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Alexandra Klein, Elisabeth Tuider (Hrsg.): Sexualität und soziale Arbeit

Cover Alexandra Klein, Elisabeth Tuider (Hrsg.): Sexualität und soziale Arbeit. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2017. 272 Seiten. ISBN 978-3-8340-1706-2. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.

Grundlagen der sozialen Arbeit, Band 40.
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Thema

Fragen der Sexuellen Bildung und der Prävention von sexualisierter Gewalt im Berufsfeld Soziale Arbeit werden im vorliegenden Sammelband praxisnah erläutert. Dabei wird in der ersten Hälfte des Buches ein Überblick über den theoretischen Diskussionsstand gegeben, in der zweite Hälfte werden Einblicke in verschiedene Handlungsfelder eröffnet.

Herausgeber_innen

Die beiden Herausgeber_innen des Bandes, Prof. Dr. Alexandra Klein und Prof. Dr. Elisabeth Tuider, sind ausgewiesene Expert_innen in den Themenfeldern Sexuelle Bildung (auch mit Fokus Diversität) und Prävention von sexualisierter Gewalt. Alexandra Klein ist Erziehungswissenschaftler_in und lehrt an der Goethe Universität Frankfurt; Elisabeth Tuider ist Soziologin an der Universität Kassel.

Entstehungshintergrund

„Sexualität und Soziale Arbeit“ ist als 40. Band der Reihe „Grundlagen der Sozialen Arbeit“ erschienen.

Aufbau

Der vorliegende Band ist in vier Kapitel gegliedert, wobei die ersten drei als theoretische Grundlegung verstanden werden können, das vierte hingegen auf die praktische Relevanz in Handlungsfeldern zielt. Das Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

  • Sexualität und Soziale Arbeit (Alexandra Klein / Elisabeth Tuider)

Theoretische Vergewisserung: Sexualität und Soziale Arbeit

  • Sex 2.0: Lustsammeln, sexuelle Selbstbestimmung und das Internet (Silja Matthiesen)
  • Brüche und Kontinuitäten: Verhältnisse zwischen Liebe / Sexualität und Sozialer Arbeit (Margrit Brückner)
  • Dimensionen sexueller Diversität – queere und intersektionale Perspektiven (Jutta Hartmann)

Öffentlich-mediale Problematisierungen und aktuelle Fachdiskurse

  • Verwahrlosung und Pornografie: Pädagogische und mediale Problematisierungen jugendlicher Sexualität (Alexandra Klein)
  • Diskurse über sexualisierte Gewalt in pädagogischen Institutionen und den Schutz von Kindern und Jugendlichen – Problematisierungen und erziehungswissenschaftliche Anschlüsse (Martin Wazlawik / Bernd Christmann)
  • Unmögliche Subjekte: Queere Kanakness und deutsche Modernität (Elisabeth Tuider)

Handlungsfelder

  • Sprache, intime Kommunikation und Sexualkultur in der Sozialen Arbeit (Uwe Sielert)
  • Arbeit an und mit Widersprüchen – Zur Herstellung und Aufrechterhaltung einer sexualpädagogischen Situation (Antje Langer)
  • Familienplanung im Wandel. Sexuelle und reproduktive Rechte am Beispiel der Schwangerschaftskonfliktberatung in Deutschland (Ulrike Busch)
  • Sexualität und Jugendhilfe (Gerd Stecklina)
  • Heimerziehung und Sexualität: Professionstheoretische Überlegungen zum Umgang mit Nähe und Distanz (Mario Müller)
  • Queer Professionals. Sexuierte Identitätsarbeit im Zeichen von AIDS (Christian Schütte-Bäumner)
  • Handeln im Feld der Sexualitäten – zwischen Normierung und Vielfalt (Rüdiger Lautmann)

Den Band beschließt eine Übersicht über die Beitragenden.

Inhalt

„Sexualität und Soziale Arbeit“ bietet einen Überblick über die aktuellen Forschungen und handlungsorientierten Ansätze zu Sexueller Bildung und zur Prävention sexualisierter Gewalt in Kontexten der Sozialen Arbeit. Die Klammer bilden die „Einleitung“ von Alexandra Klein und Elisabeth Tuider und der den Band beschließende Aufsatz „Handeln im Feld der Sexualitäten – zwischen Normierung und Vielfalt“ von Rüdiger Lautmann: Sie stellen die Herausforderungen in der Sozialen Arbeit heraus, einerseits – gerade im Hinblick auf Kinder und Jugendliche – Selbstbestimmung und entsprechend auch Unterstützung bei der Herausbildung eines positiven Verständnisses von Sexualität zu ermöglichen, andererseits Übergriffen entgegenzuwirken. Damit zeige Soziale Arbeit heute „eine riskante Widersprüchlichkeit zwischen Nähe und Distanz, zwischen Hilfe und Kontrolle“ (Schmauch, nach: Lautmann, S. 247).

Auch vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen ergebe sich dieser Zwiespalt: Auf der einen Seite sei von einer Pluralisierung des Sexuellen zu sprechen, auf der anderen sei der Präventionsdiskurs stark. Um in dieser Situation professionell handeln zu können, seien Fachkompetenz und Handlungssicherheit auch im Themenfeld der Sexualität erforderlich. Während Klein und Tuider das Thema Sexualität im Feld der Sozialen Arbeit theoretisch erschließen und zugleich einen Überblick über die Beiträge des Bandes geben, leuchtet Lautmann das Themenfeld handlungsorientiert aus, mit Blick auf verschiedene Zielgruppen.

Die gesellschaftliche Debatte der geschlechtlich-sexuellen Pluralisierungen geben die Beiträge im Kapitel „Theoretische Vergewisserungen: Sexualität und Soziale Arbeit“ wieder. Während Silja Matthiesen im Aufsatz „Sex 2.0“ einen Überblick über den sexualwissenschaftlichen Forschungsstand insbesondere in Bezug auf die Sexualität von Jugendlichen und jungen Erwachsenen gibt, stellt Margit Brückner anschließend die direkten Bezüge zwischen den Entwicklungen zur Sozialen Arbeit heraus. Jutta Hartmann bindet schließlich queere Aktualisierungen ein und erweitert punktuell um intersektionale Fragestellungen, wobei mit „intersektional“ die Überschneidung unterschiedlicher Herrschaftsverhältnisse bezeichnet wird. Alle drei Beiträge bieten gemeinsam einen sehr guten Einstieg in den Band, da sie gut aufeinander abgestimmt sind: Vom „Großen“ der Gesellschaft geht es zur Sozialen Arbeit, von dort zu spezifischen Differenzierungen.

Das Folgekapitel „Öffentlich-mediale Problematisierungen und aktuelle Fachdiskurse“ fasst ebenfalls drei Aufsätze zusammen. Alexandra Klein geht einem gängigen gesellschaftlichen Narrativ nach, demzufolge die Jugend „verwahrlose“, was sich u.a. in einem unbedarften Umgang mit Pornografie und insgesamt mit Sexualität zeige. Klein diskutiert die These auf Basis der wissenschaftlichen Fachliteratur – diese kann die „Verwahrlosungsthese“ nicht stützen. Mit Martin Wazlawik und Bernd Christmann wird daran anschließend ein Überblick über gesellschaftliche Debatten und einige Forschungen zu sexualisierter Gewalt und der Prävention vor sexualisierter Gewalt gegeben. Dabei orientieren sie insbesondere auf den institutionellen Kontext. Elisabeth Tuider greift schließlich das Motiv der Intersektionalität wieder auf – und zeigt hier die Diskurse auf, in denen die Sexualität Marginalisierter gesellschaftlich besonders problematisiert wird. Dabei diskutiert sie Studien kritisch und plädiert dafür – wie auch in ihrem Literaturverzeichnis deutlich wird –, die Arbeiten von Selbstorganisationen (z.B. von People of Color) in die wissenschaftlichen Betrachtungen einzubeziehen.

Die andere Hälfte des Buches – das letzte Kapitel – widmet sich den „Handlungsfeldern“. Diese Überschrift ist nicht wörtlich im Sinne einer klaren Aufteilung der verschiedenen Arbeitsbereiche der Sozialen Arbeit nach Zielgruppen zu verstehen, vielmehr sind einige der Beiträge auch übergreifend angelegt.

Uwe Sielert diskutiert so, wie in Kontexten der Sozialen Arbeit über Sexualität kommuniziert werden kann, gerade weil das Sprechen über Sexuelles mit Hürden verbunden sei – und es für die Thematisierung Sensibilität für Ort, Zeitpunkt, Situation bedarf. Sielert, und im Anschluss an seinen Beitrag Antje Langer, führen aus, wie das Sprechen über sexuelle Themen im professionellen Kontext gelingen kann. Sie bieten damit Fachkräften wertvolle Hinweise. Die weiteren Beiträge blicken auf spezifische Felder der Sozialen Arbeit:

  • Ulrike Busch auf Familienplanung,
  • Gerd Stecklina auf die Jugendhilfe,
  • Mario Müller spezifisch auf die Heimerziehung,
  • Christian Schütte-Bäumner schließlich auf Identitätsarbeit im Kontext von Aids und der institutionalisierten Aids-Hilfen.

Der – bereits skizzierte – Aufsatz von Rüdiger Lautmann schließt den Sammelband ab.

Diskussion und Fazit

Der Sammelband „Sexualität und Soziale Arbeit“ bereitet die aktuellen Erkenntnisse zu Sexueller Bildung und zur Prävention vor Sexualisierter Gewalt für den Kontext der Sozialen Arbeit auf. Er bietet einen guten Einstieg und Überblick über die Debatten – für die Beiträge wurden entsprechend auch Quellen von Autor_innen mit zum Teil sehr unterschiedlichen Perspektiven herangezogen.

Der Überblick ist auch dringend notwendig, da sich in Bezug auf Aus-, Fort- und Weiterbildung zu den Themenfeldern Sexuelle Bildung und Prävention vor sexualisierter Gewalt noch große Leerstellen zeigen. So gibt es an zahlreichen Hochschulen keine oder nur unzureichende Lehrangebote in diesen Themenfeldern, wie Andrea Altenburg in ihrer Studie „Sexualität und Soziale Arbeit: Zur Notwendigkeit Sexueller Bildung im Studium der Sozialen Arbeit“ (Hochschulverlag Merseburg) gezeigt hat. Der Sammelband „Sexualität und Soziale Arbeit“ trägt hoffentlich dazu bei, dass sich diese Lücke verkleinern lässt.


Rezensent
Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß
Forschungsprofessur Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung (gefördert im Rahmen der BMBF-Förderlinie Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Einrichtungen) Hochschule Merseburg FB Soziale Arbeit. Medien. Kultur
Homepage heinzjuergenvoss.de
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Zitiervorschlag
Heinz-Jürgen Voß. Rezension vom 30.05.2018 zu: Alexandra Klein, Elisabeth Tuider (Hrsg.): Sexualität und soziale Arbeit. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2017. ISBN 978-3-8340-1706-2. Grundlagen der sozialen Arbeit, Band 40. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23342.php, Datum des Zugriffs 25.06.2018.


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