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Michael Hermes: Bildungs­orientierungen im Erfahrungsraum Familie

Cover Michael Hermes: Bildungsorientierungen im Erfahrungsraum Familie. Rekonstruktionen an der Schnittstelle zwischen qualitativer Bildungs-, Familien- und Übergangsforschung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 311 Seiten. ISBN 978-3-8474-2144-3. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
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Autor

Dr. phil. Michael Hermes ist derzeit Fachreferent bei einem Sozialverband und war vorher wissenschaftlicher Mitarbeiter und Praxisreferent an der Katholischen Hochschule NRW, Abt. Köln, Fachbereich Sozialwesen.

Entstehungshintergrund

Das Buch gibt die Dissertation des Autors an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln im Jahre 2017 wieder.

Thema

Am Beispiel von zehn Familienfällen werden in dieser qualitativ-rekonstruktiven Studie unterschiedliche Dimensionen der Bildungsorientierung im jeweiligen Erfahrungsraum von Familie aufgezeigt. Es geht darum, jenseits milieuspezifischer Zuschreibungen das „konjunktive“ Wissen (also in die Alltagspraxis eingelagertes Wissen) der Familienmitglieder zu rekonstruieren und aufzuzeigen, wie die grundlegende Bildungsorientierung von Eltern die Handlungspraxis in der Erfahrung von Diskontinuität bestimmen. Im Zentrum der Studie – so der Autor – steht die „Bildungsorientierung von Jugendlichen gerahmt durch den konjunktiven Erfahrungsraum der Familie, in dem sich familiale Erziehung und familiale Interaktion vollziehen“ (S. 8).

Aufbau

Das Buch umfasst zwei Hauptaspekte, zentrale Bezüge und Darstellung der Ergebnisse und gliedert sich in sieben Kapitel:

  1. Einleitung
  2. Bildungsorientierungen und Übergänge im Bildungssystem
  3. Familialer Raum
  4. Methodik
  5. Exemplarische Familienfälle und deren Rekonstruktion
  6. Kontrastierung aller Familienfälle
  7. Bildungsorientierung, Familie und Übergänge im Bildungssystem

Zahlreiche Studien der empirischen Bildungsforschung erfassen zwar die verwirklichte Chancengleichheit im Bildungssystem, die vorhandene Bildungsaspiration und den Bildungserfolg der Kinder, doch werfen diese standardisierten, quantitativen Studien Fragen auf, die durch die Ergebnisse nicht hinreichend beantwortet werden können. So müsste die Mikroperspektive besser erfasst werden, die Ebene der Akteure. Im Rahmen der Studie rücken deshalb einige Fragen in das Blickfeld:

„Welche Bildungsorientierungen sind in den entsprechenden Familien vorhanden? In welchem Rahmen wirkt dabei elterliche Erziehung? Welche Orientierungen dokumentieren sich in familialer Interaktion vor dem Hintergrund im Rahmen quantitativer Studien erhobener Faktoren wie etwa der Geschwisterreihung oder dem Umgang mit Medien in einer Familie?“ (S. 9).

Auch wenn durch quantitative Daten „bedeutende Rückschlüsse über das Bildungssystem“ gezogen werden können und „Erwartungen/Wünsche mit Blick auf Bildung“ erfasst werden, also die Bildungsaspiration abgefragt werden kann, so rücken im Rahmen dieser qualitativen Studie, „Aspekte familialer Interaktion und spezifischer Aushandlungsprozesse in den Fokus der Betrachtung“ (S. 9 f.).

Im Rahmen dieser Studie werden deshalb „die Bildungsorientierungen einzelner befragter Familienmitglieder jeweils rekonstruiert und (in intergenerativer Perspektive) zu einem Familienfall zusammengeführt.“ Insbesondere die Übergänge im Bildungssystem wie der anstehende Wechsel zu weiterführenden Schulen werden betrachtet, um zu erkennen, ob „Bildungsorientierungen inter- und intragenerational möglicherweise neu verhandelbar werden“ (S. 10). Grundlage dazu bilden die mit zehn Familien durchgeführten Interviews.

Methodisch orientiert sich diese Studie an der Dokumentarischen Methode nach R. Bohnsack, aufbauend auf der Wissenssoziologie von Karl Mannheim, der auch den Begriff derkonjunktiven“ Erfahrung geprägt hat.

In der Studie wird zunächst der Begriff der Bildungsorientierung vom Begriff der Bildungsaspiration abgegrenzt. Der Begriff Bildungsorientierung, sei als „begriffliche Modifikation“ zu verstehen. Dem Begriff Bildungsaspiration liege häufig ein verkürztes Verständnis von Bildung zugrunde, beziehe sich auf Wissen und manchmal Fähigkeiten. Dem Autor geht es aber um Haltungen und Einstellungen, wie sie in der familialen Erziehung entstehen: „Bildungsorientierungen dokumentieren sich in familialen Interaktionen und prägen sich weiter aus. Sie entstehen durch Vermittlungsprozesse innerhalb von individuellen und familienspezifischen Bildungseinstellungen mit ‚milieuspezifischer Rahmung‘“ (S. 29). Diese Präzisierung wird durch einen Überblick über die Forschung zu den Übergängen ergänzt.

Konsequenterweise, da der Blick insbesondere der familialen Erziehung und Sozialisation gilt, erörtert der Autor im dritten Kapitel den „familialen Raum“. Es geht um die familiale Interaktion, um Kooperation und die familiale Alltagspraxis. Bezugspunkt sei hierbei, ob in Anpassung oder Abgrenzung das bürgerliche Familienmodell (S. 58). Im Fokus der Betrachtung ist hier weniger die „grundlegende Handlungsfähigkeit der Kinder“, denn die Frage, „wie Kinder im Rahmen von Erziehung angesprochen werden“ (S. 61).

Der Autor rekonstruiert in seiner Studie den konjunktiven Erfahrungsraum von zehn Familien, deren Kinder sich in der Adoleszenzphase befanden und in die achte Klasse beschult wurden aus der Wahrnehmung einzelner Familienmitglieder heraus. Dabei geht er in Abgrenzung zu Pierre Bourdieu nicht von einem kollektiven/familialen Habitus aus, sondern er will „Aspekte des jeweiligen konjunktiven Erfahrungsraums der Familie“ erfassen, bedeutsam sind die „jeweiligen Orientierungen (insbesondere die Bildungsorientierung) der einzelnen Familienmitglieder“ und diese sowohl intra- als auch intergenerational. Ihm geht es um den gruppenspezifischen Erfahrungsraum und dann in einem zweiten Schritt um die Übergänge im Bildungssystem (S. 68).

Im 4. Kapitel erfolgt eine Gegenstandsbestimmung der Studie, die Analyseschritte werden beschrieben, die „themenzentrierte[n] Interviews als teilstrukturierte, leitfadengestützte Interviews mit narrativem Einstieg“ dargestellt (S. 109). Der Gesprächsleitfaden umfasste fünf Hauptaspekte, Schulzeit (Wechsel, Schulwahl), Familie und familialer Alltag. Beziehung und Interaktion zwischen Eltern und Kind, Freundeskreis und Freizeit der Kinder und Zukunftsperspektve/Zukunftswünsche der Kinder.

Insgesamt wurden 23 Interviews durchgeführt, sodass zehn Familienfälle rekonstruiert werden konnten. Je Familie liegen mindestens zwei Gespräche, also mit einem Jugendlichen oder mindestens einem Elternteil vor. Jugendliche und deren Eltern wurden getrennt voneinander befragt. Bei drei Familien wurden beide Elternteile interviewt, ebenfalls getrennt voneinander mit dem Ziel, individuelle Orientierungen sichtbar werden zu lassen.

Insgesamt bilden also zehn Familien den Kern der Studie und im „Mittelpunkt stehen jeweils die Jugendlichen, die sich zum Zeitpunkt des Interviews in der achten Klasse eines Gymnasiums befinden“ (S. 114). Die Festlegung der befragten Jugendlichen auf die achte Klassenstufe (also auf ein Alter von ungefähr 14 Jahren) geht von der Annahme aus, dass bei den Jugendlichen „ein Bewusstsein für anstehende Bildungsentscheidungen vorhanden ist“ (S. 112). Die beteiligten Familien wurden etwa zur Hälfte über bei Vereinen und Jugendgruppen ausgelegte Flyer gewonnen, weitere über bereits kontaktierte Familien und einigen Schulleitungen. Nach Auffassung des Autors ist trotz des selektiven Effektes durch die freiwillige Selbstmeldung der Familien zu den Interviews, dennoch „eine gewisse Streuung des Samples hinsichtlich der sozialstrukturellen Verortung der Familien“ zu erkennen. Zwar leben alle Familien „ in derselben deutschen Großstadt, hier jedoch in höchst unterschiedlichen Stadtteilen“ und die Jugendlichen befinden sich auf „unterschiedlichen Gymnasien“ (S. 113).

Im fünften Kapitel werden drei ausgewählte Familien,als „Fälle“ definiert, umfassend dargestellt. Sie bilden die Heterogenität der rekonstruierten Bildungsorientierung ab. Die Darstellung der „Fälle“ orientiert sich an den skizzierten „Dimensionen: Orientierungsrahmen, Erziehung, Übergänge im Bildungssystem sowie Bildungsorientierung“ (S. 14).

Im sechsten Kapitel erfolgt eine komparative, familienübergreifende Untersuchung der „Fälle“. Es wird zwischen formaler und informeller Bildungsorientierung, zwischen bewahrender und vorausschauender Bildungsorientierung unterschieden und der Kontext mit verschiedenen Erziehungsstilen erörtert. Es geht auch um das Umgehen mit Bildungsübergängen, deren Antizipation und die Beteiligung der Kinder daran.

Im letzten Kapitel rückt die Konstanz der rekonstruierten Bildungsorientierung an den Übergängen im Bildungssystem und die „Verwobenheit“ der Bildungsorientierung mit anderen Dimensionen im sozialen System Familie in den Blickpunkt, um nicht den vom Autor ständig strapazierten, permanent wiederholten Begriff des „konjunktiven Erfahrungsraums“ zu bemühen.

Diskussion

Im Kern bestätigt die Studie die Annahme des Autors, dass der gruppenspezifische Erfahrungsraum der jeweiligen Familie, also ihre Lebenswelt, die Bildungsorientierung prägt. Die „Wirkmächtigkeit familial geteilter Orientierungsrahmen“ wird am Bespiel von zwei Familien eindrücklich geschildert. „Im konjunktiven Erfahrungsraum der Familie verbinden sich somit Orientierungen und Bildungsorientierungen mit spezifischen biografischen Erfahrungen“ (S. 267). Offensichtlich sind „Orientierungsrahmen, Bildungsorientierung, Erziehung in Familie wie auch das Handeln in Übergängen im Bildungssystem (..) miteinander verwoben“ (S. 269). Bildungsorientierung gewinnt folglich ihre Gestalt im konkreten familialen Geschehen, sei „keine empirische Entität“ (S. 271).

Der Autor betont, dass seine Studie zeige, „dass Eltern vor dem Hintergrund ihrer (formalen) Bildungsorientierung ihre Kinder jeweils unterschiedlich charakterisieren und damit in gewisser Weise voneinander abgrenzen“. Interessant ist der Hinweis, dass es „stets die älteren Geschwisterkinder [sind], die den rekonstruierten Orientierungen ihrer Eltern aus deren Wahrnehmung heraus eher entsprechen“ (S. 272). Dem Autor geht es darum zu verdeutlichen, dass die jeweilige Familienkonstellation zu betrachten ist, wenn man die Bildungsaspiration und -orientierung erfassen will. Sie sind „ausschließlich je Familien zu rekonstruieren und zu verstehen“ (S. 273). Dies schließt Konflikte nicht aus, Bildungsorientierungen sind jedoch insgesamt „relativ stabile Konstrukte“.

Der Autor hebt im siebten Kapitel hervor, dass individuelle Zielsetzung und Realisierung nicht identisch sein müssen, „von der Orientierung der Jugendlichen und Eltern kann noch nicht auf eine entsprechende Realisierung“ (S. 274) geschlossen werden. Dem Autor geht es aber darum, den gruppenspezifischen Erfahrungsraum, also das jeweilige Familiensystem von „strukturidentischen Erfahrungsräumen abzugrenzen“ und in den forschenden Blick zu nehmen. Es werden bewusst nicht „beispielsweise geschlechtsspezifische, generationale sowie milieuspezifische Erfahrungsräume“ betrachtet (S. 275).

Die im familialen Kontext vorhandenen Orientierungen prägen die „Auseinandersetzung der Familien mit den Übergängen im Bildungssystem“ (S. 292). Der Umgang mit den Übergängen wird durch die „Interdependenz der Interaktionen und Orientierungen“ in der Familie „evoziert“. Insgesamt – so der Autor – ergänze seine Analyse zahlreiche Studien, die auf einzelne Aspekte fokussiert seien, wie Bildungsaspiration, Erziehungseinstellungen und Bildungsprozesse (S. 293).

Der Autor stellt fest: „Alle Interviews wurden mit Jugendlichen durchgeführt, die aktuell auf einem Gymnasium beschult wurden“ (S. 293). Sicherlich wäre das Alter der interviewten Schüler stärker zu berücksichtigen, die sich gerade aus der Kindheit emanzipieren und die Statuspassage des Übergangs zwischen Kindheit und Erwachsenen-Sein wäre in ihrer Auswirkung auf Bildungswünsche und -ziele nicht nur am Rande zu erörtern. Es müsste also stärker um den möglichen Hiatus zwischen Wunsch und Realität gehen.

Dazu würde auch der erweiterte konjunktive Raum zu rechnen sein, der sich nicht nur im familialen Geschehen und in den Peer-Groups bzw. Freundeskreis vollzieht, sondern gerade die („Leit“-)Bildfunktion medialer Vorbilder und Einflüsse wäre in eine Analyse der Bildungsorientierung miteinzubeziehen. Die Untersuchung stärker auf das familiale Geschehen zu konzentrieren, ist sicherlich ein wichtiger Aspekt. Wenn der Autor betont: „Eine Rekonstruktion jeweils überlagernder milieuspezifischer oder strukturidentischer Erfahrungsräume ist im Rahmen meiner Studie nicht zu leisten“ (S. 107) dann verweist er zugleich auf mögliche Forschungspfade für weitere Analysen.

Fazit

Eine den Blick auf die Familie als Produzent der Bildungswünsche und -ziele konzentrierende Studie. Als themenbezogene, differenzierende Fallstudien durchaus Hinweise gebend, auf einen wichtigen Aspekt familialer Interaktion, den der Übernahme und Vermittlung von spezifischen Normen im familialen Geschehen, hier den der Bildungsorientierung als Teil intra-familialer Aushandlungsprozesse auf der Grundlage der spezifischen Gemeinsamkeiten und Besonderheiten der jeweiligen Familie. Es geht, um es mit der vielfach im Text wiederholten analytischen Rahmung des Autors zu formulieren: den Aspekt der Bildungsorientierung im konjunktiven Erfahrungsraum. Dessen Bedeutung bereits Karl Mannheim betonte.


Rezensent
Prof. Dr. Friedhelm Vahsen
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Zitiervorschlag
Friedhelm Vahsen. Rezension vom 08.05.2018 zu: Michael Hermes: Bildungsorientierungen im Erfahrungsraum Familie. Rekonstruktionen an der Schnittstelle zwischen qualitativer Bildungs-, Familien- und Übergangsforschung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-8474-2144-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23338.php, Datum des Zugriffs 12.11.2018.


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