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Stephan Quensel: Irre – Anstalt – Therapie. Der Psychiatrie-Komplex

Cover Stephan Quensel: Irre – Anstalt – Therapie. Der Psychiatrie-Komplex. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2018. 568 Seiten. ISBN 978-3-658-16210-8. 49,90 EUR.
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Thema

In den 70er und 80er Jahren gehörte es geradezu zum guten Fortschrittston, die Psychiatrie in Bausch und Bogen wegen ihrer Unterdrückungsfunktionen an den Pranger zu stellen. Vor allem die Arbeiten von Michel Foucault (1926-1984) (Wahnsinn und Gesellschaft) und Erving Goffman (1922-1982) (Asyle), die schon anfangs der 60er Jahre geschrieben wurden, aber erst Ende der 60er, anfangs der 70er in deutschen Übersetzungen vorlagen, haben den Boden für diese Sicht auf die Psychiatrie vorbereitet, und sie fanden viele Adepten; auch die 1969 erschienene Arbeit über „Bürger und Irre“ von Klaus Dörner hat zu diesem einseitigen Entwurf einer Beurteilung psychiatrischen Handelns beigetragen. Natürlich dürfen die Anti-Psychiater, u.a. Ronald Laing (1927-1989), David Cooper (1931-1986), Franco Basaglia (1924-1980) und Thomas Szasz (1920-2012), als Kritiker und Ideengeber hier nicht unerwähnt bleiben.

Allerdings kann schon eine vergleichende Lektüre der Arbeiten von Goffman und Foucault zu einem Ergebnis führen, dass zu einer Relativierung des Bildes von der völligen Unterdrückung und Disziplinierung des Individuums durch die Psychiatrische Anstalt führt. Denn der psychiatrische Insasse unterläuft die psychiatrische Kontrolle und schafft sich freie Räume. Seine Identität ist subversiv. Die Großtheorie der ubiquitären Repression im Stil von Foucault scheitert an der feinanalytischen Beobachtung des Individuums im Stil von Goffman. Überhaupt ist es eine Sache, den Repressionsaspekt der Psychiatrie zu erkennen, eine andere Sache, diesen Aspekt zu verabsolutieren.

Schon vor Goffman und Foucault sind es der Soziologe August B. Hollingshead (1907-1980)und der Psychiater Fredrick Redlich (1910-2004), die in ihrer wegweisenden Studie „Social Class and Mental Illness; A Community Study“ (Veröffentlichung in Amerika: 1958/ deutsche Übersetzung: 1975) – statistisch und methodisch abgesichert – den Blick für die multikausalen Missstände der Psychiatrie geschärft hatten. Als wesentliches Beispiel ihrer Forschung sei erwähnt: Mit sinkender Sozialschicht nehmen Häufigkeit und Schwere der psychischen Erkrankung zu und die Chance einer adäquaten Behandlung ab. Eine bis heute wohl sinnvolle Hypothese für jede neue Studie über unzureichende psychiatrische Versorgung. Von solcher Grundlage aus kommen die komplexen sozialen, therapeutischen und repressiven oder humanen sowie die weiteren Beziehungen im System der Psychiatrie ins Blickfeld.

Doch wollen wir die repressive Richtung der wissenschaftlichen Verarbeitung und Aneignung der Psychiatrie nicht überbewerten: Die Krux der Psychiatrie bestand immer – sieht man vom Desaster der Vernichtung psychisch Kranker in der 12-jährigen Geschichte des Nationalsozialismus ab – in ihrem Janusgesicht (Hanfried Helmchen), das zwischen individueller Hilfe und gesellschaftlicher Kontrolle/Unterdrückung pendelte und das zwischen nutzbringender Therapie und ihren schädlichen Risiken nicht immer zu unterscheiden wusste. Die Wirklichkeit der psychiatrischen Versorgung ist überdies oft skandalös und inhuman, sodass die Einseitigkeit des „fortschrittlichen“ Repressionsblickes ihr Fundament durchaus in der Sorge um den psychisch Kranken haben kann.

Autor

Prof. Dr. Stephan Quensel ist Jurist und Kriminologe. Bis zu seiner Pensionierung 2002 war er Professor auf dem Lehrstuhl für Resozialisation und Rehabilitation der Universität Bremen.

Entstehungshintergrund

Mit dem vorliegenden Band über „Irre, Anstalt, Therapie“ schließt der Autor sein Vorhaben ab, eine Geschichte professioneller Kontrolle zu schreiben. Zunächst untersuchte er die Vernichtung der Katharer in dem Band „ Ketzer, Kreuzzüge, Inquisition“ (www.socialnet.de/rezensionen/23326.php), danach beschäftigte er sich mit der Erfindung des Hexenproblems „Hexen, Satan, Inquisition“ (www.socialnet.de/rezensionen/23325.php), um jetzt die gewonnenen Erkenntnisse auf die Geschichte der Anstaltspsychiatrie und die Gegenwart der psychiatrischen Versorgung anzuwenden.

Es gibt gemeinsame Grundlinien der professionellen Kontrolle, die von der inquisitorischen Verfolgung der Katharer im 12. und 13. Jahrhundert über die Zeit der Hexenverfolgung des 16. und 17. Jahrhunderts bis zum modernen Psychiatrie-Komplex reichen. Einige zentrale Elemente des Kontroll-Dispositives seien skizziert:

  • Definition eines Übels, das aus Gründen der Machterhaltung oder der Machterweiterung bekämpft werden muss: Ketzer, Hexen. Irre.
  • Vorhandensein einer ausgebildeten Berufsgruppe, die das Wesentliche ihrer Arbeit selbst bestimmen kann: Ketzer- Ordensbrüder, Hexen-Juristen, Irre- Psychiater. Die Profession hat die Definitionshoheit und bestimmt, wer genau zu den Feinden der Gesellschaft zählt.
  • Das Ideal der pastoralen Fürsorge mit seiner wohlwollenden Sorge und Hilfe für das Individuum sowie mit seinem unbedingten Schutz für die Herde bzw. der Gemeinschaft ist für die Profession handlungsleitend.
  • Absicherung des Arbeitsfeldes durch Ideologien bzw. Propagierung einer Lehre, durch Apparaturen wie Universitäten, Organisationen und Verbände etc. und durch Sicherung und Erweiterung der Einflusszonen.
  • Kontrollen werden zum gesamtgesellschaftlichen Charakteristikum. Ihre wichtigsten Arten: pastorale/wohlwollende Kontrolle, das Kriminal- und Justizsystem und die informale soziale Kontrolle.

Im Rahmen einer wellenförmig verlaufenden langen, geschichtlichen Dauer entfalten sich diese und andere aus der Ketzer-und Hexenzeit stammenden Kontrollfunktionen zu einem die gesamte Gesellschaft prägenden wohlwollend kontrollierenden Psychiatrie-Komplex.

Mit dieser Auswertung der Geschichte der professionellen Kontrolle folgt unser Autor weitgehend dem Begriff des Macht-Dispositivs, den Foucault wie folgt beschreibt: „erstens eine entschieden heterogene Gesamtheit, bestehend aus Diskursen, Institutionen, architektonischen Einrichtungen, reglementierenden Entscheidungen, Gesetzen, administrativen Maßnahmen, wissenschaftlichen Aussagen, philosophischen, moralischen und philanthropischen Lehrsätzen, kurz, Gesagtes ebenso wie Ungesagtes. Da sind die Elemente des Dispositivs. Das Dispositiv selbst ist das Netz, das man zwischen diesen Elementen herstellen kann.“ Die Geschichte der Moderne wird als Unterdrückung durch fortschreitende Regierbarmachung des Menschen interpretiert. Die Psychiatrie passt haarscharf in dieses Schema.

Aufbau

Das Buch umfasst zwei Teile.

Zu Teil I

(Irre, Anstalt, Repression. Staatspsychiatrie im langen 19. Jahrhundert)

Im ersten Kapitel geht es um die Vorgeschichte der Entwicklung des die gesamte Gesellschaft prägenden und kontrollierenden Psychiatrie-Komplexes. Verschiedene „vorzeitige“ Versuche, einen rationalen Zugang zum Wahnsinn zu finden, werden vorgestellt: Paracelsus (1493-1541), Felix Platter (1536-1614) und Jason Pratensis (1486-1558) bezeugen beispielhaft die medizinischen Bemühungen des 16. Jahrhunderts. Für die Justiz gilt es in dieser Zeit der psychiatrischen Vorgeschichte, die ernsthaft die Gemeinschaft störenden Wahnsinnigen in „Narrentürmen“ und „Dollkästen“ einzusperren. Der Klerus sieht zwar im Wahnsinn eine Strafe Gottes, kümmert sich aber in seinen Klöstern vielfach um die Gestörten. Auch das Dorf Gheel mit seiner frühen Form einer ambulanten, nicht-institutionellen Familienpflege wird erwähnt. Die religiös-klerikalen Wurzeln werden die Gestalt der Psychiatrie u.a. in ihren christlichen Irren-Anstalten prägen.

Das zweite Kapitel stellt ein paradigmatisches Grundmodell vor, das die Vorstellungen über die Psychiatrie stark beeinflusst: „Psychopathen“. In dieser Figur wird die Angst vor dem unbeherrschbaren Chaos des Wahnsinns dokumentiert. Die Geschichte des Psychopathen-Modells wird ausführlich referiert. Persönlichkeitsabnormitäten im Sinne der Psychopathie oder Soziopathie werden u.a. auf eine mehr oder weniger ererbte, anlagemäßig bedingte Minderwertigkeit zurückgeführt, die sich degenerativ über die Generationen hinweg verstärkt- eine Erklärung mit unabsehbaren Folgen. Auch werden grundlegende Probleme der Psychopathenlehre wie ihre Klassifikation und Diagnostik angesprochen.

Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit der Geburt der Psychiatrie als Wissenschaft. Anfangs des 19. Jahrhunderts schreibt die entstehende Psychiatrie ihre neue Form in dreifacher Richtung fest: medizinisch-verwaltungspolitisch-präventiv. Alle psychiatrisch relevanten Störungen werden als Geistes-Krankheit in das medizinische System eingebaut, und die aufkommende Psychiatrie erhält einen medizinisch-professionellen Status. Die psychiatrische Definitionsmacht wird verwaltungspolitisch im psychiatrischen Attest für die Zwangseinweisung und im justiziellem Attest für die Unzurechnungsfähigkeit festgeschrieben. Dem psychiatrischen Blick obliegt es auch, möglichst früh in die Krankheitsprozesse einzugreifen; hier liegen wohl Anfänge der präventiven Psychiatrie. Die Psychiatrie schreibt auf verschiedene Weisen letztendlich die zentralen Werte der Gesellschaft fest. Der „Verrückte“ in seiner „Anormalität“ manifestiert die Gültigkeit der durch ihn verletzten Norm, seine „Behandlung“ und „Therapie“ verspricht im Gegenzug Normalität.

Das vierte Kapitel thematisiert das Verhältnis der Psychiatrie zur Justiz am Gegenstand der Zurechnungsfähigkeit. Die juristische Profession und die psychiatrische Profession verarbeiten und kontrollieren im konfliktreichen Miteinander den Bereich des Abnormen. Besonders wichtig wird die Eroberung der Begutachtungsfunktion im Strafprozess seitens der Psychiatrie. Können bisher die Strafrichter durch Befragung der Zeugen oder behandelnden Mediziner, die „Unvernunft“ selbst erkennen, so wird jetzt allein der Psychiater kraft seines Fachwissens entscheiden, ob etwa eine „Monomanie“ die Schuld des Täters ausschließt. Zwei besonders bekannte Fälle werden in ihren Konsequenzen diskutiert: der Fall Rivière (1835) und der Fall Jürgen Bartsch.

Das fünfte Kapitel beschreibt die Entstehung und Geschichte der Anstaltspsychiatrie des 19. Jahrhunderts in Frankreich (1656, 1838-1880), in England (1553,1751-1856) und in Amerika (1820, 1860-1970). Die Situation in Deutschland wird kurz skizziert. Wie fällt nun das Zwischenfazit zur Anstaltspsychiatrie aus? Gegen Ende des 19.Jahrhunderts existiert das neue Gesicht der Anstaltspsychiatrie. Seine Elemente werden aufgelistet:

  • Sicherheit und Zwang (u.a. Zwangseinweisung)
  • Organisation der Anstalt (u.a. Hierarchische Organisation/ bürokratisches Regelsystem/Subkulturen des therapeutischen Personals und des Pflegepersonals auf der einen Seite und auf der anderen die Irren)
  • Anstaltstherapie (Dominanz der Disziplinierungsmaßnahmen)
  • Diagnostische Klassifizierung (Beobachtung/Leitsymptom/Leitklassifikation/ große Irrtumschancen)
  • Professionalisierung (Schlüsselpositionen mit Psychiatern besetzt)

Das sechste Kapitel macht den Krieg gegen die psychisch Kranken zum Thema. Im Dritten Reich mündet der hundertjährige von Philippe Pinel (1745-1826) und Jean Étienne Esquirol (1772-1840) eingeschlagene Weg, die Anstaltspsychiatrie mit staatlichen Kontrollinstanzen zu verbinden, in einer Staats-Psychiatrie, die frei über Leben und Tod entscheiden konnte. Die NS-Vernichtungspolitik gegenüber psychisch Kranken wird als im Kern bereits enthaltenes Element der Anstaltspsychiatrie bewertet – jedenfalls kann es so gelesen werden.

Zu Teil II

(Irre, Therapie, Psychomarkt)

Da siebte Kapitel stellt die Frage: Alternativen zur Anstaltspsychiatrie? Die Antwort vorweg: Für unseren Verfasser ist es besonders die Anti-Psychiatrie, die frischen Wind in das psychiatrische Dispositiv bringt. Er nennt fünf, sich immer stärker radikalisierende Phasen dieser Psychiatrie:

  • Das Modell der Therapeutischen Gemeinschaft (Maxwell Jones (1917-1993) / u.a. Zerstörung der traditionellen Anstaltshierarchie)
  • Kritik am Krankheitsmodell (Ronald Laing/ David Cooper)
  • Sektor-Psychiatrie in Frankreich (Konzentration auf Sektoren mit 70.000 Einwohnern/ psychiatrische Aktivitäten hauptsächlich außerhalb der Klinik)
  • Modelle einer psychothérapie institutionelle (Jean Qury (1924-2014) und seine Clinique de la Borde; übrigens: ein guter Freund und Gast unserer Herner von Matthias Krisor inspirierten Gemeindepsychiatrie!)
  • Anti-psychiatrische Praxis in Italien (Franco Basaglia und Mitarbeiter/ Giovanni Jervis (1933-2009)
  • Heidelberger Experimente (Sozialistische Patientenkollektiv SPK/Psychotherapeutische Beratungsstelle-PSB)

Das achte Kapitel beantwortet die Frage: Modernisierung oder Reform? Was die näher dargestellte bundesrepublikanische Psychiatrie-Reform angeht, die u.a. in einem in 14 städtischen und ländlichen Regionen von 1980 bis 1985 durchgeführten Modellprogramm Psychiatrie erprobt wird, so kommt es zu einem Modernisierungsschub der Psychiatrie:

  • 2/3 aller psychiatrischen Betten finden sich in psychiatrischen Abteilungen der Allgemeinkrankenhäuser; die Großanstalten verlieren ihre Dominanz.
  • Das Fachpersonal ist weit gefächert und besteht aus Kinder und Jugendpsychiatern, Neurologen, Psychiatern/Psychotherapeuten, Ärzten mit dem Fachgebiet psychotherapeutische Medizin/Psychosomatik. Im nichtärztlichen Bereich finden sich Mitarbeiter der Pflegedienste, Psychologen/Psychotherapeuten und Sozialarbeiter.
  • Es entsteht eine Reform-Gesetzgebung (Benachteiligungsverbot, Psychotherapeutengesetz, Integrierte Versorgung etc.)
  • Selbsthilfegruppen, Psychiatrie-Erfahrene, Angehörige- sie alle erhalten einen neuen Stellenwert im Versorgungsgeschehen und erhalten professionelles und öffentliches Gehör.

Das neunte und zehnte Kapitel verhandelt die Themen: Nervenärzte, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychoanalyse und Psychotherapie. Alle diese medizinischen Dienstleister sind bestrebt, ihre im Ausbau des ambulanten Bereichs liegenden Möglichkeiten der Psychiatrie-Reform auszunutzen. Einige Ergebnisse dieser umfassenden Analyse der drei Professionen seien vorgestellt:

Führen die Nervenärzte zwischen Neurologie und Psychiatrie auch einen Kampf um die Sicherung eines eigenständigen Berufsbildes in der Medizin und stehen sie zugleich in Konkurrenz zu Institutsambulanzen und sozialpsychiatrischen Diensten, zu Psychologen-Therapeuten und den Apothekern, so überrascht ihre residuale Stellung in der Versorgung nicht. Im ambulanten Vorfeld behandeln sie leichtere psychische Störungen.

Ganz anders sieht es bei der Kinder- und Jugendpsychiatrie aus. Der eher klassisch medizinisch-somatisch orientierten, auf Kinder spezialisierten Psychiatrie gelang die eigenständige universitäre Etablierung und damit die berufliche Sicherstellung und Erfolgsgarantie. Sie dringt produktiv in den bisher von Pädagogen und Jugendämtern beherrschten Bereich ein. Das Entscheidungsspektrum reicht von Schulleistungsstörungen bis hin zu Fragen einer stationären Versorgung. Allerdings zeigt sich an der Kinder- und Jugendpsychiatrie auch, wie sehr sich die Psychiatrie in einen höchst komplizierten Verwaltungs-Komplex einbinden lässt. Präventiv ausgerichtet, behandelt sie vor allem Auffälligkeiten im Bereich sozialen Verhaltens.

Auch Psychoanalyse und Psychotherapie haben als hundertjährige alternative Erklärungs- und Behandlungsmodelle zu den klassischen psychiatrischen und psychologischen Zugriffen auf den Menschen eine professionelle Geschichte ihrer Entfaltung. Sie folgt bei unserem Autor dem Grundschema solcher pastoral-kontrollierenden Professionen, das ich eingangs bereits skizziert habe. Heute gibt es zwar eine Aufteilung des Marktes zwischen ärztlichen Therapeuten und psychologischen Therapeuten, doch es gibt auch seit den 70er Jahren einen stets anwachsenden konkurrierenden Psycho-Markt: Dienstleistungen der Nervenärzte und der stationären Einrichtungen, Aktivitäten ambulant arbeitender Einrichtungen der Gemeindepsychiatrie und der Sozialpsychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiater mit ihren Ansprechstationen in der Erziehung, bei den Eltern, in der Familie, in Kindergärten und Schulen etc., Therapiebedarf im Beruf und beim Militär, Coaching, Management, Institutionenberatung und das unendliche Geschäft der Optimierung des Selbst und seines Lifestyles sind u.a. im Psycho-Angebot. Ist es anfangs der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts die beginnende Massengesellschaft (Produktion und Konsum) mit ihrer Zerstörung der viktorianischen Familie, die der Psychoanalyse bei der Geburt hilft, so ist es heute vielleicht der endgültige Sieg über die Familie und die damit verbundene Vereinzelung bzw. Atomisierung des Individuums, die nach Therapie und Hilfe schreien. Die Herstellung des individuellen und gesellschaftlichen Zusammenhaltes wird somit zu einer zukunftsträchtigen Daueraufgabe pastoral-kontrollierender Professionen.

Das elfte Kapitel legt das Fazit der Untersuchung unter dem Titel vor: Ein ambivalentes Kontroll-Dispositiv. Der Psychiatrie-Komplex reiht sich ein in die Geschichte der professionellen Kontrollen von den Ketzern über die Hexen zu den Irren oder psychisch Gestörten und Kranken der Gegenwart. Es gibt eine Struktur, die sich bei der Verfolgung der Ketzer und Hexen wie bei der Behandlung der Irren gleich bleibt. Nur auf der kulturell-mentalen Ebene wird der religiöse Horizont des Denkens und Handelns durch die das Zeitalter prägende wissenschaftliche und bürgerlich-kapitalistische Rationalität ersetzt. Folgerichtig weist sich die Psychiatrie denn auch als medizinische Disziplin aus und sichert sich dadurch Status und Erfolg. Es existiert auch in der Psychiatrie ein für eine dauerhafte Existenz notwendiger dispositiver Rahmen, bestehend aus Gebäuden, Regeln und Normen, Legitimationen, Ideologien, Personal und Insassen etc. Alle diese Elemente stützen sich gegenseitig und entwickeln sich evolutionär. Das Dispositiv selbst ist das Netz, das man zwischen diesen Elementen herstellen kann, darf man Foucault zitieren. Der Psychiatrie-Komplex ist ein Bestandteil des Kontroll-Archipels bis hin zur Gegenwart und zielt in einem ambivalent besetzten Geflecht aus Heilung, Wissen und Macht auf die Normierung unseres Verhaltens im Sinne einer individuellen wie gesellschaftlichen Stabilitätssicherung.

Diskussion

Die Auflösung der klassischen Anstalt und die Psychiatrie-Reformen werden für Deutschland überwiegend als Ergebnis der anti-psychiatrischen Bewegung der 60er Jahre und als Ergebnis der 68er Zeitläufte gesehen. Das von Foucault stammende Analyse-Instrumentarium und die Herausstellung der Unterdrückungsfunktion der Psychiatrie hat in diesen Zeiten Konjunktur. Diesem Verständnis entspricht es, die psychiatrischen Reformbemühungen der 50er und 60er Jahre in Amerika, in England und auch in Deutschland als breite, vielfältige und innovative Quellen der Bemühungen um eine Verbesserung der psychiatrischen Versorgung gering zu achten (dazu: www.finzen.de/pdf-dateien/soziologie.pdf).

In Deutschland gibt es durchaus Vertreter psychiatrischer Anstalten, die eine Reform frühzeitig und weit vor der so mystifizierten 68er Generation betreiben. Vielen ist bewusst, dass es auf sozial-psychiatrischen Gebiet Nachholbedarf gibt und dass manche im Ausland realisierten Modelle auch auf deutsche Verhältnisse übertragen werden könnten. Die Umstrukturierung der psychiatrischen Krankenhäuser und der Aufbau gemeindepsychiatrischer Strukturen stehen spätestens Anfang bis Mitte der 60er Jahre auf der Tagesordnung weitblickender Psychiater. Im Grunde ist das Programm der bundesdeutschen Psychiatrie-Reformen der 80er Jahre schon damals formuliert. Einen frischen Wind mag vielleicht die Anti-Psychiatrie des Heidelberger Patienten-Kollektivs bringen, wie Quensel es einschätzt. Aber das Klima für Reformen ist zu diesem Zeitpunkt bereits vorbereitet.

In ihren reformatorischen Bemühungen um verbesserte Hilfen für psychisch Kranke sehen professionelle Vertreter der Psychiatrie einen „ bescheidenen Akt der Wiedergutmachung eines schweren Unrechts“, das in der NS-Zeit begangen wurde. Damit stellen sie sich der Auseinandersetzung mit einem verhängnisvollen Abschnitt der Anstaltsgeschichte und ihrer eigenen psychiatrischen Profession. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ und die inhumane und tödliche Missachtung der psychisch Kranken und Behinderten sollte aber nicht als zwangläufiges Ereignis der Anstaltsgeschichte von ihren Anfängen bis 1933 und der Praxis der psychiatrischen Profession begriffen werden. Ein unilineares Geschichtsbild der Anstalt als sich perfektionierende Unterdrückungs- und letztendlich tödliche Vernichtungsagentur hilft zum Verständnis sowohl der allgemeinen und länderübergreifenden Anstaltsgeschichte als auch besonders der deutschen NS-Psychiatrie nicht weiter. Im Gegenteil: Eine solche Verlagerung in die Geschichte der Anstalt entlastet eine Generation von Psychiatern, die keinen Widerstand gegen Mordaktionen, sondern – bis auf einige wenige – aktive Mithilfe daran geleistet haben.

Hier kommt ein weiterer Gesichtspunkt hinzu: Wenn man die psychiatrische Anstalt oder die Psychiater insgesamt der Praxis der Unterdrückung bezichtigt, so macht man es sich doch zu einfach: „Es gibt in unserer Gesellschaft nicht deshalb Heilanstalten, weil Aufseher, Psychiater und Pfleger einen Arbeitsplatz brauchten; es gibt sie deshalb, weil eine Nachfrage nach ihnen besteht. Wenn heute alle Heilanstalten eines bestimmten Gebietes geleert und geschlossen würden, dann würden morgen Verwandte, Polizisten und Richter den Ruf nach neuen Anstalten anstimmen. Und sie, die in Wahrheit die Klienten der Heilanstalt sind, würden nach einer Institution verlangen, die ihre Bedürfnisse befriedigt.“ (Goffman) Die Anstalt hat viele Väter und Mütter, und überdies gab und gibt es noch viele soziale Zwänge und Bedingungen, die eine vormalige Anstalt notwendig gemacht haben oder heute eine psychiatrische Abteilung eines Krankenhauses – die transformierte Anstalt oder Nachfolgeeinrichtung – notwendig machen. Mit allen diesen Anforderungen fertig zu werden, ist für die Psychiater kein leichtes Unterfangen.

Außerdem bleiben die sich stets geschichtlich ändernden Formen und Inhalte der Anstalten in Bezug auf Krankheitsgruppen, Therapieformen, Personalausstattung, Finanzierungs-formen, Konzeption und Lage, Versorgungsfunktionen etc. unterbelichtet, sodass das Anstaltsbild eines monolithischen Blockes und Molochs entsteht, bei dem es den Psychiatern stets um Kontrolle, nie aber um wirkliche Hilfe und Schutz für Patienten, Familien und Angehörige gegangen wäre.

Ich meine, dass das Kontroll- und Unterdrückungsdispositiv, das im Anschluss an Foucault formuliert wird und als Leitfaden dieser Untersuchung dient, ein zu grobes Raster bietet und zu Einseitigkeiten und Vereinfachungen der Wirklichkeit führt. Solche Verkürzungen können durchaus sinnvoll sein und Erkenntnisgewinne bringen, dürfen aber nicht mit der geschichtlichen Wirklichkeit des Anstaltswesens und der Praxis der Profession gleichgesetzt werden. Hier sind Differenzierungen und Sichtweisen notwendig, die mit dem Suchmuster der Geschichtstheorie als eines permanenten Unterdrückungsfortschrittes und einer stetigen Optimierung der Regierbarkeit des Menschen nicht eingefangen werden können. Mikrosoziologische und multiperspektivisch angelegte Forschungsansätze im Stile von Goffman müssen solche Großtheorien ergänzen und korrigieren.

Auch könnte man die Darstellung der Anti-Psychiatrie bei Quensel als Alternative zur Anstalt kritisieren. Hier möchte ich für den Interessierten nur auf die kritische Auseinandersetzung mit den Psychiatern der Anti-Psychiatrie von Theo R. Payk in seinem Buch „Psychiater. Forscher im Labyrinth der Seele“ verweisen, das als Antidoton zur Quensel-Lektüre wirkungsvoll sein kann.

Interessant sind auch die vielen in Anmerkungen oder Kurzhinweisen versteckten manchmal verwirrenden, zum Teil abstrusen und überraschenden Ergänzungen und Querverweise. Aber sie haben System und signalisieren dem Leser, wo der Autor steht. Er steht jedenfalls, so habe ich sie insgesamt ausgewertet, als Linker im rechten und/oder richtigen globalen Wind und in der Mitte der Gesellschaft. Ein Beispiel dafür ist sein Trump-Bashing. Im Rahmen einer von Quensel wahrgenommenen Zunahme der stigmatisierenden Ablehnung von Behinderten wird darauf verwiesen, „wie sich Trump über einen behinderten Journalisten lustig machte.“ (S. 520, Anm. 63) Tatsache: Es handelt sich um eine einzige Fake-Nachricht (www.youtube.com/). Warum wird der kritische Blick nicht auf solche Nachrichten geworfen?

Fazit

Wer sich für die Gegenwart und Geschichte der Psychiatrie, für die Entwicklung der medizinischen, psychiatrischen und psycho-sozialen Berufe bis hin zur Entstehung des gegenwärtigen Psychiatrie-Komplexes und für die Frage nach alten und neuen Formen der psychosozialen und psychiatrischen Unterdrückung und Kontrolle interessiert, ist gut beraten, diese Untersuchung zu studieren. Sie enthält viele Einsichten, aber auch viele diskussionswürdige Auffassungen. Was will der kritische Leser mehr, als sich mit einem Buch auseinanderzusetzen, das den Widerspruch herausfordert, aber auch in vielen Passagen Zustimmung erwarten darf?


Rezensent
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 27.11.2017 zu: Stephan Quensel: Irre – Anstalt – Therapie. Der Psychiatrie-Komplex. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-16210-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23327.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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