socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Axel Hacke: Über den Anstand in schwierigen Zeiten und (...)

Cover Axel Hacke: Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen. Verlag Antje Kunstmann GmbH (München) 2017. 192 Seiten. ISBN 978-3-95614-200-0. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Das vorliegende Werk, das auch als E-Book (ISBN 978-3-95614-217-8; EUR 14,99)
und Hörbuch (ISBN 978-3-95614-212-3; EUR 16,95) vertrieben wird, handelt vom Anstand (zu einem ersten Überblick: https://de.wikipedia.org/wiki/Anstand). Ein leidiges Thema für einen Menschen, der als Schüler zu Pubertätszeiten öffentlich vom gymnasialen Rektorat gerügt wurde, dass er sich etwas „Anständiges“ anziehen solle (und nicht solche „Nietenhosen“ = Jeans), und von verschiedenen Lehrer(innen) immer wieder ermahnt wurde, er solle „anständig“ sitzen (was bei 1,87 Körpergröße auf den Einheitsschulstühlen, die für 1,70 konzipiert waren, schwer fiel). Was die ganze Angelegenheit, sich im geforderten Maße „anständig“ zu verhalten, verdrießlich machte, war: Die bei vielerlei Anlässen immer wieder aktiv werdenden damaligen Anmahner(innen) des „Anstandes“, waren in der Regel Leute mit einer mehr oder minder „braunen“ Vergangenheit. Wir reden hier von einer Zeit und einem Ort, da der CDU-Politiker Hans Filbinger (https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Filbinger) Ministerpräsident meines Heimatlandes Baden-Württemberg (1966 – 1978) war; jenes NSDAP-Mitglied Hans Filbinger,das selbst noch – in aller „Anständigkeit“ – nach dem Zusammenbruch der Wehrmacht Todesurteile 1945 beantragt oder gefällt hatte.

1967 machte ich Abitur und wurde als Student in Heidelberg postwendend das, was heute ein „68er“ genannt wird. Mit dem „üblichen Anstand“ hatten wir es in vielerlei Hinsicht zunehmend weniger. Und zumindest in einem Punkte fanden wir mit unserer „Unanständigkeitkeit“ wachsenden Beifall von Seiten selbst der bürgerlichen Mitte: beim Sex. Wie die Verhältnisse bei diesem Thema früher waren, kann man in dem kenntnisreichen Buch „Wie der Sex nach Deutschland kam. Der Kampf um Sittlichkeit und Anstand in der frühen Bundesrepublik“ (München: Siedler, 2011) nachlesen. Es beruht auf der Jenaer Habilitations-Schrift (2009) der Zeithistorikerin Sybille Steinbacher (https://de.wikipedia.org/wiki/Sybille_Steinbacher). Seit Mai 2017 ist sie, die sich seit Anfang der 1990er wissenschaftlich mit dem Holocaust beschäftigt hat, Inhaberin des Lehrstuhls „Geschichte und Wirkung des Holocaust“, des einzigen dieser Art, an der Universität Frankfurt am Main sowie Leiterin des Fritz Bauer Instituts (https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Bauer_Institut).

„Anstand“ und „Holocaust“ – eine eigenartige, ja befremdliche Verknüpfung werden viele sagen. Sie wurden aber tatsächlich in Zusammenhang gebracht. Und zwar in der ersten seiner zwei Posener Reden (https://de.wikipedia.org/wiki/Posener_Reden), die der Reichsführer SS Heinrich Himmler am 4. Oktober 1943 – die militärische Niederlage Deutschlands und dessen bedingungslose Kapitulation war da nur noch eine Frage der Zeit – in der damals ins Deutsche Reich eingegliederten polnischen Stadt Posen (Poznán) vor 92 SS-Offizieren hielt. Ich zitiere daraus zwei im vorliegenden Zusammenhang interessierende Passagen (Großschreibung von mir):

  • „Ein Grundsatz muss für den SS-Mann absolut gelten: ehrlich, ANSTÄNDIG, treu und kameradschaftlich haben wir zu Angehörigen unseres eigenen Blutes zu sein und sonst zu niemandem. Wie es den Russen geht, wie es den Tschechen geht, ist mir total gleichgültig.“
  • Und: „Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes. Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht. – ‚Das jüdische Volk wird ausgerottet‘, sagt ein jeder Parteigenosse, ‚ganz klar, steht in unserem Programm, Ausschaltung der Juden, Ausrottung, machen wir.‘ […] Von allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner hat es durchgestanden. Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von menschlichen Ausnahmeschwächen – ANSTÄNDIG geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht und ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.“

Wer – zumal als Deutsche(r) – nach Posen von „Anstand“ als Positivkategorie im Wertekatalog einer zivilen Gesellschaft reden will, muss dafür gute Gründe haben.

Autor

Axel Hacke (https://de.wikipedia.org/wiki/Axel_Hacke), der die Posener Rede kennt und aus ihr ausführlich referiert (S. 15-17) meint, sie zu haben. Er ist seit 2000 als Kolumnist und Schriftsteller freiberuflich tätig, davor arbeitete er als Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung; für seine journalistische und schriftstellerische Tätigkeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Er gehört, so im Autorenporträt des Verlags, „zu den bekanntesten Autoren Deutschlands, seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt“. Zweierlei wird man sagen können: Axel Hacke hat ein ausgeprägtes Gespür dafür, welche Themen gerade aktuell und für eine breite Leserschaft interessant sind, und er hat eine „gute Schreibe“. Was man allerdings auch sagen muss: Seine Themen oder Sujets gehören ganz überwiegend in die Kategorie „leichte Kost“.

Aufbau und Inhalt

Soweit und sofern man unter Aufbau eines Buches etwas versteht, das einem zur Suche nach einem Inhaltsverzeichnis treibt, hat dieses Buch keinen „Aufbau“. Nach einer Widmung („Für meine Kinder“) geht´s runde 180 Seiten lang los, bevor ein zweiseitiges „Literatur, eine Auswahl“ in aller Prägnanz verdeutlicht, dass hier kein Anspruch auf „Wissenschaftlichkeit“ erhoben wird und der einseitige „Dank“ uns mit dem (manche) imponierenden sozialen Netzwerk des Autors bekannt macht. Davor hemmen weder Kapitel- oder gar Abschnittsüberschriften den Lesefluss. Freilich bringt das Fehlen solcher Lese-Widrigkeiten mit sich, dass Behaltens-, Lern- und Verstehensstrukturen nur mühsam ausgebildet werden können. Aber wer will denn schon angesichts möglichen Leserausches von solchen Schnödigkeiten sprechen.

Natürlich hat der Text Struktur. Ihn in seiner Gänze zu erhellen, könnte erheiternde Aufgabe eines germanistischen Proseminars sein. Hier muss man sich mit einer ersten groben Skizzierung begnügen. Da sind beispielsweise – und zwar schon zur Texteröffnung – die wiederkehrenden „Gespräche mit einem Freund“. Das lockert den Text auf und hält die Leser(innen)laune aufrecht. Auf den Sachgehalt scheint es weniger anzukommen. Da ist beispielsweise auf der ersten Textseite (S. 5) von einem „Bier aus den bayerischen Bergen“ die Rede, bei dessen Produktion „allerhand Umweltsünden“ begangen würden. Von welcher Brauerei ist denn hier die Rede? Auf „bayerischen Bergen“ wird überhaupt kein Bier gebraut. Das Andechser beispielsweise stammt nicht „aus den bayerischen Bergen“, sondern von einem Hügel an der Ostseite des Ammersees im Voralpenland. Und das Tegernseer wird zwar recht nahe der Voralpen gebraut, aber doch nicht auf den Bergen, sondern – aus dem Brauwesen innewohnenden Gründen – unten im Tal.

Ein zweites Charakteristikum der Hackeschen Textgestaltung ist der intensive Gebrauch der rhetorischen Technik des Namedroppings. „Im weiteren Gebrauch bezeichnet Namedropping ein Verhalten im (wissenschaftlichen) Diskurs[3], bei dem das bloße Nennen von bekannten Namen an die Stelle einer inhaltlichen Begründung des eigenen Standpunktes tritt.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Namedropping) Zur Veranschaulichung seien hier einmal diejenigen „illustren“ Personen aufgeführt, die sich in der Stichprobe der 11er Seiten des Textes (S. 11, 22, 33 usw.) finden: Georg Stefan Troller, Erich Kästner, Hans Fallada, Yuval Harari (https://de.wikipedia.org/wiki/Yuval_Noah_Harari), Elizabeth Joh (https://law.ucdavis.edu/faculty/joh/), Timothy Garton Ash (Timothy Garton Ash), Mark Twain, Ernst-Dieter Lantermann (https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst-Dieter_Lantermann), Kwame Anthony Appiah (https://de.wikipedia.org/wiki/Anthony_Appiah), Sascha Lobo (https://de.wikipedia.org/wiki/Sascha_Lobo), Albert Camus und David Forster Wallis (https://de.wikipedia.org/wiki/David_Foster_Wallace).

Und was die behandelten Themen anbelangt: Es gibt – und das vorliegende Buch gehört dazu – literarische Gattungen, die nicht rechnen müssen mit Anfragen wie „Wo ist der rote Faden?“ oder Vorhaltungen der Art „Sie sollen hier nicht wahllos Ihren Zettelkasten ausbreiten!“ Da kann man dann in aller Freiheit den kaufmannsklugen Worten des Direktors im Faust-Vorspiel (zitiert nach http://gutenberg.spiegel.de/buch/-3664/2 folgen:

„Besonders aber laßt genug geschehn! Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn.
Wird vieles vor den Augen abgesponnen, So daß die Menge staunend gaffen kann,
Da habt Ihr in der Breite gleich gewonnen, Ihr seid ein vielgeliebter Mann.
Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen, Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen; Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.
Gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken! Solch ein Ragout, es muß Euch glücken;
Leicht ist es vorgelegt, so leicht als ausgedacht. Was hilft´s, wenn Ihr ein Ganzes dargebracht?
Das Publikum wird es Euch doch zerpflücken.“

Diskussion

Die Diskussion um das im vorliegenden Buch verfolgte „Anstands“-Thema entflammte schon vor seiner Veröffentlichung. In der ZEIT vom 24. August 2017 konnte sich Axel Hacke – wahrscheinlich with a little help von Seiten des ZEIT-Chefredakteurs Giovanni di Lorenzo (https://de.wikipedia.org/wiki/Giovanni_di_Lorenzo) – drei volle Seiten über „Anstand“ auslassen. Der Autor scheut sich nicht, in der Headline die ganz große (Werbe-)Trommel zu rühren: „Es schwappt seit einer Weile nicht bloß eine Woge der Anstandslosigkeit um die Welt – es tobt ein Ozean. Das ist mehr als ein moralisches Problem. Auf dem Spiel steht das Funktionieren unserer Gesellschaft.“ Am Ende des Essays (online verfügbar unter http://www.zeit.de/2017/35/anstand-gesellschaft-zusammenleben-ruecksicht) findet sich ein schwerlich übersehbarer Hinweis auf das hier zu rezensierende Buch. 14 Tage später (ZEIT vom 9. September 2017, S. 20), das ist der ZEIT-übliche Abstand, wurden dann zu diesem Artikel acht Leser(innen)briefe, hinter denen sich nach aller Erfahrung viel mehr zugesandte verbergen, veröffentlicht. Sie sind so beredt, dass zwei von ihnen hier komplett (ohne Absenderadresse) referiert werden.

  1. Der eine Leserbrief hat Folgendes zum Inhalt: „Sicher ein wichtiger Beitrag, den Axel Hacke hier zum Thema Anstand abgeliefert hat. Vielleicht ist es prinzipiell auch gerechtfertigt, auf diesen Artikel auf der Seite 1 hinzuweisen, obwohl sich beim Leser da schon ein gewisses Stirnrunzeln Bahn brechen könnte. Wie wählen Sie die Artikel aus, die eine so plakative Werbung bekommen? Vollends irritierend ist für mich allerdings die Verbindung mit der Tatsache, dass in der kommenden Woche Herrn Hackes Buch zu diesem Thema erscheint. Und da sehe ich nun doch die Grenzen des Anstandes, für den Herr Hacke so eindrucksvoll plädiert, überschritten.“ Ja, so ist das bisweilen: Mancher Stein, den man in der Hand hält, um ihn auf andere zu werfen, kann einem auf die eigenen Füße fallen.
  2. Der zweite Leserbrief lautet: „Ich bin mir nicht sicher, ob ‚Anstand‘ wirklich der richtige Begriff für das von Axel Hacke skizzierte Problem ist. Gehört doch der in den fünfziger Jahren häufig von Eltern geäußerte Satz ‚Kind, zieh Dir doch mal was Anständiges an‘ in eine Zeit mit rigiden Moralvorstellungen, die glücklicherweise überholt sind. Letztlich geht es vielmehr um das Abhandenkommen von Höflichkeit, Rücksichtnahme und der Erkenntnis, dass der Mensch ein Gemeinschaftswesen ist.“ Dieser Leserbrief berührt die zentrale Anfrage, die man an das Hackesche Unternehmen zu richten hat. Angenommen, es gelänge tatsächlich, dem Begriff „Anstand“ den Muff der Nachkriegs- und den Gestank der Nazijahre auszutreiben, wäre das denn der nicht unerheblichen Mühe wert? Lohnte der Einsatz, weil „Anstand“ eine moralische Kategorie solcher Prägnanz und Substanz wäre, die sie unersetzlich macht? Ich habe da meine Zweifel.

Nehmen wir zur Illustration zunächst einmal ein Alltagsbeispiel. Da hat der ZEIT-Journalist Peter Dausend (http://www.zeit.de/autoren/D/Peter_Dausend/index.xml) vor der Bundestagswahl (in der ZEIT vom 31.8.2017; online verfügbar unter http://www.zeit.de/2017/36/bundestagswahl-tv-duell-martin-schulz-angela-merkel) für den Fall, dass die SPD verlieren würde (was denn auch geschah), erklärt: „Schulz wird dann trotzdem weiterkämpfen. Aus Selbstachtung. Und weil er es als Pflicht seiner Partei gegenüber versteht. Man könnte auch sagen: weil er ein ANSTÄNDIGER Kerl ist.“ (Großschreibung von mir) Man(n und frau) darf mit seinen Freund(inn)en oder Kolleg(inn)en angesichts dieser Passage in einen edlen Wettstreit doppelten Inhalts treten: 1. Was meint im vorliegenden Kontext „anständig“? Und 2. Um welche Information(en) wäre man(n und frau) ärmer, ließe man den Satz „Man könnte auch sagen: weil er ein anständiger Kerl ist“ einfach weg.

Doch prüfen wir die Nützlichkeit des Konzeptes „Anstand“ an Ausführungen des Buches selbst – und zwar an einem, wenn nicht dem zentralen Punkt. Nach rund drei Vierteln des Buches erklärt der Autor:

„Wenn wir uns also am Anfang dieses Buches noch keinen ganz genauen Begriff von Anstand machen konnten: Hier sind wir jetzt näher dran. Ein Mensch hält sich im Zaum. Oder sagen wir so: Es geht, wenn es um Anstand geht, um eine grundsätzliche Solidarität mit anderen Menschen, ein Empfinden dafür, dass wir alle das Leben teilen, ein Gefühl, das für die großen und grundsätzlichen Fragen des Lebens ganz genauso gilt wie für die kleinen, alltäglichen Situationen.“ (S. 156-157)

„Selbstkontrolle“ (1. Punkt) ist ein in der Psychologie wohl definiertes und fruchtbares Konstrukt (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Selbstkontrolle), „Solidarität“ (2. Punkt) im ethisch-politischen Zusammenhang ein etabliertes und bedeutungsvolles Konzept (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Solidarit%C3 %A4t). Selbstkontrolle und Solidarität in einen inneren Zusammenhang zu bringen, sie in ein übergreifendes Konzept / Konstrukt einzubinden, halte ich für eine sehr anregende Idee, für die ich Axel Hacke meinen Respekt zolle. Freilich: Ob ein anderes Konzept als „Anstand“ dies zu leisten vermöge, diese Frage stellt (sich) der Autor erst gar nicht; bei einem wahrhaft in den „Anstand“ Verliebten wäre dies auch ungewöhnlich. Dass (einzig) „Anstand“ jenes Konstrukt sein könne, davon ist der Autor vorab überzeugt und bittet zur Überzeugung anderer keinen Geringeren als Albert Camus (https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Camus) in den Zeugenstand (vgl. S. 151-156).

In dessen Buch „Die Pest“ von 1947 findet sich eine Gesprächspassage zwischen der Hauptfigur des Buches, dem Arzt Rieux und dem Journalisten Rambert, bei der es – grob gesagt – darum geht, aus welcher Motivlage heraus denn Rieux hilft. Ich zitiere die hier interessierende Passage (vgl. im Buch S. 155-156):

„(Rieux) ‚Es handelt sich um honnêteté. Das ist eine Idee, über die man lachen kann, aber die einzige Art, gegen die Pest anzukämpfen, ist honnêteté.‘
‚Was ist honnêteté‘, fragte Rambert, plötzlich ernst.
‚Ich weiß nicht, was es im Allgemeinen ist. Aber in meinem Fall weiß ich, dass es darin besteht, meinen Beruf auszuüben.‘“

Diese Textwiedergabe folgt weitgehend jener im Buch auf den Seiten 155-156 zu findenden – mit einem entscheidenden Unterschied: Wo dort „Anstand“ steht, wird hier das originale „honnêteté“ genannt. Dieses Wort kann man, wie das beispielsweise die vom Autor bemühte Ute Heinrichs (2002) – allerdings ohne überzeugende Begründung (vgl. S. 20 Anm. 11) – tut, mit „Anstand“ übersetzen. Aber es gibt eine Fülle anderer Übersetzungsrealisierungen, -vorschläge und -möglichkeiten: Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Korrektheit, Rechtschaffenheit oder Redlichkeit etwa. Diese Vielfalt spiegelt nicht etwa die Einfalt deutscher Romanistik wieder, sondern reproduziert nur die Uneindeutigkeit des Begriffs honnêteté (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Honn%C3 %AAtet%C3 %A9). Mit der Französischen Revolution verlor der Begriff seine Prägnanz und Substanz in eben dem Maße, indem sein „Sitz im Leben“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Sitz_im_Leben), die höfische Gesellschaft Frankreichs, unterging.

Weshalb Albert Camus anderthalb Jahrhunderte nach der Französischen Revolution den Begriff honnêteté an zentraler Stelle der „Pest“ verwendet hat, ist ohne Zweifel eine Frage, die romanistische Oberseminare über mehrere Sitzungen bewegen vermag. Eine überzeugende Antwort der romanistischen Forschung ist allerdings nicht zu finden. Und auch keine Antwort auf die Frage, ob sich denn Jean-Paul Sartre (https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Paul_Sartre) zu diesem Punkt geäußert hat; vielleicht hätte er gesagt, hier würde „der sehr allgemeine, abstrakte Humanismus von Camus“ (Altweg, 2013) sichtbar. Einige Fragen sind also offen. Eine aber kann geschlossen werden: die, ob Albert Camus´ honnêteté zur Begründung, Legitimierung, Rehabilitierung und Nobilitierung des Hackeschen „Anstands“ tauge. Nein, nein, nein und nochmals nein.

Fazit

Angehörige der Sozialen Kultur können das vorliegende Buch einfach ignorieren, ohne sich den Vorwurf der Unbildung zuzuziehen; es ist so überflüssig wie ein Kropf. Die mancherorts noch vorhandenen Hochschullehrer(innen), die sich um Fragen von Werten und Normen in der und für die Soziale Arbeit kümmern, können das Thema „Anstand“ getrost rechts liegen lassen: auf dem Müllhaufen der Geschichte.

Literatur

  • Altweg, (2013). Sartre contra Camus: „Er bewunderte ihn – und wollte ihn verletzen“. Frankfurter Allgemeine vom 1.11.2013. Online verfügbar unter http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten/sartre-contra-camus-er-bewunderte-ihn-und-wollte-ihn-verletzen-12644399.html (letzter Aufruf am 28.10.2013).
  • Heinrich, U. (2002). Ärztliches Handeln in Camus´ Roman „Die Pest“. Unveröff. Diss. Zur Erlangung des Doktorgrades der gesamten Medizin, dem Fachbereich Humanmedizin der Philipps-Universität Marburg vorgelegt. Online verfügbar unter: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/binary/7GFEXMQE6CTSXU3SRWQE76RUQJRY3XNL/full/1.pdf (letzter Aufruf am 27.10.2017).

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
E-Mail Mailformular


Alle 113 Rezensionen von Hans-Peter Heekerens anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 16.11.2017 zu: Axel Hacke: Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen. Verlag Antje Kunstmann GmbH (München) 2017. ISBN 978-3-95614-200-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23340.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!