ nicht bei dem Islam gibt, da dieser nicht-hierarchisch organisiert ist. Hätte der Autor Gründe für diese Differenz dargelegt, wäre die beim Leser wohl beabsichtigte positive Konnotation nicht wahrscheinlich. Auch wird an anderer Stelle die „barbarische Ritter-Kultur“ mit der „fortgeschrittenen Kultur des Islam“ in Al Andalus verglichen, und die Aristoteles-Rezeption und die Bewahrung der Tradition der griechisch-römischen Antike werden ebenfalls in diesem Zusammenhang als Leistungen des Islam erwähnt. Ich meine, dass diese Verdienste nach einer komplexeren Betrachtung und damit nach einer Relativierung verlangen. Das schwarz-weiß Schema ist bei geschichtlichen Beurteilungen nie sehr hilfreich; das gilt auch für den Islam.

Kommen wir zur Grundthese des Buches: die Inquisition als Erfindung jedes staatlichen Verfolgungsanspruches bis heute. Der große Mittelalter-Forscher Johan Huizinga warnt davor, das Erkennen der Anfänge und Ursprünge einer Zeit zu überbewerten und dabei diejenigen Erinnerungen weniger zu beachten, die sie mit der vorhergehenden Zeit verbinden. Wenn man in der mittelalterlichen Welt zu sehr nach den Keimen der modernen Kultur nachspürt, kann es leicht passieren, dass das Mittelalter zur Adventszeit der Moderne wird und sein Eigengewicht verliert. Zeugt die Grundthese von diesem methodischen Fehler? Hätte der Autor zum Beispiel nicht stärker danach fragen können, inwieweit es in der römischen Zeit über die Majestätsbeleidigung hinaus oder in der Karolingerzeit im fränkischen Reiche Vorbilder oder Elemente für das Institut der Inquisition gibt? Das Alleinstellungsmerkmal der Inquisition als Vorbild aller zukünftigen staatlichen Unterdrückungs-und Vernichtungsinstrumente steht zur Debatte.

Eine Überlegung zum Schluss der Diskussion: Die Katharer wenden sich gegen eine Kirche und ein Papsttum, die das Leben in Armut vergessen und Luxus und materielle Interessen an die erste Stelle setzten. Sie suchen nach Lösungen für die Herausforderungen ihrer Zeit aus den christlichen Beständen, die ihnen zur Verfügung stehen. Sie werden von der Übermacht vernichtet. Aber on the long run sind sie Gewinner: Die meisten Menschen stehen heute den Kirchen fern und sind Ketzer, insofern sie sich aus ihren Beständen ebenfalls eine neue Religiosität und christlich genährte Privatheit bilden, die ihren Sinn- und Trostbedarf sichert, der von den vielfach und intensiv materiell engagierten Kirchen nicht mehr gestillt wird. Die Kirchen stehen materiell auf der Gewinnerseite, aber seelisch auf der Seite der Verlierer.

Fazit

Es ist wahrhaftig kein Fehler, dieses Buch in die Hand zu nehmen und zu lesen. Das Thema wird durchaus interessant und abwechslungsreich behandelt und kann den Leser fesseln. Als Einführung in den Stand der Aufarbeitung der Häresie der Katharer, ihrer Vernichtung und der Inquisition ist es empfehlenswert. Darüber hinaus wird ein kompetenter Einblick in die Literatur zum Thema gegeben. Die These der Inquisition als Grundlegung staatlicher Unterdrückung ist überdies keineswegs an den Haaren herbeigezogen, sondern hat ihr Fundament in der Sache. Das Buch regt an, sich grundsätzlich mit den Formen und Inhalten staatlicher Unterdrückung und Meinungsdiktatur zu beschäftigen. Die Geschichte kann eben doch ein Arsenal der Aufklärung sein.


Rezensent
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 16.10.2017 zu: Stephan Quensel: Ketzer, Kreuzzüge, Inquisition. Die Vernichtung der Katharer. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-15137-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23326.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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