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Veronika Hermes: Beratung und Therapie bei Erwachsenen mit geistiger Behinderung

Cover Veronika Hermes: Beratung und Therapie bei Erwachsenen mit geistiger Behinderung. Das Praxishandbuch mit systemisch–ressourcenorientiertem Hintergrund. Hogrefe (Bern) 2017. 181 Seiten. ISBN 978-3-456-85577-6. 19,95 EUR, CH: 26,90 sFr.
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Thema

Wer schon mal versucht hat, einen Menschen mit einer geistigen Behinderung und einer psychischen Erkrankung beim Finden eines Psychotherapeuten oder gar einer psychotherapeutischen Klinik zu unterstützen, weiß, dass dies ein oft aussichtsloses Unterfangen ist. Und das obgleich Menschen mit einer geistigen Behinderung viel häufiger von psychischen Erkrankungen betroffen sind, als Menschen ohne eine geistige Behinderung (vgl. www.keh-berlin.de). Auch gibt es nur wenig Literatur zur Gesprächsführung mit der genannten Zielgruppe.

Damit kann das Buch von Veronika Hermes – zumindest bezogen auf den deutschen Sprachraum – als Pionierarbeit bezeichnet werden. Veronika Hermes möchte Hinweise geben, wie in der systemischen Beratung übliche Methoden an die Bedürfnisse von Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung angepasst werden können. Ihr Ziel ist, den „Handwerkskoffer“ von in diesem Bereich professionell Tätigen zu erweitern. Und dieses Ziel erreicht sie meines Erachtens voll und ganz.

Autorin

Veronika Hermes ist Diplom-Psychologin, systemische Therapeutin und Supervisorin. Aktuell arbeitet sie im psychologischen Fachdienst für Erwachsene mit geistiger Behinderung bei Regens Wagner Holzhausen. Sie verfügt über umfangreiche Erfahrungen sowohl im wissenschaftlichen als auch praktischen Bereich der Behindertenpädagogik.

Entstehungshintergrund

Ausgehend von der Erfahrung, dass systemische Methoden aus der Arbeit mit Kindern oft aufgrund des kognitiven Niveaus, des Abstraktionsvermögens und den Transfermöglichkeiten für die Arbeit mit Menschen mit einer kognitiven Behinderung passen würden, aber aufgrund des tatsächlichen Lebensalters eben doch nicht angemessen sind, begann Veronika Hermes Methoden aus der Arbeit mit nicht behinderten Erwachsenen anzupassen. Mit dem vorliegenden Buch möchte sie ihre Erfahrungen weitergeben und Fachleute ermuntern, Beratung und Therapie für Menschen mit geistiger Behinderung anzubieten.

Aufbau und Inhalt

Das Buch von Veronika Hermes besteht aus drei Teilen.

Im ersten Teil findet unter der Überschrift „Eckpfeiler der systemischen Theorie“ eine Auseinandersetzung mit Grundlagen und handlungsleitenden Theorien der systemischen Beratung und Therapie statt. Neben einer grundlegenden Einführung geht die Autorin verstärkt auf jene Aspekte ein, die in der Arbeit mit Menschen mit einer geistigen Behinderung besonders wichtig sind. Beispielsweise beschreibt sie, dass eine der Grundhaltungen systemischen Arbeitens sei, von der Sinnhaftigkeit von Verhalten auszugehen. Unter diesem Stichwort zeigt die Autorin auf, dass das als problematisch erlebte Verhalten des Essenhortens und -versteckens bei einem Klienten vor dessen biografischen Hintergrund, Vernachlässigung in der Kindheit, als sinnhaft verstanden werden kann. Davon ausgehend können mit dem Klienten für ihn und das Umfeld passende, ebenfalls sinnhafte Lösungen gefunden werden. Ausführlich geht die Autorin auch auf die Ressourcen und kreativen Lösungswege von Menschen mit einer geistigen Behinderung ein. Hier gilt es, sich bewusst zu machen, welche Lebenswege viele Klient*innen zurückgelegt haben, häufig auch geprägt von Aufenthalten in Einrichtungen oder traumatischen Erlebnissen. Trotz dieser Erfahrungen haben diese Menschen einen enormen Lebenswillen und verfügen über viele Stärken. Es gilt, diese zu nutzen. Nicht zuletzt finden auch die Systeme, oftmals Einrichtungen der Behindertenhilfe, in denen Klient*innen mit einer geistigen Behinderung leben, besondere Beachtung in den Ausführungen von Veronika Hermes.

Der zweite Teil ist überschrieben mit „Anpassungen des Rahmens“ und gliedert sich in vier Abschnitte. Nach einer Einführung in den Gebrauch der leichten Sprache geht die Autorin auf Besonderheiten im Setting ein. So kann es bei Klient*innen mit einer geistigen Behinderung aufgrund der reduzierten Konzentrations- und Aufmerksamkeitsspanne sinnvoll sein, eher zeitlich kürzere Gespräche anzubieten, als die in der Therapie sonst üblichen 50 oder 60 Minuten. Ein weiteres Stichwort ist die Auftragsklärung. In vielen Fällen kommt eine Beratung/Therapie zustande, weil Betreuer*innen dies als notwendig erachten. Gerade deshalb muss mit allen Beteiligten geklärt werden, was das Ziel der Intervention ist. Auch der Frage nach der Schweigepflicht widmet die Autorin einen Abschnitt. Veronika Hermes beschreibt, dass symbolhaltige Materialien (Fotokarten, Seile, Figuren etc.), die üblicherweise in der systemischen Beratung angeboten werden, gut geeignet sind für die Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung. Darüber hinaus bietet es sich an, Besprochenes aufzuschreiben oder aufzuzeichnen, da das Gesagte hierdurch begreifbarer wird. Eher untypisch für die Arbeit mit Erwachsenen, der Erfahrung der Autorin nach aber hilfreich, sind das Anbieten von Gesellschaftsspielen, Mandalas und Massagen. Hierüber kann auf anderen Ebenen als der rein sprachlichen die therapeutische Beziehung ausgebaut oder hohe emotionale Anspannung gemildert werden. Abschließend geht Veronika Hermes auf die Besonderheiten in der emotionalen Entwicklung bei Menschen mit geistiger Behinderung ein.

Der dritte und ausführlichste Teil ist den „Methoden und ihre Anpassungen“ gewidmet. Detailliert beschreibt Veronika Hermes hier sämtliche in der systemischen Beratung üblichen Methoden. Jede Methode wird unter der Überschrift „Worum geht es?“ kurz beschrieben. Die konkrete Anwendung und der inhaltlich-situativ passende Zeitpunkt werden unter den Überschriften „Wie?“ und „Wann und wieso?“ ausführlich dargestellt. Anschließend geht die Autorin unter „Besonderheiten bei Intelligenzminderung“ darauf ein, wie die Methode auf die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung angepasst werden kann. Zahlreiche Beispiele aus der Praxis und bildliche Darstellungen führen zu einem noch besseren Verständnis des Beschriebenen. Da Menschen mit einer geistigen Behinderung den Umgang mit Anspannung und Selbstberuhigung als herausfordernd erleben, stellt Veronika Hermes auch Methoden aus der dialektisch-behavioralen Therapie nach Marsha Linehan vor, die helfen, Spannungszustände auszuhalten und zu regulieren. Hierzu gehört der „Notfallkoffer“, in den Dinge reingelegt werden können, die als beruhigend erfahren werden (z.B. ein Duftkissen oder ein Igelball). Aus dem Coaching stammt die Methode „Walk and Talk“. Beim Spazierengehen wirkt das gemeinsame Gehen in Gesprächspausen verbindend, zudem kann Anspannung durch die körperliche Bewegung abgebaut werden. Auch der „Wuteimer“ ist eine interessante und außergewöhnliche Methode. Manchmal tut es Klient*innen gut, erst einmal einfach schimpfen zu dürfen und wütende Aussagen mit dem Werfen von Bauklötzen in einen Eimer zu unterstreichen. Hierdurch kann emotionale Erregung abgebaut und konstruktives Arbeiten ermöglicht werden.

Diskussion

Das Buch, das Veronika Hermes schrieb, ist schon lange überfällig. Ihr Ziel, Berater*innen und Therapeut*innen Handwerkszeug für die Arbeit mit Menschen mit kognitiven Einschränkungen anzubieten, hat sie meines Erachtens erreicht. Und dies noch dazu in einem Schreibstil, der nicht nur flüssig zu lesen, sondern durch zahlreiche Beispiele zusätzlich aufgelockert ist. Besonders hervorzuheben ist auch die Textgestaltung. Die Verwendung verschiedener Farben, das Einfügen von Bildern und Grafiken, sowie Kästen, in denen Hintergrundinformationen gegeben werden und auf weiterführende Literatur oder Materialien verwiesen wird, erhöhen ebenfalls die Lesefreundlichkeit.

Herausragend finde ich, wie es Veronika Hermes gelingt, komplexe wissenschaftliche Theorien, wie beispielsweise die des Konstruktivismus, in einfacher, leicht verständlicher und dennoch wissenschaftlich korrekter Weise darzustellen. Hierdurch baut sie eine wichtige Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis.

Genauso bereichernd sind die oft sehr persönlichen Reflexionen der Autorin und daraus hervorgehend ihre Positionen. Auch hier wird deutlich, dass Veronika Hermes eine Praktikerin mit einem umfangreichen und wissenschaftlich fundiertem Hintergrundwissen ist.

Fazit

Das praxisorientierte Buch von Veronika Hermes ist allen Leser*innen zu empfehlen, die in der Beratung oder Therapie von Menschen mit einer intellektuellen Einschränkung tätig sind. Auch darüber hinaus bietet es für jene, die mit Klient*innen ohne Behinderung arbeiten eine Fundgrube an methodischen Anregungen, die in gut verständlicher Weise dargestellt sind. Dies nicht zuletzt durch die Unterteilung des Buches in drei Hauptkapitel. Das erste Kapitel befasst sich mit der wissenschaftlich-theoretischen Grundlegung des systemischen Arbeitens. Das zweite Kapitel zeigt auf, an welchen Stellen und in welcher Weise der übliche Rahmen eines beratenden/therapeutischen Settings verändert werden könnte, um den Bedürfnissen von Klient*innen mit Einschränkungen besser gerecht zu werden. Das dritte und ausführlichste Kapitel ist der detaillierten Darstellung konkreter Methoden und ihrer Anpassung an besondere Bedürfnisse von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen gewidmet. Das Buch zeichnet sich durch seine gute Lesbarkeit, die zahlreichen Praxisbeispiele und Hinweise auf weiterführende Literatur aus.


Rezensentin
Dipl. Soz.-Päd. Franziska Günauer
Erziehungswissenschaftlerin (MA), berufstätig in der stationären Behindertenhilfe
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Zitiervorschlag
Franziska Günauer. Rezension vom 07.12.2017 zu: Veronika Hermes: Beratung und Therapie bei Erwachsenen mit geistiger Behinderung. Das Praxishandbuch mit systemisch–ressourcenorientiertem Hintergrund. Hogrefe (Bern) 2017. ISBN 978-3-456-85577-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23344.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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