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Bernd Traxl (Hrsg.): Agression, Gewalt und Radikalisierung

Cover Bernd Traxl (Hrsg.): Agression, Gewalt und Radikalisierung. Psychodynamisches Verständnis und therapeutisches Arbeiten mit Kindern und Jugendlichen. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2017. 240 Seiten. ISBN 978-3-95558-204-3. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Im Diskurs von Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen werden die altbekannten, kontroversen Reaktionen von Eltern, Erziehungsberechtigten, Lehrkräften und Psychologen deutlich: Da sind zum einen die Forderungen nach der „harten Hand“, die sich in dem Statement äußert: „Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst…“; und es sind hierarchische Verdikte, die davon ausgehen, dass der Educador qua Naturrecht über den Educandus Erziehungsmacht ausüben könne und müsse. Zum anderen sind es die Laissez-faire-Vorstellungen, dass sich aggressives Verhalten auswachsen würde, weshalb es der Erwachsene übersehen und geduldig darauf warten solle, bis sich „vernünftige“ Einstellungen und Verhaltensweisen zeigten. Beide Konzepte führen isoliert betrachtet in die Irre! Es bedarf des ganzheitlichen, transgenerationalen Blicks und der Erkenntnis, dass Aggressivität weder in den menschlichen Genen verankert ist, noch allein als individuelle Verhaltensweise entsteht. Es ist die Zusammenschau von gesellschaftlichem Containing, pädagogischem Verständnis und erzieherischem und therapeutischem Agierens und Reagierens im gleichwertigem Wechselverhältnis zwischen dem zu Erziehendem und dem Erzieher, der die psychodynamische Herausforderung bestimmt.

Herausgeber

Der Heilpädagoge und Psychoanalytiker Bernd Traxl ist bereits mit zahlreichen Veröffentlichungen und Fachbeiträgen zum Umgang mit Aggressions- und Gewaltphänomenen bei Kindern und Jugendlichen bekannt geworden (vgl z.B.: Bernd Traxl Hrsg., Körpersprache, Körperbild und Körper-Ich. Zur psychoanalytischen Therapie körpernaher Störungsbilder im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/22874.php). Im Rahmen der 9. Kinderanalytischen Konferenz des Mainzer Psychoanalytischen Instituts im Juli 2016 haben sich Fachleute aus den verschiedenen Disziplinen mit den Aggregaten zur Aggression, Gewalt und Radikalisierung im Denken und Tun der jungen Menschen auseinandergesetzt. Dabei geht es um die „Betrachtung des jeweiligen psychosozialen Feldes sowie der Bedeutung der primären Bezugspersonen und unter Berücksichtigung einer subjektiv-sinnvollen und aktiven Verarbeitung von Lebenserfahrungen“. Es ist also die jeweilige psychosoziale Entwicklungsgeschichte von Individuen, die mit ihren Schicksalen sich gleichwohl konzeptionell betrachten und bewerten lassen (siehe auch: Jos Schnurer, Am Anfang war die Geste, PR 5/2017, S. 565 – 570 ).

Es sind 13 ReferentInnen, die mit ihren differenzierten Beiträgen darauf verweisen, dass es vor allem Vernachlässigungen, Ungerechtigkeiten, Gewalterfahrungen und Traumatisierungen sind, die Kinder und Jugendliche zu aggressivem Verhalten veranlassen. Soziale Arbeit, Pädagogik und Therapie bieten eine Reihe von Konzepten und Methoden an. Die Bildungs- und Erziehungsprozesse stehen dabei vor der grundlegenden Herausforderung, die jedes humane Miteinander bestimmen sollte: Den Perspektivenwechsel nicht zu vergessen! Es ist die Erfahrung, „dass wir die Angst vor aggressiven und gewalttätigen Impulsen zuallererst da wahrnehmen und bearbeiten, wo wir ihnen laufend begegnen: in uns selbst“.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband wird, nach der Einleitung durch den Herausgeber, in zwei Kapitel gegliedert.

  1. Im ersten geht es um „theoretische Überlegungen zu Aggression, Gewalt und Radikalisierung in Kindheit und Jugend“;
  2. im zweiten Kapitel um die „angewandte Psychoanalyse in Therapie, Pädagogik und Sozialer Arbeit“.

Die Hamburger Psychologin, Sinologin und niedergelassene Psychoanalytikerin Ann Kathrin Scherer setzt sich mit ihrem Beitrag „Die Tabuisierung leidenschaftlicher Aggression in der frühen Kindheit“ mit dem Unvermögen von Eltern auseinander, auf das ihrer Meinung nach abweichende, aggressive Verhalten ihrer Kinder sachgemäß und fachgerecht zu reagieren. Durch Verdrängung, moralischer Bewertung, Beschämung oder unangemessenen Reaktionen. „Die Tabuisierung lässt uns den Umgang und die angemessenen Reaktionen auf Aggressivität verlernen, darüber hinaus wird die Integration der leidenschaftlichen Aggression in die Persönlichkeitsentwicklung erschwert“.

Der Aachener Psychoanalytiker Thomas Auchter titelt seinen Beitrag zur Psychoanalyse von Adoleszenz und Gewalt: „Hey, Alter, was guckst du?“. Er stellt fest, dass es sich bei adoleszenter Gewalt im allgemeinen nicht um dauerhaftes, abweichendes Verhalten handelt, was bedeutet, dass es nicht angebracht ist, nach allgemeingültigen Erklärungen dafür zu suchen. Bei den verschiedenen Gewaltformen – Suizid, Amok, kriegerische und ideologische Gewalt – kommt es darauf an, genau auf die einzelnen, individuellen und gesellschaftlichen Ursachen und Anstöße zu schauen: „Psychodynamisch lässt sich die adoleszente Gewalt als glücklicher oder missglücklicher Selbstregulierungsversuch und psychosozial als gelingender oder misslingender Beziehungsregulierungsversuch einordnen“.

Die in Bingen mit eigener Praxis tätige Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Katja Kruse diskutiert mit ihrem Beitrag „Religiöser Extremismus als Lösung entwicklungsbedingter Krisen?“ Probleme bei der männlichen Identitätsfindung bei muslimischen Jugendlichen. Sie nimmt die in den Medien und in der deutschen Öffentlichkeit nicht immer wahrheitsgemäß dargestellten Vermutungen auf, dass eine zunehmende Zahl von Jugendlichen auf fundamentalistische, radikal-ideologische und kriegerische Anwerbeversuche ansprechen. Sie schaut dabei vor allem auf die persönlichen und gesellschaftlichen Beziehungsebenen und Kontakte und ermittelt die besondere Bedeutung des Vaters und der männlichen Bezugspersonen bei der Autonomieentwicklung von muslimischen Jungen. Bei der „Hinwendung muslimischer jungen Männer zum islamischen Extremismus (handelt es sich) um eine pseudoautonome Entwicklung, die an die Stelle der Ursprungsfamilie eine Ersatzfamilie setzt, die den Jugendlichen zwar Halt und Orientierung in einer innerpsychischen Krise bildet, dafür jedoch die weitere Reifung und notwendige Autonomiebildung behindert“.

Der ärztliche Direktor der Stuttgarter Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Michael Günter, überschreibt seinen Beitrag über Gewalt, Leidenschaft und Fanatismus in der adoleszenten Entwicklung mit: „Die Tugend muss durch den Schrecken herrschen“. Er verweist dabei sowohl auf antike, als auch aktuelle Bewertungen und Zuschreibungen, wie mit fanatisierter Gewalt umgegangen werden und in den individuellen und sozialen Kontext einbezogen werden kann. „Wir sind leicht bereit, drastische, gewalttätige Mittel anzuwenden…, aber wir täuschen uns ebenso leicht über unsere Motive und ihren Rechtfertigungen dazu“.

Gerd und Ulrike Lehmkuhl, beide (em.) Mediziner und Psychoanalytiker, reflektieren mit dem Beitrag „Aggression und Radikalisierung aus psychodynamischer Sicht“ über das individualpsychologische Verständnis und legen dazu wissenschaftliche Befunde vor. Es sind die verbindenden und kontroversen Konstrukte, wie „Zärtlichkeitsbedürfnis und Aggressionstrieb“, „Angst und Macht“, die eine „Erziehung der Erzieher“ notwendig machen und mit unterschiedlichen Therapieansätzen „eine Verbindung von sozialpädagogischen, psychotherapeutischen und medizinischen Maßnahmen“ erfordern In der Theorie und Praxismuss die Aufmerksamkeit auf Prävention, Früherkennung und -behandlung gelenkt werden.

Das zweite Kapitel beginnt der Dozent und Supervisor am Anna-Freud- Institut in Frankfurt/M., Jochen Raue, mit dem Beitrag „Der psychoanalytische Umgang mit und die Bedeutung von rassistischen Äußerungen und Gewaltphantasien in der Behandlung von Kindern und Jugendlichen“. Er zeigt entwicklungspsychologische Aspekte an drei Fallbeispielen auf; und er fokussiert die Erkenntnisse, indem er Gemeinsamkeiten bei den Patienten herausfiltert: „Ihre Aggressionsentwicklung ist gestört und misslungen. Es fehlt schon früh an einem haltenden Objekt, das die Wut und Aggression des kleinen Kindes erträgt, nicht ablehnt und annehmen kann und angemessen darauf reagiert“.

Die Münchner Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Eva-Marie Topel zeigt mit ihrem Beitrag „Nonverbale Interventionen in der Psychotherapie“ alternative Beispiele bei der Behandlung bei Aggressionen bei Kindern und Jugendlichen auf. Formen von nonverbaler Kommunikation bieten die Chance, „dass sich im Prozess der Psychotherapie die wechselseitigen sowie die individuellen Regulationsformen von anfangs inflexiblen und pathologischen Formen der Selbstregulation zu sozial hilfreichen Formen entwickeln“. Sie verdeutlicht die Möglichkeiten an einem Fallbeispiel.

Die Berliner Sozialtherapeutin Gertrud Hardtmann informiert über Gespräche mit rechtsradikalen Jugendlichen aus psychoanalytischer Perspektive, indem sie im Titel zitiert: „Wer hier etwas gegen meinen Großvater sagt, den bringe ich um…“. Sie setzt sich mit Formen von „Leidenschaft“ auseinander und erläutert die Entwicklungen bei „Konfliktintoleranz und projektiver Identifikation“

Das Mitglied der Wiener Gesellschaft für Psychoanalyse, Gertrud Diem-Wille, und die Erziehungswissenschaftlerin und Ministerialbeamtin Andrea Moser-Riebniger setzen sich mit ihrem Beitrag „Gewalt als Faszination und Abwehr von psychischem Schmerz“ in einer Falldarstellung mit der Entwicklung von Delinquenz in der Adoleszenz auseinander. Sie plädieren für frühe Hilfestellungen bei Problemfamilien: „In der therapeutischen Arbeit mit Eltern-Kleinkindern können entstehende Probleme an der Wurzel an ihrer Manifestation gehindert werden“.

Die Berliner Sozialpädagogin und Leiterin der „Denkzeit-Gesellschaft“, Rebecca Friedmann, und die Dozentin Winnie Plha thematisieren mit ihrem Schlussbeitrag „Auf der Suche nach Orientierung“ Risikofaktoren für Radikalisierung aus psychodynamisch-pädagogischer Perspektive. Sie verdeutlichen Ursachen und Wirkungen von aggressivem, abweichendem Verhalten und fragen nach dem „Gewordensein“ durch frühe Beziehungserfahrungen. Es sind beschädigte oder falsch entwickelte Affektregulationen. „Nur wenn wir sehr genau verstehen, welche innerpsychischen und interpersonellen Defizite diese Menschen in radikale Gruppen getrieben haben, können wir sie unterstützen, sich dauerhaft aus diesen Strukturen zu lösen“.

Fazit

Die beunruhigende, lokale und globale Entwicklung, dass (auch) Kinder und Jugendliche zunehmend aggressives, gewalttätiges und radikalisiertes Verhalten zeigen, wird im gesellschaftspolitischen, pädagogischen, psychologischen und psychotherapeutischen Diskurs behandelt, und zwar überwiegend auf der Grundlage von traditionellen Erkenntnisprozessen, Konzepten und Methoden. Die Kinderanalytische Konferenz des Mainzer Psychoanalytischen Instituts ist bemüht, über den fachspezifischen und interdisziplinären Gartenzaun zu blicken. Die beteiligten Autorinnen und Autoren sind überzeugt: „Aggressives, gewalttätiges und radikalisiertes Verhalten von Kindern ist … nie nur passiv, nie nur Defekt, sondern immer Ergebnis eines aktiven Bewältigungsprozesses von Beziehungserfahrungen“.

Der fachspezifische und interdisziplinäre, praxisbezogene Diskurs im Sammelband „Aggression, Gewalt und Radikalisierung“ sollte in der Aus- und Fortbildung und in der Theorie und Praxis der (sozial-)pädagogischen, analytischen und therapeutischen Arbeit Beachtung finden.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 12.09.2017 zu: Bernd Traxl (Hrsg.): Agression, Gewalt und Radikalisierung. Psychodynamisches Verständnis und therapeutisches Arbeiten mit Kindern und Jugendlichen. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2017. ISBN 978-3-95558-204-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23355.php, Datum des Zugriffs 17.12.2017.


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