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Gabriele Biegler-Vitek, Monika Wicher (Hrsg.): Theorie und Praxis der Psychodrama-Psychotherapie

Cover Gabriele Biegler-Vitek, Monika Wicher (Hrsg.): Theorie und Praxis der Psychodrama-Psychotherapie. In der Anwendung mit Eltern, Kindern und Jugendlichen. Facultas Verlag (Wien) 2017. 285 Seiten. ISBN 978-3-7089-1407-7. D: 29,10 EUR, A: 29,90 EUR, CH: 37,90 sFr.
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Thema

Der gegenwärtige soziokulturelle Wandel ist geprägt durch eine zunehmende Individualisierung der Lebensstile bei einer gleichzeitigen Pluralisierung der Lebenswelten.

Dies ermöglicht Kindern und Jugendlichen den Entwurf der eigenen Biografie unabhängiger von gesellschaftlichen Vorgaben zu entwerfen und umzusetzen als dies bislang der Fall war. Gleichzeitig sind dafür aber auch bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten, sowie materielle und soziale Ressourcen notwendig sind, um sich nicht in der Fülle der Wahlmöglichkeiten zu verlieren. So ist es kein Zufall, dass die psychischen Belastungsphänomene von Kindern und Jugendlichen vermehrt in den Vordergrund rücken. Diese Tatsache spiegelt sich auch in Publikationen wie der vorliegenden wider, in der unterschiedliche Aspekte der Psychodrama-Psychotherapie in ihrer Anwendung mit Kindern, Jugendlichen und deren Bezugspersonen beschrieben und reflektiert werden.

Autorinnen und Autoren

Die Autorinnen und Autoren sind erfahrene Praktiker im Bereich der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Die meisten von Ihnen sind auch im universitären Kontext als Lehrende sowie als Lehrtherapeutinnen und Lehrtherapeuten tätig.

Herausgeberinnen

Als Herausgeberinnen fungieren Gabriele Biegler-Vitek, MSc sowie Monika Wicher, MSc.

Gabriele Biegler-Vitek ist neben ihrer Funktion als Lehrtherapeutin und Supervisorin für Psychodramapsychotherapie im ÖAGG und an der Donau-Universität Krems auch Leiterin der ÖAGG-Weiterbildung Psychodrama für Kinder und Jugendliche.

Monika Wicher unterrichtet als Lehrtherapeutin und Supervisorin für Psychodramapsychotherapie im ÖAGG und an der Donau-Universität Krems und ist als Lehrtherapeutin der ÖAGG-Weiterbildung Psychodrama für Kinder und Jugendliche tätig.

Aufbau und Inhalt

Dieser Sammelband umfasst elf Artikel, die ohne weitere übergeordnete Kategorisierungen aneinander gereiht sind.

Der erste Aufsatz wurde von Hildegard Pruckner verfasst, die eine sehr persönliche Tür zur österreichischen Geschichte des humanistisch orientierten Psychodramas mit Kindern und Jugendlichen öffnet. Der historische Blickwinkel ermöglicht ein Verstehen der tragenden Säulen gegenwärtiger Psychodramatheorie und -praxis, die in diesem Artikel kompakt zusammengefasst werden. Einen besonderen Schwerpunkt legt die Autorin dabei auf die humanistische Orientierung und Fundierung des Psychodramas.

Manfred Stelzig setzt sich mehrperspektivisch mit der Frage nach einem angeborenen Rollenrepertoire sowie dem daraus folgenden Interaktionsverhalten und den Interaktionserwartungen auseinander. Ausgehend von den Ergebnissen der Protektions- und Resilienzforschung werden konkrete Übungen zum „Training der urelterlichen positiven Rollen“ im Sinne einer Nach- und Selbstbeelterung vorgestellt, um Folgen misslingender Interaktionserfahrungen abzumildern.

In einem sehr ausführlichen Artikel spannt Gabriele Biegler-Vitek einen weiten Bogen von der Bedeutung des Körpererlebens zur Begegnungs- und Handlungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen. Einen besonderen Schwerpunkt legt sie dabei auf die Beschreibung des untrennbaren Zusammenspiels von Körper, Bewegung und Wahrnehmung und seinen Einfluss auf die Identitätsentwicklung. Entlang konkreter Fallbeispiele werden aus einer entwicklungspsychologischen Perspektive Fähigkeiten beschrieben, die Kinder benötigen, um den Weg vom Körpererleben zur Spielbühne und in der Folge zur Begegnungsbühne durchlaufen zu können. Im nachfolgenden Kapitel fokussiert die Autorin ihre Überlegungen zu „Körper, Wahrnehmung und Bewegung“ auf den Lebensabschnitt der Adoleszenz.

Die Kreativitätsentwicklung bei Kindern ist der Ausgangspunkt der Ausführungen von Monika Wicher. Die Fähigkeit zu spontan-kreativen Handlungsvollzügen wird als Voraussetzung dafür gesehen, sein Leben autonom und selbstwirksam gestalten zu können. Die theoretischen Ausführungen werden dabei mit Praxisbeispielen unterlegt. Die Autorin nutzt diesen Fokus, um zusätzlich einen allgemeinen Überblick über die Psychodrama-Psychotherapie mit Kindern zu geben. In einem weiteren Artikel beschreibt die Autorin aus einer praxeologischen Perspektive begleitende Elternarbeit im psychotherapeutischen Kontext.

In den folgenden Kapiteln stehen spezielle Rahmungen psychodramatischer Arbeit im Mittelpunkt. Maria Teresa Gutmannn beschäftigt sich mit dem Einsatz des Psychodramas in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bernd Kühbauer beschreibt psychodramatische Arbeit im Rahmen einer Männerberatungsstelle. Elisabeth Grosinger-Spiss stellt das Projekt einer „ICH-DU-GRUPPE“ für Vorschul- und Grundschulkinder vor, unter anderem mit dem Ziel, eine nachnährende Rollenerweiterung zu fördern. Sigrid Jernej und Sandra Kornsteiner berichten über die Erfahrungen mit einer begleitenden Elterngruppe, die parallel zu einer Psychodrama-Psychotherapiegruppe in freier Praxis mit Kindern etabliert wurde. Mit einem leider immer noch viel zu wenig beachteten Thema, den Besonderheiten einer Psychotherapie im ländlichen Raum, wird dieser Band abgeschlossen. Elisabeth Grissenberger setzt in ihrem Artikel den Fokus auf den Bereich der Netzwerkarbeit in der Kinder- und Jugendtherapie im ländlichen Umfeld.

Diskussion und Fazit

Den Herausgeberinnen ist es mit dieser Veröffentlichung in beeindruckender Art und Weise gelungen, die psychodramatische Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und deren Bezugspersonen abzubilden und darzustellen. Besonders hervorzuheben ist die konsequente Durchdringung von Theorie und Praxis in den einzelnen Artikeln. Dies ermöglicht den LeserInnen, Einblicke in die konkrete theoriefundierte Vorgehensweise psychodramatischer TherapeutInnen in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zu bekommen. Zumindest abschnittweise wird der immer noch stiefmütterlich behandelten Psychotherapie von Jugendlichen in diesem Sammelband ein angemessener Raum zur Verfügung gestellt. Dies gilt in ähnlicher Weise auch für die begleitende Eltern- und Bezugspersonenarbeit.

Den AutorInnen gelingt es, die Inhalte sprachlich gut zu rahmen und dabei die Balance zwischen guter Lesbarkeit und Wissenschaftlichkeit zu wahren.

Der Aufbau des Bandes scheint einer eher assoziativen Logik zu folgen. Dies hat Vor- und Nachteile. So werden LeserInnen zu Kernthemen und Grundannahmen psychodramatischer Arbeit fündig und können sich über die Vielfalt der Anwendungsgebiete ebenso ein Bild machen wie über das breite Repertoire multimodaler Interventionen. Die Lebendigkeit und Kreativität dieses Verfahrens wird dadurch gerade in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen spürbar und erlebbar. Andererseits lässt sich durch die gewählte Struktur im Aufbau die eine oder andere Wiederholung theoretischer Grundlagen nicht verhindern.

Dies tut jedoch dem sehr guten Gesamteindruck dieses Buches keinen Abbruch. Es wäre wünschenswert, wenn auch VertreterInnen anderer psychotherapeutischer Verfahren zu LeserInnen dieser Publikation werden.


Rezensent
Mag. Gerhard Hintenberger
Psychotherapeut und Supervisor in freier Praxis Herausgeber des e-beratungsjournal.net
Homepage www.praxis-hintenberger.at
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Zitiervorschlag
Gerhard Hintenberger. Rezension vom 26.09.2017 zu: Gabriele Biegler-Vitek, Monika Wicher (Hrsg.): Theorie und Praxis der Psychodrama-Psychotherapie. In der Anwendung mit Eltern, Kindern und Jugendlichen. Facultas Verlag (Wien) 2017. ISBN 978-3-7089-1407-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23343.php, Datum des Zugriffs 12.12.2017.


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