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Birgit Rommelspacher: Wie christlich ist unsere Gesellschaft?

Cover Birgit Rommelspacher: Wie christlich ist unsere Gesellschaft? Das Christentum im Zeitalter von Säkularität und Multireligiosität. transcript (Bielefeld) 2017. 446 Seiten. ISBN 978-3-8376-3496-9. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 36,80 sFr.

Edition Kulturwissenschaft, Band 102.
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Thema

Bei dieser Veröffentlichung handelt es sich um eine sozialwissenschaftliche Untersuchung über die Zusammenhänge von Gesellschaft und Stellenwert und Funktion von Religion, speziell des Christentums. Der Titel lautet zwar „Wie christlich ist unsere Gesellschaft?“, könnte aber ebenso gut lauten „Wie säkular ist eigentlich unsere Gesellschaft?“ und damit die im Buch entfaltete Gesellschafts- und Religionskritik vorwegnehmen. Diese Untersuchung ist interdisziplinär angelegt und enthält vielfache Befunde aus Geschichte, Philosophie, Soziologie und Theologie.

Autorin

Prof. Dr. Birgit Rommelspacher (1945-2015) war Professorin für Psychologie an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte waren Interkulturalität, Rechtsextremismus, Geschlechterstudien und Intersektionalität. Die hier vorliegende Untersuchung ist posthum veröffentlicht worden.

Aufbau

Das Buch besteht aus drei Teilen bzw. zwölf Kapiteln. Der erste Teil umfasst vier Kapitel, der zweite Teil fünf Kapitel, der dritte Teil drei Kapitel.

Die Kapitel bauen aufeinander auf, eine stringente Linie der Gedankenführung ist vorhanden. Dennoch können alle Kapitel auch unabhängig voneinander gelesen werden, da jeweils ein neuer Gedanke oder eine weitere Sichtweise entfaltet wird. Jedes einzelne Kapitel schließt mit einem Resümee und einer Überleitung auf den nächsten Abschnitt, somit ist die gesamte Argumentationsführung sehr lesefreundlich angelegt.

Zum ersten Teil

Im ersten Teil des Buches geht es um das Oberthema „Christliche Religiosität und kulturelles Erbe“. Was ist impliziert, wenn vom Christentum bzw. von Säkularität die Rede ist? Einflussreiche Diskurse und die Existenz eines kulturellen und von den eigenen transzendenten Bezügen losgelösten Christentums werden nachgezeichnet.

Kapitel 1: „Religiöse versus kulturelle Christlichkeit“. Neben persönlicher Religiosität und ureigensten Glaubensüberzeugungen vieler Menschen sei die Mehrheitsgesellschaft und mit ihr das gesamte Gesellschaftssystem, so Birgit Rommelspacher, tief durchdrungen von einem „kulturellen Christentum“. Die Bedeutung von Religion nehme zu. Auch für Menschen in einem atheistischen Umfeld – sie bezieht sich mehrfach auf Ost-Deutschland – sei Religion als Kultur wichtiger denn je, wenn auch klerikale und institutionelle Formen der Religionsausübung abgelehnt würden.

In Kapitel 2 „Das ‚Christentum‘ – ein widersprüchliches Erbe“ wird der beharrliche Glauben an ein sogenanntes „Ur-Christentum“, der in der säkularen Gesellschaft weiterlebe, dekonstruiert. Dem idealisierten Urzustand werde die Verworfenheit der real existierenden Welt gegenübergestellt, es erfolge eine Idealisierung. Angesichts dessen plädiert Rommelspacher dafür, auch die Gewaltgeschichte des Christentums in eine ganzheitliche Sicht mit einzubeziehen.

In Kapitel 3 „Christliche Werte – das Spezifische des Christentums?“ wird zunächst der zentrale christliche Wert der Nächstenliebe untersucht und dessen theozentrischer Hintergrund offen gelegt. Zudem werden zentrale Begriffe aus der christlichen Ethik auf ihre soziologischen Funktionen hin überprüft: Sünde, Schuld, Gottesliebe, Feindesliebe und Weltverachtung. Unter Bezug auf Foucault kommt die Autorin zu dem Schluss, dass das Individuum „sich selbst normiert und normiert wird“ (S. 98) und diese Konzentration auf das Selbst zu einer Moral der Nächstenliebe führe, die soziales Unrecht geradezu verdecke, wenn die politischen Bedingungen für gesellschaftliche Ungerechtigkeit aus dem Blickfeld heraus geraten.

In Kapitel 4 „Ein widersprüchliches Erbe: Gewalt versus Nächstenliebe“ entfaltet Rommelspacher im Detail ihre These, dass der hohe Stellenwert bis hin zur Identifikation mit „christlichen Werten“ auf einer nicht gerechtfertigten Idealisierung beruhten. Die Bevölkerung sei überzeugt, dass das Christentum eine Religion des Friedens und der Nächstenliebe sei. Demgegenüber stünden aber vielfache Beispiele für die Gewaltgeschichte, die Doppelmoral und das Machtstreben des Christentums.

Zum zweiten Teil

Im zweiten Teil des Buches geht es um das Oberthema „Säkularität: Das Christentum in einer säkularen Gesellschaft“. Die Bedeutungszuschreibung der Kirchen als „Hüterin von Werten“ wird untersucht anhand der Fragestellung: Was sind eigentlich christliche Werte? Und was bedeutet Säkularität?

In Kapitel 5 „Säkularisierung und Religion“ wird die Bedeutung von Religion für eine moderne säkulare Gesellschaft untersucht. Rommelspacher stellt die „Säkularisierungsthese“ (S. 162) auf den Prüfstand und konstatiert die „Integration von Religion in das säkulare Selbstverständnis“ (S. 163). In Anlehnung an José Casanova hinterfragt sie die eurozentrische Sicht, nach der Gesellschaften umso moderner je säkularer sie seien. Durch die Integration christlicher Grundlagen in das säkulare Selbstverständnis könne das Christentum jedoch in Unabhängigkeit von traditionellen Lehrinhalten und Riten durchaus zu einer „hoch entwickelten“ Religiosität führen, die über die individuelle Innerlichkeit heraus nach dem Wohlergehen der Menschen und der Gesellschaft frage.

In Kapitel 6 „Zur Rolle der Kirchen in der säkularen Gesellschaft“ werden exemplarisch zwei Bereiche untersucht: die Rolle der Kirchen im Nationalsozialismus UND die Rolle der christlichen Wohlfahrtstätigkeit (Caritas und Diakonie) heute. Die sozialen Dienste der Kirchen seien aus Sicht der Bevölkerung der Beweis für das „besondere moralische Engagement der Kirchen“ (S. 200). Die Macht der Kirchen und ihr hohes moralisches Prestige entsprängen heutzutage im Wesentlichen ihren karitativen Tätigkeiten. So werde die Spaltung des christlichen Weltbildes (den Kirchen die Moral – dem Staat das Recht) auch weiterhin im Bewusstsein der Bevölkerung tradiert.

In Kapitel 7 „Das Christentum als Basis für den Zusammenhalt der Gesellschaft?“ werden als Zwischenschritt noch einmal wichtige historische Bezüge aufgezeigt. Von der Französischen Revolution über die Nationenbildung, vom Antijudaismus zum Antisemitismus wird gezeigt, wie ambivalent „christliche Werte“ sind, wie gemeinschaftsbildend und zugleich zerstörerisch sie wirken könnten. Das Kapitel schließt mit der Frage, welche Bedeutung gemeinsame Werte für den Zusammenhang der Gesellschaft in Zukunft haben werden angesichts der Notwendigkeit der Integration von Menschen unterschiedlicher Herkunft.

In Kapitel 8 „Das Christentum als Basis gesellschaftlicher Werte?“ wird zunächst die Dominanz der Denktradition erläutert, eben nicht den säkularen Staat, sondern ausschließlich das Christentum mit positiven sozialen Werten zu identifizieren. Mit Bezug auf Max Weber („Entzauberung der Welt“, S. 236) zeigt sie auf, dass der Dualismus von himmlischem Reich und sündigem Diesseits (S. 237) nach ihrer Auffassung auf spezifische historische und kulturelle Kontexte zurückgeht. Neben Weber setzt sie sich in diesem Kapitel mit Positionen von Horkheimer/Adorno, Voltaire, Kant, und mit den zeitgenössischen Autor*innen Stein, Schnädelbach, Graf, Rösch und Casanova auseinander und führt in die sogenannte Habermas-Debatte ein, die im dann folgenden Kapitel vertieft wird. Bei all dem zeigt sie das weite Feld der Auseinandersetzung um den Ursprung der Menschenrechte auf. Aus Sicht der Rezensentin ist dieses Kapitel das Herzstück des gesamten Buches. Sollte die Leserin/der Leser bedauerlicherweise diese Veröffentlichung nur flüchtig durchsehen können, wäre es empfehlenswert, speziell dieses achte Kapitel konzentriert zu lesen.

In Kapitel 9 „Religiös-säkulares Miteinander: Die Habermas-Debatte“ setzt sie sich mit der Frage auseinander, ob unsere Zeit als „postsäkular“ (Habermas) oder als „präsäkular“ (Schnädelbach) anzusehen sei. Sie weist noch einmal darauf hin, dass die Säkularität in Deutschland eine christlich geprägte sei (S. 283).

Zum dritten Teil

Im dritten Teil des Buches geht es um das Oberthema „Christliche Dominanz in einer multireligiösen Gesellschaft“. Obwohl Deutschland kulturell und religiös immer pluraler würde, sei das Selbstverständnis der Menschen im Kontext der Einwanderungsdebatte zunehmend in der christlich-abendländischen Kultur verankert – was wiederum auf das Spannungsverhältnis von Säkularität und Religion verweise.

In Kapitel 10 „Westliche Zivilisation und christliche Mission“ wird die Geschichte des christlichen Kolonialismus untersucht, die letztlich eine Geschichte der „kolonialen Symbiose von Politik, Wirtschaft und Kirche“ (S. 331) sei und mit einem nicht eingelösten und uneinlösbaren christlichen Gleichheitsversprechen einherginge.

In Kapitel 11 „Zum Umgang mit den Anderen: ‚Der‘ Islam in der christlich-säkularen Gesellschaft“ zeigt sie auf, dass mithilfe des Christentums Einwanderer*innen primär als religiöse Subjekte (Muslime) verortet und somit im Namen der Säkularisierung abgelehnt würden. Die christlichen Kirchen trügen in ihren offiziellen Verlautbarungen zu antimuslimischen Ressentiments bei, einzelne Kirchengemeinden und Christen und Christinnen spielten aber durchaus eine „vermittelnde und konstruktive Rolle“ (S. 376). Den Kirchen an sich gehe es darum, ihre privilegierte Stellung beizubehalten.

In Kapitel 12 „Pluralismus in einer säkular-multireligiösen Gesellschaft“ konstatiert Birgit Rommelspacher, dass ein notwendiger Machtverzicht im Sinne einer Deprivilegisierung der Kirchen dazu beitragen könne, Pluralität als von Gott gewollte anzuerkennen. Bei einer Aufarbeitung der Geschichte des Christentums könne „Raum für Selbstrelativierung und Toleranz“ (S. 409) geschaffen werden.

Anmerkung: Die Gedanken in den einzelnen Kapiteln sind sehr viel differenzierter und hintergründiger, als diese kurzen übersichtsartigen Schlaglichter beleuchten können.

Diskussion

Diese sozialwissenschaftliche Untersuchung bezieht eine Vielzahl von Befunden, Ergebnissen und Diskursbeiträgen aus theologischer, historischer und philosophischer Perspektive mit ein. Birgit Rommelspachers Kritik an der nach ihrer Auffassung nicht vollständig erfolgten Säkularisierung der Gesellschaft und des religiösen Hegemonieanspruchs des Christentums ist scharfsinnig. Und darüber hinaus spannend – fast kurzweilig – zu lesen, denn die Fülle der Beobachtungen, Zitate und Hinweise unterstreicht ihre Gedankengänge auf überaus anschauliche und konsequente Weise. Dabei bleibt ihre Argumentation bei aller Schärfe immer fair und voller Respekt der anderen Meinung gegenüber. Mutig stellt sie das Paradigma von der weitgehenden Säkularisierung unserer Gesellschaft in Frage und begründet ihre Zweifel nicht nur mit der engen fiskalischen Verflechtung von Staat und Kirche (wie es die meisten Kirchenkritiker tun), sondern sie untersucht ganz grundlegend die Denktraditionen von Religion und Säkularität. Dabei eröffnet sie Zusammenhänge und geht Nebenpfade, die so spannend sind, dass man sich noch viele weitere Veröffentlichungen von ihr gewünscht hätte. Sie lädt auf eine anspruchsvolle und doch freundliche Weise dazu ein, die eigene (kultur-)christliche Weltsicht zu hinterfragen.

Lediglich kleinere Schwachpunkte zeigen sich an einigen Stellen, wenn es um die Beschreibung konkreter sozialer Prozesse geht. Hier und da wird an einigen Stellen zu sehr generalisiert, etwa wenn sie behauptet, dass kirchliche Träger unter Ausnutzung gesetzlicher Privilegien soziale Dienstleistungen billiger als säkulare Träger anbieten können um sich Wettbewerbsvorteile zu verschaffen (S. 195/196). (Etwa bei Ausschreibungen im SGB II und SGB III Bereich ist das gerade nicht der Fall.) Im von Ursula Wachendörfer verfassten Postscriptum wird darauf hingewiesen, dass Birgit Rommelspacher den vorliegenden Text noch einmal überarbeiten wollte, durch ihren Tod ist es nicht mehr dazu gekommen.

Fazit

Auch ohne Überarbeitung durch die Autorin ist hier posthum ein Werk veröffentlicht worden, welches in Bezug auf Interdisziplinarität und Klarheit der Gedankenführung seinesgleichen sucht. Die Auseinandersetzung mit den von ihr konstatierten tiefliegenden Hegemonie- und Herrschaftsansprüchen von Religion, speziell des Christentums, in der angeblich säkularen Gesellschaft und der Integration von christlicher und säkularer Weltanschauung ist absolut lesenswert – ganz unabhängig davon, ob man ihren Thesen zustimmt oder nicht.


Rezensentin
Dipl.-Sozialpädagogin Iris Jänicke
M.A. Diakoniemanagement. Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes des Ev. Kirchenkreises Lüdenscheid-Plettenberg
Homepage www.xing.com/profile/Iris_Jaenicke2?sc_o=mxb_p
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Zitiervorschlag
Iris Jänicke. Rezension vom 08.01.2018 zu: Birgit Rommelspacher: Wie christlich ist unsere Gesellschaft? Das Christentum im Zeitalter von Säkularität und Multireligiosität. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3496-9. Edition Kulturwissenschaft, Band 102. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23336.php, Datum des Zugriffs 18.11.2018.


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