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Michael de Ridder: Abschied vom Leben

Cover Michael de Ridder: Abschied vom Leben. Von der Patientenverfügung bis zur Palliativmedizin. Ein Leitfaden. Pantheon Verlag VERLAGSGRUPPE RANDOM HOUSE GmbH (München) 2017. 180 Seiten. ISBN 978-3-570-55356-5. D: 14,00 EUR, A: 14,40 EUR, CH: 19,50 sFr.
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Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in vierzehn Kapitel gegliedert, die jeweils mit einem Abstract eingeleitet werden.

Im ersten Kapitel wird das Thema „Selbstbestimmung des Patienten“ behandelt. Den Patientinnen und Patienten wird ein weitgehendes Bestimmungsrecht über ihr Leben und das Lebensende zugestanden. Auf wichtige Aspekte und Einschränkungen wird eingegangen.

Im zweiten Kapitel werden die Patientenverfügung und die Vorsorgevollmacht erklärt. Der Autor empfiehlt die Verwendung von Vordrucken.

Im nächsten Kapitel geht es um passive und aktive Sterbehilfe. Eingegangen wird auf Sterbebegleitung, Zulassen des Sterbens, indirekte aktive Sterbehilfe und direkte aktive Sterbehilfe. Die direkte aktive Sterbehilfe ist in Deutschland strafbar. Sie lasse sich aber schlecht abgrenzen von einer indirekten aktiven Sterbehilfe, bei der das Ziel nicht das Sterben, sondern die Linderung von Leiden ist, wobei aber eine Lebensverkürzung durch die Therapie möglich sei. Die Schmerztherapie selbst führe praktisch kaum zur Lebensverkürzung. Es könne aber Situationen geben (z.B. schwere Atemnot) in denen das in manchen Fällen möglich sei. Vor dem Hintergrund von Umfragen zur Sterbehilfe stellt der Autor fest, dass das Vertrauen der Bevölkerung in die medizinische und pflegerische Versorgung im Alter gesunken sei. Für den Rezensenten ist dies nicht verwunderlich. Die Chancen für eine kunstgerechte palliative Behandlung und Pflege und Sterbebegleitung sind im deutschen Pflege- und Gesundheitswesen ungleich verteilt. Sie sind zum Beispiel in Pflegeheimen oder zuhause geringer als in Hospizen oder auf Palliativstationen. Nach dem Willen des Gesetzgebers soll das Sterben auch nicht zu teuer werden.

Im vierten Kapitel wird die Palliativmedizin und die Palliativpflege, die auch psycho-soziale und spirituelle Aspekte einbezieht, skizziert. Eingegangen wird hier auch auf die palliative Sedierung. Hierbei würden einige Ärzte durchaus billigend in Kauf nehmen, dass auch eine lebensverkürzende Wirkung eintreten. Die Grenzen zur aktiven Sterbehilfe wären also nicht sehr scharf.

Suizid und Beihilfe zum Suizid wird im fünften Kapitel behandelt. Der Autor hält in bestimmten Fällen von schwerer Erkrankung und Leid den Suizid „respektable, nachvollziehbar und plausibel“ ( S. 63) und bezieht sich auf Karl Jaspers ( S. 60) Jaspers ging allerdings später noch weiter (vgl. Jaspers 1963, S. 474). Eingegangen wird dann auf die ärztliche Suizidbeihilfe und den neuen § 217 StGB, der kritisch diskutiert wird. Er enthalte viele begriffliche Unbestimmtheiten, zum Beispiel zur „Geschäftsmäßigkeit“. Eingegangen wird auf die Frage inwieweit die „Rechtfertigende Einwilligung“ das Gesetz bedeutungslos machen könne. Der Autor befürwortet ein ausführliches ärztliches Gespräch mit schwerkranken Patienten, die einen Suizid erwägen und formuliert dazu vier Empfehlungen (S. 70/71) Dazu gehört auch, dass der Patient alle Personen aus der „Garantenpflicht“ entlassen müsse, damit nach dem Eintritt von Bewusstlosigkeit keine ärztliche Hilfe zur Lebensrettung geleistet werden müsse (ein Vordruck befindet sich im Anhang).

Im nächsten Kapitel wird auf das Sterbefasten eingegangen, das in der Palliativmedizin weitgehend akzeptiert werde. Sie führe in der Regel zu einem schmerzfreien und angstfreien Tod. Der Ablauf und wichtige Regeln werden skizziert. Am Ende des Kapitels geht der Autor auf die Rechtslage ein. Es bestehe die Gefahr, dass sich ein Arzt oder das Pflegepersonal strafbar nach dem neuen § 217 STGB mache, wenn sie die Patientinnen und Patienten beriete oder ermutige. Nach dem Eindruck des Rezensenten wirkt sich hier die nach wie vor paternalistische Grundhaltung der Kirchen und des Gesetzgebers aus. Allerdings dürfte die Beweislage häufig unklar sein, denn ein Zwang zur Nahrungsaufnahme ist wohl nicht durchsetzbar. Wenn zum Beispiel ein Sterbender im Pflegeheim nicht mehr essen will, lässt man ihn meist in Ruhe.

Das Thema Wiederbelebung wird im sechsten Kapitel dargestellt und diskutiert. Die Aussichten, das eine Wiederbelebung erfolgreich ist und keine schwere Hirnschädigung eintritt, seien nur relativ gut, wenn die Basismaßnahmen und erweiterte Maßnahmen in einem engem Zeitfenster erfolgen. Konfliktsituationen für den Arzt können eintreten, wenn bei sehr alten oder chronisch schwerkranken Patienten zwischen einer möglichen Lebensverlängerung und eine wahrscheinlichen Leidensverlängerung abgewogen werden müsse. Das Thema sollte auch in einer Patientenverfügung behandelt werden.

Im nächsten Kapitel wird natürliche und künstliche Ernährung behandelt. Sterbende vermindern häufig die Aufnahme von Nahrung und Flüssigkeit, was eine lindernde Wirkung auf den Sterbeprozess haben könne. Künstliche Ernährung mit PEG-Sonden wird bei bestimmten Krankheiten wie fortgeschrittener Demenz oder anderen schweren chronischen Erkrankungen mit tödlichem Verlauf wegen der Risiken und Komplikationen und geringem Gewinn für die Patienten. eher als kontraindiziert angesehen.

Im neunten Kapitel werde Koma und „Wachkoma“ behandelt. Das „Syndrom reaktionsloser Wachheit“ („Wachkoma“) wird abgegrenzt gegen andere Diagnosen, u.a. „Syndrom minimalen Bewusstseins“. Hingewiesen wird auf häufige Fehldiagnosen zwischen dem Syndrom reaktionsloser Wachheit und dem Syndrom minimalen Bewusstseins. Ethisch bedeutsam ist die Frage einer Beendigung der Therapie beim Syndrom reaktionsloser Wachheit. Eingegangen wird auf die „Kemptener Entscheidung“ des BGH, in der der erklärte oder (wenn dieser nicht vorliegt) der mutmaßliche Wille entscheidend ist. Nach Meinung des Autors stellt sich auch diese Frage, wenn zwar die Wiedererlangung des Bewusstseins möglich ist, aber ohne Aussicht auf Kommunikationsfähigkeit und minimale Selbstständigkeit ( s. S. 127).

Im nächsten Kapitel wird das Thema fortgeschrittene Demenz behandelt. Demenz in diesem Stadium ist ein Bereich der Palliativmedizin, die Lebenserwartung betrage dann selten mehr sechs Monate. Eingegangen wird auch auf die Betreuung von Patientinnen und Patienten in diesem Stadium der Krankheit, u.a. durch Umgebungsgestaltung („Snozelen“). Als ein Problem wird die Wahrung der relativen Autonomie der Kranken angesehen, zum Beispiel durch Fixierung und künstliche Ernährung, die häufig weniger dem Wohl des Kranken als der Verringerung des Pflegeaufwands diene. Es sei heute gesichert, dass die Ernährung durch eine Sonde für Kranke in diesem Stadium keinen Gewinn bringe. Der Autor empfiehlt vor einer möglichen Erkrankung eine Ergänzung zur Patientenverfügung zu unterzeichnen, die im Anhang des Buches ausgedruckt ist.

Im elften Kapitel wird die Sterbephase behandelt. Der Autor geht auf wichtige Aspekte ein, die zum Beispiel auch in Schulungen ehrenamtlicher Hospiz-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter behandelt werden. Der Rezensent sieht ein Problem darin, dass die Bedingungen die Ausstattung für gute palliative-care nicht immer gegeben sind. Hier ist noch viel zu tun und auch der Gesetzgeber ist gefordert.

Im nächsten Kapitel werden die Themen Herztod und Hirntod erklärt. Eingegangen wird auf verschiedene Konzepte des Todesverständnis und die Positionen des Deutschen Ethikrates. Trotz unterschiedlichen Todesverständnisses sind sich die Mitglieder des Ethikrates darin einig, dass der Hirntod die Voraussetzung für eine Organspende ist.

Es folgt ein Kapitel zur Organspende. Eingegangen wird auf die Diskussion dieses Themas. Der Ablauf einer Organspende in den drei getrennten Bereichen Organentnahme, Organvermittlung und Transplantation wird skizziert

Im letzten Kapitel werden verschiedene Ansätze und Perspektiven zur Zukunft des Sterbens skizziert und diskutiert. Behandelt wird unter anderem der „Transhumanismus“, Versuche, Lebenszeit und Kosten von Patienten im Voraus zu berechnen oder Patienten für ihre Gesundheit verantwortlich zu machen. Für die ethische Diskussion darüber was machbar und moralisch vertretbar ist, ist dies wichtig. Zum Beispiel kann sich die Frage stellen, inwieweit es zum Selbstbestimmung gehört, gefährliche Sportarten auszuüben oder Motorrad zu fahren. Der Rezensent glaubt jedoch nicht an die Zuverlässigkeit von Prognosen zur gesundheitlichen Entwicklung von Personen, da Umwelteinflüsse und individuelle Reaktionen darauf nicht vorhersehbar sind. Die für eine Prognose notwendigen Parameter sind nicht alle bekannt (vgl. Luhmann 2003). Diese Skepsis gilt auch für Prognosen zur gesellschaftlichen Entwicklung und zur Entwicklung des Gesundheitswesens. Eine Besonderheit der Ökonomie des Gesundheitswesen und des Sozialwesens ist, dass die Nachfrage nicht über einen Markt von Kunden bzw. Nutzern geregelt wird. Wenn man von wenigen Privatpatienten ohne Krankenversicherung absieht, bestimmen Versicherungen und der Staat, welche Leistungen sich betriebswirtschaftlich lohnen und welche nicht. Dahme und Wohlfahrt stellen fest, dass „die Nachfrage nach diesen Leistungen überwiegend oder ausschließlich staatlich gestiftet und ausgeformt wird“ (Dahme, Wohlfahrt 2017, S. 119) Inwieweit dabei erklärte oder mutmaßliche Bedürfnisse von potentiellen Patienten berücksichtigt werden, könnte, man diskutieren.

Der Anhang des Buches enthält wichtige Informationen und Vordrucke zur Patientenverfügung und zur Organspende.

Diskussion

Jeder Mensch ist im Laufe seines Lebens mehrfach mit lebensbedrohlichen oder sogar tödlich verlaufenden Krankheiten von Familienangehörigen, Freunden und Nachbarn konfrontiert. In jüngerem und mittleren Lebensalter mag es gelingen, diese Erlebnisse bald zu vergessen oder zu verdrängen. Älteren Menschen gelingt dies weniger. Die Bewältigung existenzieller Krisen gehört zur Lebensbewältigung und eine gelungene Bewältigung ist eine Voraussetzung für ein gutes Leben.

Für die ehrenamtliche und berufliche soziale Arbeit besonders mit Älteren, aber auch mit Jüngeren, bedeutet das, dass man sich dieser Herausforderung stellen muss und immer auch persönlich mit betroffen ist. Früher waren in Dorfgemeinschaften und Werksiedlungen Familienhilfe und Nachbarschaftshilfe zu erwarten. Heute wird diese Hilfe zwar auch noch geleistet, aufgrund größerer sozialer und räumliche Mobilität ist diese Hilfe aber öfters nicht mehr möglich. In diesen Fällen wird berufliche und ehrenamtliche Hilfe noch wichtiger. Hinzu kommt, dass Leiden heute besser gelindert werden kann, weil die Möglichkeiten der Palliativmedizin und Palliativpflege sich verbessert haben.

Andererseits stellt sich die Frage, inwieweit das Gesundheits- und Pflegesystem diesen größeren Anforderungen gerecht wird. Ehrenamtliche Sterbebegleitung in Pflegeheimen ist gut, aber es sollte auch geprüft werden, ob in allen Pflegeheimen Sterbende auch gut palliativmedizinisch und palliativpflegerisch versorgt werden. Akut-Stationen in Krankenhäusern sind auch nicht immer gute Orte zum Sterben. Der Zwang zur Verkürzung der Liegedauer kann sich auch auf Palliativstationen auswirken (vgl. Borasio 2014, S. 167, vgl. die Rezension).

Fazit

Das Buch ist ein nützlicher Leitfaden für Bürgerinnen und Bürger, die sich mit ihrem Lebensende befassen und dafür vorsorgen wollen. Es ist auch verständlich geschrieben. Außerdem ist es sinnvoll für Angehörige sozialer Berufe, die nicht speziell in Palliativmedizin oder Palliativpflege ausgebildet sind, aber mit älteren Menschen arbeiten. Männer und Frauen über 60 Jahre sind als Angehörige oder Patienten mit einer schweren Erkrankung verstärkt mit diesen Themen befasst.

Literatur

  • Borasio, Gian Domenico (2014) selbst bestimmt sterben. Was es bedeutet. Was uns daran hindert Wie wir es erreichen können, München:C.H. Beck
  • Dahme, Hans-Jürgen; Wohlfahrt, Norbert (2017) Politische Ökonomie des Sozialen, in Kessl, Fabian; Kruse, Elke; Stövesand, Sabine; Thole, Werner, Soziale Arbeit – Kernthemen und Problemfelder, Opladen u.a. O, S. 116 – 123
  • Jaspers, Karl (1963) Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, München
  • Luhmann, Niklas (2003) Soziologie des Risikos, Berlin und New York: Walter de Gruyter
  • Maly, N. (2001), Töchter, die ihre Mütter pflegen, Münster, Lit-Verlag
  • Müller, H. (2016) Professionalisierung von Praxisfeldern der Sozialarbeit, Opladen: Verlag Barbara Budrich
  • Schönberg, F, Vries, Bodo de (2011): Mortalität und Verweildauer in der stationären Altenpflege. In: Theorie und Praxis der sozialen Arbeit (5), S. 370-375. Online verfügbar unter online verfügbar johanneswerk.de/fileadmin/content/Download_JW/3_Fachthemen/a_Menschen_wahrnehmen/Leben_im_Alter/Mortalitaet_Verweildauer_deVries_Schoenberg.pdf, zuletzt geprüft am 22.09.2014.

Rezensent
Dr. Hermann Müller
Universität Hildesheim, Institut für Sozial- und Organisationspädagogik
Homepage HermannMuellerHildesheim.de
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Zitiervorschlag
Hermann Müller. Rezension vom 26.09.2017 zu: Michael de Ridder: Abschied vom Leben. Von der Patientenverfügung bis zur Palliativmedizin. Ein Leitfaden. Pantheon Verlag VERLAGSGRUPPE RANDOM HOUSE GmbH (München) 2017. ISBN 978-3-570-55356-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23339.php, Datum des Zugriffs 18.10.2017.


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