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Markus Sauerwein: Qualität in Bildungssettings der Ganztagsschule

Cover Markus Sauerwein: Qualität in Bildungssettings der Ganztagsschule. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 500 Seiten. ISBN 978-3-7799-3684-8. 49,95 EUR.
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Thema

In der Ganztagsschule beginnt sich die Trennung zwischen Unterrichtsforschung und Sozialpädagogik aufzulösen. An einer Stelle heißt es pointiert (S. 73), Schule familiarisiere, sozialpädagogisiere und verfreizeitliche sich, während Freizeit umgekehrt nicht mehr durch die Abwesenheit von Schule und Lernen gekennzeichnet sei. Die vorliegende Monographie bietet erstmals eine schul-und sozialpädagogische Perspektive auf das Thema Ganztag(sschule).

Autor

Markus N. Sauerwein ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) im Projekt Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG). Arbeitsschwerpunkte des Autors sind Ganztagsschule, die Verknüpfung von Schul- und Unterrichtsforschung mit der Sozialpädagogik, Schulentwicklung sowie die Qualität in Bildungssettings der Ganztagsschule.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Publikation wurde 2016 als Dissertation bei der Goethe Universität Frankfurt eingereicht.

Die Monographie ist entstanden innerhalb des StEG-S-Projektes. Die empirischen Daten wurden in der zweiten Förderphase (2011- 2015) gewonnen. In StEG-S wurden Schüler/-innen im Verlauf ihres ersten Schuljahres an der Ganztagsschule (5. Schuljahr) dreimal mithilfe von Fragebögen am Computer befragt: zum Schuljahresbeginn, zum Schuljahreshalbjahr und zum Schuljahresende.

Aufbau

Die sich in acht Kapitel gliedernde Monographie beginnt nach der Einleitung mit der Darstellung des Qualitätsverständnisses.

In den beiden nachfolgenden Kapiteln geht es um Ziele von Ganztagsschule, dabei vor allem um Bewertungen zur Prozessqualität und ausführlich (in Kapitel 4) um Prozessqualität in der Unterrichtsforschung, um Dimensionen guten Unterrichts, um Prozessqualität in der Jugendarbeit und in extracurricularen Angeboten sowie um theoretische Zusammenhänge zwischen den Qualitätsdimensionen und den Zielen von Ganztagsschule.

Im kurz gehaltenen fünften Kapitel wird die empirische Fragestellung entwickelt, während im sechsten Kapitel Stichprobe und Methoden vorgestellt werden.

Das siebte Kapitel, das Herzstück des empirischen Teils, stellt die Resultate der empirischen Erhebung dar. So werden empirisch Antworten geliefert z.B. auf Fragen wie „Lässt sich das dargestellte Qualitätskonzept in der Struktur der Urteile der Schüler/-innen empirisch wiederfinden?“ und „Welche Faktoren beeinflussen das Erleben der Qualität der Schüler/-innen?“ In der zusammenfassenden Diskussion im abschließenden achten Kapitel wird u.a. die Bedeutung der Ergebnisse für die Ganztagsschulforschung und -praxis heraus gearbeitet.

Inhalt

Markus Sauerwein stellt in der Einleitung die Entwicklung der Ganztagsschulforschung dar und fügt in sie seine Untersuchungsaufgabe ein, nämlich eine Heuristik für Qualität in Bildungssettings der Ganztagsschule zu konzipieren sowie deren Reichweiten und Grenzen empirisch auszuloten (S. 17). Mit anderen Worten geht es dem Autor darum, mögliche Transformationsprozesse von Ganztagsschule abzubilden und dabei das Verhältnis zwischen Unterrichtsforschung und Sozialpädagogik in Bezug auf die Prozessqualität zu eruieren.

Im zweiten Kapitel wird das der empirischen Studie zugrundeliegende Verständnis von Qualität dargestellt, ferner werden Modelle vorgestellt, die für die Reflexion von Qualität ebenso genutzt werden könnten. Qualitätsurteile, so der Autor (S. 28), beruhten stets auf normativen Grundlagen. So könnten z.B. Bewertungsmaßstäbe über politische Ziele von Ganztagsschulen erfolgen oder aber Bewertungskriterien wissenschaftsintern erarbeitet werden. Markus Sauerwein legt den zweiten Maßstab an seine Untersuchung an.

Gleichwohl impliziert die Frage nach Qualität immer auch einen Wettstreit um Anerkennung verschiedener pädagogischer Sichtweisen. Für den Autor gilt: „Um Aussagen über die Qualität von Unterricht und Angeboten in der Ganztagsschule treffen zu können, müssen demnach zuerst das Verständnis von Ganztagsschule sowie die Ziele und Zwecke dieser Schulform dargelegt werden“ (S. 32).

Dieses wird im dritten Kapitel aus zwei Perspektiven, einer schultheoretischen und einer sozialpädagogischen, entwickelt. Ganztagsschule wird verstanden „als ein Zusammenwirken von Schule, Unterricht sowie Sozialpädagogik bzw. ihren jeweiligen Theorien und Forschungszugängen“ (S. 33). Entsprechend. werden schultheoretische und sozialpädagogische Zugänge erörtert, von denen her anschließend Ziele von Ganztagsschule vergleichend diskutiert werden. Zur Sprache kommen auch Fragen zur Ganztagsbildung. Im Horizont von Ganztagsschule bedeutet sie, „dass die gesamte Persönlichkeit durch die Zusammenarbeit von Schule und Jugendarbeit gestärkt werden soll“ (S- 359).

In der Kooperation sollen Schule und Kinder- und Jugendhilfe ihre jeweiligen Eigenheiten bewahren. Ein weiterer Diskussionsstrang wird entlang der Diskussion um Transformationsprozesse von Schule entwickelt. Mehrfach wird herausgestellt, eine Trennung der jeweiligen Settings von Familie, Schule und Freizeit bzw. sozialpädagogischen Arrangements entspreche nicht mehr der sozialen Wirklichkeit (S. 35). D. h., die Ganztagsschule hat neue Aufgaben zu übernehmen, für die sie ursprünglich nicht zuständig war: Im Unterricht würden auch Ziele der Persönlichkeitsbildung verfolgt, während im Bereich der Jugendarbeit ebenfalls fachliches Lernen stattfindet. In der vorliegenden Arbeit wird demzufolge „Ganztagsschule […] von der Zusammenarbeit unterschiedlicher Professionen her verstanden und als Verbindung verschiedener Bildungssettings und damit verknüpfte Erweiterung der Lerngelegenheiten gefasst“ (S. 38).

Der Autor entwickelt dazu von der schulpädagogischen sowie der sozialpädagogischen Seite die jeweils wichtigsten Strukturaspekte, z.B. seitens der Jugendarbeit Freiwilligkeit, Offenheit, das Fehlen formaler Machtmittel und eine daraus bedingte Diskursivität. Aufgrund dieser Differenz zu Schule kann sich die Kinder- und Jugendarbeit der Bildung ganz anders nähern als die Schule. Im Kapitel 3.3. werden Ziele von Ganztagsschule von den theoretischen Bezügen der Schulpädagogik und der Sozialpädagogik formuliert: z.B. Ganztagsschule verfolge das Ziel, Schüler/-innen ein möglichst hohes Leistungsniveau zu vermitteln (S. 64) und im Kontext von Normen und Werten z.B.: Ganztagsschule soll Schüler/-innen die Möglichkeit zur Partizipation sowie zur gesellschaftlichen Teilhabe geben (S. 65). Im Ergebnis: Schule und Sozialpädagogik haben jeweils eigene Erwartungen, die sich z.T. durchaus überscheiden können.

Im vierten Kapitel werden mögliche Merkmale für die Qualität von Bildungssettings in Ganztagsschulen erarbeitet. Es werden Antworten auf die Frage gegeben, „welche Qualitätsdimensionen aus der Unterrichtsforschung und der außerschulischen Bildungsarbeit für die Zielerreichung von Ganztagsschule relevant sein können“ (S. 71). Dazu wird ein umfassendes Konzept für Qualität in Unterricht und Ganztagsangeboten erarbeitet. Es werden vor diesem Hintergrund Entwürfe von Unterrichtsforschung und außerunterrichtlicher Forschung dargestellt. Anschließend wird im Kapitel 4. 5. das Verhältnis der Qualitätsdimensionen zueinander in den Blick genommen und zu einer Heuristik der Qualität in Bildungssettings der Ganztagsschule zusammen getragen. Abschließend wird erörtert, welche Facetten von Qualität erfasst werden und welche Personengruppe hierzu befragt werden soll.

Ausführlich widmet sich das dritte Kapitel den Dimensionen guten Unterrichts, die im Rahmen der Arbeit berücksichtigt werden Dazu stellt Markus Sauerwein die drei Prozessqualitätsdimensionen Classroom Management, kognitive Aktivierung und Motivationsunterstützung ausführlich dar. So geht es bei der kognitiven Aktivierung um ein tiefergehendes Lernen. Sie ist auf konstruktivistische Lerntheorien zurückführbar. Entsprechend wird Lernen als aktiver Prozess verstanden, wobei den Lernenden genügend Freiraum zugestanden wird. Lehrer/-innen sind dabei weniger Vermittler/-innen als vielmehr Helfer/-innen. Im Gegensatz dazu geht es bei der Motivationsunterstützung vorrangig um die Interaktion zwischen Lehrer/-innen und Lernenden.

Prozessqualitätsdimensionen in der Sozialpädagogik sind bislang kaum empirisch geprüft, sondern bestenfalls retrospektiv erfasst worden. Auch gibt es keine übergeordneten Qualitätsmodelle. Dafür finden sich handlungsleitende Konzepte. Im vierten Kapitel werden vier vorgestellt: Lebensweltorientierung (mit den Maximen Einmischung, Prävention, Alltagsnähe, Ganzheitlichkeit Integration, Partizipation und Regionalisierung), Anerkennung, Partizipation und Teilhabe sowie die nordamerikanische Extracurricular- und Out-of-school-Activities.

Bezogen auf die empirische Studie ist die entscheidende Frage, wie die Schüler/-innen die Zusammenhänge zwischen den Qualitätsdimensionen und den Zielen der Ganztagsschule erleben, u. z. liegt der Fokus auf der subjektiven Rezeption des Unterrichts und der Ganztagsangebote.

Zwischenstand zum Inhalt: Qualitätsurteile sind keine Tatsachenbeschreibungen, sondern an die jeweilige Sichtweise und daraus abgeleitete Bewertungskriterien gebunden, so das Ergebnis des zweiten Kapitels. Im dritten Kapitel werden die Ziele von Ganztagsschule über eine schulpädagogische und eine sozialpädagogische Sicht artikuliert. Je nach theoretischer Perspektive erhalten die Ziele eine unterschiedliche Konnotation. Im vierten Kapitel wird nach den Prozessmerkmalen im Unterricht und in Ganztagsangeboten gefragt. Insgesamt wurden jeweils drei Qualitätsdimensionen von Unterrichtsforschung und Sozialpädagogik erarbeitet und zu einer Heuristik der Qualität in den Bildungssettings der Ganztagsschule zusammen geführt.

Im fünften Kapitel wird die Fragestellung des empirischen Teils entwickelt und im sechsten Kapitel die Heuristik für die Qualität in Bildungssettings der Ganztagsschulen erfasst. Die Qualität wird anhand des Deutschunterrichts sowie für Ganztagsangebote in den Bereichen Medien, Lesen oder soziales Lernen überprüft. Übergeordnete Fragestellungen sind:

  • Lässt sich die dargestellte Qualitätsheuristik empirisch wiederfinden? Ist sie zwischen Ganztagsangeboten und Unterricht vergleichbar?
  • Welche Faktoren beeinflussen die Qualitätsurteile der Schüler/-innen?
  • In welchem längsschnittlichen Zusammenhang stehen die Prozessmerkmale von Angebot und Unterricht mit gewünschten Outputs aufseiten der Schüler/-innen?
  • Im Anschluss daran werden spezifische Fragestellungen zu den Zielen von Ganztagsschule formuliert. Zugrunde gelegt werden das Leseverstehen, der Selbstwert und die soziale Selbstwirksamkeit der Schüler/-innen. „Unter sozialer Selbstwirksamkeit wird das Vertrauen in die eigenen sozialen Kompetenzen in schwierigen Situationen verstanden“ (S. 225). Selbstwirksamkeit ist eine von mehreren Voraussetzungen für die Möglichkeit zur Partizipation, gesellschaftlichen Teilhabe und Verantwortungsübernahme.

Das sechste Kapitel setzt sich mit der Stichprobe, den Variablen und Methoden für die empirische Erhebung auseinander. Teilgenommen haben Schüler/-innen der fünften Schuljahre von 66 Schulen: 61 Schulen mit jeweils zwei fünften, fünf Schulen mit je einer Klasse.

Ausführlich werden die Methoden der Datenerhebung dargestellt: in Bezug auf die Leseverstehenskompetenzen, die Erhebung psychosozialer Variablen und sozialer Selbstwirksamkeit und die Beurteilung der Unterrichts- und Angebotsqualität, Überdies galt es, in der Untersuchung die Messinvarianz hinsichtlich der Prozessqualität zu sichern. Markus Sauerwein stellt dazu im Detail die einzelnen Methoden dar (S. 237 ff.). Differenziert werden auch die Regressionsanalysen sichtbar gemacht.

Das umfangreichste Kapitel, das siebte, stellt die Ergebnisse dar, in höchstem Maße empirisch gründlich mit einer wohlbegründeten Vielzahl von Tabellen. Bei den Ergebnissen geht es um die von den Lernenden erlebte Qualität und ihre möglichen Zusammenhänge mit psychosozialen Variablen und der Leseleistung der Schüler/-innen. Außerdem geht es darum zu klären, ob sich die Transformationsprozesse von Schule in den Qualitätsdimensionen wiederfinden lassen (S. 269). Es wird eingangs überprüft, ob die theoretisch vorgenommenen Differenzierungen in acht unterschiedliche Qualitätsdimensionen empirisch haltbar sind. Des Weiteren wird der Frage nachgegangen, ob und welche Qualitätsdimensionen vergleichbar sind (Abschnitt 7.1). Ferner wird untersucht, von welchen äußeren Einflüssen das Erleben von Qualität aus der Sicht der Schüler/-innen abhängig ist. Schließlich wird der Frage nachgegangen, welche Wirkungen die einzelnen Qualitätsdimensionen auf die Ziele von Ganztagsschule haben. Dabei interessiert auch, ob Freiwilligkeit mit den Zielen von Ganztagsschule in Verbindung steht (Abschnitt 7.3).

Es werden im siebten Kapitel im Detail die Ergebnisse, faktorenanalytisch zu den einzelnen Fragestellungen dargestellt. So wird u.a. ermittelt, dass zu allen Messzeitpunkten ein starker Zusammenhang zwischen den Anerkennungsformen Emotionalität und Solidarität besteht. Gleichwohl können beide Dimensionen empirisch voneinander unterschieden werden. Auch zwischen Partizipation und kognitiver Aktivierung gibt es sowohl in den Ganztagsangeboten wie auch im Unterricht starke Zusammenhänge.

Ausführlich werden überdies empirisch über die drei Erhebungsverläufe hinweg die jeweiligen Messinvarianzen geprüft.

Differenziert geht der empirische Teil der Studie auf die Frage nach den auf das Erleben der Qualität der Schüler/-innen einwirkenden Faktoren ein (S. 347 ff.). Untersucht wird, ob bestimmte externe Faktoren die Qualitätsurteile der Schüler/-innen beeinflussen. So wird der Frage nachgegangen, welche Bedeutung eine freiwillige Teilnahme und die jeweilige Schulform auf die Qualitätsurteile der Schüler/-innen haben. Feststellbar ist grundsätzlich, dass Schüler/-innen Ganztagsangebote bei einer freiwilligen Teilnahme besser beurteilen (S. 366 f.), wenn auch der gefundene Effekt als eher gering anzusehen ist. Als relevanter Prädiktor erweist sich ebenfalls die Schulform wie auch der Migrationshintergrund. Die Untersuchung widmet sich ferner der Frage, in welchem Zusammenhang die Qualitätsdimensionen von Angeboten und Unterricht mit der Zielerreichung im Längsschnitt stehen (S. 370 ff.). Welchen Effekt gibt es hinsichtlich der sozialen Selbstwirksamkeit, des Selbstwertes und des Leseverstehens (S. 400 ff.)? Abschließend wird untersucht, ob eine freiwillige Teilnahme an Medien- und Leseangeboten oder Angebote zum sozialen Lernen Auswirkungen auf die soziale Selbstwirksamkeit, den Selbstwert oder das Leserverstehen haben (S. 410 ff.). Die Ergebnisse fallen in hohem Maße unterschiedlich aus. Zusammenfassend formuliert Markus Sauerwein (S. 427): Die ermittelten Effekte der Qualitätsdimensionen auf die soziale Selbstwirksamkeit und den Selbstwert seien als klein zu bewerten. Dies sei nicht verwunderlich, da Schüler/-innen beiden Variablen in ihrem bisherigen Leben ausgesetzt gewesen seien. „Subjekte konstituieren sich stetig neu, jedoch immer im Kontext ihrer bisherigen Erfahrungen, sodass jede neue Erfahrung den Subjektwerdungsprozess nur ein wenig beeinflusst“ (S.427).

Im abschließenden achten Kapitel wird die Bedeutung der Ergebnisse für die Ganztagsschulforschung heraus gestellt. Ein wichtiges Ergebnis sind die Transformationsprozesse der Ganztagsschule Sie habe sich entscholarisiert, während sich Freizeit und außerschulische Bildungssettings scholarisiert hätten. Mit anderen Worten: Schulen hätten Aufgaben von Familie, Freizeit und Sozialpädagogik übernommen, während umgekehrt formales Lernen in nichtschulischen Kontexten an Bedeutung gewonnen hat. Ermittelt werden konnte in der empirischen Studie eine wechselseitige Anreicherung von Schul- und Sozialpädagogik. Dies ist konzeptionell nicht unerheblich für die Ganztagsbildung. Sichtbar ist geworden, dass die oftmals geäußerte Befürchtung, Sozialpädagogik, insbesondere Kinder- und Jugendarbeit wie auch Jugendverbandsarbeit, könnten durch die Ganztagsschule verdrängt werden, nicht bestätigt wird, sondern sie hat durch Ganztagsschule, so Sauerwein, vielmehr eine Stärkung erfahren (S. 435).

Hervorzuheben ist schlussendlich, dass die Qualitätsdimensionen theoretisch bedeutsam sind für die Zielerreichung von Ganztagsschule auf der Grundlage der empirisch ermittelten Ergebnisse.

Diskussion und Fazit

Es ist mir in dieser Rezension nicht möglich gewesen, die Vielzahl der empirischen Befunde auch nur annähernd abzubilden. Hut ab für diese als Dissertation eingereichte Arbeit!

In meiner Buchbesprechung konnten einzig Hauptaspekte für Wissenschaft und Ganztagsschulpraxis sichtbar gemacht werden. Und hier bietet die Studie wahrlich bedeutende Anregungen. In ihrem Kern ist sie bedeutend, da innovativ, weil sie erstmals Basisdimensionen von Unterrichtsforschung mit handlungsleitenden Maximen der Sozialpädagogik zusammenführt und dies überdies in empirisch anspruchsvoller Weise. Zukunftsweisend ist die vom Autor aufgeworfene Frage, ob im Zuge der doppelten Durchmischung nicht eine neue Pädagogik zu formulieren ist, zumal die Studie eine Basis dafür bieten kann, in einem Wechselspiel zwischen Schul- und Sozialpädagogik ein theoretisch begründetes Drittes entstehen zu lassen. Mögliche Ansatzpunkte könnten Bildung und Lernen sein. Lernen könnte dabei von der Annahme eines Noch-nicht-Könnens ausgehen. Die Aufgabe eines Lehrenden bestünde darin, in Bezug auf den Abbau des Noch-nicht-Könnens auf der Grundlage seines Wahrnehmens und Verstehens passende Lernhilfen zu geben. Dazu bedarf es der Entwicklung einer Fehlertheorie, die von der Prämisse ausgeht, dass Fehlermachen konstitutiv ist für den Abbau von Noch-nicht-Können. Weiter gedacht, müssten in der Folge Notensysteme und Schulformen überdacht werden.

Innovativ ist die Studie von Markus Sauerwein aber allemal, weil sie nicht nur Anregungen liefert für ein theoretisches Weiterdenken, sondern auch für empirische Anschlussstudien, die qualitativ-empirisch ausgerichtet und unter Einbindung von Praktiker/-innen in ihrem Forschungsdesign auch partizipativ angelegt sein können.

So weit, so gut! Wenn nicht…, ja wenn ich nicht über eine Vielzahl kleiner formaler Fehler immer wieder beim Lesen ins Stocken geraten wäre. Für Leser/-innen zum Schmunzeln könnten sein: S. 15, 1. Zeile von oben und S. 235, 19. Zeile von oben. Die kleinen formalen Mängel können aber die positive Gesamteinschätzung nicht ins Wanken bringen.

So ist dem den Gesamttext abschließenden Satz von Markus Sauerwein uneingeschränkt zuzustimmen: „Auf der Grundlage der aufgestellten Heuristik für Qualität in Bildungssettings der Ganzschule kann sie nun verändert werden!“ (S. 459).


Rezensent
Prof. Dr. Hans Günther Homfeldt
Prof. em. an der Universität Trier, Fach Sozialpädagogik/ Sozialarbeit
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Zitiervorschlag
Hans Günther Homfeldt. Rezension vom 28.09.2017 zu: Markus Sauerwein: Qualität in Bildungssettings der Ganztagsschule. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3684-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23331.php, Datum des Zugriffs 20.10.2017.


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