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Wolfgang Foltin: Der ganz normale Wahnsinn (Schulsozialarbeit)

Cover Wolfgang Foltin: Der ganz normale Wahnsinn. Praxis der Schulsozialarbeit: Ein- und Ausblicke. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2017. 110 Seiten. ISBN 978-3-8340-1738-3. D: 13,80 EUR, A: 14,20 EUR.
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Autor

Wolfgang Foltin ist 1. Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Schulsozialarbeit NRW e.V. und seit 1995 in der Schulsozialarbeit tätig. Er ist Fachberater der Bezirksregierung Düsseldorf für Schulsozialarbeit (seit 2011).

Thema

In seiner Einleitung lädt Wolfgang Foltin die Leser ein, einen Dialog mit den Akteuren der Schulsozialarbeit zu führen. Diesen Dialog organisiert er im Rahmen einer vorgeblichen Studienreise für fiktive Eltern und Lehrer sowie Schüler. Diese fasst er zu einem ‚Recherche-Team‘ zur Schulsozialarbeit zusammen. Erfundene Kinder fiktiver Eltern werden mit ihren Verschiedenheiten beschrieben, ebenso die daraus resultierenden unterschiedlichen Anforderungen und Erfordernisse der Erziehung, Förderung und Unterstützung. Der differenzierten ausgeschmückten Beschreibung unterschiedlicher Bedarfe stellt er mögliche schulische Konsequenzen und Reaktionen gegenüber. Dann wechselt er von der Eltern- in die Lehrerperspektive, weist den Lesern diese Rolle zu.

Dieser Wechsel strukturiert auch den weiteren Verlauf des Buches: Herausforderungen an erziehungsberechtigte Elternteile und Herausforderungen an erziehungsverpflichtete Lehrkräfte im Großsystem Schule sowie die Bedürfnisse der Schüler. Als Brücke dazwischen sieht er die Schulsozialarbeit.

Foltin macht dann einen „cut“ und argumentiert, weswegen die Schulsozialarbeit als Schnittstelle an den Grenzen der Systeme Schule, Familie und Jugendhilfe nur selten im Blickpunkt der Öffentlichkeit zu finden sei. Dies erläutert er aus bildungspolitischem Blickwinkel, medialem Blickwinkel sowie aus sozialarbeiterischem Blickwinkel. Bildungspolitik wolle Schulsozialarbeit nicht als erkennbaren Bestandteil des Bildungswesens, da sie letztlich „Notstand“ impliziere, bediene sich aber ihrer zur Vernetzung. Der mediale Blickwinkel sei gekennzeichnet durch Skandalisierung und Quotenausrichtung, entsprechend drastisch sind die Illustrationen dazu. Den sozialarbeiterischen Blickwinkel beginnt er mit der Klage über die Schwierigkeiten praktischer Sozialarbeit, in einen erlauchten Kreis von Experten aufgenommen zu werden. Hinzu komme die Schwierigkeit der Schulsozialarbeit, sich öffentlich zu präsentieren, wofür er Gründe anführt. Die alte Klage von der fehlenden ‚Augenhöhe‘ bei gleichzeitig eigener empfundener ‚Kleinheit‘ schimmert hier durch.

Zu seinem Buch schreibt Wolfgang Foltin „Bei aller Fachlichkeit ist dieses Buch kein klassisches Fachbuch“ (S. 15), „Dieses Buch ist keine wissenschaftliche Abhandlung! Aus genau diesem Grund verzichte ich komplett auf Empirie.“ (S. 15) Dennoch schaffe dieses Buch Wissen über das Tätigkeitsfeld und die Professionalität in diesem Tätigkeitsfeld. Aber: „Dieses Buch ist kein Rezeptbuch!“ (S. 16). Wolfgang Foltin versteht es letztlich als eine Themenschau.

Aufbau

Nach einem Gastvorwort von Nicole Kastirke (FH Dortmund, Lehrgebiet Schulsozialarbeit) gibt Wolfgang Foltin in seinem Vorwort Einblick in seine ihn prägende Schulerfahrung, seinen Wiedereinstieg in das System Schule elf Jahre später im Rahmen der Schulsozialarbeit und im letzten Splitter des Vorworts benennt er sechs zentrale Punkte, die ihn im Rahmen seiner Tätigkeit in der Schulsozialarbeit als Leitfragen motivieren. Dem schließt sich die bereits vorgestellte Einleitung sowie vier Kapitel an, denen ein kurzes Nachwort folgt.

Im Kapitel 1, ‚Schulsozialarbeit – aus Erfahrung gut!‘, finden sich fünf aufgeführte Unterpunkte:

  • Einführung in den Alltag (S. 17-23),
  • „Der will doch nur spielen“ – Abenteuer- und Erlebnispädagogik (S. 23-32),
  • „Grips“ – Ganztag mit Köpfchen (S. 32-43),
  • „Let´s work together“-Projektarbeit (S. 43-62) und
  • „Alle an einen Tisch“ – Systemische Beratung) (S. 62-75).

Kapitel 2 trägt die Überschrift ‚Multiprofessionalität auf dem Weg zur Inklusion‘.

Der Unterpunkt in Kapitel 3 ‚Kooperation und Vernetzung‘ (S. 93-103) lautet ‚Schule und Kinder- und Jugendhilfe-der Dauerbrenner‘.

Das 4. Kapitel (S. 103-109) hat die Überschrift ‚Zukunft der Schulsozialarbeit‘.

Inhalt

Nach der Einleitung folgt das 1. Kapitel, das mit „Schulsozialarbeit – aus Erfahrung gut!“ überschrieben ist. Es beginnt mit einer fiktiven (?) Vorstellung des Autors in einer 5. Klasse in der Gesamtschule Nettetal, dem langjährigen Arbeitsort des Autors. Wolfgang Foltin legt den Schülern Fragen in den Mund, die für seine Darstellung der Schulsozialarbeit als Stichworte dienen. In diesem Stil der Zuweisung und Lenkung bezieht er auch den Leser mit ein, z.B. bei der Frage nach der Entstehung der Schulsozialarbeit. Deren Entstehung verortet er in den USA (1906), die Einführung in Deutschland sieht er in Folge der 68er und der Entstehung der Gesamtschulen mit einer fortlaufenden Entwicklung bis heute. Der fiktive Schüler Paul ist zentraler Stichwortgeber für das darzustellende Aufgabenspektrum der Schulsozialarbeit: Spiel- und Erlebnispädagogik, Ganztagsangebote, Projektarbeit, Beratung, externe Kooperationspartner und Inklusion. Dieses zugedachte Aufgabenspektrum wird im weiteren Verlauf durch eine fiktive Arbeitsgruppe aus Schülern, Eltern und Lehrern (das Recherche-Team) näher erkundet, in Form einer Reise zu verschiedenen Experten. Diese aufgesuchten ExpertInnen werden zum jeweiligen Beginn kurz „steckbriefartig“ vorgestellt und gehören überwiegend zur Landesarbeitsgemeinschaft Schulsozialarbeit NRW e.V., deren 1. Vorsitzender der Autor ist und die alle in der Schulsozialarbeit tätig sind.

Von den Schülerinteressen ausgehend ist die erste Station für das fiktive Recherche-Team aus Schülern, Eltern und Lehrern der Komplex Freizeitarbeit und Erlebnispädagogik. Zwei Experten (Alexandra van der Ejik und Helmut Krampe) berichten aus ihrem Angebotsspektrum, sie beschreiben aber auch die beiden Ansätze allgemein. Aus ihrem Arbeitsgebiet stellen sie praktische Umsetzungen vor. So gibt es im Rahmen der Freizeitarbeit z.B. Patenschaften, Sanitätsdienst, Streitschlichtung. Den Einsatz von Abenteuer- und Erlebnissport sehen sie „als pädagogischen Ansatz zur Ergänzung des methodischen Handlungskataloges für die Erziehungsarbeit an Schulen.“ (S. 25) Je nach individuellem Bedarf gibt es Angebote von Kletterwand bis Kanu fahren. Gerade bei „Problemkindern“ (S. 26) wird aktiv gesteuert, in welche AG sie gehen. „In der Regel merken die Kinder gar nicht, dass wir sie da so ein bisschen reingesteuert haben.“ Selbstbestimmung und Transparenz dominieren hier offenbar nicht.

Ab S. 32 wird von Dorle Mesch (2. Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft) Schulsozialarbeit im Rahmen von Ganztag thematisiert. Am Beispiel des eigenen Tätigkeitsfeldes wird der wirksame Eingriff in Organisationsabläufe der Schule beschrieben, die Umgestaltung von Rhythmisierung. (S. 36) Dieser Abschnitt des Buches zeigt einen möglichen Wirkungsgrad von Schulsozialarbeit bei der Gestaltung und Organisation von schulischen Lernprozessen. Unter der Überschrift ‚Projektarbeit‘ wird ein Modell der Streitschlichtung als Beispiel vorgestellt, dem schließt sich ab Seite 53 als weiteres Beispiel das Projekt ‚Ran an die Zukunft – RAZ‘ aus der Gesamtschule Kaiserplatz in Krefeld an. Präsentiert wird es von Peter Schroers, der sich mit seinem Tätigkeitsprofil vorstellt, aber nicht erwähnt, dass er Beisitzer der Landesarbeitsgemeinschaft Schulsozialarbeit NRW e.V. ist. Er arbeitet gemeinsam mit einem weiteren Kollegen an einer Schule mit 1400 Schülern. Es handelt sich bei der Vorstellung um ein Projekt am Ende der 8. Klasse, das für Mädchen und Jungen getrennt durchgeführt wird. Das Projekt RAZ umfasst eine Schulwoche. Es wird bei den Jungen durch die Klassenlehrer alleine durchgeführt, u.a. zu folgenden Fragen an die Jungen: Wo stehen sie am heutigen Tag, was ist bisher in ihrem Leben passiert, was gab es für Höhepunkte, was für Tiefpunkte, was gab es für schöne Tage, für schöne Erlebnisse? Es geht dabei auch um Vorbilder, um Werte. Die Schüler öffnen sich, so Schroers. Sie erzählen z.B., warum ein Elternteil gestorben ist, was die Scheidung der Eltern ausgelöst hat. Ein weiteres Element sind die sogenannten Männergespräche. Männer mit ungeraden Lebensläufen erzählen den Schülern davon. Der Schulsozialarbeiter ist hier Projektleiter und begleitet die Lehrer, die die Gespräche mit der Gruppe alleine führen und mit Aussagen konfrontiert werden können wie „Mein Vater ist vor vier Wochen gestorben“. Die Lehrer sollen darauf vorbereitet werden, in solch einer Situation nicht kopflos zu reagieren bzw. zu agieren (S. 58). Der Rat an das Recherche-Team: „Basis.(ist)…eine gute Beziehungsarbeit. Beginnen Sie damit (mit der Projektarbeit, W.G.) direkt mit den jungen Schülern. Arbeiten und spielen Sie mit ihnen, machen Sie diverse Unternehmungen mit ihnen und ‚wachsen‘ Sie über die Jahre mit ihnen auf. Diese Jahre stabilisieren Ihre Beziehung und bauen sie aus, das ist ganz wichtig.“ (S. 61)

Mit der Überschrift ‚Alle an einen Tisch-Systemische Beratung‘ ab S. 62 folgt der letzte Beitrag des 1. Kapitels. „Deshalb ist Beratung der Schulsozialarbeit in der Regel systemisch orientiert. Die am Konflikt beteiligten Personen werden nach ihrer Sicht der Dinge gefragt und ihre Position in ihren Bezugssystemen (Klasse, Familien, Peergroups etc.) betrachtet…Schulsozialarbeit lädt ein, moderiert die Gespräche und beteiligt sich an der Erarbeitung von Zielvereinbarungen.“ (S. 65). Dieser Abschnitt beschreibt teils systemische Abläufe, Einzelbeispiele aus der Praxis sowie Erfolgsgeschichten wie auf S. 71: „‚Ohne Sie hätte ich den Umschwung und den Neustart nicht geschafft!‘ Ohne einen weiteren Kommentar schlug ich ein, schüttelte ihr die Hand und sah ihr dabei ins Gesicht. Sie hatte genauso viele Tränen in den Augen stehen wie ich! Das werde ich nie vergessen!“ Für eine gelingende systemische Beratung hält der Autor u.a. drei Voraussetzungen für entscheidend: Raum, Zeit und Professionalität. „Mein Traum ist, die von mir beschriebene Arbeit an meiner Schule und an allen Schulen insgesamt weiter auszubauen. Ich träume davon, dass alle Mitglieder unserer Schulgemeinde und an anderen Schulen pädagogisch tätige Menschen erkennen, welche Chancen die qualifizierte systemische Beratung und die multiprofessionelle Vernetzung für die Entwicklung der Potenziale der Kinder und Jugendlichen bietet…Und schließlich wünsche ich mir, dass Schulsozialarbeit in diesem Kontext nicht mehr defizitär als Makel und Ausdruck eines Missstandes betrachtet wird…“(S. 74). Die Einschätzung der Reise seines fiktiven Rechercheteams und die daraus gewonnene Erkenntnis fasst der Autor zusammen: „Sie sind überwältigt von der Professionalität und der Schüler-Orientiertheit, mit denen die Fachkräfte den Kindern und Jugendlichen begegnen.“ (S. 74) Sodann lenkt er den Blick auf Multiprofessionalität und Inklusion und die Frage, wie hier Schulsozialarbeit wirksam werden kann.

So schließt sich auf S. 75 das 2. Kapitel des Buches an ‚Multiprofessionalität auf dem Weg zur Inklusion‘ an. Auch diese Thematik wird am Beispiel der eigenen Schule ausgeführt, an der fünf Sonderpädagoginnen und ein Sonderpädagoge tätig sind. Nach kurzer Thematisierung zum Verständnis von Integration und Inklusion beginnt das „Interview“ mit einer Beratungslehrerin und zwei Sonderpädagog/innen. Vorgestellt wird die einzigartige Kollegiale Erziehungsberatung (KEB) durch ein multiprofessionelles Team. Diese ermöglicht es LehrerInnen, bei Problemen mit Schülern einen „Auftrag“ zu erteilen. Das Team aus Sonderpädagogen, Beratungslehrern, Lehrkräften mit therapeutischer Zusatzausbildung, Schulpsychologen, Sozialpädagogen entwickelt dann aus der jeweiligen Perspektive Vorschläge. Umgesetzt kann ein solches niedrigschwelliges internes Projekt nur bei voller Unterstützung durch die Schulleitung, da entsprechende Freistellungen der Kollegen und Kolleginnen abgesichert sein müssen. Nunmehr lässt der Autor mit dieser Darstellung auf S. 91 die Rundreise durch die Schulsozialarbeit, ihre Aufgaben- und Handlungsfelder, enden.

Das 3. Kapitel, Kooperation und externe Vernetzung, nutzt der Autor zur Darstellung der Unterschiede der Erziehungssysteme Schule und Sozialpädagogik. Ein kurzer und grober Abriss zum dreigliedrigen Schulsystem führt den Autor zu einer aus seiner Sicht bis heute wirkenden preußischen Tugend, dem Leistungsprinzip. Dieses führe zur Wahrnehmung Kinder und Jugendlicher lediglich in der Rolle als Schüler/in, die sich den Erfordernissen und Erwartungen des Schulsystems anpassen müssten. Dem stellt er in ebenso groben Entwicklungsschritten die Entwicklung der Sozialarbeit gegenüber, die einen anderen Blickwinkel entwickelt habe, in dem die Lebenswelt der Familie beachtet wird. Er thematisiert dann den Konflikt zwischen Schule und Kinder- und Jugendhilfe auf verschiedenen Ebenen. Schüler und Familien sähen die Schule in der Alleinverantwortlichkeit für Leistungsbereitschaft und Leistungsergebnis. Bildungsvermittlung ausschließlich durch Unterricht widerspreche dem Verständnis der Kinder- und Jugendhilfe, die auch das Lernen in Peergroups und das Bewältigen von Alltagsanforderungen als bildungswirksam sehe. Während Kinder- und Jugendhilfe dieses Bildungsverständnis auf Augenhöhe in gemeinsamer Verantwortung mit der Schule gestalten wolle, sehe diese dies als Einmischung in innere Angelegenheiten. Zur Unterlegung seiner These verweist er auf unterschiedliche Fachtermini. Wo die Schule von Fehlverhalten spreche, spreche die Kinder- und Jugendhilfe von auffälligem Verhalten. Er nimmt weitere Gegenüberstellungen vor: Schulverweigerung-Schulunlust, Leistungsdefizite-Lernschwierigkeiten, Disziplinlosigkeit-selbstständiges Denken und Handeln. Es hätten sich zwei Linien der Schulsozialarbeit entwickelt. Die Schaffung von Stellen durch die Umwandlung von Lehrerstellen in Sozialarbeiterstellen hätte bei dieser Anstellungsform impliziert, dass die Fachkräfte Teil des eigenen Systems seien. Auch auf Seiten der Kinder- und Jugendhilfe wurden in der Regel keine neuen Stellen geschaffen. Es erfolgte eine Zuordnung zu bestehenden Arbeitsfeldern (Hilfen zur Erziehung, Jugendsozialarbeit etc.). Im Rahmen der Vernetzung seien diese beiden Linien sich begegnet, hätten sich selbst aber kurioserweise nicht vernetzt. Die Abgrenzung sieht der Autor u.a. auch in den Bezeichnungen Schulsozialarbeit und Jugendsozialarbeit in/an Schulen sowie weiterer Wortakrobatik, wie er es nennt.

Im 4. Kapitel zur Zukunft der Schulsozialarbeit hält er für die erdachte Schule des Recherche-Teams (eine Schule mit 1000 Schülern) drei Fachkräfte je für Spiel- und Erlebnispädagogik, Ganztag und Projektarbeit sowie drei Fachkräfte für Beratung (je eine für Unter-, Mittel- und Oberstufe) für ausreichend. (!) Selbst diese personelle Forderung und Umsetzung scheitere aber in der Praxis in NRW am Erlass des Ministeriums. Damit sieht sich der Autor im ganz normalen Wahnsinn und der Realität der deutschen Bildungslandschaft angekommen. Dieser Realität setzt er einen Beginn auch mit kleinen Schritten entgegen und simuliert Möglichkeiten der Umsetzung und Orientierung, z.B. am finnischen Modell. Für die Ausgestaltung einer Ein-Stellen-Schulsozialarbeit könne man auf hunderte Schulen zurückgreifen, in denen Fachkollegen erfolgreich und professionell unter den gegebenen Rahmenbedingungen arbeiteten. Erstaunlicherweise wird diese Mangelausstattung nicht kritisiert. Auch öffentlichkeitswirksame Aktionen zur Stellenbeschaffung empfiehlt der Autor. Er selbst habe sich mit seiner Landesarbeitsgemeinschaft dazu entschlossen, den Weg auch der politischen Auseinandersetzung zu gehen, um Schulsozialarbeit flächendeckend auszubauen, zu qualifizieren und zu etablieren.

Das kurze Nachwort enthält quellenlose Zahlen zur Schulsozialarbeit in NRW und den Vorhalt, dass sich trotz Herausforderungen beim Aufbau eines inklusiven Bildungssystems und insbesondere bei der „Beschulung und Betreuung der Flüchtlingskinder“ (S. 110) die Haltung der politischen Verantwortungsträger, nur eine Minimalfinanzierung zu gewähren, nicht verändert habe.

Diskussion

„Dieses Buch ist kein klassisches Fachbuch“ (S. 15), „dieses Buch ist keine wissenschaftliche Abhandlung! Aus genau diesem Grund verzichte ich komplett auf Empirie“ (S. 15). „Dieses Buch ist kein Rezeptbuch!“ Der Autor nimmt so selbst eine Einordnung und Einschätzung vor. In einer rasanten fiktiven Reise werden verschiedene Schulen und SchulsozialarbeiterInnen besucht, die jeweils ihre Tätigkeit beschreiben. Somit gewinnt der/die LeserIn sehr konkrete Einblicke in die Umsetzung von sozialpädagogischen Ideen im Handlungsfeld Schule. Der Autor versucht stilistisch, fast sozialpädagogisch, eine Beziehung zum Leser aufzubauen, ermuntert, bewertet, versucht humorvoll zu sein. Manchmal sicher auch unfreiwillig, z.B. wenn er im Rahmen der Entstehung der Schulsozialarbeit die Frage stellen lässt ‚wer hat´s erfunden?‘ und dem Werbeslogan folgend antwortet „Die Schweitzer? Nein“ (S. 18), ist mit diesem Schreibfehler ein Lächeln garantiert. Der sozialpädagogische Stil des Buches wirkt etwas aufdringlich, vereinnahmend und lässt dem Leser nicht immer Raum zur eigenen Einschätzung. Auch die teils transportierte Rührseligkeit (S. 71) lässt die Frage nach dem Umgang mit Nähe und Distanz im Rahmen der stets betonten Professionalität unbeantwortet. Es stellt sich auch angesichts der Praxisdarstellungen die Frage, ob es auch Grenzen der Schulsozialarbeit gibt.

Die dargestellte Praxis der Schulsozialarbeit wird nicht hinterfragt sondern durchgehend als sinnstiftend im Rahmen von Schule und gemeinsamer Erziehungsverantwortung präsentiert. Inwiefern sie funktional sozialpädagogische Handlungsformen zum Erreichen schulischer Ziele einsetzt und ob hier nicht eine gleitende Einordnung in schulische Strukturen stattfindet, wird kaum diskutiert. Auch der in der Schulsozialarbeit wichtige Bereich Datenschutz z.B. findet keine sonderliche Beachtung. Auch ob und wie weit sich Kinder und Jugendliche gegenüber Lehrern öffnen sollen und wie weit sie im Rahmen Schule Privates preisgeben oder dazu ermuntert werden, wird nicht kritisch beleuchtet oder hinterfragt. Das angeführte Beispiel der RAZ-Woche, bei dem sich Schüler mit privaten und intimen Empfindungen der Gruppe und dem Klassenlehrer öffnen, ist zumindest diskussionswürdig.

Die ausführliche Praxisschilderung dominiert das Buch, es wird aber auch aus dieser Perspektive auf notwendige Rahmenbedingungen für gelingende Schulsozialarbeit eingegangen. Unterstützende Untersuchungen der notwendigen Rahmenbedingungen, die auf breiterer Basis beruhen, (z.B. Speck 2006 oder Baier/Heeg 2011) werden nicht herangezogen. Bezugspunkte sind überwiegend die eigenen Erfahrungen der vorgestellten Protagonisten, die jeweils mit großem Applaus bedacht werden. Die grobe Gliederung des Buches macht es nicht einfach, einzelne Aspekte gezielt zu suchen und zu finden. Ein eigenes weiterführendes Literaturverzeichnis, das den Lesern auch weitere Möglichkeiten eröffnen könnte, gibt es nicht.

Fazit

In einer Mischung aus vorwiegend Praxisbericht und allgemeinen Forderungen zum Arbeitsfeld Schulsozialarbeit und zum Bildungsbereich werden überwiegend die Positionen der Landesarbeitsgemeinschaft Schulsozialarbeit NRW e.V. vorgetragen. Erfahrene und langjährig tätige sowie politisch aktive SchulsozialarbeiterInnen (größtenteils in der LAG organisiert) zeigen die praktischen Handlungs- und Wirkungsmöglichkeiten von Schulsozialarbeit auf und weisen auch auf notwendige Rahmenbedingungen hin. Der ständige Selbstbezug und der Fokus auf NRW wirkt dabei etwas einengend. Verlängerte Schulzeit als in Anspruch genommene Lebenszeit und als ein eingeschränkter Erfahrungsraum für Kinder und Jugendliche, auch in personeller Hinsicht und Auswahl, geraten nicht in den Blickwinkel. Die Frage von Bildungslandschaften, Bildungsausrichtung und der Rolle von Schulsozialarbeit ist ebenso randständig, weil nur aus Einzelbeispielen abgeleitet.

Der Aspekt Tripelmandat der Sozialarbeit bleibt ebenfalls unberücksichtigt. Auch die hochsensible und wichtige Frage des Datenschutzes für Kinder, Jugendliche und Eltern, die Diskussion der Herausforderung des Umgangs mit Nähe und Distanz im professionellen Feld werden vernachlässigt. Das diskussionswürdige Beispiel der RAZ-Woche macht deutlich, dass die zugedachten professionellen Rollen (Klassenlehrer, Sozialpädagoge) nicht differenziert thematisiert werden. Ist hier zukünftig an eine ‚Sozialpädagogische Schule‘ (Homfeldt 1977) gedacht? Was genau den ganz normalen Wahnsinn in der Praxis der Schulsozialarbeit ausmachen soll, und wieso dies Wahnsinn sei, wird nicht deutlich. Die holzschnittartige Darstellung von Entwicklungen des Schulwesens und der Entwicklung von Sozialpädagogik/Sozialarbeit ist verkürzt und gibt auch nicht die differenzierte Entwicklung des Handlungsfeldes Schulsozialarbeit wieder. Statt nur die eigenen Kollegen und Kolleginnen mit ihrer nach eigenen Kriterien erfolgreichen Arbeit zu präsentieren, hätte dem Buch und dem Thema etwas Distanz zu sich selbst gut getan, auch ein Blick über den NRW-Tellerrand hinaus.


Rezensent
Dipl.Päd. Werner Glanzer
Dipl.Soz.päd./Sozialarbeiter, Supervisor, Lehrbeauftragter an der ASH Berlin, Arbeitsfeld Schulsozialarbeit
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Zitiervorschlag
Werner Glanzer. Rezension vom 15.01.2018 zu: Wolfgang Foltin: Der ganz normale Wahnsinn. Praxis der Schulsozialarbeit: Ein- und Ausblicke. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2017. ISBN 978-3-8340-1738-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23334.php, Datum des Zugriffs 18.11.2018.


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